Das Phänomen Blocher
Er müsste nicht mehr arbeiten. Zum einen ist er kürzlich 86 Jahre alt geworden, zum anderen hat er finanziell längst ausgesorgt. Aber Christoph Blocher, einstiger Bundesrat der Schweizerischen Volkspartei (SVP) und deren langjähriger Vordenker, ist ein Getriebener. Solange er dem Geschehen in seinem Land und der Welt folgen kann, kommentiert er es auch.
Das tut er unter anderem jede Woche in der Sendung „TeleBlocher“. Sie feierte kürzlich ihre tausendste Ausgabe, inzwischen ist Folge 1001 erschienen. Das Format wird beim regionalen „Schaffhauser Fernsehen“ ausgestrahlt, die meisten Zuschauer klinken sich aber auf YouTube ein.
„TeleBlocher“ ist eine Gesprächsendung zweier immer gleicher Protagonisten. Christoph Blocher wird vom Journalisten und Verleger Matthias Ackeret befragt. Die Macher der Sendung haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass es schlicht darum ging, der bedeutendsten Figur der Schweizer Politik der vergangenen Jahrzehnte eine Plattform zu geben. Wie denkt Blocher über die aktuelle Politik, die Entwicklung des Landes und dessen Zukunftsperspektiven? Die 30 Minuten sind frei von Kontroversen, es gibt keine Gegenstimme, der Befrager dient als reiner Stichwortlieferant.
„Das luegt doch niemert!“
Am 14. September 2007 wurde die erste Sendung ausgestrahlt. In der heutigen Flut von Videoformaten und Podcasts ist nur noch schwer nachvollziehbar, welche Aufregung sie damals auslöste. Als es losging, war Christoph Blocher noch Mitglied der Landesregierung. Dass ein Mitglied des Bundesrats, der auf Einheitlichkeit nach außen setzt, Woche für Woche zur Öffentlichkeit spricht, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, galt vielen als Unding.
Blocher selbst hatte vor dem Start ganz andere Bedenken. „Das luegt doch niemert“ („das schaut sich doch keiner an“) soll er bei der ersten Anfrage gesagt haben. Damit lag er falsch, was auch dem Zeitpunkt geschuldet war. „Blocher und der Geheimplan“ war der Titel der ersten Ausgabe, in der es um die Pläne seiner politischen Gegner ging, seine Wiederwahl zu verhindern. Das geschah drei Monate später tatsächlich. Damit war „TeleBlocher“ richtig lanciert, und der Politiker war mit Blick auf die wöchentliche Sendung durch seine Abwahl die Fesseln des Amts losgeworden.
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Parallel zu den ersten Ausstrahlungen war das Bundesamt für Kommunikation in seiner Rolle als Medienaufsicht tätig. Es klärte ab, ob die Sendung das Verbot politischer Werbung bei regionalen TV-Sendern unterlaufe. Entscheidend für die Antwort war unter anderem die Frage, ob Geld floß, ob Blocher sich seine wöchentlichen Auftritte also erkaufte. Das war offensichtlich nicht der Fall, es wurde kein Aufsichtsverfahren eröffnet.
Häme der Journalisten
Weniger gnädig war das Urteil der anderen Medien. Sie kritisierten, dass der damals noch im Tagesgeschäft wichtige Politiker hier unwidersprochen zu Wort kam, was mit Journalismus nichts zu tun habe. Ueli Haldimann, der damalige Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, bezeichnete Moderator Ackeret als „Blocher-Groupie“, und in der NZZ machte Medienredaktor Rainer Stadler einen Vergleich mit dem Fernsehen der DDR. Es war ein wenig, als würde man einem Käsehersteller vorwerfen, sein Produkt habe zu wenig mit Fleisch zu tun. Den Anspruch, harten Journalismus zu liefern, hatten die Macher von „TeleBlocher“ gar nie erhoben. Sie wollten eher eine Art Zeitzeugnis liefern, was sie mit bald 20 Jahren Laufzeit wohl auch erreicht haben.
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Aber wird diese laufende Chronik auch konsumiert? Eine offizielle Zählung gibt es nicht, laut Schätzungen sehen im Durchschnitt bis zu 80.000 Personen zu. Das ist sehr solide, wenn auch kein Straßenfeger. Das Resultat muss man aber an der Ausgangslage messen: Christoph Blocher hat seit über zehn Jahren kein politisches Amt mehr, er steht auch Rede und Antwort, wenn die politische Schweiz schläft, und inzwischen buhlen unzählige Gesprächsformate im Web um Klicks.
Entscheidender als die reine Zahl ist die Frage, wer da zuschaut, es geht um Klasse statt Masse. Die meisten Politiker und Journalisten dürften abstreiten, regelmäßig zum Publikum zu gehören. Aber Tatsache ist: Wenn Blocher dann und wann, gern auch wie nebenbei, einen Knaller liefert, wird dieser umgehend aufgegriffen. Was gegen die These spricht, dass die „ernsthaften“ Medienschaffenden dieses für sie unseriöse Format ignorieren.
Immer wieder gern zitiert
Am 9. Mai 2014 kündigte Christoph Blocher, der nach seiner Abwahl als Bundesrat später in den Nationalrat zurückgekehrt war, exklusiv bei „TeleBlocher“ seinen Abgang aus dem Parlament an. Er vergeude dort zu viel Zeit angesichts der zunehmenden Bürokratisierung und endloser Kommissionssitzungen. Die Schlagzeile erschien umgehend in allen Medien.
Dann und wann passierte dem Vordenker der Konservativen ein Lapsus. Beispielsweise, als er, gefragt nach der Abstimmung über die Einführung des Frauenstimmrechts 1971, vollmundig erklärte, seine eigene Frau habe damals sicherlich auch mit Ja gestimmt. Erst mit etwas Verzögerung wurde ihm klar, dass sie – wie alle Frauen – damals noch gar nicht abstimmen durfte. Dankbar griffen die Medien und Blochers Gegner auf dem damaligen Twitter den Ausrutscher auf. Und das, obwohl sie die Sendung natürlich niemals schauen würden.
Dabei sind solche Fehler der Beleg für ein durchaus journalistisches Element der Sendung: Sie wird jeden Freitagmorgen am Wohnsitz von Christoph Blocher in einem Guss und ohne Schnitt aufgezeichnet. Das Resultat wird also nicht von Marketingberatern im Nachhinein auf Hochglanz geschliffen. Das macht die Sendung authentisch.
Sammlung für die Zeitgeschichte
Und dann wäre es ja auch nicht ganz verkehrt, ungeachtet der politischen Schlagrichtung der Sendung die Ausdauer der Protagonisten zu respektieren. Der erste Ausfall einer Ausgabe kam erst nach fast zehn Jahren, weil Blocher im Bundeshaus auf einer Wasserlache ausgerutscht war und sich die Nase gebrochen hatte. Eintausend Sendungen in 19 Jahren: Die Rechnung ist schnell gemacht, wöchentlich bedeutet bei „TeleBlocher“ wirklich wöchentlich. Von diesem Durchhaltevermögen könnte sich mancher jugendliche Podcaster eine Scheibe abschneiden.
Das Ziel ist ohnehin schon erreicht. Die Sendungen werden im Archiv für Zeitgeschichte an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) gesammelt. Das ist genau das, was den Initianten vorschwebte, als das entstand, was sie – vielleicht etwas gar vollmundig – als „ersten Videopodcast überhaupt“ bezeichnen.
Ein Mann, der die Geschicke der Schweiz maßgebend mitgelenkt hat, schildert in inzwischen gesamthaft 30.000 Minuten, wie er das Land sieht und was er diesem empfiehlt. Seiner Meinung muss man sich nicht anschließen. Aber Historiker und Politologen der Zukunft könnten eines Tages dankbar sein für den reichen Fundus eines bedeutenden Zeitzeugen.
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