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Börse und Moral

Aktien: Teufelswerk oder Werkzeug Gottes?

Die ständige Entwertung des Geldes zwingt Menschen, die ihr Vermögen erhalten wollen, heute regelrecht zum Investieren in Aktien. Vor allem Jüngere kommen angesichts der Rentenlücke eigentlich nicht darum herum. Das aktuelle Umlageverfahren wird durch den demografischen Wandel immer stärker belastet. Eine private Aktienvorsorge ist daher fast unerlässlich. Andernfalls schmilzt das Vermögen schneller dahin als Eis an einem warmen Sommertag.

Für Konservative stellt sich die Frage, ob es überhaupt moralisch legitim ist, in Aktien zu investieren, und wenn ja, welche Richtlinien dabei entscheidend sind. Auch die christliche Soziallehre weist bei diesem Thema einen „blinden Fleck“ auf. Allerdings hat die katholische Kirche schon vor 100 Jahren eine positive Bewertung abgegeben.

Doch eins nach dem anderen. Wie Aristoteles erkennt auch Thomas von Aquin die „Unfruchtbarkeit des Geldes“ und hält die Zinsnahme für geliehenes Geld für ungerecht — „es werde etwas verkauft, was gar nicht existiere“. Allerdings gebe es Ausnahmen. So sei es bei einer Beteiligung an einem Unternehmen erlaubt, Anteile am erwirtschafteten Gewinn zu verlangen.

Die Börse – eine wertneutrale menschliche Erfindung

Die Kirche sei nie von ihrer Lehre abgerückt, wonach die Erhebung von Zinsen allein aufgrund eines Darlehens Wucher und damit ungerecht sei, erklärte der Experte für katholische Soziallehre, Thomas Stark, in einem Interview. Gleichzeitig erkenne die Kirche aber an, dass es oft andere Gründe gebe, die eine gerechte Zinsnahme rechtfertigten. Diese Gründe werden als „extrinsische“ Gründe bezeichnet.

Ein Jahr vor dem großen Börsencrash 1928 veröffentlichte der Ökonom und katholische Priester Oswald von Nell-Breuning sein Buch „Grundzüge einer Börsenmoral“. Es basiert auf einer Prinzipienethik, die moralische Normen aus der Natur der Sache ableitet, und enthält Erörterungen über den gerechten Preis sowie die Idee eines Staates als Hüter des Gemeinwohls.

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Nell-Breuning, der maßgeblich an der Ausarbeitung der Sozialenzyklika „Quadragesimo“ von Papst Pius XI. beteiligt war, betrachtete Wirtschaft, Geld und Börse als wertneutrale menschliche Erfindungen. Sie könnten segensreich wirken, aber auch Schaden anrichten. 

Er kommt zu dem Schluss: „Auf dem Boden der Moralphilosophie des heiligen Thomas und der großen Scholastiker lässt sich durchaus eine positive Börsenmoral aufbauen.“ Finanzmärkte und Börse sah er jedoch nicht als moralfreie Räume. Entscheidend sei die „richtige wirtschaftliche Gesinnung“. Börsenhändler sollten „im Dienste der Güterverteilung“ und nicht der „unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung“ tätig sein. 

An der Börse wird der Preis für einen Unternehmensanteil mittels Angebot und Nachfrage ermittelt. Ein Preissystem ist nach Nell-Breuning nur dann gerecht, wenn es den Verkehr der Güter und den Austausch der Leistungen richtig lenkt, das heißt Konsum, Produktion und Einkommensbildung in geordneten Bahnen verlaufen. Das System soll der „Kulturfunktion der Versorgung“ der gesamten Bevölkerung dienen. Die moralische Bewertung von Hebel- und Optionsgeschäften sei jedoch fraglich. Wie beim verzinslichen Darlehen verkaufe der Marktteilnehmer hier nur das Gewinnpotenzial.

ESG, Anti-Woke oder Franziskaner-Moral – Kriterien gibt es viele

Kriterien für eine „gute“ Aktienanlage gibt es heute viele. Zuvörderst zu erwähnen sind natürlich die sogenannten ESG-Kriterien, anhand derer Unternehmen in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung bewertet werden. Es gibt aber auch dezidiert konservative Fonds. Der US-Präsidentschaftskandidat und Unternehmer Vivek Ramaswamy gründete 2022 die Investmentfirma Strive, die mit „Anti ESG“- und „Anti Woke“-Produkten das Geld ihrer Anleger vermehren wollte. Andere Fondsgesellschaften investieren nach den „moralischen Grundsätzen der Franziskaner“. Diese schließen jedoch viele traditionelle Branchen wie Rüstung oder Alkohol von vornherein aus.

Ein Beispiel hierfür ist der Fonds „TerrAssisi“. Dieser beschreibt seine Anlageethik als „Leitlinie im Geiste des hl. Franziskus“. Er bewertet Unternehmen anhand von Positiv- und Ausschlusskriterien. Dabei führen einige Kriterien zum sofortigen Ausschluss der Aktie aus dem Fonds, wie etwa die Zugehörigkeit zu einer „kontroversen“ Branche. Dazu zählt unter anderem die gesamte Rüstungsindustrie, die in den vergangenen Jahren für außergewöhnliche Renditen gesorgt hat. Die Möglichkeit, in Unternehmen zu investieren, die Rüstungsgüter herstellen, ist daher vollständig ausgeschlossen.

 

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Ist das aus moralischer Sicht wirklich geboten? Der heilige Franziskus etwa – er wollte schon als kleiner Junge einmal Ritter werden – zog zusammen mit den verbliebenen Männern seiner Heimatstadt Assisi 1204 in den Krieg gegen die benachbarte Stadt Perugia.

„Soweit Menschen sündig sind, schwebt die Gefahr eines Krieges über ihnen, und das wird bis zur Wiederkunft Christi so bleiben“, mahnt das Dokument „Gaudium et Spes“, eine Schrift des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Kriege können gerecht sein – und zum Krieg führen braucht es Waffen

Noch im antiken Griechenland schrieb Platon, bei Angriffen unvernünftiger Barbaren sei „nicht nur der Sieg zur Herstellung eines gerechten Friedens, sondern auch die Vernichtung der Feinde“ notwendig. Die Römer milderten zwar ihre Verachtung gegenüber den Barbaren ab, gingen aber in der Praxis selbst äußerst barbarisch gegen ihre Kriegsgegner vor. Ihre imperialistischen Kriegsziele und die Art der Kriegsführung stießen auf Kritik bei den Zeitgenossen.

Cicero, der römische Schriftsteller und Staatsmann, entwickelte ein erstes, naturrechtlich begründetes Konzept zur Begrenzung von Kriegen. Die Schwäche von Ciceros Programm lag jedoch in dem weiten Interpretationsrahmen, der für die Interessen des Römischen Reiches offenblieb.

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Über den Kirchenlehrer Augustinus gelangten Ciceros Gedanken dann in die kirchliche Staats- und Politiklehre. Der heilige Augustinus schreibt über die Frage, ob es einen gerechten Krieg geben könne, in dem der Gebrauch von Waffen zur Verteidigung erlaubt ist: „Bei den wahren Verehrern Gottes sind auch Kriege Friedenswerk.“

Es sind jene Kriege, die „nicht mit Habgier oder Grausamkeit, sondern mit dem Verlangen nach Frieden unternommen werden, damit die Bösen in die Schranken gewiesen und die Guten erleichtert werden“. Augustinus erklärt: „Der Krieg wird geführt, um den Frieden zu gewinnen.“

Die Herstellung von Waffen ist nicht per se unmoralisch

Thomas von Aquin entwickelte dazu eine systematische Darstellung der klassischen Lehre vom erlaubten oder gerechtfertigten Krieg, bekannt als das Konzept des bellum justum. Für Thomas war ein Krieg nur dann gerecht, wenn er von einer Regierung geführt wurde, die dazu legitimiert war. Das heißt, die Autorität, die den Krieg erklärte, musste legitim und anerkannt sein. Kriege, die von Privatpersonen geführt würden, seien grundsätzlich nicht gerecht, da diese ihre Interessen auch vor Gericht durchsetzen könnten.

Wer aber zum Schwert greife und von einer höheren staatlichen Autorität dazu ermächtigt sei, „greift nicht selbst zum Schwerte, sondern gebraucht das von einem Anderen, ihm Übertragene, weswegen ihm keine Strafe gebührt“.

Damit geht Thomas auf die bekannten Worte Jesu aus dem Matthäusevangelium ein: „Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn alle, die das Schwert ergreifen, werden durch das Schwert umkommen.“ Auch diejenigen, die das Schwert „mit Sünde“ führen, werden nicht immer durch das Schwert selbst getötet. Vielmehr setzen sie durch die Sünde ihr ewiges Heil aufs Spiel, wenn sie „nicht Buße tun“.

Für Thomas muss zudem ein Krieg gerechtfertigt sein, etwa als Verteidigungskrieg oder um das öffentliche Gemeinwohl zu schützen. Weiterhin war es wichtig, dass der Krieg mit der richtigen Absicht geführt werde: Das oberste Ziel muss die Erhaltung des Friedens und der Ordnung sein. Der Krieg galt für Thomas als letztes Mittel, um Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Erfüllt ein Krieg alle Kriterien, so sei er gerecht. Um gerechte Kriege zu führen, brauchen Staaten Waffen und jemanden, der diese herstellt. Fraglich bleibt deshalb, warum der Franziskaner-Fonds dennoch die Rüstungsindustrie aus ihrer Investmentstrategie exkludiert. Die Herstellung von Waffen ist also nicht per se unmoralisch.

Warum Alkoholproduzenten für manche Christen tabu sind

Nicht nur Investitionen in Rüstungsaktien stehen bei manchen Christen auf der roten Liste, sondern auch Investitionen in Alkoholproduzenten. Die Mormonen glauben beispielsweise an das sogenannte „Wort der Weisheit“, eine Art Gesundheitsgesetz. Sie betrachten dieses Werk des „Propheten“ Joseph Smith als „Offenbarung Gottes“. 

Das „Wort der Weisheit“ gebietet den Mormonen, sich von „schädlichen Substanzen“ fernzuhalten: „Die Heiligen der Letzten Tage sind dazu angehalten, keine alkoholischen Getränke zu sich zu nehmen.“ Dieses Alkoholverbot mutet geradezu obszön an, hat doch der Heiland selbst den alkoholischen Wein in sein Blut verwandelt.

Wirft man einen Blick in die Bibel, so scheint diese kein einheitliches Bild zu zeichnen. Einige Stellen sprechen durchaus positiv vom Alkohol, an anderen Stellen wird er geradezu verteufelt. So heißt es in 1. Timotheus 5,23: „Trink nicht länger Wasser, sondern gebrauche ein wenig Wein um deines Magens willen und deiner häufigen Krankheiten wegen.“

Auch der Katechismus der Katholischen Kirche verurteilt Alkohol nicht pauschal als schädlich, sondern mahnt eher zur Mäßigung: „Außerdem sind … das Übermaß an Speisen, Alkohol, Tabak und Medikamenten zu meiden.“ Eine Folge des übermäßigen Konsums ist die Trunkenheit, die Thomas von Aquin als Laster beschreibt, das „in der Beraubung der Vernunft“ besteht.

Bereits die Römer legten den Grundstein für die Verbreitung des Weinbaus in Europa. Im frühen Mittelalter übernahmen katholische Orden wie die Benediktiner eine führende Rolle in der Weinproduktion. Sie verfeinerten kontinuierlich die Techniken des Anbaus, der Lese und des Kelterns. Ein Beispiel ist der französische Benediktinermönch Pierre Pérignon (1638-1715), der als Pionier der Flaschengärung gilt. Nach ihm ist die weltbekannte Champagnermarke „Dom Pérignon“ benannt.

Es kommt auf die Motivation an

Auch in der Bierherstellung waren die Ordensgemeinschaften Pioniere. Im Mittelalter entwickelten sich Braustandards, die bis heute Bestand haben. Der Benediktiner und Bischof Arnulf von Soissons (1040-1087) gilt als Erfinder des Filtrationsverfahrens bei der Bierherstellung und gleichzeitig als Schutzpatron der Bierbrauer. Alkohol war eine wichtige Einnahmequelle und diente auch dem Eigenbedarf, vor allem in der Fastenzeit, in der Starkbier als Hauptnahrungsmittel galt. Getreu dem Motto „Liquida non frangunt ieunum“ – „Flüssiges bricht das Fasten nicht“.

Die Geschichte des Christentums ist also eng mit der Geschichte des Alkohols verbunden. Wer maßvoll mit Alkohol umgeht und sich an das Prinzip „Genuss in Maßen“ hält, muss sich keine Sorgen machen, wenn er an Feiertagen das eine oder andere Glas Alkohol genießt oder sein Erspartes in Alkoholproduzenten investiert. Schließlich gehört der Genuss von Alkohol für viele Menschen – auch für Christen – zum geselligen Beisammensein dazu.

Blickt man auf die Entwicklung sowohl der ESG- als auch der Anti-ESG-Fonds, lässt sich feststellen, dass das Investieren gemäß dem jeweils eigenen moralischen Kompass Rendite kostet. Aktien per se sind jedoch nicht unmoralisch, sie können unter bestimmten Bedingungen sogar geboten sein. Es kommt darauf an, mit welcher Motivation man sie kauft und in welche Unternehmen und Produkte man investiert.

 

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Kommentar
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Andreas Graf
Vor 2 Wochen 3 Tage

Der Mensch hat schon immer versucht, der katholischen Moral zu entgehen und nach sophistischen Ausflüchten und Ausnahmen zu suchen. Da ergoss sich die Kirche schon immer in erfinderische Wortakrobatik und nannte solcherlei Ergüsse Soziallehre. Brauchen wir unbedingt Aktien? Bindet zu viel Geld nicht das Herz zu sehr an das Irdische? Jesus trieb die Geldwechsler aus dem Tempel hinaus. Unter dem Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot verdienen. Und die Moral von der Geschichte? Wir brauchen keine Aktien. Wir sehen, wie die Kirchensteuer die Kirche verdorben hat.

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Veritas
Vor 2 Wochen 2 Tage

Aha, und besser ist es, sich kalt und stet enteignen zu lassen? Und den anderen, den vermutlich "Bösen", das Geld zu überlassen und damit die Macht?

Das Beispiel um Oswald von Nell-Breuning zeigt eher, wie weitsichtig und weise die Kirche ist.

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Spekulation
Vor 2 Wochen 1 Tag

Wo bzw. wann beginnt die Spekulation?

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Veritas
Vor 2 Wochen

Wenn man "spielt", wenn man bar jeder Empirie investiert. Es gibt eine klare und belegbare Strategie, die langfristig bislang immer, d.h. egal zu welchem Zeitpunkt man investiert hat, zum Erfolg geführt hat: Indem man breit diversifiziert und ausdauernd investiert und sich damit langfristig an der weltweiten Wertschöpfung beteiligen kann.

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Andreas Graf
Vor 2 Wochen 3 Tage

Der Mensch hat schon immer versucht, der katholischen Moral zu entgehen und nach sophistischen Ausflüchten und Ausnahmen zu suchen. Da ergoss sich die Kirche schon immer in erfinderische Wortakrobatik und nannte solcherlei Ergüsse Soziallehre. Brauchen wir unbedingt Aktien? Bindet zu viel Geld nicht das Herz zu sehr an das Irdische? Jesus trieb die Geldwechsler aus dem Tempel hinaus. Unter dem Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot verdienen. Und die Moral von der Geschichte? Wir brauchen keine Aktien. Wir sehen, wie die Kirchensteuer die Kirche verdorben hat.

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Veritas
Vor 2 Wochen 2 Tage

Aha, und besser ist es, sich kalt und stet enteignen zu lassen? Und den anderen, den vermutlich "Bösen", das Geld zu überlassen und damit die Macht?

Das Beispiel um Oswald von Nell-Breuning zeigt eher, wie weitsichtig und weise die Kirche ist.