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Umgang mit kritischen Denkmälern

Gedenkkultur statt Cancel Culture

Vielleicht fühlen sie sich nicht wohl mit ihm, vielleicht verletzt er ihre Gefühle. Und zwar die der Studenten und des Direktors der Universität für Angewandte Kunst, die am Wiener Ring in einem Ferstel-Bau residiert. Ihr gegenüber steht nämlich ein Sinnbild all dessen, was es zu entthronen gilt: Ein alter weißer Mann, ein Konservativer und eben auch ein Antisemit. Empörenderweise steht er auch im 21. Jahrhundert noch dort.

Die Wiener Stadtpolitik beschäftigt seit einigen Jahren die „Lueger-Debatte“. Das erste Mal erwischte es ihn 2012: Der Dr.-Karl-Lueger-Ring, ein Abschnitt der Wiener Ringstraße, wurde auf Druck linker Gruppierungen in Universitätsring umbenannt. Seitdem fühlen sich woke Studenten an der dort gelegenen Universität Wien viel unbeschwerter.

Doch Karl Lueger, Bürgermeister von 1897 bis 1910, hat noch mehr Spuren in Wien hinterlassen. Es gibt eine nach ihm benannte Brücke, den Dr.-Karl-Lueger-Platz, auf dem eben dieses vermaledeite Denkmal, Ziel der jüngsten Angriffe, steht und diverse kleinformatige Erinnerungen wie Gedenktafeln und Reliefs.

Lueger, ein geistiger Wegbereiter Hitlers?

Was Lueger vorgeworfen wird ist antisemitischer Mief, er sei ein Wegbereiter Hitlers, der die Wiener Bevölkerung in seinen Reden gegen jüdische Mitbürger aufbrachte.

Der Antisemitismus Luegers ist freilich nicht von der Hand zu weisen, muss jedoch diskutiert werden: Inwiefern war Lueger ein Kind seiner in dieser Hinsicht fatalen Zeit, inwiefern war er Populist, der die Stimmung der Massen politisch ausnutzte, inwiefern war seine Politik als Bürgermeister tatsächlich antisemitisch?

Die Lesart der Denkmalstürmer ist eindeutig: Lueger war ein hetzerischer Populist, ein geistiger Wegbereiter Hitlers. Die Lesart der Bewahrer ist vorsichtiger: Ein Populist seiner Zeit, der jedoch, dies können wir auch den Berichten jüdischer Zeitgenossen entnehmen, als Bürgermeister die jüdische Bevölkerung Wiens nicht nur nicht diskriminierte, sondern sogar schätzte.

Kontextualisierung reicht den Kritikern nicht

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich Lueger vor seinem Amtsantritt in Reden mehrfach antisemitisch äußerte. Tatsächlich wurde die antisemitische Belastung von Wiener Politikern durch eine Historikerkommission im Jahre 2013 aufgearbeitet. Deren Empfehlung zur Kontextualisierung der „belasteten“ Lueger-Statue wurde mit einem erklärenden Straßenschild Folge geleistet. Doch das geht den modernen Ikonoklasten nicht weit genug.

Die Vorbilder der Wiener Denkmalstürmer sind im anglosächsischen Raum beheimatet. In den USA wurden Statuen vom Sockel gerissen, in Bristol die steinernen Vorväter kurzerhand in den Fluss Avon versenkt.

Für Lueger liegen, je nach Radikalität der Gruppierung, mehrere Vorschläge vor, begonnen bei der Neigung des Denkmals um 3,5 Grad über dessen Versetzung in einen abgelegenen „Friedhof toxischer Denkmäler“ bis hin zur ersatzlosen Demontage.

Die zuständige SPÖ-Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler versucht einen Weg des Kompromisses: Vorerst wurde das Denkmal mit einer künstlerischen Installation temporär kontextualisiert, parallel ein Wettbewerb zur permanenten Kontextualisierung ausgeschrieben. Das rote Wien möchte seinen ehemaligen Bürgermeister, wenngleich christlich-sozial, nicht gänzlich aus dem Stadtbild streichen.

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Das schlechte Gewissen der SPÖ

Dies mag auch dem schlechten Gewissen angesichts der eigenen antisemitismusbelasteten Vergangenheit geschuldet sein. Diverse sozialistische Vorväter sparten nicht mit antisemitischen Aussagen, weder ein Julius Tandler noch ein Jakob Reumann noch der frühere Bundespräsident Karl Renner.

Gerade Renners Andenken wird bis heute hochgehalten, nicht nur mit dem Karl-Renner-Ring oder dem Karl-Renner-Denkmal, sondern auch SPÖ-intern mit dem Dr.-Karl-Renner-Institut, der Parteiakademie der SPÖ.

Bemerkenswerterweise scheint das die Denkmalstürmer nicht zu stören. Tatsächlich richten sich die Angriffe einzig gegen die Denkmäler und Straßennamen bürgerlicher Politiker. Nonchalant vergessen werden die antisemitischen Aussagen sozialistischer Politiker. Der Wunsch nach Aufarbeitung der antisemitischen Stadtgeschichte stellt sich somit als sehr einseitig dar.

„Kampf gegen Antisemitismus“ entpuppt sich als Kampf gegen alles Bürgerliche

Ein zweiter Aspekt lässt vermuten, dass es sich wohl weniger um einen „Kampf gegen Antisemitismus“ als um einen Kampf gegen die alten, weißen Bürgerlichen handelt. In Wien sind nämlich heute beschämenderweise wieder antisemitische Strömungen auf dem Vormarsch. Bei Demonstrationen palästinensischer Gruppen wurde zur Auslöschung Israels aufgerufen.

Eine der islamistischen Millî-Görüş-Bewegung nahestehende Buchhandlung vertreibt in Wien zutiefst antisemitische Literatur eines Autoren-Potpourris aus Holocaust-Leugnern und Israel-Feinden mit Aufrufen zur Vernichtung von Juden. Öffentliche Kritik rief das bisher keine hervor. 

Aufgrund dieses Bias entsteht der schale Eindruck, es nicht mit dem berechtigten Kampf gegen Antisemitismus zu tun zu haben, sondern mit einer wohlorchestrierten Kampagne, die das Gestern mutwillig instrumentalisiert, um politische Ziele des Heute zu erreichen. Welches zu sein scheint: Verteufelung und Neuinterpretation der europäischen Geschichte zugunsten einer inklusiven, bunten, entwurzelten Zukunft.

Man mag die Zuspitzung dieser Interpretation verzeihen, sie ist der Emotion geschuldet. Denn wer tatsächlich am Kampf gegen Antisemitismus interessiert ist, darf sich nicht der Einseitigkeit schuldig machen.

Als Bürgerliche stellen wir uns nicht gegen eine Kontextualisierung von Denkmälern. Jedoch muss sich diese ehrlich sowohl mit der geehrten Person in all ihren Facetten, mit dem jeweils herrschenden Zeitgeist und auch mit der eigenen Unzulänglichkeit auseinandersetzen. Eine wohlüberlegte, ausgewogene Gedenkkultur könnte diese Funktionen erfüllen und tatsächlich zum Nachdenken anregen.

1. Reflexion des Zeitgeists

Lueger war als Antisemit Kind seiner Zeit. Ist das eine Relativierung, ein Persilschein für alle Mitläufer und Mittäter aller Regime? Natürlich nicht. Aber es ist eine Anregung, menschliches Handeln mit all seinen Schwächen und Unzulänglichkeiten zu sehen. Etwa: Den einfachen Weg zu gehen. Dem Zeitgeist nach dem Mund zu reden. Sich auf Kosten anderer zu erhöhen.

Die erste Funktion einer ausgewogenen Gedenkkultur könnte sein, sich selbst zu hinterfragen: Welchem Zeitgeist laufen wir jetzt gerade hinterher? Welcher irrwitzigen Chimäre hängen wir an, wenn wir meinen, dass die evolutionäre Geschichte menschlicher Irrtümer gerade jetzt ende und unsere Generation es sei, die den Stein der Weisen gefunden habe? Justament unsere Einschätzung ist es, die nicht fehlt.

Das heißt im Fall Lueger eine Kontextualisierung, die den Beobachter fragt: „Würdest du dich trauen, gegen Unrecht aufzustehen, auch dann, wenn es unangenehm ist?“

2. Geordneter Umgang mit politischer Verantwortung

Historische Entwicklungen geschehen nicht monokausal. Wie also umgehen mit historischer Haftung, also der nachträglichen Zuschreibung von Verantwortung für ungewollte und unvorhersehbare Folgen politischen Handelns?

Zur Veranschaulichung die rhetorische Frage: Wäre Marx verantwortlich zu machen für die Opfer von Maos Kulturrevolution? Gehört auf den Karl-Marx-Hof nicht auch eine Kontextualisierung der Millionen Todesopfer marxistisch-leninistischer und kommunistischer Regime?

Die zweite Funktion einer ausgewogenen Gedenkkultur lautet also, abzugrenzen und zu diskutieren, was historische Verantwortung ist und zu verstehen, mit wie viel Vorsicht Politiker Aussagen tätigen sollten. Heißt im Fall Lueger eine Kontextualisierung, die den Beobachter fragt: Welche Folgen könnte das heute Fortschrittliche morgen haben?

3. Trennung zwischen Geschichte und tagespolitischen Partikularinteressen

Historische Ereignisse dürfen nicht verzerrt dargestellt oder umgeschrieben werden, um aktuelle gesellschaftspolitische Zielsetzungen zu erfüllen, denn Geschichte ist kein politisches Kampagnenwerkzeug. Hannah Arendt analysierte die Umschreibung von Geschichte als Zeichen eines totalitären Regimes. Und nichts anderes ist es. Die Darstellung des Gestern sollte Historikern obliegen und nicht einer ideologischen Deutungshoheit.

Die dritte Funktion einer ausgewogenen Gedenkkultur lautet also, tatsächlich zu kontextualisieren und Positives wie Negatives im richtigen Verhältnis darzustellen. Heißt im Fall Lueger eine Kontextualisierung, die dem Beobachter die Leistungen Luegers ebenso näherbringt wie seine antisemitische Haltung.

Eine derart gestaltete reflexive Gedenkkultur wäre ein sinnvollerer Umgang als platte Cancel Culture. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Wir, die bürgerliche Partei, lehnen es dezidiert ab, unsere Geschichte und unsere Identität umdeuten, verballhornen oder canceln zu lassen. Wir lehnen es ab, die Geschichte des Westens pauschal als negativ framen zu lassen. Wir lehnen es ab, das historische Narrativ von Aktivistengruppen bestimmen zu lassen. Möge sich die geballte Kreativität der Angewandten aufs Schaffen statt aufs Zerstören konzentrieren.

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