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„Polizeiruf 110: Your Body, My Choice“

Wenn Hilfe für Schwangere ausschließlich Abtreibung bedeuten darf

Was kommt dabei heraus, wenn das bundesdeutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen am 8. März, also am von Sozialisten ins Leben gerufenen „Internationalen Frauentag“ einen Krimi über Abtreibung ausstrahlt? Nun, genau das, was zur besten Sendezeit am gestrigen Sonntagabend in der ARD lief: „Polizeiruf 110: Your Body, My Choice“. Eine ziemlich klischeehafte Beschäftigung mit einem komplexen Thema, das mehr verdient hätte als das.

Das Hauptmotiv von Autorin Annika Tepelmann und Regisseurin Franziska Schlotterer, das ist nach 90 Minuten Spielzeit klar, ist es, Frauen als das starke Geschlecht zu präsentieren. Männer? Das sind entweder staatstragende Boomer, ungewollt kinderlose Einzelgänger, biertrinkende Machos oder schwächliche Burschen. Und natürlich: Für ungewollt schwangere Frauen gibt es laut dem Film nur eine Möglichkeit der Hilfe: die Abtreibung.

Die in Magdeburg spielende und vom MDR produzierte Kriminalgeschichte geht so: Marwa, die libyschstämmige Mitarbeiterin einer Frauenpraxis, die Abtreibungen durchführt, stirbt bei einem Fahrradunfall. Die Bremsschläuche ihres Rads wurden durchtrennt. Das passiert just zu dem Zeitpunkt, als die junge Polin Dania (Nicola Magdalena Lüders) in die Stadt kommt, um mithilfe ihres „abortion buddys“ (Abtreibungshelferin) Lara Becker (Luna Jordan) ihr ungeborenes Kind abtreiben zu lassen.

Vor der Praxis steht ein Grüppchen betender und singender älterer Männer und Frauen, die für die Seelen der Frauen und der der ungeborenen Kinder unter ihren Herzen beten. Sofort verdächtigt Lara sie als Täter. Doch die Lebensschützer, so viel Spoiler sei erlaubt, waren es nicht. So plump gingen Autorin und Regisseurin dann doch nicht vor, auch wenn das Niveau der Dialoge sehr niedrig war.

Die ermittelnde Kommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) erklärt sich die brutalen Drohmails an die Praxis aus „fünftausend Jahren Patriarchat“. Die Gynäkologin Doro Schöller-Hahnfeld (Jenny Schily) will „einfach nur Frauen helfen“ – was, wie erwähnt, ausschließlich Abtreibung bedeutet.

Autorin verwendet falsche Argumente

Mindestens genauso klischeehaft sind auch die von der Realität nicht gedeckten Argumente, wonach es immer weniger Abtreibungsmöglichkeiten gäbe. Zwar sank die Zahl der einschlägig operierenden Ärzte, dafür konzentrierte sich die für ungeborene Kinder tödliche Dienstleistung in spezialisierten Praxen und Kliniken. Laut Forschern wie Matthias David gibt es in Deutschland keinen Versorgungsnotstand für Abtreibungen.

Kommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen): „In manchen Dingen bewegen wir uns rückwärts“ – was nicht stimmt

Kommissarin Brasch, die während des gesamten Films mit feministischen Sprüchen und damit auffällt, dass sie sich mit Abtreibungshelferin Lara verbrüdert, antwortet auf die Aussage der Gynäkologin, dass es angesichts der zunehmenden Bedrohung durch – ja, ernsthaft: „militanten Abtreibungsgegnern“ kein Wunder sei, dass es immer weniger Abtreibungsärzte gäbe: „In manchen Dingen bewegen wir uns rückwärts.“

Auch das ist falsch. Tatsächlich ist das Abtreibungsrecht in den vergangenen Jahrzehnten liberalisiert worden. 2022 schaffte die Ampel-Regierung das sogenannte Werbeverbot für Abtreibung, das in Paragraf 219 Strafgesetzbuch geregelt war, unter großem Jubel von Abtreibungsaktivisten ab. Auch findet keine Kriminalisierung von Frauen oder Ärzten statt, wie oft behauptet wird.

Und dann wird es grotesk

Geradezu grotesk wird der Magdeburger „Polizeiruf“ aber, wenn die Abtreibungshelferin zwei Männer verprügelt. Oder wenn obenherum lediglich BH-tragende Frauen das Treffen der Organisatoren des fiktiven Magdeburger Marschs fürs Leben stürmen und junge Männer in Rage auf die Frauen losgehen. So als ob Lebensschützer nur darauf warteten, junge, halbnackte Frauen verprügeln zu können.

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Als wäre das nicht genug, darf auch eine an die AfD erinnernde Partei nicht fehlen: deren Politiker fällt bei besagtem Treffen damit auf, dass seine Motivation für das Lebensrecht nur darin besteht, die Geburtenrate der Deutschen zu steigern – „Mehr Kinder statt Masseneinwanderung“ – und sich die Gunst der christlich geprägten Lebensschützer mit Parolen wie „Christliche Werte statt Islamisierung“ erschleichen will.

Der primäre Erzählstrang geht weiter. „Abortion buddy“ Lara tritt heldenhaft in Erscheinung. Der Täter ist ein Mann. Die junge Polin mit der Kreuzkette um den Hals, deren Schwangerschaft laut ihr die Folge eines „schlimmen Fehlers“ sei, darf am Ende doch noch abtreiben – und ist glücklich.

Gynäkologin Schöller-Hahnfeld (Jenny Schily) wird in dem Film von als radikal bezeichneten Lebensschützern konfrontiert

Schauspielerin Claudia Michelsen, Autorin Annika Tepelmann und Regisseurin Franziska Schlotterer ging es – das ist ihren Interviews hier und hier zu entnehmen – auch um eine rechtsphilosophische, ethische und erzieherische Botschaft an das Volk, das am gestrigen Abend im Anschluss an die Berichterstattung über die Landtagswahl in Baden-Württemberg wohl überdurchschnittlich im Ersten hängenblieb. 

Doch neue Erkenntnisse dürften keinem Zuschauer gekommen sein. Schließlich bedeutet Hilfe im Schwangerschaftskonflikt laut den Filmfiguren ausschließlich Abtreibung. Nur ein kurz eingeblendeter Lebensschützer hält ein Schild hoch mit dem 1000plus-Slogan „Hilfe statt Abtreibung!“.

Eine Sache wäre dann doch noch: Ausgerechnet am rotfeministischen Frauentag zeigte der Film wenigstens indirekt, wer bei einer Abtreibung kein Mitspracherecht hat, nämlich die Väter (was im Film eine Rolle spielt). Und die ungeborenen Kinder, die zur Hälfte weiblich sind. Vielleicht bringt das den ein oder anderen „Polizeiruf“-Zuschauer doch noch zum Nachdenken.

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