Baujahr 1965. Noch voll befahrbar
Bei Bonn bröckelt die Brücke über den Rhein. Sie ist jetzt voll gesperrt. „Vorangegangene Hauptprüfungen hatten erhebliche Schäden an Entwässerung und Überbau dokumentiert“, lese ich und scrolle zunehmend nervös weiter, nicht weil wir da heute lang wollen, sondern weil ich das Baujahr wissen will. Da steht es: 1967. Stolz steigt in mir auf: Ich bin sogar noch älter, aber Entwässerung und Überbau sind tippitoppi. Gut, ich schiebe die Hauptprüfung immer wieder vor mir her, aber ich habe nicht das Gefühl, in Kürze nicht mehr befahrbar zu sein. „Oder?“, frage ich Judith.
Judith ist mit ihrem Überbau beschäftigt. Ich schaue zu. Hier ein gekonnter Strich entlang der Augenlider, dort ein Zupfer, damit die Bluse sitzt. Ich muss zugeben, auch bei meiner Frau bröckelt nichts.
Andere Brücken halten seit 600 Jahren
Unser Vorbild ist die Pont d’Avignon, sie hält seit 600 Jahren. Oder zumindest der Hindenburgdamm. Er wird nächstes Jahr 100 und soll rechtzeitig vorher umbenannt werden in Sylt-Damm, denn wir haben mit dem alten Feldmarschall ein Problem. Mir ist klar, dass er aus heutiger Sicht Held und Missetäter zugleich war, aber Judith und ich zweifeln an der deutschen Lösung des Problems, die schlicht lautet: Schild weg, Problem weg.
› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge
Die Pariser benennen ihre „Rue Bonaparte“ ja auch nicht um. „Wir prüfen historische Namen auf ihre moralischen Abgaswerte, während wir völlig entspannt durch die Allianz-Arena marschieren, im Signal-Iduna-Park jubeln und demnächst die ChatGPT-Einbahnstraße entlangrauschen“, erkläre ich Judith. Der neue Sylt-Damm sei das perfekte Denkmal unserer Zeit: völlig risikofrei, historisch neutral und so aufregend wie ein WLAN-Passwort, setze ich noch hinzu, sehr zufrieden mit meiner wuchtigen Wortwahl.
Judith und ihre süffisante Tonlage
Judith entgegnet mit ihrer dunkel-rauchigen Stimme, die Pont d’Avignon sei namenstechnisch auch kein Geniestreich, und sie habe trotzdem gern als Kind auf den langen Ferienreisen mit den beiden Brüdern, den Eltern und dem Passat dort gehalten und sei darauf herumgeklettert. Aber wenn ich mich immer sofort aufrege, sei es vielleicht ein bisschen besser, ich würde doch mal zur Hauptprüfung gehen.
Sie sagt das in dieser bestimmten Tonlage, die ich an ihr nicht so mag. Ich antworte, dass sie gern jetzt sofort meine Funktionstüchtigkeit überprüfen könne, worauf der Abend einen überraschend schadenfreien Lauf nimmt.
› Kennen Sie schon unseren Corrigenda Telegram- und WhatsApp-Kanal?
Kommentare
Ihr Optimismus in Ehren, aber leider eher die Ausnahme.
Bis vor einem Jahr war ich auch noch davon überzeugt, mit meinem Mann noch viele Jahre glücklich und gesund das Rentenalter genießen zu können (Jahrgang 61und 63), als meinen Mann aus heiterem Himmel ein böser Tumor heimsuchte und diese „Illusion“ leider zerstörte! Außerdem muss man sich nur regelmäßig die Todesanzeigen durchlesen, dann sieht man, dass die Einschläge immer näher kommen.
Tut mir leid, von Corrigenda bin ich tiefgründigere Beiträge gewohnt!