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Die Wunder Jesu

Wenn Jesus nicht auferstanden wäre

Es gibt eine Tendenz, leider auch unter Christen, die Wundertaten Jesu herunterzuspielen oder in einem banalen, rein innerweltlichen Sinne zu „erklären“ – wobei man dem biblischen Text Gewalt antut und die Evangelisten oft als Trickser dastehen lässt, die schelmisch einen eigentlich natürlichen Sachverhalt so erzählen, als sei ein Wunder geschehen. Die einzige Botschaft, die den Texten dann noch gegeben wird, ist, dass man irgendwie nett zueinander sein sollte.

Häufig sind solche Deutungen leider sogar von der Kanzel zu vernehmen, zum Beispiel wenn die Leseordnung die beiden in der Bibel berichteten Speisungswunder Jesu vorsieht – die Speisung der Fünftausend (Mt 14,13-21, Mk 6,30-44, Lk 9,10-17 und Joh 6,1-15) und der Viertausend (Mt 15,29-16,12 und Mk 8,1-10). Alle vier Evangelisten berichten, dass einige wenige mitgebrachte Brote und Fische durch die Reihen der Nachfolger Jesu gereicht werden und dabei auf wundersame Weise das ganze Volk sättigen.

Der „moderne“ Prediger behauptet dagegen, in Wahrheit wäre das Wunder gewesen, dass alle ihren mitgebrachten Proviant hervorgeholt und miteinander geteilt hätten – ein Wunder des Teilens, des Miteinander, der sozialen Verantwortung füreinander sei es also in Wahrheit gewesen. Und das wäre es, wozu wir heute gerufen seien: unseren Besitz großzügig zu teilen, unsere Engstirnigkeiten und Vorbehalte gegenüber dem Anderen abzubauen und uns in Liebe bei den Händen zu nehmen. Sehr plakativ passt das zu dem in einer Messe folgenden Friedensgruß: „Und nun gebt euch ein Zeichen des Friedens“...

Eisegese statt Exegese

Es ist aber klar, dass dem Text hierbei Gewalt angetan wird: in den Berichten der Evangelien lässt Jesus von den Jüngern erforschen, was überhaupt an Lebensmitteln vorhanden ist. Er selbst ist es dann, der die geringe Menge von Broten und Fischen an die Menschen austeilt und ihnen davon gibt, so viel sie wollen. Es bleiben hinterher sogar noch körbeweise Reste vom Mahl übrig. Der ganze Bericht steht somit in direktem Widerspruch dazu, dass die Menge sich „in Wahrheit“ von mitgebrachten Vorräten gesättigt haben soll.

Es ist offensichtlich, dass hier Eisegese statt Exegese betrieben wird: dieses „in Wahrheit“, worauf man den Text zurückführt, sind nur die eigenen, dem Glauben an Jesus Christus und das offenbarte Wort Gottes augenscheinlich übergeordnete Glaubensüberzeugungen, wie etwa das naturalistische Vorurteil, es könne keine Wunder geben. Die Evangelisten, die doch beteuern, alles genau so zu berichten, wie es sich zugetragen hat, müssen sich vom modernen Theologen belehren lassen, dass es eigentlich ganz anders war.

Warum machen Pfarrer so etwas?

Warum lassen sich sogar Geistliche zu solchen naturalistischen Eisegesen hinreißen? Wir hören dergleichen oft von in die Jahren gekommenen Predigern, die meinen, mit solchen Predigten „die Jugend“ ansprechen zu wollen – und dies sicher in der guten Absicht, die Menschen da draußen „dort abzuholen, wo sie stehen“, das zu betonen, was den Hörern wichtig ist und der Predigt gleichsam die Volte zu geben: „Seht ihr: was ihr wollt und was euch wichtig ist, das will Jesus auch! Kommt also doch ruhig öfter wieder in die Kirche! Sie will das gleiche wie ihr!“

Sie erinnern sich dabei an die Jugendlichen aus ihrer eigenen Jugend – da gab es die Studentenbewegung und die Achtundsechziger, einen gärigen Haufen, der lateinamerikanische Guerilleros als Helden bewunderte, zum Entsetzen ihrer Eltern Marx, Lenin und Mao las, dem „Kapital“ den Kampf ansagte und einem naiven Fortschrittsglauben huldigte, wonach Religion durch den Siegeszug von Wissenschaft, Technik und Rationalismus auf lange Sicht sowieso zum Aussterben verurteilt sei: „Opium für das Volk“ eben, schöne Geschichten, die man sich früher erzählte und von denen für moderne Menschen nur die Lehre bliebe, dass man halt nett zueinander sein solle.

Das Streben nach sozialer Gerechtigkeit schien tatsächlich der einzige gemeinsame Nenner zu sein, den Christen mit dieser Generation noch hatten. Dass diese ganze Bewegung sich längst totgelaufen hat, ist an diesen Predigern vorbeigegangen. Sie wollen Leute ansprechen, von denen sich nur in ihrer eigenen Alterskohorte noch Spuren finden – und die sie in einer donquijotesken Tragik für „die Leute da draußen“ halten.

Verheutigung oder Anbiederung?

Als 1962 das II. Vatikanische Konzil einberufen wurde, herrschte eine andere Stimmung im Lande. Eine Absicht des Konzils war das aggiornamento (ital. „Verheutigung“): die Botschaft des Glaubens in einer Zeit besser verständlich zu machen, die sich grundlegend gewandelt hatte und die auf Ziele zuzusteuern schien, von denen frühere Generationen sich keine Vorstellung gemacht hatten. Die Angst lag in der Luft, dass die Religion von diesen Entwicklungen komplett überrannt würde, und man nun zu retten habe, was noch zu retten sei an der christlichen Botschaft.

Man hat es damals übertrieben mit dieser Verheutigung, und manche übertreiben es immer noch: Priester, die ihre Predigt in Form eines Sprechgesangs („Rap“) halten oder im Introitus mit dem Skateboard in den Gottesdienst einziehen, sind bemitleidenswerte Figuren in einem traurigen Anbiederungsversuch an Menschen, von denen sie ein ganz falsches Bild haben. Wenn die Botschaft nur noch ist: „Ich bin wie ihr, also lass uns gemeinsam Kirche leben“, dann ist die Antwort der so Umworbenen: Wenn du wie wir bist, dann brauchen wir dich nicht – unser Leben können wir auch ohne dich führen! Und was Sprechgesänge und Skateboardfahren angeht, halten wir uns lieber an die Originale, die das viel besser können als ein Priester.

Verheutigung kann eben nicht heißen, selbst weltförmig zu werden. „Nolite conformari huic saeculo – macht euch nicht dieser Welt gemein“, mahnte schon der hl. Paulus (Röm 12,2). Wenn das Salz schal wird, taugt es nicht mehr!

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Mittlerweile ist der überschwängliche Fortschrittsoptimismus jener Zeit längst verflogen: wir haben registriert, dass es im Leben der Menschen – bei allen technischen und sozialen Veränderungen – fundamentale anthropologische Konstanten gibt, an denen man nicht vorbeikommt, ganz egal, wie man die Gesellschaft gestaltet. Der Blick geht wieder auf das Gleichbleibende in allem Wandel. Damit wird das Lähmende einer bloß diesseitigen Weltsicht offenbarer, das öde „Kreuz der Alltäglichkeit“ – ein Blick, unter dem alles einerlei ist und letztlich alles sinnlos wird.

Das aus der Welt hinausweisende Wunder

Im Kontrast hierzu gewinnt die Botschaft authentisch religiöser Menschen vergangener Zeiten an Interesse, die etwas pflegten, was in den rein irdischen Abläufen unsere Lebens gerade nicht restlos aufgeht. Nicht nur der Todesmut der Märtyrer beeindruckt durch seine bedingungslose Weigerung, einer gottlosen Welt zu dienen, sondern auch die Bereitschaft zum Opfer, zur Treue und zum Dienst an Gott, die nonchalant die Angebote und Verlockungen der Welt ausschlägt, eine Rolle in ihr zu spielen (beispielsweise die Einflüsterung der sogenannten „Selbstverwirklichung“, doch bloß nicht sein Potential zu verschwenden, sondern es voll auszuleben). Was diese Menschen zu ihrem lässigen Nein zur Welt bewegte, muss eine besondere Kraft haben – eine Kraft, die uns diese Welt nicht geben kann.

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Und damit sind wir wieder beim Wunder. Schon von seinem Begriff her ist das Wunder etwas, das aus der gewöhnlichen Ordnung der Dinge ausbricht. Die Abfolgeregelmäßigkeiten, die wir in der Welt beobachten, werden im Wunder durchbrochen. Wie der Religionsphilosoph Daniel von Wachter in einem schönen Vortrag an der ETH Zürich erklärte, bleibt die Welt auch bei wachsender naturwissenschaftlicher Erkenntnis offen für Wunder. Wunder können nicht kategorisch ausgeschlossen werden, nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Aber dass das Wunder aus dem Gewohnten hinausweist, in dem wir uns doch so schön eingerichtet haben, macht es spektakulär und reizt unsere Neugierde.

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Die Evangelien berichten, dass große Volksmengen von Jesu Wunderheilungen angelockt waren und ihm folgten – manche wohl, weil sie sich Heilung von Krankheiten erhofften, aber sicher auch viele, die einfach bei etwas Außergewöhnlichem dabei sein wollten. Aber Sensationslust und reine Neugierde entfachen nur Strohfeuer: Wer von den vielen, die Zeugen seiner Wunder wurden, hielt ihm die Treue, als es darauf ankam? Es liegt sicher eine Gefahr darin, dass der Glaube an Wunder zu einer bloßen Sensationslust ausarten kann.

Es kommt beim Wunder also nicht so sehr auf den Regelbruch an sich an, der es wesenhaft ausmacht, sondern auf das, worauf es verweist: auf Gott, der das Universum erschaffen hat, aber selbst über den Gesetzen steht, die er seiner Schöpfung eingeprägt hat. Das ist die eigentliche Quelle ihrer Faszination.

Die Auferstehung – das größte aller Wunder

Die Wunderberichte gerade der Synoptiker, die den modernen Entmythologisierern so peinlich sind, zeigen die Göttlichkeit Jesu, seine Macht über die Elemente, über Leben und Tod, über die ganze Welt, die ja durch ihn geschaffen wurde (Joh 1,3). Bei ihm „ist nichts unmöglich“ (Lk 1,37). Jesus heilt Kranke, speist Hungernde, gebietet dem Sturm, erweckt Tote auf.

Das gewaltige Crescendo dieser Wundertaten findet seinen vorläufigen Höhepunkt in der spektakulären Auferweckung des Lazarus – in einer dramatischen Wendung lässt Jesus danach seine göttliche Macht vollkommen verstummen, um sich aus freien Stücken dem Leiden und dem Tod zu unterwerfen. Aber der schmachvolle Kreuzestod wird schließlich durch das größte aller Wunder aufgehoben: seine leiblichen Auferstehung – das Fundament unseres Glaubens.

Wäre Jesus nämlich nicht auferstanden, wäre, wie der hl. Paulus an die Gemeinde in Korinth schrieb (1. Kor 15,14-19),

  1. die Predigt der Apostel sinnlos, und
  2. unser Glaube sinnlos.
  3. Das Neue Testament würde falsche Lehren über Gott und die Auferweckung der Toten verbreiten,
  4. unser Glaube hätte keinen Nutzen für uns und andere, und
  5. wir würden immer noch unter der Herrschaft der Sünde stehen.
  6. Die in Christus Entschlafenen wären verloren.
  7. Und wenn wir nur für dieses Leben allein auf Christus hoffen würden, wären wir die bemitleidenswertesten aller Menschen.

Bemitleidenswerteste Menschen, die mit der Gemeinde im Gottesdienst das Credo („...am dritten Tage auferstanden von den Toten“) nur noch mit den Lippen mitsprechen können!

Wer die Wunder aus dem Evangelium wegredet, wird konsequenterweise schließlich auch die Auferstehung wegreden. Denn die Auferstehung, „das Zeichen des Jona“ (Mt 12,39), ist das Wunder, in dessen Licht alle anderen biblischen Wunder erstrahlen.

Im Zentrum des Glaubens: Christus, der Gottmensch, Herr der Welt und aller Zeiten

Will man aber von der Auferstehung des Fleisches nichts mehr wissen, ist der Weg endgültig frei, um sich einen Christus nach eigenem Bilde zu formen und die eigenen Ideale in die ihres Wesenskerns beraubte Glaubenslehre hineinzuprojizieren.

Als typisches Beispiel sei der Schriftsteller Heinrich Heine genannt, der Jesus als „jenen schönen Jüngling“ pries, „der, obgleich er ein sterbender Gott war, dennoch die Welt mit unendlicher Liebe umfasste und unter den Palmen Palästinas wandelte, um seinen Brüdern das Evangelium der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit zu verkünden“. Hier fällt zweierlei auf: die bewusste Nicht-Erwähnung der Auferstehung – Jesus ist bloß ein „sterbender Gott“ (wobei selbst seine Gottheit hier vermutlich nur in einem sehr abstrakten, unpersönlichen Sinn gemeint ist) – und die völlige Gleichsetzung des Evangeliums mit den Idealen der französischen Revolutionäre. So bleibt ein nach eigenen Bedürfnissen geformter Jesus – ein durch und durch humaner Mensch, der ansonsten rein zufällig genau für diejenigen moralischen Ideale stand, die auch Heine persönlich am besten gefielen.

Im Zentrum unseres Glaubens steht aber nicht irgendein mehr oder weniger selbstverständlicher moralischer Leitsatz, wie dass es schön wäre, wenn Menschen brüderlich teilen – sondern Christus, der Gottmensch, das Alpha und Omega, Herr der Welt und aller Zeiten, der in strahlendem Glanz „alles neu macht“ (Offb 21,5) und dessen neue Schöpfung mit der Bildung seines Auferstehungsleibs bereits begonnen hat. Durch seine Auferstehung strahlt die Herrlichkeit des Himmels in diese Welt – das ist das zentrale „Geheimnis des Glaubens“, wie es der Messritus in der Akklamation uns ausbuchstabiert: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit.“

Von diesem Geheimnis her die Wunderberichte des Evangeliums zu lesen, macht das Wort Gottes wahrhaft zur Seelennahrung in einer Welt, in der überall die geistlichen Wüsten wachsen.

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