Dem „Bünzli“ gehört die Welt
Dass die Schweizer an fast jedes Wort ein verniedlichendes „-li“ hängen, ist ein Klischee. Es sei Zuwanderern deshalb nicht empfohlen, das standardmäßig zu tun, um möglichst einheimisch zu klingen. Der Trick fliegt schnell auf.
Aber ganz falsch ist die Vorstellung auch wieder nicht. Auf Schweizerdeutsch schrumpft man die Dinge gern auf diese Weise. Das „Blüemli“ ist die kleine Blume, das „Chischtli“ die kleine Kiste, das „Gläsli“ ein kleines Glas. Wer das irgendwie ulkig findet, muss sich fragen, ob denn Blümchen, Kistchen und Gläschen so viel besser sind.
Der „Bünzli“ wiederum hat damit nichts zu tun und spielt in einer ganz anderen Liga. Ursprünglich ein Nachname, wurde daraus im Lauf der Zeit ein Synonym für Spießbürger, überaus angepasste Zeitgenossen und besonders regeltreue Leute. Wer den Nachbarn bittet, die Lautstärke der Stereoanlage herunterzudrehen oder andere maßregelt, weil sie den Müll falsch entsorgen, erhält das Etikett sehr schnell: „So ein Bünzli!“ Entsprechend ist nicht zu beneiden, wer wirklich so heißt. Ein mir bekannter Künstler ging so weit, dass er seinen Nachnamen amtlich ändern ließ.
„Kann verletzend sein“
Nun hat es der Bünzli auf eine illustre Liste gebracht: Das „Glossar für eine rassismussensible Sprache“. Das mutet seltsam an, denn in aller Regel ist der typische Bünzli weiß und mittelalt bis alt. Die Vorkämpfer gegen Rassismus betonen aber stets, gegen Weiße könne es einen solchen gar nicht geben.
Deshalb heißt es im Glossar wie folgt:
„Der Begriff ‘Bünzli’ wird in der Schule teilweise als Schimpfwort für weisse Schweizer Kinder gebraucht, die sich besonders gesellschaftskonform verhalten. Bünzli ist kein rassistischer Begriff, genauso wenig wie ‘Schwiizerchääs’ etc., da er nicht der gewaltvollen rassistischen Machthierarchie entspringt. Trotzdem kann der Begriff verletzend sein.“
Es ist durchaus rührend, dass die antirassistischen Wortsammler ein Herz für Bünzlis haben. Denn gerade solchen Spießbürgern wird reflexartig gern unterstellt, selbst im Zweifelsfall rassistisch zu sein. Aber wie kommt es zu dieser Ehre?
Längst nicht mehr beleidigend
Vielleicht will man den Begriff deshalb indexieren und möglichst zum Verschwinden bringen, weil die Bünzlis nie gefährlicher waren für progressive, woke Kreise als heute. Früher mochte sich selbst der bravste Bürger diese Bezeichnung nicht gefallen lassen, weil ihm der Ruch von Langeweile anhaftete. Wer sieht sich selbst schon gern als Partyschreck, der die gute Laune vertreibt?
Inzwischen ist das Wort aber schon fast ein Adelsschlag. Man kann sich damit schmücken, wenn man nicht bereit ist, jede Neuerung widerstandslos mitzumachen und sich dem Zeitgeist zu unterwerfen. Der Bünzli von heute ist keineswegs von gestern. Er ist auch nicht zwingend ein Patriarch oder wehrt sich gegen jede Neuerung. Aber er mag Augenmaß.
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Der Bünzli von heute ist einer, der nicht viel davon hält, wenn auf Männerklos Tampon-Automaten angebracht werden, man fremde Leute beim Apéro auf der Konferenz erst nach den gewünschten Pronomen fragen muss und das Zigeunerschnitzel als rassistischer Übergriff auf der Speisekarte gilt.
Der Widerstand gegen solche Entwicklungen dürfte in der Schweiz mehrheitsfähig sein. Was den Bünzli vom Exoten zum Standard macht.
Gemessen an den Verirrungen der aktuellen Zeit und dem Versuch, diese zum Standard zu erheben, wirkt das Bünzlitum wie die letzte Verteidigungslinie des gesunden Menschenverstands. Man versteht darunter nun nicht mehr den Nachbarn, der mit dem Dezibelmesser vor der Tür lauert, sondern Leute, die sich für die Einhaltung bestimmter Regeln und gesellschaftlicher Normen einsetzen, biologische Naturgesetze respektieren und keine Lust haben, neue Pronomen zu lernen, nur weil einer kleinen Gruppe die existierenden nicht reichen.
Einst spießig, heute cool
Heute stehe der Begriff Bünzli für „bodenständig“ und für „coole Schweizer“, sagt ein Unternehmer, der seine Gewürze selbstbewusst unter der Marke „Bünzligwürz“ vertreibt. Das trifft den Punkt.
Denn wer ein Bünzli ist und wer nicht, das wurde stets vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit und ihrer Gepflogenheiten definiert. Was 1950 als üblich galt, war 1950 „bünzli“.
Und nun sehen die Zeiten eben so aus: Mit freundlicher Hilfe der Medien versucht eine lautstarke Minderheit, eine ganze Gesellschaft auf den Kopf zu stellen, Produzenten und Handelsbetriebe leisten Folge, indem sie Produkte aus dem Sortiment werfen oder umbenennen, Schulen passen ihre Lehrbücher an, Politiker führen neue Verbote ein.
Da wirkt man als Bünzli, der sich dagegenstemmt, eben nicht mehr als langweiliger Spießbürger. Sondern regelrecht als Wilhelm Tell der Neuzeit. Als einer, der keineswegs zurück in der Zeit will. Aber auch nicht im Galopp in den totalen Irrsinn.
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Kommentare
Sehr geehrter Herr Millius!
Ja, es ist schon bedauerlich, dass sich Menschen ohne jegliches Zutun anderer herabgesetzt fühlen, oder. Die Erzeugung von wokem politischem Treibsand, um die Conditio humana zum Verschwinden zu bringen, erzeugt halt viel Stress, Depression und Diskussion.
Dadurch entwickeln sich auch brennende Hämorrhoiden in der Psyche von Sukhavati und Ähnlichem. Somit empfindet es das kollektivistische woke Subjekt bereits als verletzend, wenn er, sie, es mit ihren Venenknoten im Großmasthirn nicht gewürdigt, nicht wahrgenommen wird. Wirklich schrecklich, oder.
Also, ich empfehle, verweigern wir uns den Gesslerhüten, den Statthaltern des Nichts. Ein Salut auf den „Bünzli“.
Mit freundlichen Grüßen
Karl Heinz Maierl
@Karl Heinz Maierl Naja, ich weiß nicht.
So sehr einem die Sprachpolizei auf der einen Seite auf die Nerven geht, tut's auf der anderen Seite der "Bünzli" und in seinen Varianten jenseits der Schweiz, indem er sich neuerdings für einen Wilhelm Tell oder einen sonstigen Held des Widerstandes hält.
Irgendwie ist das alles ziemlich aufgeblasen, Aktion wie Reaktion.