Mit der Waffenrüstung Gottes an der NATO-Ostflanke
Der Stadtteil nördlich der Gleise bis zum Stadtrand heißt ganz prosaisch „Nordbezirk“. Pfarrer Staņislavs Prikulis öffnet die Tür und grüßt mit freundlichem Hallo die Gäste, lädt zum Teetrinken in den großen hellen Gemeindesaal und bietet etwas zum Schnabulieren an. 2021 wurde er zum Pfarrer der neuen Pfarrei „Barmherzigkeit Gottes“ in Rēzekne bestellt.
Die Bischofsstadt liegt in der lettischen Region Lettgallen, dem ganz im Südosten gelegenen katholisch geprägten Landesteil Lettlands. Der knapp sechzig Kilometer entfernte Marienwallfahrtsort Aglona, den bereits zwei Päpste besucht haben, zieht Pilger aus ganz Europa an. Den Gemeindemitgliedern wiederum ist der alte deutsche Stadtname Rositten noch geläufig, wie auch das polnische Rzeżyca. Einige der Menschen aus den umliegenden grauen Wohnblocks, die hier zum Gottesdienst kommen, sind polnischer Abstammung und pflegen die Sprache. In der Stadt gibt es das weithin bekannte Staatliche Polnische Gymnasium. Zwei der Schwestern des Pfarrers sind dort zur Schule gegangen.
Wenn Staņislavs Prikulis Beichte hört oder die heilige Messe feiert, dann spricht er allerdings so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist: er verwendet das örtliche Lettgallisch. Ob es sich dabei um einen lettischen Dialekt oder doch eine eigene Sprache handelt, mögen die Menschen entscheiden, die es betrifft. Aber in der Region ist Lettgallisch die Liturgiesprache der katholischen Gemeinden. Auch das Gebet- und Gesangbuch des Bistums Rēzekne-Aglona, „Teicit Kungu“ (Preiset den Herrn), legt davon Zeugnis ab.
Pfarrer Prikulis, Jahrgang 1981, hochgewachsen, sportlich und mit militärisch kurzen Haaren, stammt aus einer kinderreichen lettgallischen Familie. Er hat drei Schwestern und drei Brüder. Sein jüngerer Bruder Antons ist ebenfalls Priester geworden. Die religiöse Prägung durch Eltern und Großeltern habe ganz entscheidend zu seiner Berufung beigetragen, wird er später erzählen. Unmittelbar nach dem Schulabschluss trat er im Alter von 18 Jahren in das Priesterseminar in Riga ein. Nach mehreren Stationen in der näheren und weiteren Umgebung ist er heute Dekan von Rēzekne und Generalvikar der Diözese. Als wäre der Aufgaben nicht genug, macht er gegenwärtig seinen Doktor in Kirchenrecht an der Fakultät für Kanonisches Recht in Venedig. Dort hat er Italienisch gelernt, und Polnisch spricht er ohnehin wie die meisten lettischen katholischen Kleriker.
Da die Region Lettgallen und das Bistum aber an Russland und Belarus grenzen, ist Staņislavs Prikulis auch noch Kaplan in der lettischen Nationalgarde, genauer im 32. Infanteriebataillon der 3. Lettgallen-Brigade. Gemäß dem Motto von dessen Kommandanten, Oberstleutnant Dainis Pušpurs: „Nicht Worte, sondern Taten“. Prikulis kennt den Kontext der Wendung „Schwerter zu Pflugscharen“, mit dem etwa deutsche Friedens-Pastoren gern ihre Wehrunwilligkeit kaschieren: Beim Propheten Micha im Alten Testament, wo das geflügelte Wort herstammt, sind es die Gottlosen, die sich schlussendlich zum Herrn bekehren und dann gemäß seiner Weisung keinen Krieg mehr führen. Es hat nie bedeutet, einem feindlichen Aggressor kampflos Familie, Freunde und Vaterland zu überlassen.
Die Nationalgarde nimmt lettische Staatsangehörige im Alter zwischen 18 und 65 Jahren auf. Sie ist integraler Bestandteil der regulären lettischen Streitkräfte und stark regional organisiert. Im Falle eines russischen Einmarsches kommt ihr eine wichtige Rolle beim Grenzschutz und in der asymmetrischen Kriegführung zu. Im ganzen Land wird auf Plakattafeln und in Aushängen für den Beitritt geworben. Seit 2014 hat die Zemessardze, wie der Freiwilligenverband in der Landessprache heißt, verstärkt Zulauf. Gut zehntausend Männer und Frauen aus Zivilberufen opfern jährlich mindestens einen Monat ihrer Freizeit für den Heimatschutz und demonstrieren so, dass Friedenssicherung, Freiheit und Unabhängigkeit ganz wesentlich auch bürgerschaftliche Angelegenheiten sind. „Mana Latvija. Mana atbildība“ lautet denn auch das Leitmotiv der Nationalgarde: Mein Lettland. Meine Verantwortung.
Nach einem langen Arbeitstag mit viel Trubel und einem Abendessen mit den Gästen hat sich Pfarrer Prikulis noch Zeit für ein Interview genommen.
Sehr geehrter Herr Pfarrer, Ihre Kirche liegt kaum 40 Kilometer Luftlinie von der russischen Grenze entfernt. Das Kreml-Fernsehen hetzt seit Jahren gegen Ihren Staat. Wie ist es, Seelsorger in der Reichweite russischer Drohnen zu sein?
Hier an diesem Ort haben wir die Mission, für den Frieden überall zu beten. Für uns ist das die erste Verteidigungslinie. Wir beten zuallererst für die Ukraine, und wir wissen, dass sie für uns alle kämpfen. Diese Situation ist für uns keine so neue, denn wir kennen ja den Kampf für unsere Unabhängigkeit. Und mit den Russen begann es schon früh: Ich erinnere mich, es war August 2008, wir waren gerade auf einer Fußwallfahrt nach Aglona, als die Russen gegen Georgien losschlugen und das Land bombardierten. Diese Aggression ließ mich wach werden.
Als 2014 dann die Russen die ukrainische Krim einnahmen, war ich Pfarrer in Baltinava. Das liegt nur fünf Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Mehrmals hörte ich von drüben das Geräusch von Kampfflugzeugen. Das war schon beunruhigend. Man dachte etwa: Das, was die Russen mit der Ukraine machen, könnten sie auch mit uns machen, denn damals waren wir überhaupt nicht vorbereitet. Europa wusste nicht, wie es reagieren sollte.
Wissen Sie noch, wo Sie am 24. Februar 2022 waren?
Als vor vier Jahren die russische Vollinvasion in der Ukraine begann, war ich gerade zum Studium in Italien. Die ersten Tage des Krieges, das war ein Schock. Später wurde es klar, dass die Ukrainer auch uns verteidigen, denn Lettland und die Ukraine haben die Gemeinsamkeit, ehemalige Sowjetrepubliken zu sein, und Moskau hegt gegen unsere beiden Länder den gleichen Anspruch.
Das heißt, auf der einen Seite hatten wir Angst, auf der anderen hingegen wussten wir als Christen, dass wir jetzt beten müssen, und das Gebet war für uns der stärkste Schutz gegen das Böse. Wir sind nur ein kleines Land und ein kleines Volk, darum brauchen wir umso mehr einen großen Geist.
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Es ist freilich nicht so leicht, denn die meisten Menschen haben schon vergessen, wie es war: Denn als wir aus der Sowjetunion austraten, waren wir noch stark im Glauben und im Gebet, doch danach … Wenn man etwas Ersehntes erhalten hat, ist es schwer, den Geist des Gebetes beizubehalten. Das ist menschlich …
Nun, aber hier in der Pfarrei haben wir eine Mission: zu beten. Und ich möchte, dass wir für alle Christen da sind. Im Gebet liegt unsere Kraft, das ist unsre erste Verteidigungslinie. Wenn wir nicht beten, wird es schwer werden. Unsere lettischen Soldaten werden uns nicht recht verteidigen können, wenn wir nicht zuerst die geistlichen Waffen gebrauchen: zur Kirche gehen, der heiligen Messe beiwohnen, wann immer es dem Einzelnen möglich ist. Denn für den Frieden und um das Gute kämpfen wir nur zusammen mit Gott.
Vor einiger Zeit sind Sie der Zemessardze, der lettischen Nationalgarde, beigetreten. Weswegen?
Viele Bürger wollen Verantwortung für die Verteidigung unseres Landes übernehmen. Es war in meinem Falle eine pragmatische Entscheidung: Vor zwei Jahren gab es eine Vakanz, denn vor mir war ein anderer Priester, der zwar seine Sache gut machte, aber nicht weiter dienen konnte, und deshalb bin ich dann reingegangen.
Die Nationalgarde hat ein Zentrum in Rēzekne, auch deswegen kam das. Es gab schon zuvor eine Verbindung von hier zur Nationalgarde, denn viele der in der Zemessardze dienenden Bürger sind Pfarreiangehörige und wohnen hier in der Umgebung. Von den Feldgeistlichen in der Zemessardze gab es an mich ein Signal, dass man in Rēzekne einen Seelsorger braucht; nun, und da habe ich mich zur Verfügung gestellt. Und wann immer in der Truppe jemand ein geistliches Gespräch wünscht, stehe ich bereit.
Und Sie haben die gesamte Grundausbildung absolviert wie die anderen Nationalgardisten auch?
Ja. In der einmonatigen Grundausbildung habe ich alles gelernt, was ein Soldat zu lernen hat. Mit allen gemeinsam.
Und Sie haben auch den Umgang mit der Waffe, das Schießen gelernt?
Ja, schon, Auseinanderbauen, Reinigen, Wiederzusammensetzen, Laden, Schießen. Wie die anderen auch. Doch wir Geistlichen tragen regulär keine Schusswaffen, das ist uns verboten. Wir haben die Handhabung der Waffe gelernt, um in der Lage zu sein, das zu fühlen, was die Soldaten fühlen, wenn sie schießen müssen. Doch selbst das militärische Schießtraining, wo es nur um zunächst fiktive Situationen geht, sagt schon viel aus über das, was der Soldat tut und durchmacht. (lächelt verlegen)
Werden Sie jetzt regelmäßig zu Reserveübungen eingezogen?
Nein, wir Geistlichen nur, wenn es uns der Pfarrdienst erlaubt. Die Pfarrei und die Seelsorge haben immer Priorität. Aber wenn es sich zeitlich ergibt, können wir zur Zemessardze ins Manövergebiet fahren und mit den anderen zusammen sein, uns für Übungen zur Verfügung stellen und als Seelsorger präsent sein.
Und was sind dann Ihre Aufgaben und welcher Sinn liegt dem zugrunde?
Es geht um geistliche, seelsorgliche Unterstützung, um Gebet. Denn alle Fragen, die Leben und Tod betreffen, sind solche, die sich schwerlich ohne eine geistliche Ebene beantworten lassen. Wenn wir die militärischen Übungen und Trainings durchlaufen, dann ist das nur Spiel, nur eine Fiktion, aber vor dem Hintergrund der Möglichkeit eines realen Krieges bekommt das doch eine andere Bedeutung. Bei den Reserveübungen wollen wir zueinanderfinden. Wir sind da und gehen mit.
Als Feldgeistliche haben wir ein offenes Ohr für alle Anliegen der jungen Männer und Frauen, für ihre Sorgen, Ängste. Wenn sie das möchten, dann können sie uns immer ansprechen über das rein Dienstliche hinaus. Für die Gläubigen in deren Reihen bedeutet das viel, denn sie können weiterhin ihre Religion ausüben.
Ist es üblich, dass katholische Geistliche in die Nationalgarde eintreten?
Ja, in Lettgallen und in den übrigen lettischen Landesteilen gibt es viele Priester, die eingetreten sind. Die Bedeutung der Militärseelsorge hat zugenommen, je mehr Bürger in die Nationalgarde gegangen sind. Wissen Sie, ich bin ja nur Freiwilliger, aber die regulären Militärseelsorger sind die ganze Woche über mit in der Kaserne oder auf dem Übungsplatz.
Haben Sie in der Nationalgarde etwas gelernt, das sich auch als Gemeindepfarrer verwenden lässt?
Die eingeübte militärische Disziplin von dort kann helfen. Da gibt es etwas, das in der Kirche noch wieder zu erneuern wäre: Die Soldaten sind bereit, Befehle auszuführen, die von oben kommen. Aber wie sieht es mit unserem Befolgen der Gebote Gottes aus? Gott der Herr hat selbst eine Reihe von Geboten gegeben, die uns im Leben helfen sollen. Nicht immer ist das leicht, aber es lohnt sich, sie zu befolgen – um Gemeinschaft mit Gott zu haben und damit das Leben gut gelingt. Eine Disziplin auch im Geistlichen kann also helfen.
Dann die Kameradschaft: Wenn Soldaten in Gruppen von zehn, zwölf Mann zusammenleben während einer Übung, dann helfen und unterstützen sie einander, arbeiten eng zusammen. Sie machen die Erfahrung, dass sich einer auf den anderen unbedingt verlassen kann. Eigentlich das gleiche, was wir Christen in der Pfarrei tun sollten: aufeinander achtgeben, sich umeinander kümmern und sich gegenseitig unterstützen.
In Deutschland werden Kirchen vielfach geschlossen. Ihre Kirche indessen wurde neu gebaut. Von wem ging die Initiative dazu aus?
Von unserem Bischof, Jānis Bulis. In diesem Teil von Rēzekne, dem neuesten Stadtteil, hat es nie zuvor eine Kirche gegeben. Dieses Gebiet wurde erst zu Sowjetzeiten mit Wohnungen bebaut. Die Gläubigen aus den umliegenden Wohnblöcken gingen früher in die Kathedrale in der Innenstadt zur Messe, doch dann wurde hier die neue Pfarrei gegründet. Dafür sind wir dem Bischof sehr dankbar sowie den Priestern, die früher hier in der Kirche gedient haben.
Wir müssen deren Werk fortsetzen. Die Pfarrei macht viel, viel Arbeit. Wir müssen einerseits weiter die Gläubigen betreuen, die immer regelmäßig kommen, und andererseits etwas diejenigen aktivieren, die ringsum wohnen, damit sie in die Kirche kommen und die Barmherzigkeit Gottes kennenlernen können. Es ist so schön, dass Gott hier in der Realpräsenz anwesend ist, dass er hier mit uns wohnt. Das bedeutet unschätzbar viel.
Sie hatten ja schon angedeutet, dass diese Pfarrei eine besondere Mission hat: denn es ist ein Zentrum der Göttlichen Barmherzigkeit.
Ja, unsere Pfarrei ist der Barmherzigkeit Gottes geweiht. Dieser Ort birgt tatsächlich eine sehr bewegte und schmerzvolle Geschichte. Dort, wo heute unsere Kirche steht, befand sich einst ein Kriegsgefangenenlager – zunächst während der nationalsozialistischen Besatzung und später auch in den Jahren der sowjetischen Besatzung. Hier wurden auch deutsche Kriegsgefangene festgehalten, die nach dem Krieg am Wiederaufbau des zerstörten Rēzekne mitwirkten. Ältere Menschen erinnern sich noch heute aus ihrer Kindheit an die Ruinen, Baracken und Zäune, die sich hier befanden. Es war ein Ort, an dem viele Menschen litten und ihr Leben verloren.
Gerade deshalb können wir umso stärker spüren, wie geheimnisvoll und zugleich wunderbar Gottes Vorsehung wirkt. An einem Ort, an dem einst Leid, Verzweiflung und Tod herrschten, steht heute eine Kirche. Und nicht nur das – hier befindet sich ein lebendiger Tabernakel, in dem Gott selbst wohnt, Seine Barmherzigkeit.
Das erinnert uns daran, dass Gott selbst den tiefsten Schmerz in einen Ort der Hoffnung verwandeln kann. Wo einst der Tod war, ist heute Leben. Wo einst Hass war, kann Liebe wachsen. Und unsere Aufgabe ist es, diese Barmherzigkeit anzunehmen und sie weiter ausfließen zu lassen – in die Herzen der Menschen, in unserer Stadt und auf der ganzen Welt.
Wir danken der Medienabteilung des Kreises Ludza für die freundliche Überlassung der Fotos.
Kommentare
Vielen Dank für den Artikel und das Interview mit meinem früheren Kommilitonen Stanislav Prikulis. Wir haben einige Jahre zusammen an der Kanonistischen Fakultät in Venedig studiert. Während er in Lettland eingesetzt ist, tue ich meinen Dienst am Polarkreis, im Norden Islands. Auch hier wird corrigenda gelesen!
Vielen Dank für den interessanten Artikel: Es ist schön zu sehen, daß es noch geistig gesunde Regionen gibt.
Gerade In den Ländern, wo der Kommunismus -als militante Bewegung der Gottlosen- lange Zeit herrschte,
kann man das beobachten und seine seine Schlüsse daraus ziehen.
Das gehört jetzt zwar nicht direkt zum Thema, aber na ja, das „liturgische Arrangement“ auf dem Foto mit der Sonntagsmesse überzeugt ja nun nicht gerade durch besonderes Stilempfinden oder traditionsbewusste Formgebung. Auch in Lettland scheint sich der „Geist des Konzils“ mit seinem „Glanz edler Einfachheit“ durchgesetzt zu haben ...
Noch ein kleiner Schritt und schon werden wieder Waffen gesegnet warum wundert mich das nicht
@Thomas Kovacs Warum sollten keine Waffen gesegnet werden?