Direkt zum Inhalt
Geburten- und Abtreibungszahl

Diese zwei Zahlen zeigen, wie wenig zuversichtlich die Menschen wirklich sind

Das Statistische Bundesamt hat am heutigen Dienstag zwei Pressemitteilungen veröffentlicht, deren Inhalt den Zustand Deutschlands genauer beschreibt, als es Kommissionen, Institute und Regierungspolitiker je könnten. Um es kurz zu machen: Die Zahl der Geburten ist 2025 auf den niedrigsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg gefallen. Wenn man das Jahr 1945 außer Acht lässt, weil es dafür ohnehin keine genauen Zahlen gibt, muss man sogar bis weit zurück ins 19. Jahrhundert gehen, um eine ähnliche Geburtenzahl vorzufinden, wie sie die Statistiker nun vorgetragen haben: 654.300 Kinder. Im Vergleich zu 2024 kamen 2025 nochmal 3,4 Prozent weniger Neugeborene zur Welt. Im Jahr 1964 waren es 1,36 Millionen. Seit 1972 sterben mehr Menschen in Deutschland als geboren werden.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. 

Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die zweite Pressemitteilung trägt den Titel „Schwangerschaftsabbrüche im Jahr 2025 leicht gesunken“. Was angesichts der stark gesunkenen Geburtenzahl wie ein Euphemismus klingt: Denn mit 106.000 Abtreibungen (minus 0,7 Prozent gegenüber 2024) bleibt die Zahl der Kinder, die durch Menschenhand nicht zur Welt kommen durften, auf hohem Niveau. Die sinkende Kurve der Geburtenzahl und die relativ zu den Schwangerschaften und den weniger werdenden gebärfähigen Frauen steigende Kurve der Abtreibungszahl nähern sich immer weiter an.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. 

Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die demografischen Mühlen mahlen langsam, aber unerbittlich

Die deutschen Daten stehen stellvertretend für die Entwicklung in vielen Ländern Europas, und inzwischen auch für die ganze Welt. Und sie sind der Indikator für die Zuversicht auf das Leben. Denn wer das Leben liebt, der will es weitergeben. Wer einen Sinn im Leben sieht, der überwindet Krisen – oder kann mit ihnen umgehen. Wer nicht nur an sich denkt, wer nicht das eigene Ich als Maxime des Lebens sieht, der ist zu Hingabe bereit, die schließlich die Grundlage für eine stabile Beziehung und Elternschaft ist.

Die demografischen Mühlen mahlen langsam, aber unerbittlich. Deshalb kommt das Rekordtief der Geburtenzahlen nicht überraschend. Die Frauen, die vor 30 Jahren nicht geboren sind, können heute keine Kinder zur Welt bringen. Der demografische Niedergang Europas hat weitgehend schon vor über 100 Jahren begonnen. Technologische Entwicklungen wie die Antibabypille haben den Trend nur verstärkt.

Nicht überraschend werden auch die Expertenmeinungen sein, die in den kommenden Tagen zu lesen und zu hören sein werden. Man müsse Familie und Beruf besser vereinbar gestalten. Es brauche mehr Kindertagesstätten, auch die Unternehmen müssten hier mitwirken. Das Kinder- und Elterngeld müsse erhöht, die Mieten deutlich gesenkt werden.

Das alles kann sinnvoll sein. Diese Maßnahmen können im Einzelfall auch ausschlaggebend sein. Für den Durchschnitt sind sie allerdings nur ein nice to have. Es sind flankierende Instrumente, die die größere Entwicklung nur leicht tangieren. Und die war in den vergangenen 100 Jahren vor allem von einem geprägt: der Umkehrung der Werte. Was über Jahrhunderte galt, galt immer weniger, und heute fast nichts mehr. Statt gen Himmel blicken die meisten Menschen heute nach unten. Etwa zum Smartphone oder eben zum eigenen Bauchnabel. Statt in Generationen denken viele Menschen heute nur noch bis zum nächsten Urlaub. Statt an andere denken sie an sich und hängen der Illusion an, das Leben planen zu können, von der Geburt bis zum Tod. Ohne innere Umkehr ändert sich nichts.

Was hilft und was nicht

Wer glaubt, er müsse nur mehr Geld ausgeben für familienpolitische Maßnahmen, der irrt. Der sollte einen Blick in die Geschichtsbücher werfen. Schweden, die DDR oder zuletzt Ungarn, sie alle nahmen Geld in die Hand. Mittel- und langfristig hat es nichts gebracht. Diejenigen Paare, die einen Kinderwunsch hatten, verlegten ihn vor. Sie bekamen aber nicht mehr Kinder. Heute liegen die Geburtenziffern Schwedens, Deutschlands und Ungarns klar bei unter 1,5 Kindern je Frau. Für den Bevölkerungserhalt ohne Zuwanderung wären rund 2,1 Kinder nötig.

Ein Blick auf die Statistik der familienpolitischen Ausgaben (PDF) der OECD-Staaten zeigt: Es gibt keinen signifikanten Zusammenhang zwischen finanziellen Anreizen und den Geburtenziffern. Den besten Beleg dafür bildet Israel. Der jüdische Staat liegt mit 2,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts genau im OECD-Durchschnitt. Doch die Geburtenziffer lag 2024 bei rund 3 Kindern pro Frau. Das sind fast zwei Kinder mehr je Frau als in Italien. Fast 1,5 mehr als in Frankreich, das zu den Spitzenreitern in Sachen Ausgaben zählt und für viele hiesige Politiker als Vorbild gilt – Stichwort massiv subventionierte Kindertagesstätten.

› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge

Diesen israelischen Müttern gelang diese Kinderzahl mit lediglich 14 Wochen bezahltem Mutterschaftsurlaub nach der Geburt. Das ist weniger als der OECD-Durchschnitt (19 Wochen) und viel weniger, als es in vielen europäischen Ländern Usus ist. Mütter in Israel kehren also früher zur Arbeitsstelle zurück, bekommen aber dennoch mehr Kinder.

Der wirklich wichtige Unterschied ist also ein anderer: Der Anteil religiöser und praktizierend gläubiger Menschen in Israel ist deutlich höher als in anderen Ländern. Von den etwa 7,2 Millionen Juden sind 13 Prozent Haredim (ultraorthodox), 11 Prozent Datiim (modern orthodox) und 34 Prozent traditionell. Nur 42 Prozent sind säkular – und selbst von ihnen glaube eine beträchtliche Zahl an Gott. Die Geburtenziffern analog dazu: Haredi-Familien bekommen im Schnitt mehr als sechs Kinder, Datiim etwas weniger als vier, traditionelle etwas unter drei Kinder je Frau. Säkulare liegen bei einer Geburtenziffer von zwei. Schon immer in der dokumentierten Menschheitsgeschichte haben religiöse Menschen mehr Kinder zur Welt gebracht als andere. Das gilt bis heute.

Verwandt damit, aber etwas anders gelagert ist die Entwicklung bei Abtreibungen. Denn hier geht es nicht allein um die gewünschte Kinderzahl, die übrigens in so gut wie allen OECD-Ländern höher ist als die tatsächliche Zahl, sondern um Kinder, die schon da sind. Wer an das Evangelium glaubt, der treibt nicht ab, für den ist jedes Kind ein Geschenk. Da die Kinder bereits gezeugt sind und die meisten Frauen unfreiwillig abtreiben, wäre es hier tatsächlich eine konkrete Aufgabe von Staat und Gesellschaft, diesen Frauen und Kindern zu helfen. Doch hier versagen die Regierungen seit Jahrzehnten. Selbst die Union schafft es nicht, den roten und grünen Abtreibungsbefürwortern etwas entgegenzuhalten, wie die Anhörung im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags jüngst gezeigt hat.

Die Geburtenkrise ist eine Glaubenskrise

Dabei läge es im ureigensten Interesse des Staates, dass seine Bürger sich fortpflanzen und er Rahmenbedingungen setzt, in denen das gut und gerne geschieht. Hierbei erwarten sie aktuell nicht viel, wie die heute veröffentlichten Daten zeigen, die mehr aussagen als jeder Umfragewert.

Indes sollten sie auch nichts erwarten. Wie oft schon in der Geschichte stand es schlechter um das Land? Wie viele Kriege, Krisen, größere wie kleinere Komplikationen musste die Menschen früherer Tage schon erdulden? Und trotzdem: Kinder bekamen sie immer. Anders als heute.

Anders als heute glaubten sie aber an etwas, das sie übersteigt. Die Geburtenkrise ist also in Wirklichkeit eine Glaubenskrise. Sie hängt auch zusammen mit dem zweiten großen Problem, das die Geburtenzahlen sinken und die Abtreibungszahlen steigen lässt: mit der Beziehungskrise. Wo keine stabile Liebesbeziehung, da weniger Kinder. Eine ungewollt schwangere Frau, deren Partner nicht für sie, sondern gegen sie arbeitet, wird eher abtreiben als eine, die mit ihrem Anvertrauten sprichwörtlich durch dick und dünn gehen kann. Dafür sind allerdings Selbstlosigkeit und Hingabe nötig.

› Kennen Sie schon unseren Corrigenda-Telegram- und WhatsApp-Kanal?

19
0

5
Kommentare

Kommentare