Glücksbetrug
Erstkommunionzeit. In der katholischen Kirche gehen Kinder im Alter von circa neun Jahren in diesen Tagen zum ersten Mal zum Tisch des Herrn. Sie empfangen mit dem Leib Christi nach katholischer Lehre den wahren Leib Christi, und das heißt: Gott selbst, verborgen unter der sichtbaren Gestalt des Brotes, aber real zugegen.
Die Vorbereitung soll deswegen Sorge tragen, dass diese Wahrheit des Glaubens den Kindern plausibel gemacht wird und sie am Tag ihrer Erstkommunion den Leib Christi und seine geistlichen Wirkungen im Menschen von gewöhnlichem Brot unterscheiden können. Nun ist es so, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten davon wenig in den konkreten Unterrichtskonzepten der Pfarrgemeinden findet. Der Anspruch einer profunden Sakramentenkatechese wurde in der Regel gegen eine zahnlose Allgemeinplatzvermittlung von „Jesus liebt alle Kinder“ über „Gott ist brot-nötig“ bis zu eiskalt reformatorischen Surrogaten wie „im Brotteilen erinnern wir uns an Jesus“ eingetauscht.
Der Wesenskern der katholischen Kirche, als Heilsinstitution Gott auf eine sakramentale – das heißt auf eine reale – Weise wirksam für den Einzelnen zu machen, wird zugunsten eines subjektivistisch verankerten Symbolismus zunichte gemacht. Die Folge: die meisten Erstkommunikanten wissen am Ende aus der spielerisch-kindgemäß angebotenen dünnen Suppe kaum noch etwas substanziell Nahrhaftes herauszufischen.
Die Feier der Heiligen Messe – wenn sie sich überhaupt in der Vorbereitungszeit gegen die laikalen Wortgottesfeiern des hauptamtlichen Pastoralpersonals durchsetzen konnte – bleibt den meisten Kindern vor und nach ihrer Erstkommunion ein Rätsel und wird deswegen auch nicht mehr besucht. Um Brot und Wein zu teilen und sich dadurch in einen solidarischen Bewusstseinszustand zu versetzen, den man dann zur Rettung des Planeten umzusetzen hat, steht man eben ungern sonntagsmorgens früh auf. (Klammerbemerkung: für eine Motivation, den Priesterberuf zu ergreifen, reicht es ebenso wenig).
Die Wahrheit spielt keine Rolle mehr
Im Trend dieser Entwicklung liegt es, Erstkommunionfeiern unter ein Motto zu stellen, das auch ohne den traditionellen Wesenskern dessen auskommt, was Jesus Seinen Fans in der Synagoge von Kapharnaum durchaus nicht unkontrovers und verbunden mit einer massiven Ausdünnung seiner Gefolgschaft ins Stammbuch geschrieben hat, als Er sagte:
„Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und Sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in Euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tag.“ (Joh 6, 53f)
Diese Wahrheit spielt in den üblichen, das eigentliche Geschehen überlagernden Themen und Mottos von Kinderkommunionfeiern keine Rolle. Dort lesen wir eher Erstkommunionslogans wie: „Gott reicht uns die Hand“, „Jesus, Quelle des Lebens“, „Sei eine Note in Gottes Melodie“, „Mit Jesus in einem Boot“ oder „Im Regenbogen mit Gott verbunden“. Alles nicht falsch, aber nach dem Grundsatz „Knapp daneben ist auch vorbei!“ nicht das, um was es eigentlich geht.
Denn der Empfang des wahren Leibes Christi bedeutet nicht, einer allgemeinen Gottesbeziehung eine symbolische Dimension zu verleihen, sondern „kommunizieren“ heißt, dass der real und geradezu physisch gegenwärtige Gott – also derjenige, der mich gemacht hat – eine körperliche Vereinigung (lateinisch: Kommunion) mit mir herstellt.
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Und dass diese körperliche Kommunion eine Verheißung einlöst, die Christus selbst hinterlassen hat, und die nichts anderes bedeutet als das Versprechen, durch die Vereinigung des Essens und Trinkens des Herrenleibes in den Himmel zu kommen – freilich unter Hinzunahme alles dessen, was das Lebensopfer Jesu für einen Christen im Alltag sonst noch bedeutet.
Zeitgeistlich gestaltete Erstkommunionkonzepte beschränken sich demgegenüber in der Regel auf die Vermittlung von pädagogischen Leitplanken für ein Leben nach dem Evangelium – wenn man Glück hat und es nicht nur noch um Worthülsenvermittlung im Stil schlechter Wahlplakate geht. Dass aber das gute Leben allein nicht reicht, sondern die reale, persönliche, individuelle und verbindliche Anteilnahme an Tod und Auferstehung Jesu hinzukommen muss, die nach dem erklärten Willen des Erlösers am Abend vor Seiner Hinrichtung durch Feier und Empfang der Eucharistie geschieht, das kommt seit Jahren und Jahrzehnten in der Verkündigung bei den Kommunionkindern nicht vor.
Entsprechend entbeint sind die katholischen Profile in den Herzen der Katholiken in Deutschland – von den Boomern angefangen bis zu den gegenwärtigen Generationen. Es muss einen in diesem Zusammenhang nicht wundern, wenn auch die kommerzielle Begleitung der Erstkommunionfeiern keine im katholischen Sinne profunden Beiträge in Form von Spruchkarten oder Erstkommunionkerzen mehr liefert.
Bei den Kerzendekos werden Kelch und Hostie meist durch Regenbögen ersetzt und bei den Spruchkarten sehr gerne durch den Fisch in allerlei Variationen. Wobei die Anleihe an das urchristliche Christussymbol auf der Basis des Kryptogramms zum griechischen Wort für „Fisch“ dabei nur eine untergeordnete Rolle spielt.
Ein signifikantes Beispiel substanzloser Kinderkatechese
In diesem Jahr fiel mir dabei ein besonders signifikantes Beispiel für die Auswirkung substanzloser Kinderkatechesen in die Hände: eine Glückwunschkarte zur Erstkommunion, die unter der Überschrift „Alles Liebe zur Kommunion“ – schon in diesem Wunsch sind Gott oder Sein Segen bereits raus – einen Schwarm bunter Fische zeigt.
Die Fische schwimmen alle in eine Richtung. Einen gegenläufigen Fisch entdeckt man nicht, sollte man so etwas wie die Botschaft „Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom!“ vermutet haben. Stattdessen bildet die Zentralbotschaft der Glückwunschkarte der Spruch „Jeder Weg, den Du wählst, ist richtig, solange er Dich glücklich macht“. An diesem Beispiel zeigt sich einiges.
Zunächst sieht man, wie der Substanzverlust am Ende der Nahrungskette, die aus linkskatholischer Theologie, den Konzepten reformationsaffinen Pastoralpersonals, den in den Erstkommunionjahrgängen akquirierten „Tischmüttern“ aus dem Tal der theologisch Ahnungslosen und deren vor wie nach unwissenden Kindern besteht, die Produkte aus dem Versandhandel erreicht.
Die Angebotspalette, die gestalterisch so gut wie gänzlich am Kern der Sache vorbeischrammt, zeigt im Umkehrschluss: Die Botschaft der katholischen Kirche bleibt unausgesprochen. Es geht nicht mehr um die Erlösung durch den Tod und die Auferstehung des menschgewordenen Gottes Jesus Christus, sondern um ein diffuses Glücklichsein auf der Basis einer subjektiven Gefühlslage!
Die „Lebenswirklichkeit“ hat in der Verkündigung der Kirche das Ruder übernommen. Auch wenn der Glückwunschkartenfund kein Produkt aus einem kirchlichen Verlagshaus zutage gefördert hat, das Schriftstück denkt und gestaltet das zu Ende, was im pastoralen Alltagsgeschäft als Restbotschaft des Christentums verhandelt wird: jeder wird nach seiner Façon selig, weil ja Jesus die Autonomie erfunden hat.
Alle Wege sind richtig. Es gibt keine exklusiven Wahrheiten mehr, alles, was ist, ist gut, es gibt deswegen auch keine verbindlichen moralischen Direktiven mehr – Maßnahmen zur CO2-Emission ausgenommen –, und auch andere Religionen sind gleichermaßen schätzenswert, weil ja Gott nur verschiedene Namen hat. Nathan der Weise for president!
Ein Christentum, das sich an den Weisungen Jesu versündigt
Die Mainstreamfischlein von der Glückwunschkarte offenbaren damit noch ein weiteres, das über die Banalisierung des Sakramentes der Eucharistie hinausgeht. Sie suggerieren ein Christentum, das sich in einer gefährlichen und dazu noch subtil unzeitgemäßen Weise an dem versündigt, was Jesus Christus am Tag Seines Abschieds von Seinen Jüngern als sichtbarer Heiland vermeldet. Wir werden es in zehn Tagen in der Liturgie des Himmelfahrttages hören:
„Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie alles zu befolgen, was ich euch geboten habe!“. (Mk 28, 19f)
Hier ist sehr unüberhörbar davon die Rede, dass das Heil nicht in dem liegt, was jeder für sich entscheidet, sondern in der Erfüllung dessen, was Jesus Christus gebietet. Um das zu erreichen, sollen die Jünger – also die Kirche – den Menschen helfen. Sie sollen sie mit dem Wunsch Gottes konfrontieren und sie lehren, wie man ihn befolgt. Den Menschen zu sagen „Jeder Weg, den Du wählst, ist richtig, solange er Dich glücklich macht“ grenzt also eigentlich an unterlassene Hilfeleistung, wenn man den Missionsbefehl Jesu vor seiner Himmelfahrt ernstnimmt.
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Suche nach Glück braucht Bindung und nicht Autonomie
Die handelsübliche Verwässerung der kirchlichen Verkündigung ist – wie gesagt – noch zusätzlich unzeitgemäß, weil gerade augenblicklich in der Gesellschaft ein Trend spürbar ist, der bestätigt, wie sehr die Menschheit Bindung statt Autonomie braucht und deswegen mehr und mehr sucht. Untersuchungen wie die der Shell-Jugendstudie zum Beispiel bestätigen das, was aufmerksame Beobachter im seelsorglichen Alltag schon lange wissen: Suche nach Glück braucht Bindung und nicht Autonomie.
Die Studien belegen dies recht einhellig in Form eines Umkehrschlusses, und zwar dort, wo es um die Verortung der Quellen geht, aus denen Menschen ihr Glück schöpfen. Jene – gerade unter jungen Leuten –, die eine Lebensbasis in der Religion und in den klaren Bindungen an objektive Wahrheiten und Weisungen haben, finden darin Sicherheit und Sinn und am Ende Glück und Ausgeglichenheit.
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Demgegenüber stehen diejenigen, die sich aus dem Kokon von Wahrheit und Weisung entpuppt haben. Sie spüren nachweislich als Folge ihrer vermeintlichen Freiheit Unsicherheit, Anfälligkeit für psychische Erkrankungen, mangelnde emotionale Stabilität und am Ende sogar das, was man derzeit in geradezu epidemischem Ausmaß wahrnimmt: Einsamkeit.
Der postreligiöse Lebensstil einer libertinistischen Gesellschaft gebiert als Kollateralschaden nach der Abschaffung Gottes und als direkte Folge der Dominanz von Autonomie und Selbstverwirklichung ein grassierendes Unglücklichsein und die Einsamkeit vieler. Einsamkeit deshalb, weil sich in abstrakten Richtungskämpfen für Gendergerechtigkeit, „gegen Rechts“ oder gegen den Klimawandel kein konkreter Sinn des menschlichen Lebens als Belohnung für die Systemrevolution einstellen will.
Die Kirche kann auf dem trockenen Acker einer gescheiterten Autonomiegesellschaft pflügen
Im Gegenteil: die Unabhängigkeitssucht gebiert statt Lohn die Strafe einer permanenten Überforderung sich zurechtzufinden, eine Art von Selbstisolation im Verlust von familiären Bindungen und freundschaftlichen Beziehungen, mit denen man es bezahlt, dass man nur noch Gesinnungsgenossen in seiner Bubble akquiriert, hat statt Freunde, Ehepartner, Bundesgenossen und Glaubensgeschwister.
Eine fatale aber für die Kirche und ihren Auftrag grundsätzlich nicht unbedingt verheerende Botschaft. Im Gegenteil, denn auf dem trockenen Acker einer gescheiterten Autonomiegesellschaft kann und soll sie ja gerade pflügen und ihn mit dem kostbaren Nass aus den Quellen ihrer offenbarten Botschaft benetzen. Hier aber weicht die Kirche in unseren Landen zurück und macht genau das nicht.
Sie gefällt sich stattdessen in der Bestätigung aller möglicher Lebensweisen und kürzt ihre Botschaft auf ein banales Konzept altlinker Forderungen zusammen. Gott wird darin zum Steigbügelhalter einer permissiven Gesellschaft. Gerade die zurzeit feststellbare neue und zahlenmäßig nicht unerhebliche Suche nach Religion, wie sie sich im Anstieg der Zahlen von Erwachsenentaufen und in einer – auch in meiner persönlichen Seelsorgepraxis zu beobachtenden – neuen Affinität junger Menschen für die Dinge der Religion ohne Abstriche manifestiert, zeigt die grobe Wahrnehmungsstörung etablierter Kirchenkreise, wenn es um die Setzung von Prioritäten geht.
Wenn nur noch „unsere Demokratie“ oder die Erderwärmung der Lerninhalt der Sonntagspredigt ist, muss man sich nicht wundern, wenn das eigene Verschwinden aus der Gesellschaft an Fahrt aufnimmt. Denn man entdeckt die Christen nur dann, wenn sie anders sind. Unter anderem auch, wenn sie zeigen, dass sie glücklich sind und eine Gelassenheit ausstrahlen, die sie davor hütet, sich vor Sorge um den Planeten, um Blutfettwerte oder um den Benzinpreis zu verzehren.
Worin das echte Glück besteht
Statt in suizidaler Selbstbeschäftigung mit Strukturveränderungen depressiv zu werden, die in Wahrheit nur die Abwicklung einer staatsaffinen Kirche in ihre gesellschaftliche Bedeutungsloigkeit kaschieren, stünde ihr eher Gelassenheit gut zu Gesicht, so wie es der Apostel Paulus der Gemeinde in Korinth zuruft:
„Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet.“ (2 Kor 4,8f)
Nein, das Glück – so ist es seit jeher die Botschaft des Christentums gewesen – besteht in der absoluten Sicherheit, mit Gottes Hilfe diese Welt überwinden zu können, deren Grundgesetz darin besteht, Glück zu zerstören, und zwar gerade dadurch, dass sie einem suggeriert, man würde es finden, wenn man sich an sie versklavt.
Mögen die Kommunionkinder, denen man diesen Glücksbetrug auf ihrer Glückwunschkarte unterjubelt, bald merken, dass nicht alle Wege richtig sind, solange sie vermeintlich glücklich machen, sondern dass Wege einen nur dann irreversibel glücklich machen, solange sie richtig und nicht trügerisch sind. Und mögen wir es noch erleben, dass ihnen die Kirche dabei (wieder) hilft.
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Kommentare
Herzlichen Dank für diesen tiefsinnigen und gleichzeitig lebensnahen Text voller Wortwitz! 🤗
Bemerkenswert ist er im Kontrast zum Kommentar https://www.welt.de/iconist/service/article69f326cd4c47c7adc671d5db/erstkommunion-wie-glutenfreie-hostien-und-eine-jungfrau-wildfremde-menschen-und-mich-zusammenbringen.html des Welt.de-Autors Fédéric Schwilden, den ich zufälligerweise direkt zuvor gelesen habe, der den Zeitgeisteindruck widerspiegelt, obwohl Schwilden mehr verstanden zu haben scheint, als er als Journalist zugeben mag:
"Ich habe Gott nie persönlich getroffen. Also nicht wissentlich. Aber mein Sohn war jetzt bei seiner Erstkommunion."
Ich bin kein Katholik. Aber hier stimme ich Ihnen in allen Belangen zu. Sie haben sehr gut argumentiert. Meinen Respekt haben Sie.