Als die Schweiz unterging
Die Scham, die die Beteiligten verspüren mussten, lässt sich heute nur noch erahnen. Wir schreiben den 2. Oktober 2001. Weltweit stehen Flugzeuge der Swissair an Flughäfen und können nicht starten. Dafür wäre Kerosin nötig, aber niemand will die Maschinen betanken. Denn die Airline hat das Geld nicht, um für die Tankfüllung zu bezahlen. In einzelnen Fällen wurden sogar Flugzeuge aufgrund ausstehender Rechnungen beschlagnahmt.
Schweizer, denen das Geld ausgeht: In die Wellen der Verwunderung dürfte sich damals auch da und dort ein kleiner Anflug von Schadenfreude gemischt haben. Ausgerechnet die Swissair, die viele Jahre lang als „fliegende Bank“ bezeichnet worden war, weil sie vor Liquidität und Reserven fast platzte, blieb am Boden wie die dubiose und von Zwischenfällen geplagte Airline eines Schwellenlandes. Ausgerechnet die Schweiz wird behandelt wie ein mittelloser Arbeitsloser, der nach einem Kredit fragt.
Der Jäger wird zum Gejagten
Darüber, wie es so weit kommen konnte, gibt es verschiedene Theorien. Einiges ist aber unstrittig. Am Anfang des Endes stand die sogenannte „Hunter-Strategie“, ein von Beratern ausgeheckter Plan, rund um die Welt andere Fluggesellschaften zusammenzukaufen. Ein Schweizer Unternehmen setzte nicht auf klein und fein – das Motto, mit dem das Land in vielen Bereichen führend wurde – sondern wollte die Muskeln spielen lassen.
Die Strategie schlug fehl, statt die Umsätze sprudeln zu lassen, stiegen die Verluste. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 verschärften die Lage dann noch. Das taten sie für Fluggesellschaften aller Länder, nur war die Swissair zu jenem Zeitpunkt bereits ein taumelnder Riese.
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Es gab in recht kurzer Zeit einen Sanierungsplan, der nach heutiger Beurteilung sogar hätte funktionieren können, aber er war nicht kostenlos. Das Geld dafür sollte vom Staat und den Großbanken kommen, so die Väter der Idee, aber niemand wollte so richtig. Wertvolle Zeit ging verloren, bis es zu spät war.
Die Suche nach den Schuldigen wurde zu einer munteren Schwarzer-Peter-Partie. Die Unternehmensleitung, die Berater, die Banken, die Regierung: Je nach Perspektive war es wieder ein anderer oder vielleicht auch alle zusammen. Ein Gerichtsprozess sollte die Verantwortlichkeiten klären, endete aber mit einem Freispruch für alle Angeklagten. Damit war das Kapitel Swissair endgültig beendet und bot nur noch Stoff für Filme und Bücher und für die Sammler von Andenken.
Nicht mehr „unzerstörbar“
Der 2. Oktober 2001 war einer jener seltenen Momente, in denen ein Land plötzlich merkte, dass eine Geschichte, die es sich über sich selbst erzählt hatte, so nicht mehr stimmte. Bis dahin gehörte die Swissair beinahe zum staatlichen Inventar, obwohl sie längst keine Staatsgesellschaft mehr im eigentlichen Sinn war. Das weiße Kreuz auf dem roten Seitenleitwerk stand für dieselben Eigenschaften, mit denen sich die Schweiz gern selbst beschrieb: zuverlässig, solide, diskret, etwas teuer, aber dafür praktisch unzerstörbar.
Und dann standen die Flugzeuge am Boden.
In den Aufnahmen dieser Flugzeuge, einem berühmten Foto von einem Piloten in Uniform an einem Strand in Brasilien und Schnappschüssen von gestrandeten Passagieren vor Drehkreuzen lag die Wucht des Ereignisses. Ein Unternehmenskonkurs ist normalerweise abstrakt: Bilanzen, Schulden, Gläubiger, Abschreibungen. Das Grounding hatte dagegen Bilder. Die Swissair war nicht langsam verschwunden. Sie war vor den Augen des Landes stehen geblieben, von einem Moment auf den andern.
Für die Schweiz war das eine Demütigung besonderer Art. Eine Gewissheit ging verloren: dass Schweizer Institutionen vielleicht schwerfällig, vielleicht selbstzufrieden, am Ende aber immer vernünftig geführt würden. Das Grounding zeigte, dass auch hier Größenwahn, Managementfehler, Machtzirkel und eine fatale Strategie ein Unternehmen ruinieren konnten. Das berühmte schweizerische Sicherheitsnetz aus Banken, Wirtschaft und Politik hatte nicht gehalten.
Gewachsene Strukturen als Problem
Damit bekam auch die Wirtschaftselite einen Kratzer. Die Schweiz der neunziger Jahre war noch stark von einem überschaubaren Netzwerk geprägt: Verwaltungsräte, Großbanken, Industrie, Versicherungen, Politik: Man kannte sich, saß in denselben Gremien, vertraute einander. Das hatte lange als Stärke gegolten. Nach dem Fall der Swissair konnte man darin auch etwas anderes erkennen: Selbstbestätigung, mangelnde Kontrolle und zu viel Vertrauen in Namen und Institutionen.
In den folgenden Jahren wurde die Schweiz deswegen nicht zu einem anderen Land. Aber sie wurde nüchterner. Der Untergang der Swissair reihte sich in eine Epoche ein, in der alte Gewissheiten verschwanden: die Öffnung und Globalisierung der Wirtschaft, Fusionen und Übernahmen, der Niedergang traditionsreicher Namen, später die Finanzkrise. Unternehmen wurden zunehmend weniger als nationale Institutionen und wieder stärker als das betrachtet, was sie eben sind: Unternehmen. Wird eines von ihnen zum nationalen Botschafter, ist das großartig. Bis etwas schiefgeht.
Die Schweiz verlor an jenem Tag nicht nur ihre nationale Fluggesellschaft in ihrer bisherigen Form. Sie verlor ein Stück ihres Glaubens an die eigene Unverwundbarkeit.
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