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Pronatalisten-Bewegung

Tech-Elite: Mehr Babys braucht die Welt

Sind Sie auch Pronatalist? Wenn ja, Glückwünsch. Denn dann reihen Sie sich ein unter Silicon Valley- und Tech-Typen wie Elon Musk, Scott Galloway, Jake Kozloski oder Benn Lamm. Die Unternehmer vereint, dass sie die Dramatik des demographischen Wandels erkannt haben und deshalb zu Befürwortern von kinderreichen Familien wurden. Ein markantes und oft geteiltes Zitat in dem Zusammenhang ist das des zehnfachen Vaters – die Kinder hat er von drei verschiedenen Frauen – und reichsten Menschen der Welt, Elon Musk: „Wenn die Menschen nicht mehr Kinder bekommen, wird die Zivilisation zusammenbrechen. Merken Sie sich meine Worte.“

Pronatalismus – das lateinische „natalis“ bedeutet „geburtlich“ – bejaht die Geburt von vielen Kindern und spricht sich für Bevölkerungswachstum aus. Die gegenteilige Strömung ist der Antinatalismus. Antinatalisten wollen keine Menschen ins Leben setzen, weil sie zum Beispiel denken, dadurch dem Klima einen Gefallen zu tun, da CO2 eingespart werde. Oder sie wollen keine Kinder bekommen aufgrund von Argumenten wie „Die Welt ist so grausam“ oder „Es gibt schon zu viele Menschen auf der Erde“.

Pronatalisten hingegen glauben nicht an die These der Überbevölkerung, die maßgeblich durch den Bestseller „Die Bevölkerungsbombe“ aus dem Jahr 1968 verbreitet wurde und sich bis heute teilweise hartnäckig hält. Der Autor, Biologe und Antinatalist Paul Ralph Ehrlich war ironischerweise Professor an der Silicon Valley-Universität Stanford. In seinem Buch stellt er das Bevölkerungswachstum – die „Klima-Kleber“ lassen grüßen – als unmittelbar bevorstehende Katastrophe dar, die, werde nichts dagegen getan, Nahrungsknappheit und eine steigende Sterberate als Folge habe.

Bevölkerungsrückgang bedeutet Armut

Ehrlichs Prognosen sind bis heute nicht eingetroffen. Laut dem Data-Portal der Vereinten Nationen starben 2022 in Afrika nur mehr 44,2 von 1.000 Säuglingen. 1960 waren es noch 158,6 von 1.000. Zwar gibt es bislang immer mehr Menschen – seit Ende vergangenen Jahres sind wir auf einem Stand von etwas über acht Milliarden Erdenbewohnern und bis 2080 könnte es 10,4 Milliarden geben, laut den Vereinten Nationen (UN) –, doch geht die Initiative Earth4all davon aus, dass die Weltbevölkerung bis Ende des Jahrhunderts auf sechs Milliarden zurück gehen wird. Auch ist die Wachstumsrate der Weltbevölkerung im Jahr 2020 erstmals seit 1950 auf unter ein Prozent pro Jahr gesunken, berichtet die UN.

Eines der Hauptargumente der Pronatalisten für mehr Kinder erwähnte der Marketing-Professor und Start-up-Gründer Scott Galloway während der HBO-Talkshow „Real Time with Bill Maher“ im März dieses Jahres: „Menschen in liebevollen, sicheren Haushalten mit guter Ausbildung und wirtschaftlicher Funktionsfähigkeit lösen mehr Probleme, als sie schaffen.“

Die Vergangenheit habe gezeigt, dass je mehr Menschen es gab, desto geringer die Ernährungsunsicherheit gewesen sei. Galloway weist auf Länder wie Japan oder Italien hin, die eine der geringsten Geburtenraten weltweit haben.

Solche Staaten müssten künftig nicht nur bei wirtschaftlichen Investitionen, sondern auch bei solchen in „erneuerbare Energien“ kürzen. Nicht nur, weil es durch den demographischen Rückgang immer weniger Menschen am Arbeitsmarkt gebe, sondern auch, weil die Wahrscheinlichkeit immer geringer wird, dass innovative Forscher und Erfinder geboren werden. Bevölkerungsrückgang bedeute Armut. 40 Prozent aller staatlichen Mittel in den USA flössen in die Finanzierung von Senioren. „Bald werden es über 50 Prozent sein“, meint der Start-up-Gründer.

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Die Vielfalt der Kulturen ist in Gefahr

Die wohl überzeugtesten und von nahezu missionarischem Eifer beseelten Pronatalisten sind Simone und Malcolm Collins. Das junge Ehepaar gründete 2021 laut eigenen Angaben die erste pronatalistische Organisation weltweit. Das besondere an ihrer Initiative sei, dass sie frei von jeglicher weltanschaulichen Ideologie oder Religion sei. Sie stützten sich in ihren Argumenten allein auf wissenschaftliche Daten.

Das Missionsstatement der Pronatalisten lautet: „Familien zu unterstützen, die sich für die Erhaltung und Erweiterung der kulturellen, ethnischen und genetischen Vielfalt der Menschen entscheiden.“ Genau hier liege der Hund begraben: Um Menschen fürs Kinderkriegen zu begeistern, müsse vor allem die Kultur geändert werden hin zu einer kinderfreundlichen Gesellschaft, sind die Collins überzeugt.

Gegenüber Corrigenda kritisieren sie, dass US-Gesetze, die Familien betreffen, von Leuten gemacht würden, „die sich nicht einmal vorstellen können, wie es ist, eine große Familie wirtschaftlich aufzuziehen“. Es gebe viele für Eltern „lästige“ Vorschriften, wie sehr strenge Autokindersitz-Gesetze, die die Regierung ändern solle.

Doch die „größte Bedrohung“ für kinderreiche Familien sehen die Unternehmer im öffentlichen Schulsystem. „Problematisch wird es, wenn Institutionen wie Schulsysteme es als ihre Aufgabe ansehen, die Kulturen von Kindern mit unterschiedlichen familiären Hintergründen auszulöschen – wenn Menschen es als ihre Aufgabe ansehen, dass der Staat alle ‘nicht genehmigten’ Ansichten kulturell auslöscht und die Bevölkerung homogenisiert“, lautet das kritische Urteil der Collins. Um dem etwas entgegenzusetzen, gründeten sie einfach ein eigenes Schulprojekt.

Sind Pronatalisten Rassisten?

Doch das Paar mit drei kleinen Kindern macht sich nichts vor: „Die Fruchtbarkeitsraten werden zusammenbrechen, egal was wir tun. Wir sind lediglich daran interessiert, ein Leuchtfeuer für die kulturellen Gruppen zu sein, die den Willen haben, dieses große Filterereignis zu überstehen“, machen sie gegenüber Corrigenda klar.

Manche würden Pronatalisten vorhalten, rassistisch zu sein. Diese sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, sie seien Anhänger der „Great Replacement Theory“, einer Art Verschwörungstheorie einiger Rechtsradikaler, die meint, Masseneinwanderung habe zum Ziel, die weiße Mehrheitsbevölkerung zu ersetzen. Doch in den USA seien es gerade Nordamerikaner mit schwarzem oder spanischem Hintergrund sowie die Ureinwohner, die geringe Fertilitätsraten hätten und am ehesten buchstäblich vom Aussterben bedroht seien, argumentiert das Ehepaar Collins.

„Wir befinden uns derzeit inmitten eines kulturellen Massensterbens. Die widerstandsfähigsten Kulturen gegenüber dem wohlstandsbedingten Fruchtbarkeitskollaps sind die konservativ-christlichen und jüdischen Kulturen. Wir weisen darauf hin, weil viele Menschen annehmen, dass dies die Kulturen sind, die wir zu retten versuchen, obwohl sie in Wirklichkeit die einzigen kulturellen Gruppen sind, die nicht gerettet werden müssen“, so die Collins auf Corrigenda-Nachfrage.

Weltbild: Pragmatismus und effizienter Altruismus

Simone und Malcolm Collins sind in ihren Mittdreißigern und haben Wirtschaft, Neurowissenschaft und Technologie an Eliteunis wie Cambridge und Stanford studiert. Dort haben sie sich auch kennengelernt. Simone hat in der Vergangenheit als Geschäftsführerin für ein Projekt des Investors und PayPal-Gründers Peter Thiel gearbeitet. Ihre pronatalistische Organisation ist ein Nebenjob und läuft unter der von dem Ehepaar gegründeten gemeinnützigen „Pragmatist Foundation“. Finanzielle Unterstützung erhält das junge Projekt von Jaan Tallinn, einem estnischen Tech-Milliardär.

Die philosophische Weltanschauung hinter der Initiative des Ehepaars ist Pragmatismus, der geprägt ist von Rationalismus sowie effektivem Altruismus. Die Collins wie auch die meisten anderen Hightech-Pronatalisten vertreten liberale Ansichten. Sie sind für LGBTQ-Rechte, Abtreibung und Reproduktionsmedizin.

Da die Spermienqualität weltweit abnimmt und die Unfruchtbarkeit unter Paaren steigt, befürworten sie künstliche Befruchtung, „Egg freezing“, In-vitro-Fertilisation (IVF) – Maßnahmen, die dazu dienlich sind, dass mehr Kinder geboren werden.

Pronatalist Ben Lamm, ein texanischer Biotech-Unternehmer, entwickelt mit seinem Unternehmen „Colossal“ künstliche Gebärmütter und andere Reproduktionstechnologien, die die Fruchtbarkeit in Zukunft steigern könnten. Die Collins selber konnten ihre eigenen Kinder dank IVF bekommen – und hoffen so auf vier weitere.

Der pragmatische, datenbasierte Denkansatz mancher Hightech-Pronatalisten spiegelt sich in folgender Denkweise: Wenn ein Paar acht Kinder hat, jedes dieser Kinder wieder acht Kinder hat und das so weitergeht, könnten sie irgendwann die Mehrheit der Weltbevölkerung ausmachen. Das ist eine steile These, der Simone und Malcolm Collins nicht zustimmen. Und doch sind sich alle Pronatalisten einig, dass viel mehr Kinder geboren werden müssen, um Schaden abzuwenden. Oder um es mit den Worten Scott Galloways zu sagen: „Amerika entwickelt sich zu einer TV-Show, die eine Mischung von ‘The Walking Dead’ und ‘Golden Girls’ ist.“

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Kristijan Aufiero
Vor 9 Monate

Ein hochinteressanter und informativer Artikel. Schade eigentlich, dass man solche Top-Qualität fast nur noch bei corriginda* findet ;-).
Diese "Pronatalisten" haben erstaunlich viel verstanden. Merkwürdig ist, dass sie den offenkundigen kulturellen Zusammenhang zwischen "LGBTQ-Rechte(n), Abtreibung und Reproduktionsmedizin" bzw. zwischen der von ihnen vertreten "weltanschaulichen Neutralität" und der Demographischen Implosion nicht erkennen.
Und das, obwohl sie selbst offenbar sagen, dass "konservativ-christlichen und jüdischen Kulturen" die einzigen seine, die "nicht gerettet werden müssten". Da passt was nicht zusammen.
Denn wenn sie das wirklich glaubten, müssten sie zur Erreichung ihrer pronatalistischen Ambitionen im Grunde ein "konservativ-christliches und jüdisches" Missionsprojekt starten.

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Veritas
Vor 9 Monate

Geschätzter Herr Aufiero, das haben Sie richtig erkannt. Einerseits ist es erstaunlich, dass diese Leute das Problem erkannt haben, andererseits überrascht es deshalb umso mehr, dass sie zur Lösung dieses Problems am Ende auf die Mittel zurückgreifen wollen, die es verursacht haben.

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Kristijan Aufiero
Vor 9 Monate

Ein hochinteressanter und informativer Artikel. Schade eigentlich, dass man solche Top-Qualität fast nur noch bei corriginda* findet ;-).
Diese "Pronatalisten" haben erstaunlich viel verstanden. Merkwürdig ist, dass sie den offenkundigen kulturellen Zusammenhang zwischen "LGBTQ-Rechte(n), Abtreibung und Reproduktionsmedizin" bzw. zwischen der von ihnen vertreten "weltanschaulichen Neutralität" und der Demographischen Implosion nicht erkennen.
Und das, obwohl sie selbst offenbar sagen, dass "konservativ-christlichen und jüdischen Kulturen" die einzigen seine, die "nicht gerettet werden müssten". Da passt was nicht zusammen.
Denn wenn sie das wirklich glaubten, müssten sie zur Erreichung ihrer pronatalistischen Ambitionen im Grunde ein "konservativ-christliches und jüdisches" Missionsprojekt starten.

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Veritas
Vor 9 Monate

Geschätzter Herr Aufiero, das haben Sie richtig erkannt. Einerseits ist es erstaunlich, dass diese Leute das Problem erkannt haben, andererseits überrascht es deshalb umso mehr, dass sie zur Lösung dieses Problems am Ende auf die Mittel zurückgreifen wollen, die es verursacht haben.