Tofu über alles
„Alles andere ist Beilage“: Das ist ein Slogan aus der Schweizer Fleischindustrie. Die Botschaft lautet, dass das Schnitzel oder das Steak die Hauptrolle auf dem Teller spielt und der Rest vielleicht einen Farbtupfer beisteuert und durchaus auch bekömmlich ist, aber im Unterschied zum Fleisch austauschbar bleibt.
Vegetarier und Veganer sehen das naturgemäß anders, und es ist ihr gutes Recht – jeder, wie er mag. Problematisch wird es erst, wenn der Staat die Besetzungsliste auf der Speisekarte macht. Nicht mithilfe von Verboten, sondern durch wohlklingende Empfehlungen und eine sanfte Steuerung.
Aktuell versucht die offizielle Schweiz gerade, den Bürgern Leckereien wie diese hier schmackhaft zu machen: Kichererbsen-Curry mit Tofu, Quinoa-Burger mit Quark-Dip, Spinat-Pita oder Tomaten-Omelette. Das sind vier der insgesamt 20 Rezeptvorschläge aus der Sammlung „20 gesunde und nachhaltige Lieblingsrezepte für Kinder und Jugendliche“, in Auftrag gegeben vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV).
Prävention statt Genuss
Ob es sich dabei wirklich um „Lieblingsrezepte“ der jungen Generation handelt, muss an dieser Stelle offenbleiben. Wer selbst Kinder hat, dürfte seine Zweifel haben. Aber ohne Frage sind die Vorschläge „gesund und nachhaltig“. Denn mit der Erarbeitung der Broschüre beauftragt wurde die Schweizerische Gesundheitsstiftung (RADIX). Dabei handelt es sich um ein „Kompetenzzentrum in den Bereichen Gesundheitsförderung und Prävention“.
Ein Bundesamt, das sich um Lebensmittelsicherheit kümmert, und eine Präventionsstelle hecken gemeinsam eine Sammlung von Rezepten aus. Da können geschmackliche Qualitäten gar nicht im Zentrum stehen. Beglückt mit der Tofu-Schlacht werden sollen Kindertagesstätten und Schulen. Deren Branche habe den Bund in letzter Zeit immer öfter um Beratung bezüglich fleischloser Menüs für Kinder gebeten, so das Bundesamt. Der Wunsch kam vermutlich nicht von den betreuten Kindern und Schülern, sondern von den Leitungsgremien, die den Anvertrauten ihre persönlichen Ernährungsvorlieben aufzwingen wollen.
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Es stellen sich haufenweise Fragen. Warum empfiehlt das Bundesamt in seinem eigenen Leitfaden eine ausgewogene Ernährung mitsamt „proteinreichen Lebensmitteln wie Fleisch“, setzt dann aber eine rein vegetarische Broschüre um? Weshalb gibt es parallel dazu keine Rezeptsammlung, in der gezeigt wird, wie man sich gesund und nachhaltig mitsamt Fleisch ernährt? Vor allem aber: Ist es überhaupt die Aufgabe des Staates, Kochbücher zu erarbeiten?
1.800 Franken pro Rezept
Die meisten Steuerzahler würden die letzte Frage wohl abschlägig beantworten. Das ändert allerdings nichts daran, dass sie das Projekt unfreiwillig finanziert haben. 36.000 Schweizer Franken, fast 40.000 Euro, hat der Spaß gekostet, wie das Magazin Nebelspalter herausgefunden hat. Das sind pro Rezept 1.800 Franken.
War der Umschlag des Buchs in Gold gefasst? Das ist schlecht möglich, denn die Rezeptsammlung gibt es gar nicht als physische Ausgabe. Es ist ein schlichtes PDF zum Herunterladen. Dafür hat man ein umso teureres Vorgehen gewählt: Man ließ einen Rezeptwettbewerb durchführen und bildete eine Jury, um die Gewinner zu küren, wobei diese Experten wiederum von mehreren externen Fachstellen beraten wurden. Es klingt mehr nach der Planung einer Marslandung als nach einem Kochbuch.
Rechtfertigungsbedarf für die ganze Aktion erkennt man beim Staat nicht. Unter dem Siegel der Prävention ist grundsätzlich immer alles erlaubt, weil sie schließlich dem Wohl der Gesellschaft dient, wie man beteuert. Doch auch wer das so sieht, müsste einräumen, dass es einen Unterschied gibt zwischen warnenden Kampagnen vor gesundheitsschädlichen Stoffen und dem Bereitstellen von Kochrezepten.
Projekt wie aus der Urzeit
Selbst wenn es stimmen sollte, dass es „einen wachsenden Bedarf an schmackhaften fleischlosen Rezepten, die bei Kindern und Jugendlichen gut ankommen“ gibt, wie das Bundesamt sagt: Wen um 11.30 Uhr die unbändige Lust auf Tofu mit Tofu und ein wenig Tofu überkommt, der sitzt auch ohne staatliche Hilfe um 12 Uhr am gedeckten Tisch.
Das Internet ist randvoll mit fleischlosen Rezeptvorlagen und mit Foren rund um vegetarische Kochideen. Wer es individueller mag: Die Künstliche Intelligenz spuckt auf Knopfdruck in Sekundenschnelle so viele Rezepte wie gewünscht aus. Man kann ihr sogar noch Auflagen wie die gewünschte Menge an Proteinen und ein Kalorienlimit vorgeben.
Stattdessen drucken nun Kita- und Schulsekretariate eine 31-seitige Broschüre aus, mit der sie bescheidene 20 Tage lang durchkommen, bevor sie wieder beim ersten Rezept beginnen müssen. Das klingt schwer nach den Anfängen des Internets und nicht wie 2026.
Zugegeben: Ausgaben von 36.000 Franken lassen die Schweiz nicht verarmen. Die Frage ist nur, wie viele vergleichbare Projekte derzeit noch unentdeckt unter dem Dach der Bundesverwaltung schlummern.
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