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Institut für Ehe und Familie Österreich

Wie gelingt eine Ehe?

Polyamorie, offene Beziehung, Situationship: Allerorts ist die Rede von neuen Beziehungsformen, die angeblich besser zu den Bedürfnissen vieler Menschen in der modernen Welt passen. Ist das tatsächlich so? Oder sind diese hippen Ideen von Liebe nicht vielmehr Hirngespinste linksliberaler Schreiber in den einschlägigen progressiven Medien, die die amourösen Turbulenzen im eigenen Milieu auf die gesamte Gesellschaft projizieren?

In Österreich jedenfalls sind es nur fünf Prozent der jungen Leute, die auf offene Beziehungen setzen. Das ergab unlängst die Ö3-Jugendstudie, die die Lebensrealität der 16- bis 25-Jährigen untersucht. In der Erhebung betonten 73 Prozent der Befragten, wie wichtig Treue in der Beziehung ist. 66 Prozent streben in Zukunft eine Ehe mit Kindern an.

Ehepaar Stefan und Magdalena Ulrich

Stefan und Magdalena Ulrich haben diesen Wunsch bereits verwirklicht. Der Unternehmensberater und die Psychologin sind seit 14 Jahren verheiratet und haben fünf Kinder. An diesem Dienstagabend stehen die beiden Eheleute aus Wien in einem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal unweit des Stephansdoms und geben den rund 120 Zuhörern Tipps, wie das mit dem Bund fürs Leben klappt.

Die Ulrichs sind Teil der Veranstaltung „Für immer du. Ist eine exklusive, lebenslange Liebe noch zeitgemäß?“, ausgerichtet vom Institut für Ehe und Familie. Die Organisation gehört zur Katholischen Kirche in Österreich und hat sich zum Ziel gesetzt, ebendiese Grundpfeiler der Gesellschaft, Ehe und Familie, zu stärken.

Die Menschen heiraten immer später

Wie gelingt eine Ehe? Woran scheitert sie? Was ist überhaupt eine Ehe? Diese Fragen sollen heute beantwortet werden. Die Ulrichs sind für den praktischen Part zuständig. Vor ihnen beleuchten drei weitere Gäste das Thema. Der Soziologe Andreas Baierl steuert den sozialwissenschaftlichen Blickwinkel bei, der Psychotherapeut Alfried Längle den psychologischen und der Bischof Hermann Glettler den theologischen.

Den Anfang macht der Mann für die Zahlen, der Soziologe Baierl vom Österreichischen Institut für Familienforschung. Er hat neben der bereits erwähnten Ö3-Jugendstudie vor allem folgenden Befund parat: Seit den 1970er-Jahren ist die Zahl der Eheschließungen in Österreich pro Jahr ziemlich gleich geblieben. Der große Unterschied heute besteht darin, dass immer später geheiratet wird.

Soziologe Andreas Baierl

Das Durchschnittsalter bei der Hochzeit liegt inzwischen bei 34 Jahren für die Männer und 31 Jahren für die Frauen. Dementsprechend kommen auch die Kinder immer später. Frauen bekommen ihr erstes Kind heute im Durchschnitt mit 30. Das hat zur Folge, dass die Zahl der Kinder insgesamt sinkt.

Die Erklärung liegt dem Soziologen zufolge in der Bildungsexpansion der Frauen seit den 1950er-Jahren, als sowohl der Staat als auch die Familien selbst begannen, in die Bildung von Mädchen und jungen Frauen zu investieren. Frauen sind deshalb gerade finanziell deutlich eigenständiger als früher, sie verlassen ihren Heimatort weitaus häufiger und ziehen in die Großstadt oder gehen der Karriere wegen zumindest zeitweise ins Ausland. 

Das „Problem“, so könnte man schlussfolgern, sind also die gebildeten Frauen mit Hochschulabschluss. Bei Frauen mit geringeren Bildungsabschlüssen ist das Durchschnittsalter bei der ersten Geburt noch immer so hoch beziehungsweise niedrig wie in den Siebzigern. 

Es reicht nicht, eine Ehe nur zu wollen

Psychotherapeut Alfried Längle

Aus einer gänzlichen anderen Perspektive blickt der Psychotherapeut und Arzt Alfried Längle auf die Ehe. Der Schüler Viktor Frankls, der dessen Existenzanalyse maßgeblich weiterentwickelt hat, spricht in seinem Vortrag über die personale Liebe. Diese beginnt in seinen Augen zunächst mit einem Gefühl: den Wert eines anderen Menschen zu fühlen und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu empfinden. Einfacher ausgedrückt: Man muss den anderen mögen. 

Ebenso gehört ein Resonanzerleben zur personalen Liebe. Gemeint ist damit, dass die Begegnung mit einem anderen Menschen – ob einmalig auf der Straße oder über einen längeren Zeitpunkt hinweg bei beispielsweise einem Arbeitskollegen – eine innere Reaktion auslöst. „Wenn ich also liebe, nehme ich eine Realität im anderen wahr, die ich mit meinem Herzen und meinem Wesen erfasse“, führt Längle aus.

Als drittes kommt die Haltung hinzu, dem anderen Gutes tun zu wollen und sich um ihn zu sorgen. Daran anknüpfend betont Längle, dass sich die personale Liebe in der Realität verwirklichen will. Liebende verbringen Zeit zusammen, brechen zu gemeinsamen Unternehmungen auf, machen sich gegenseitig Geschenke und haben Sex zusammen, das sei ein entscheidendes Merkmal. 

Zuletzt strebt die personale Liebe eine gemeinsame Zukunft an. Sie will von Dauer und Bestand sein. Daher gehört in aller Regel auch das Zeugen von Kindern zu einer Liebesbeziehung. Allerdings reicht es nicht, eine Ehe oder langfristige Beziehung nur zu wollen. Man muss eine Beziehung ebenso führen können, das heißt sich etwa die eigenen und die Persönlichkeitszüge des potentiellen Partners bewusst machen, die unterschiedlichen Werte, die beide vertreten, die jeweilige soziale Herkunft. All dies können unüberwindbare Hürden sein.

Ebenfalls äußert sich Längle zur Rolle der Religion. Sie sollte nach seinem Dafürhalten „die Göttlichkeit der Liebe für die Menschen deutlich und erlebbar machen und damit die Entwicklung und Reifung von Persönlichkeiten fördern“. Wenn die Religion diesen Gedanken in die Kultur einbringen könnte, wäre das ein großer Gewinn.

Bischof plädiert für Realismus

Dass die Ehe unter Beschuss steht, merkt auch der Vatikan. Das Dikasterium für die Glaubenslehre hat im November mit der lehrmäßigen Note „Una caro“ (Zu Deutsch: „Ein Fleisch“) ein Dokument vorgelegt, um „den Wert der Ehe
als ausschließliche Verbindung und gegenseitige Zugehörigkeit“ zu unterstreichen.

Für den Diözesanbischof von Innsbruck, Hermann Glettler, ist das Dokument „keine verkrampfte Verteidigungsschrift der Monogamie“. Vielmehr handle es sich um ein Mosaik, das von einer ganzen Reihe von Perspektiven lebe, angefangen mit der Heiligen Schrift und den Kirchenvätern über philosophische und literarische Positionen bis hin zu modernen heutigen Sichtweisen.

Bischof Hermann Glettler

Die biblische Grundlage für die Ehe, bekräftigt der Bischof in seinem Vortrag über „Una caro“, findet sich im Buch Genesis. Mann und Frau lassen ihre Familien zurück, um zu einer unauflöslichen Einheit zu finden. Die Einheit, also die Monogamie, sowie die Unauflöslichkeit bis zum Tod sind die beiden Wesensmerkmale der Ehe. Wer glaubt, er könne die Liebe durch die Anhäufung mehrerer Partner vergrößern, beschreitet einen Irrweg.

Aber bedeutet es nicht eine unerträgliche Einschränkung der individuellen Freiheit, sich ein Leben lang auf einen einzigen Partner festzulegen? Das Gegenteil ist der Fall, argumentiert die Kirche. Erst wenn er sich für die Ehe entscheidet, ist der Mensch frei, weil genau das Gottes Plan ist. Die exklusive und lebenslange Beziehung stellt eine christliche Berufung dar, in der sich die Beziehung des Menschen zu Gott widerspiegelt. 

Glettler thematisiert auch, welche Bedeutung die Sexualität einnimmt. Sex in der Ehe dient nicht nur dazu, Kinder zu zeugen. Das ist nur das eine Ziel der Ehe. Das zweite Ziel besteht im Wohl der Eheleute. Deshalb ist es etwas Gutes, wenn sich die Eheleute einander schenken, unabhängig davon, ob der Sex auf die Kinderzeugung ausgerichtet ist oder nicht. 

Bei allem Lob und der großen Bedeutung der Ehe mahnt der Bischof jedoch zu Realismus. Die Ehe ist ein Ideal. Christen haben die Aufgabe, dieses Ideal anzustreben, sie sollten sich aber bewusst sein, dass sie es nie vollständig erreichen können. Mit diesem gesunden Realismus ausgestattet haben Christen die Aufgabe, durch ihre Ehe ein gelebtes Zeugnis zu liefern, dem gerade junge Menschen nacheifern können. 

Wie wichtig der Glaube ist

Hier kommen die Ulrichs ins Spiel. Was sie vor ihrer Hochzeit unter- sowie überschätzt hätten, lautet eine Frage aus dem Publikum. Unterschätzt hätten sie, antwortet Magdalena Ulrich, wie unterschiedlich sie durch ihre Herkunftsfamilien geprägt seien. Konkret hätte sie etwa vollkommen andere Vorstellungen als ihr Mann darüber gehabt, wie viel Zeit man mit der jeweiligen Schwiegerfamilie verbringen müsse oder wie und wo man Weihnachten zusammen verbringe. Ein anderer wichtiger Punkt, den beide unterschätzt hätten, sei die Sexualität. 

Überschätzt haben die Ulrichs laut eigener Aussage das Thema Finanzen. „Wir hatten im Vorfeld immer gehört, man müsse so viel über Finanzen reden“, erzählt Madgalena Ulrich. Aber in ihrer Ehe sei das nie ein Streitthema gewesen. Ähnlich verhalte es sich mit Lebensentscheidungen. Sie würden sich beide sehr viel Freiraum bei den individuellen Lebensentscheidungen lassen. So habe ihr Mann sie in ihrer Entscheidung unterstützt, in der Ehe ein ganzes Studium und eine postgraduale Ausbildung abzuschließen, während sie ihm im Umkehrschluss bei all seinen beruflichen Entscheidungen den Rücken freigehalten habe.

Rund 120 Zuhörer lauschten den Rednern

Die entscheidende Erkenntnis, die das junge Ehepaar an diesem Abend liefert, ist indes eine andere. Beide betonen, wie wichtig ihr katholischer Glaube für ihre Ehe ist. Das gilt sowohl für die Entscheidung, überhaupt zu heiraten, als auch für die Prüfungen, die eine Ehe notwendigerweise bereithält.

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„Die Tatsache, dass wir ein gemeinsames Verständnis davon haben, dass die Ehe ein Ja zueinander für immer ist, macht total viel mit unserer Beziehungsrealität“, stellt Stefan Ulrich heraus. Bei Problemen, die andere Paare vielleicht zum Anlass nehmen würden, die Beziehung zu beenden, „wissen wir aus unserem Glauben heraus, die Ehe ist für immer, und wir müssen da jetzt eben durch“.

Gott ist wichtiger als der Partner

Sie könne sich eine Beziehung ohne das Sakrament der Ehe und Gott nicht vorstellen, ergänzt seine Frau. Viele hingen der Vorstellung an, die Ehe sei ein großer Wiener Walzer in einem schönen Ballsaal. „Es gibt aber Momente, in denen die Ehe zum Seiltanz wird. Dann ist die Frage: Habe ich ein Sicherheitsseil und ein Sicherheitsnetz? Für mich ist der Glaube und das Ehesakrament, dass ich mich oben einhänge und unten ein Netz habe.“

Viele Menschen haben die Sehnsucht, vollständig geliebt und anerkannt zu werden, und erwarten, ein Partner kann diese Sehnsucht stillen. Aber ein anderer Mensch kann diese Sehnsucht nie vollständig stillen. Nur die Liebe Gottes kann das. Das müsse sich jeder bewusst machen, betont Magdalena Ulrich mit Nachdruck.

Vor dem Hintergrund unserer säkularen Gesellschaft ist das eine bittere Erkenntnis. Die Mehrheit der Menschen mag sich zwar eine Ehe oder zumindest eine dauerhafte Beziehung wünschen. Doch ohne Glauben wird es schwer, die schlechten Zeiten durchzustehen, die jede Partnerschaft mit sich bringt. Ohne Gott wählen die meisten den einfachen Weg und werfen das Handtuch.

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