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Kolumne „Ein bisschen besser“

Keine Macht den Kindern

Ja – wissen wir: Alle Mütter und alle Väter finden in Sprüchen, die vom eigenen Nachwuchs kommen, die höhere Weisheit. „Gib mir das sofort“ – „Die Lütte ist sehr durchsetzungsstark.“ Oder der kleine Kackspecht sagt: „Ich will nicht.“ – „Er hat früh gelernt, auch mal Nein zu sagen“, freut sich Papa. Unser Töchterchen hat mich jetzt mit der Frage konfrontiert, ob sie, wenn sie groß ist, auch mal so sauer wird wie ich.

Es war wahrscheinlich einer dieser Augenblicke, als der Chef per Mail zum zweiten Mal das überfällige Konzept anforderte. Als die Hündin mit vorwurfsvollem Blick vorm leeren Fressnapf stand. Als meine Frau Judith die Wand streichen wollte, aber feststellte, dass nur noch verhärtete Pinsel im Schrank lagen, weil ich sie neulich nicht richtig gesäubert hatte. Als das Vibrieren des Handys einen Anruf von dem Kollegen ankündigte, bei dem du unter 25 Minuten nicht davonkommst.

Als das Töchterchen, was eben wegen Hungerbauchschmerzen gekräht hatte, den eigens geschälten Apfel durch die Küche gepfeffert und stattdessen nach Majo-Brot verlangt hatte. Als der Brief aus dem Recyclingpapier irgendeines Landratsamts an der Autobahn, wo wir neulich geblitzt worden waren, ungeöffnet auf dem Holztisch vor sich hin schmorte. Nein, ich war nicht sauer. Ich war angespannt.

Kinder kommen als Kleinkapitalisten zur Welt

Und da hilft dann eben auch keine Bemerkung von irgend so einem Mini-Sauwutz. Judith und ich sind uns im Gegenteil sicher, dass Grönemeyer, den wir ansonsten durchaus schätzen, mit „Kinder an die Macht“ grundweg falsch liegt. Diese „wahren Anarchisten“ haben ein angeborenes Sozialverhalten wie ein Kuckucksei.

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Sie kommen als Kleinkapitalisten zur Welt, und den Geist des Teilens müssen Judith und ich dem Töchterchen vorleben, weswegen mir Judith oft die letzten drei Bissen auf ihrem Teller überlässt, weil ich noch so hungrig aussehe. Ich begrüße das als erzieherische Maßnahme, und wir beide finden es im Übrigen ein bisschen besser, wenn die Kleine zu gegebener Zeit die Klappe hält.

Eine Geschichte der Kleinen

Natürlich bringen wir sie in Vorfreude, dass gleich Ruhe ist, gewaschen und gezähnegeputzt ins Bett. Neuerdings erzählt sie uns dann eine Geschichte. Um diese frühe Zeit im Jahr ging es kürzlich darum, dass die Heilige Familie aus Jesus, Josef und Maria wieder gen Himmel eilt – vermutlich mit einem Raumschiff. „Was für ein Raumschiff?“, fragte ich. „Papa, du Dödel, das ist doch ganz einfach, sie nehmen eine Seifenblase“, lautete die naheliegende Antwort. 

Judith und ich haben dann noch die halbe Nacht darüber diskutiert, wie wir in eine Seifenblase einsteigen sollen, ohne sie zum Platzen zu bringen.

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