Deutschland: Geht doch!
Meine virtuelle Deutschlandreise beginne ich in Frankfurt. Nicht am Hauptbahnhof, das wäre für eine Geschichte über deutschen Optimismus ein unnötig harter Einstieg. Ich gehe an die Börse.
Dort leuchten Zahlen, die nicht recht zur deutschen Gemütslage passen wollen. Die 40 Dax-Konzerne haben ihre Nettogewinne im ersten Halbjahr um 13,5 Prozent auf 68,3 Milliarden Euro gesteigert. Analysten erwarten für das Gesamtjahr knapp 128 Milliarden Euro. Das wäre Rekord. Deutschland redet Krise. Seine Konzerne liefern Rekordgewinne.
Also fahre ich los. Ich will wissen, ob das nur die übliche Dax-Fata-Morgana ist: Konzernzentrale in Deutschland, Geschäft irgendwo auf der Welt, Hauptsache, weit weg vom heimischen Konsumklima. Aufschwung nicht angekommen. Jedenfalls nicht hier.
In Köln riecht der Aufschwung nach Diesel
Von Frankfurt fahre ich zunächst nach Westen, nach Köln. Dort sitzt Deutz, gegründet 1864, Motorenbau, deutsche Industrie in ihrer schönsten ölverschmierten Form. Genau jene Sorte Unternehmen also, deren Tod seit Jahren zuverlässig angekündigt wird.
Deutz hat im ersten Halbjahr 2026 den Auftragseingang um 28,7 Prozent gesteigert. Der Umsatz wuchs um 10,7 Prozent auf 1,12 Milliarden Euro, das bereinigte operative Ergebnis um rund 43 Prozent auf knapp 80 Millionen. Wie geht das? Indem man nicht darauf wartet, dass die gute alte Zeit zurückkommt. Deutz senkt Kosten, kauft zu, geht stärker in Energie und Verteidigung. Das Unternehmen baut sich um, während draußen noch darüber diskutiert wird, ob sich Deutschland überhaupt umbauen kann. Die Krise ist eben nicht nur etwas, das Unternehmen erleiden. Sie zwingt sie auch, sich zu bewegen.
In Wiesloch verdient der Pessimismus Geld
Von Köln geht es wieder Richtung Südosten, erstmal nach Wiesloch bei Heidelberg. 27.000 Einwohner, Rhein-Neckar-Kreis. Hier sitzt MLP, der Finanzdienstleister, bekanntgeworden mit der Beratung von Akademikern und inzwischen ein ziemlich breit aufgestellter Finanzkonzern. Nun ist Finanzberatung nicht gerade das, was man als Frühindikator für ein neues deutsches Wirtschaftswunder bezeichnen würde. Die Zahlen machen trotzdem gute Laune.
MLP hat im ersten Halbjahr 583 Millionen Euro erlöst, zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Das operative Ergebnis sprang von 42,7 auf 60,4 Millionen Euro. Plus 41 Prozent. Das betreute Vermögen erreichte 68,8 Milliarden Euro: Rekord. Während Deutschland also über seine wirtschaftliche Zukunft grübelt, verdient MLP unter anderem daran, dass die Deutschen ihr Geld anlegen, versichern und fürs Alter vorsorgen. Risikovorsorge ist in diesen Zeiten ein glänzendes Geschäftsmodell. Giganten wie Allianz und Munich Re wissen das ebenfalls.
Ein paar Kilometer weiter, in Mannheim, finde ich die weniger glänzende Seite derselben Geschichte. Bilfinger ist ein Industriedienstleister, also ziemlich nah dran an den Fabrikhallen, in denen die deutsche Krise tatsächlich stattfindet. Das Unternehmen meldete für das zweite Quartal sieben Prozent mehr Umsatz und 14 Prozent mehr Nettogewinn. Gleichzeitig waren die Aufträge schwächer. Auch das gehört zur Wahrheit: Die Krise selbst hat Unternehmen effizienter gemacht. Werke wurden geschlossen, Stellen gestrichen, Kosten gesenkt, Portfolios bereinigt. Für Beschäftigte kann das bitter sein. In der Gewinnrechnung heißt derselbe Vorgang später „höhere Produktivität“.
Eine Volkswirtschaft kann unter Stellenabbau leiden, während ihre Unternehmen profitabler werden. Das erklärt einen Teil des scheinbaren Widerspruchs zwischen mieser Stimmung und guten Bilanzen. Aber eben nur einen Teil.
Deutschland hat kein Nvidia. Na und?
Ich fahre weiter Richtung Südosten. Nächster Halt: Oberkochen auf der Schwäbischen Alb. Hier sitzt Zeiss. Und hier wird die Geschichte besonders interessant. Deutschland hat kein Nvidia. Das wird gerne beklagt, meist mit dem Unterton, wir hätten die digitale Zukunft ungefähr so gründlich verpasst wie den Bau funktionierender Bahnhöfe. Nur braucht Nvidia Chips. Moderne Chips brauchen Lithografiemaschinen. Und die Maschinen des niederländischen Weltmarktführers ASML brauchen Hochleistungsoptiken von Zeiss. Präzision im Nanometerbereich, hergestellt auf der Schwäbischen Alb. Die Deutschen haben die KI-Revolution nicht erfunden. Sie verkaufen ihr allerdings die Brille, ohne die es nicht geht.
Und nicht nur die. Siemens liefert Elektrifizierung und Gebäudetechnik für Rechenzentren. Infineon baut Leistungshalbleiter für deren Stromversorgung. Merck liefert Materialien für die Halbleiterproduktion. KI braucht Rechenzentren. Rechenzentren brauchen Strom. Strom braucht Netze. Netze brauchen Technik – und die kommt erstaunlich oft von hier. Deutschland hat vielleicht nicht das schillerndste Pferd im Rennen. Aber erstaunlich viele Firmen verkaufen Sattel, Hufeisen und Futter.
In der Oberpfalz füllt sich das Auftragsbuch
Von Oberkochen führt meine Reise weiter nach Osten, nach Neutraubling bei Regensburg. Hier steht Krones. Das Unternehmen baut Abfüll- und Verpackungsanlagen. Kein Geschäftsmodell, mit dem man auf einer Tech-Konferenz in San Francisco sofort Menschentrauben anzieht. Die Kunden bestellen trotzdem.
Der Auftragseingang stieg im ersten Halbjahr um 4,5 Prozent auf 2,85 Milliarden Euro. Die EBITDA-Marge verbesserte sich auf 10,8 Prozent. Krones gefällt mir für diese Reise gerade deshalb, weil hier weder KI-Euphorie noch Rüstungsboom nötig sind. Es ist Maschinenbau. Deutscher Mittelstand in ziemlich klassischer Verpackung. Nur eben mit vollen Auftragsbüchern. Deutschland gar nicht so kaputt, wie Deutschland denkt.
München: Software und Raumfahrt statt Beton
Von Regensburg geht es nach Süden, nach München. Dort stoße ich auf Nemetschek. Die Firma verkauft Software für Architekten und Bauunternehmen. Der deutsche Bau gehört nicht zu jenen Branchen, die man zur Aufmunterung auf Kindergeburtstagen erwähnt. Nemetschek scheint das übersehen zu haben. Im ersten Halbjahr stieg der Umsatz währungsbereinigt um 15,7 Prozent auf 640,7 Millionen Euro. Das Geschäft mit Abonnements und Cloudsoftware legte sogar um 32,4 Prozent zu. Im zweiten Quartal lag die EBITDA-Marge bei gut 30 Prozent. Ich notiere: Selbst in der Baukrise lässt sich mit dem Bau Geld verdienen. Man muss offenbar nur nicht unbedingt Häuser bauen.
Man kann es auch mal auf Trägerraketen anlegen: Ich mache einen Abstecher hinaus nach Ottobrunn, zum Firmensitz von Isar Aerospace. Bei dem vor acht Jahren gegründeten bayerischen Raumfahrt-Startup sehnt man sich nach den Sternen. Den Ingenieuren ist der erste erfolgreiche kommerzielle Orbitalstart einer privat gebauten Rakete direkt vom kontinentaleuropäischen Festland gelungen. Am 5. September startete die 28 Meter hohe „Spectrum“ vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya am Nordkap, erreichte die Erdumlaufbahn und setzte rund 500 Kilometer über der Erde alle geladenen Forschungs-Kleinsatelliten planmäßig aus. Damit haben die Ottobrunner einen unabhängigen europäischen Weltraumzugang gelegt, denn bisher mussten europäische Missionen zumeist den Startplatz im südamerikanischen Französisch-Guayana nutzen.
Inzwischen passt zu einem solch guten Lauf auch die Konjunkturkurve. Das Ifo-Institut, ebenfalls in München zu Hause, erwartet für Deutschland 2026 inzwischen 1,4 Prozent Wachstum. Im Sommer waren es erst 0,8 Prozent. Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser sieht für die gebeutelte Industrie „Lichtblicke“. 1,4 Prozent sind kein Wirtschaftswunder. Nach Jahren der Stagnation sind sie aber auch nicht bloß Kamillentee. Die Industrieaufträge liefern ein ähnliches Bild. Im Juli lagen die Bestellungen 2,5 Prozent über dem Vormonat und 13,1 Prozent über dem Vorjahr.
› Lesen Sie auch: Die Herren der Krise
Allerdings gehört zur deutschen Optimismusreise auch das Kleingedruckte: Der Schub stammt vor allem aus Großaufträgen für Flugzeuge, Schiffe, Züge und Militärfahrzeuge. Ohne Großaufträge sanken die Bestellungen im Juli um 1,4 Prozent. Für meine letzte Station ist in diesen Zahlen bereits der Wegweiser aufgestellt.
Zehn Milliarden Euro Optimismus
Einen Katzensprung von Ottobrunn, auf der westlichen Seite der A 8, liegt Taufkirchen. Dort sitzt Hensoldt. Radar, Sensoren, Verteidigungselektronik. Eine Branche, die vor zehn Jahren in Deutschland ungefähr den gesellschaftlichen Charme eines Kohlekraftwerks hatte. Heute sieht die Welt anders aus. Hensoldt verdoppelte im ersten Halbjahr seinen Auftragseingang auf 2,8 Milliarden Euro. Der Auftragsbestand erreichte 10,4 Milliarden Euro. Umsatz und operatives Ergebnis legten ebenfalls deutlich zu. Zehn Milliarden Euro Auftragsbestand sind eine Form von Zuversicht mit Liefertermin.
Und hier, am Ende meiner Reise, laufen plötzlich mehrere Fäden zusammen. Deutschland und Europa rüsten auf. Gleichzeitig beginnt der Staat, in einer Größenordnung zu investieren, die dieses Land lange nicht gesehen hat. 2026 stehen über Bundeshaushalt, Klima- und Transformationsfonds und Infrastruktur-Sondervermögen rund 128,7 Milliarden Euro für Investitionen bereit, etwa 42 Milliarden mehr als im Vorjahr. Geld für Schienen, Brücken, Digitalisierung, Energie und andere Infrastruktur. Dazu kommt das auf zwölf Jahre angelegte Sondervermögen von 500 Milliarden Euro. Das Geld trifft inzwischen auf genau jene Unternehmen, die ich auf meiner Reise besucht habe.
Auf Firmen, die Netze bauen, Fabriken digitalisieren, Software verkaufen, Infrastruktur modernisieren oder Verteidigungstechnik liefern. Der Staat pumpt also nicht einfach Geld in eine schwache Wirtschaft. Er verstärkt einen Umbau, der in vielen Unternehmen längst begonnen hat. Das erklärt auch, warum die jüngsten Industrieaufträge so merkwürdig aussehen. Flugzeuge, Schiffe, Züge, Militärfahrzeuge – ausgerechnet die Großaufträge treiben die Statistik. Was man als Verzerrung abtun kann, lässt sich auch anders lesen: Die Milliarden beginnen, Bestellungen zu werden.
› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge
Noch ist das kein selbsttragender Aufschwung. Und niemand sollte einen Rüstungsboom mit einem allgemeinen Wirtschaftswunder verwechseln. Aber hier in Taufkirchen bekommt der abstrakte Begriff „Staatsinvestitionen“ plötzlich eine Werkshalle, Mitarbeiter und einen Auftragsbestand von mehr als zehn Milliarden Euro. Geld wird Auftrag. Auftrag wird Umsatz. Umsatz wird Investition. So simpel kann Volkswirtschaft manchmal aussehen.
Die zweite deutsche Wirtschaft
Am Ende meiner virtuellen Deutschlandreise erkenne ich die Landkarte des Umbaus. Sie ist geteilt. Deutschland hat derzeit nicht eine Wirtschaft, sondern mindestens zwei. Da ist die alte, die am alten Versprechen hängt: billige Energie aus Russland, immer mehr Absatz in China, Verbrennungsmotoren und Maschinenexporte. Dieses Modell knirscht gewaltig.
Daneben wächst eine andere Wirtschaft. Sie verdient an Verteidigung, Elektrifizierung, Software, Infrastruktur, Versicherungen, Halbleitern und KI. Die deutsche Wirtschaft stabilisiert sich nicht, weil plötzlich wieder alles so funktioniert wie früher, sondern weil es nicht mehr so funktioniert wie früher. Rüstung statt Verbrenner. Cloud statt Lizenzsoftware. Stromnetze statt russisches Gas. Rechenzentren statt der Hoffnung auf den nächsten China-Boom. Die reine Untergangsgeschichte passt nicht mehr. Jetzt müssten es nur noch die Deutschen merken.
Kommentare
Der Optimismus ist gut und gefällt mir.
Weniger gefallen tut mir der Aufschwung aus dem Aufrüsten.
Und was Nemetschek angeht: davon sind wir als Ingenieurbüro direkt betroffen. Die zwingen uns zum überteuren Abo, obwohl wir nach dem Lizenzerwerb Jahrzehnte lang den Service bezahlt haben. Das ist eine Backpfeife, die wir gezwungenermaßen an unsere Kunden weitergeben werden. Damit wird nur das Bauen noch teurer und die Gehälter im Bauwesen noch geringer.
Des einen Freud' ist des anderen Leid.