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Männlichkeit zwischen Markt und Bedeutung

Die entbundene Energie

Es gibt eine Unruhe, die viele Männer nicht benennen können, ohne sofort missverstanden zu werden. Sie wirkt wie Antrieb und ist doch oft Überforderung: leisten, bestehen, gelten. Früher gab es Formen, die diese Energie banden: Rollen, Rituale, Erwartungen, Grenzen.

Heute ist vieles davon verdächtig geworden oder zerfallen. Übrig bleibt ein Druck, der sich Ersatzwege sucht: Konkurrenz, Ablenkung, Überreizung, Flucht in Optionen. Nicht weil Männer „schlecht“ wären, sondern weil eine Kultur, die Form abbaut, am Ende auch den Menschen abbaut, der von Form besonders abhängt.

Männlichkeit zeigt sich – in vielen Biografien – weniger als Ruhe denn als Auftrag. „Tu etwas. Sei etwas. Beweise etwas.“ Diese Bewegung kann schöpferisch werden: in Mut, in Schutz, in Aufbau, in Verantwortung. Sie kann aber auch kippen, wenn niemand mehr sagen kann, wofür sie da ist und woran sie sich messen soll. Dann entsteht nicht Freiheit, sondern Ungewissheit.

Energie ohne Richtung

Ungewissheit ist der Nährboden der Rastlosigkeit. Wo Richtung fehlt, wird Aktivität zum Ersatz. Wo Maßstäbe verschwimmen, wird Anerkennung zur Droge. Dann zählt nicht mehr, ob etwas sinnvoll ist, sondern ob es wirkt: ob es Eindruck macht, Status erzeugt, Bestätigung liefert.

Man sieht diese Logik manchmal an ganz unspektakulären Lebensläufen. Ein Mann wechselt Projekte, Jobs, Städte, Pläne – nicht, weil er sprunghaft wäre, sondern weil er sich nur in Bewegung als „richtig“ erlebt. Wenn ein Ziel erreicht ist, kommt nicht Ruhe, sondern ein kurzer Leerlauf; und der nächste Impuls muss her. Stillstand fühlt sich für ihn nicht wie Pause an, sondern wie Bedeutungsverlust.

Der Prüfungsmodus

In einer Welt, die Leistung hoch bewertet und Bindung als privat behandelt, geraten Männer leicht in einen inneren Prüfungsmodus. Scheitern ist nicht mehr ein Ereignis, sondern ein Urteil. Schwäche wird nicht als Phase gelesen, sondern als Defekt. Und viele Männer lernen früh: Fallen ist teuer. Man steht auf, man macht weiter, man spricht nicht darüber.

Diese Logik bleibt nicht im Beruf. Sie sickert in die Intimität. Nähe wird dann nicht nur Nähe, sondern Spiegel: Giltst du? Bist du begehrenswert? Bist du gewählt? Wenn das der Maßstab ist, wird Sexualität weniger Begegnung als Rückmeldung. Lust wird weniger Genuss als Test. Wo Intimität aber zur Messung wird, verliert sie ihre Wahrheit.

Das lässt sich in Partnerschaften auch beobachten. Ein Mann funktioniert im Beruf: Überstunden, ständige Erreichbarkeit, Druck. Zu Hause ist er nicht aggressiv – er ist leer. Seine Partnerin wünscht sich Gespräch und Nähe; er erlebt es wie eine weitere Prüfung: „Jetzt muss ich auch noch emotional verfügbar sein.“ Er zieht sich nicht zurück, weil er nicht liebt, sondern weil er keinen Schalter mehr findet, der den Leistungsmodus abschaltet.

Der Markt der Optionen

Unsere Zeit ordnet Sexualität nicht mehr – sie stellt sie ins Schaufenster. Sie stellt einen endlosen Gang aus Möglichkeiten hin und nennt ihn Freiheit. Doch die Mechanik dieser Freiheit ist hart: Man soll wählbar bleiben, verfügbar wirken, interessant sein, austauschbar genug, um nicht „zu viel“ zu fordern.

Das betrifft Männer und Frauen, aber auf unterschiedliche Weise. Männer werden dabei oft kurzfristiger, vergleichender, unruhiger – nicht aus Bosheit, sondern weil die Umgebung es belohnt. Frauen gewinnen dadurch nicht automatisch. Auch sie werden in dieselbe Logik gezogen: Selbstinszenierung, Konkurrenz, Optimierung, ständige Optionspräsenz.

Die Gleichheit, die so entsteht, ist unerquicklich: Beide Geschlechter werden auf Austauschbarkeit trainiert. Und Austauschbarkeit ist das Gegenteil von Liebe.

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Diese Mechanik erzeugt seltsame Verhaltensweisen, die oft gar nicht „böse“ gemeint sind. Ein Mann schreibt mit drei Frauen parallel. Er ist höflich, aufmerksam, nicht zynisch. Doch sobald eine Begegnung konkret wird, wird er unruhig – nicht wegen der Frau, sondern wegen der Endgültigkeit. Er verschiebt, erklärt, bleibt „im Kontakt“ – und bleibt zugleich innerlich auf dem Sprung, weil Festlegung in einer Optionskultur wie Verlust wirkt.

Wo wird der Junge noch gebunden?

Wenn eine Kultur Formen verliert, stellt sich die Frage: Wer übernimmt ihre Aufgabe? Wer bindet männliche Energie an etwas, das größer ist als der nächste Kick?

Früher gab es – bei allem Problematischen traditioneller Ordnungen – oft eine klare Linie: Der Junge wurde nicht nur „groß“, er wurde irgendwann gerufen: in Aufgaben, in Regeln, in ein Verständnis von Würde. Heute ist der Vater häufig körperlich anwesend und kulturell unsicher. Er will nicht autoritär sein, nicht „toxisch“, nicht verdächtig. Aber was darf er dann verkörpern – ohne sich rechtfertigen zu müssen? Eine Grenze? Ein Maß? Einen Anspruch? Mut? Opferbereitschaft?

Vater und Sohn begehen gemeinsam einen Klettersteig in den Hochalpen: Ein Vater ruft seine Söhne in Aufgaben hinein, lebt vor, bindet deren Energie sinnvoll

Wenn das nicht stattfindet, springen Ersatzinstanzen ein: Gruppe, Bildschirm, Algorithmus, Pornografie, Zynismus. Dann wird der Junge nicht eingeweiht, sondern konditioniert. Nicht geführt, sondern gesteuert. Am Ende bleibt formlose Energie – und formlose Energie ist entweder gefährlich oder erschöpfend.

Sie kann nach außen gehen: Härte, Aggression, Machtspiel. Oder nach innen: Leere, Selbstverachtung, Flucht.

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Man erkennt das manchmal schon früh: Ein Junge ist laut, körperlich, schnell gelangweilt. Er braucht Führung – bekommt aber vor allem Etiketten: „zu impulsiv“, „zu störend“. Zu Hause ist der Vater freundlich, aber zögerlich, Grenzen zu setzen. Der Junge testet unablässig. Am Ende gewinnt der lauteste Einfluss: die Clique, die Provokation, das Risiko. Nicht weil der Junge „böse“ wäre, sondern weil niemand seine Energie in Form übersetzt.

Bindung ist keine Romantik, sondern eine Kulturtechnik

Man kann Ehe idealisieren. Man kann sie auch als reine Unterdrückung abtun. Beides ist zu schlicht. Interessant wird Ehe erst, wenn man sie als das liest, was sie kulturell immer auch war: eine Technik der Bindung, ein Gegenmittel gegen den Optionensog, eine Umwandlung von Begehren in Verantwortung.

Bindung bedeutet nicht: Du darfst nicht. Sie bedeutet: Du bleibst. Und dieses Bleiben ist nicht kitschig. Es ist eine Schule. Es begrenzt Fantasien. Es enttäuscht das ständige Versprechen, irgendwo anders sei alles leichter. Es zwingt zur Wahl – nicht nur zur Wahl eines Menschen, sondern zur Wahl einer Haltung: Treue nicht als Gefühl, sondern als Entscheidung gegen die permanente Verfügbarkeit.

Gerade für Männer kann diese Begrenzung eine Würdeform sein, weil sie aus dem Prüfungsmodus herausführt. Nicht: Ich muss gelten. Sondern: Ich trage. Nicht als „Ernährer-Mythos“, sondern als jemand, der sein Leben bindet, so dass es über ihn hinausweist.

Das ist dann kein kitschiger Sieg, sondern eine spürbare Entlastung. Ein Mann sagt nach Jahren nicht: „Seit der Ehe ist alles leicht.“ Er sagt: „Seit der Ehe ist es stiller.“ Er muss nicht mehr ständig beweisen, dass er gewählt werden könnte. Der Optionsdruck fällt nicht völlig weg, aber er verliert seine Herrschaft. Bindung wird nicht zum Käfig, sondern zum Rahmen, in dem Energie Richtung bekommt.

Verrat am Maskulinen, Verrat am Femininen

Das Maskuline verschwindet nicht, wenn man es kritisiert. Es verschwindet, wenn man ihm keine sinnvolle Form mehr gibt. Dann taucht es in Karikaturen wieder auf: als Zynismus, als Body-Religion, als Statussucht, als rohe Sexualität, als Machtspiel.

Und das Feminine wird verraten, wenn man seine Reichweite – Beziehung, Zukunft, Fürsorge, Aufbau – zur bloßen Spielart des Marktes reduziert. Dann wird auch das, was eigentlich tragen könnte, zu Ware: attraktiv, verfügbar, optimiert. Am Ende gewinnt niemand. Es gewinnt nur die Unverbindlichkeit.

Was es heute bräuchte

Nicht die Rückkehr in alte Rollenbilder. Nicht die Idealisierung „der Frau“ oder „des Mannes“. Sondern neue, klare Formen, in denen männliche Energie gebunden werden kann, ohne dass sie sich schämen muss, überhaupt Energie zu sein.

  • Väter, die nicht nur nett sind, sondern verkörpern: Grenze, Gesetz, Kraft, Maß, Mut.
  • Schulen, die Jungen nicht als Störung behandeln, sondern als Rohstoff, der Form braucht.
  • Gemeinschaften, die Bindung nicht als „Verzicht“ lesen, sondern als Würde.
  • Eine Kultur, die wieder weiß: Sexualität ist nicht nur Erlebnis, sondern erzeugt Verantwortung – und Verantwortung ist nicht das Ende der Freiheit, sondern ihr Gewicht.

Denn die entscheidende Frage ist nicht, wer gewinnt – Mann oder Frau. Die entscheidende Frage ist, ob eine Gesellschaft noch etwas hervorbringt, das über sie hinausweist: Treue, Familie, Zukunft, Sinn.

Wenn nicht, bleibt nur der Markt. Und der Markt kann alles anbieten – außer Bedeutung.

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