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Nach der Paderborner Missbrauchsstudie

Ein weiterer Bericht, dieselbe Scheindebatte

Und jetzt auch noch der Kardinal. Das dürfte so mancher seufzend gedacht haben, als in der vergangenen Woche die Missbrauchsstudie für das Erzbistum Paderborn veröffentlicht wurde. Die Untersuchung zu den Amtszeiten der Erzbischöfe Jaeger und Degenhardt von 1941 bis 2002 legt erneut schwer erträgliche Befunde vor. Dabei kamen nicht nur wieder erschreckende Zahlen ans Licht, was die Opfer und die zumeist geistlichen Täter betrifft.

Selbst gegen den einstigen Paderborner Kardinal Johannes Joachim Degenhardt werden inzwischen Missbrauchsvorwürfe erhoben. Schon 2021 hatte eine Aufarbeitungsstudie der Universität Paderborn Jaeger und Degenhardt Vertuschung attestiert. Sie sollen beschuldigte Geistliche geschützt, aber kaum Anteilnahme für die Betroffenen gezeigt haben. Entlarvte Täter seien lediglich in andere Gemeinden versetzt worden, damit hätten die Verantwortlichen weitere Übergriffe ermöglicht. 

„Durch die Versetzungspolitik hat man in Kauf genommen, dass sich Dinge wiederholen, und genau das ist dann ja auch leider immer wieder passiert“, erklärte die an der Studie beteiligte Religionshistorikerin und Theologin Nicole Priesching. „In manchen Fällen hat es Vereinbarungen mit Staatsanwaltschaften gegeben, dass auf Bewährung verurteilte Täter nicht mehr in Gemeinden eingesetzt werden sollen, und dennoch ist das geschehen“, so die Forscherin. Außerdem sei durch Angehörige des Erzbistums Druck auf Betroffene und ihre Familien ausgeübt worden, keine Anzeige zu erstatten.

All das ist so unfassbar wie erschütternd. Neu ist es nicht. Und genau darin liegt das eigentliche Problem der anschließenden Debatte.

Rituale der Empörung

Denn kaum liegt eine neue Studie auf dem Tisch, setzt ein vertrautes Ritual ein. Die Empörung ist groß, die Betroffenheitsrhetorik zuverlässig, die politischen und innerkirchlichen Forderungen stehen praktisch schon bereit, noch bevor die erste Seite wirklich gelesen wurde. In diesem Modus ist Erkenntnisgewinn selten vorgesehen oder möglich.

Die Missbrauchskrise ist ohne Zweifel eine moralische Katastrophe. Sie hat Vertrauen zerstört, Schuld hinterlassen und die Glaubwürdigkeit der Kirche schwer beschädigt. Ihr Ausmaß ist niederschmetternd, ihre Folgen reichen bis in die Gegenwart.

Doch gerade weil das so ist, fällt die intellektuelle Eilfertigkeit auf, mit der vermeintliche Ursachen gleich mitgeliefert werden. Kaum sind die Fakten benannt, werden sie in ein Deutungsraster eingeordnet, das weniger aus der Studie selbst stammt denn aus bereits feststehenden Überzeugungen. Patriarchat, Machtstrukturen, Sexualmoral. Drei Stichworte, die mittlerweile eine Art Standardformel bilden. Man könnte geradezu den Eindruck gewinnen, die Wirklichkeit habe sich gefälligst diesen Kategorien anzupassen.

Die bequeme Monokausalität

Das Problem ist nicht, dass diese Faktoren überhaupt genannt werden, sondern ihre Funktion als Universalerklärung. Eine komplexe Wirklichkeit wird auf einige politisch anschlussfähige Begriffe reduziert, aus dieser Reduktion werden dann weitreichende Konsequenzen gezogen. Das hat den Vorteil intellektueller Bequemlichkeit. Es hat den Nachteil, dass es selten stimmt.

Besonders deutlich wird das an den Reformforderungen, die aus der Diagnose abgeleitet werden: Mehr Frauen, weniger Hierarchie, Abschaffung des Zölibats, neue Sexualethik. All das mag man für sich genommen diskutieren. Doch der entscheidende Punkt ist ein anderer: Der Zusammenhang mit dem Missbrauch wird meist behauptet, aber nicht belegt.

› Lesen Sie auch: Der Synodale Weg missbraucht den katholischen Glauben

Der Synodale Weg liefert hierfür ein Lehrstück. Was als Reaktion auf eine Krise begann, hat sich in weiten Teilen zu einem Projekt verselbstständigt, das vor allem seine eigenen Prämissen bestätigt. Die Missbrauchsfälle dienen dabei häufig als moralischer Hebel. Das ist ein Schema, das aus vielen politischen Debatten – vom Klimaschutz bis zum Ukrainekrieg – sattsam bekannt ist. Wer widerspricht, stellt sich nicht einfach gegen eine These, sondern setzt sich schnell dem Vorwurf mangelnder Empathie, wenn nicht gar moralischer Verworfenheit aus. Eine bequemere Form der Immunisierung gegen Kritik ist schwer vorstellbar.

Empirie als Störfaktor

Nun wäre all das hinnehmbar, würde die empirische Lage diese Deutungen eindeutig stützen. Aber das tut sie nicht, im Gegenteil.

Die im Jahr 2024 veröffentlichte Studie zu sexualisierter Gewalt im Bereich der evangelischen Kirche in Deutschland zeigt ein vergleichbares Ausmaß an Missbrauch, obwohl bei den Protestanten zentrale Forderungen des Synodalen Weges längst Realität sind. 

Das ist kein Einwand gegen Reformen an sich. Aber es ist ein ziemlich gutes Argument gegen die Behauptung, diese Reformen seien die Lösung des Problems. Denn wenn ähnliche Phänomene unter deutlich anderen strukturellen Bedingungen auftreten, dann liegt es nahe, die Ursachen für Missbrauch nicht vorschnell auf eine Strukturfrage zu reduzieren.

Noch deutlicher wird das im internationalen Vergleich. Die viel umfangreicheren Studien aus den USA zeigen, dass die Missbrauchsfälle ähnlich wie in Deutschland ihren Höhepunkt in den 1960er und 1970er Jahren erreichten und seitdem deutlich zurückgegangen sind. 

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Das ist insofern bemerkenswert, als es nicht recht zu der verbreiteten These passt, die Missbrauchsproblematik sei Ausdruck einer repressiven, vormodernen Sexualmoral. Der zeitliche Schwerpunkt der sexuellen Übergriffe liegt nämlich ausgerechnet in einer Phase, die gemeinhin als Aufbruch und Liberalisierung beschrieben wird. Mit dem II. Vatikanischen Konzil (1962-65) wollte die Kirche die Tore zur Gegenwart aufstoßen, in den Gesellschaften des Westens rollten derweil die 68er-Welle und die „sexuelle Revolution“. Das beweist zwar keine einfache Gegenkausalität, aber es macht deutlich, wie unterkomplex die gängigen Erzählungen sind.

Die blinden Flecken der Debatte

Auffällig ist, was in der Debatte regelmäßig ausgeblendet wird. Zwar werden institutionelle Defizite und strukturelle Faktoren betont sowie kulturelle Deutungen geliefert. Doch die individuelle Verantwortung tritt erstaunlich oft in den Hintergrund. Täter erscheinen bisweilen eher als Produkte ihrer Umgebung denn als handelnde Personen.

Dabei ist eine banale Einsicht kaum zu umgehen: Missbrauch geschieht, weil Täter handeln. Keine Struktur, keine Kultur und schon gar keine Moral zwingt jemanden zu diesen Taten. Wer das ausblendet, verschiebt die Perspektive auf eine Weise, die analytisch problematisch und moralisch zumindest fragwürdig ist.

Und noch weitere Aspekte könnten zwar unangenehm sein, sind aber erklärungsrelevant. Etwa die Frage nach den Rekrutierungsmustern früherer Jahrzehnte. In Zeiten größerer sozialer Enge konnte der Priesterberuf auch eine Form des Aufstiegs darstellen.

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Natürlich erklärt das für sich genommen gar nichts, relativiert aber die Vorstellung, es habe sich durchgehend um eine homogen motivierte Gruppe gehandelt. Solche Überlegungen sollen nicht als Entlastung oder Ausrede dienen, sondern sind der Versuch, ein vollständigeres Bild zu gewinnen.

Eine andere Beobachtung ist noch unbequemer. Bei näherer Betrachtung kehrt die These, eine „repressive Sexualmoral“ begünstige Missbrauch, die Logik um. Sie unterstellt, Normen seien ursächlich für ihre Verletzung. Tatsächlich liegt der Zusammenhang näher an der entgegengesetzten Einsicht: Missbrauch ist die radikale Missachtung moralischer Normen. 

Wer daraus den Schluss zieht, die Normen selbst seien das Problem, verwechselt Ursache und Folge. Die Schlussfolgerung ist so schlicht wie naheliegend: Hätten sich die Täter an die kirchliche Sexualmoral gehalten, wäre es zu keinem einzigen Übergriff gekommen.

Zwischen Analyse und Agenda

Das eigentliche Ärgernis dieser Debatte liegt daher weniger in den falschen Antworten als in der mangelnden Bereitschaft, die richtigen Fragen zu stellen. Die Missbrauchskrise wird oft nicht als Gegenstand offener Analyse behandelt, sondern als Bestätigung bereits vorhandener Überzeugungen.

Das zeigt sich auch im Ton. Wer auf Differenzierung besteht und monokausale Erklärungen hinterfragt, gilt schnell als Bremser und Verharmloser. So entsteht ein Debattenklima, in dem nicht die bessere Begründung entscheidet, sondern die größere moralische Geste. Dabei wäre gerade hier intellektuelle Redlichkeit gefragt. 

Die Aufarbeitung der Verbrechen verlangt Klarheit und Präzision statt Vereinfachung und Parolen. Und um der Menschen willen ist die Bereitschaft am wichtigsten, auch unbequeme Befunde zur Kenntnis zu nehmen, selbst wenn sie nicht ins eigene Weltbild passen.

Eine unbequeme Schlussfolgerung

Die Missbrauchskrise der katholischen Kirche ist zu ernst, um sie als Argumentationshilfe für ohnehin gewünschte Reformen zu instrumentalisieren. Die schnelle Engführung auf Schlagworte wie „Patriarchat“ oder „Sexualmoral“ bleibt an der Oberfläche. Haltung ersetzt Analyse und Erkenntnis. Damit wird das Leid der Opfer Mittel zum Zweck.

Und noch eine unangenehme Wahrheit: Es gibt keine einfache Erklärung und keine einfache Lösung. Die Krise ist das Ergebnis eines Zusammenwirkens von institutionellem Versagen, kulturellen Fehlentwicklungen und individuellen Verbrechen. Wer nur einen dieser Faktoren betont, ignoriert das eigentliche Problem und verharmlost es.

Genau darin liegt die eigentliche Gefahr. Eine Ursachendebatte, die sich mit einfachen Antworten zufriedengibt, produziert am Ende vor allem eines: die Illusion von Aufklärung. Und die betroffenen Opfer werden ein weiteres Mal alleingelassen.

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