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Aufbruch in den Postliberalismus I

Das falsche Menschenbild des Liberalismus

Erik Ritter von Kuehnelt-Leddihn war ein Mann, der Dichotomien liebte: Rechts oder Links, Freiheit oder Gleichheit, Individuum oder Kollektiv. In den Zeiten des Kalten Krieges mit seinem Systemkonflikt zwischen Ost und West war diese Sichtweise unmittelbar plausibel. Für viele – wenn auch nicht alle – Christen war es glasklar, dass man angesichts des atheistischen Kommunismus nur westlich-liberal und kapitalistisch sein konnte, letzteres umso mehr in seiner modifizierten Form als neoliberales Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhards – in Abgrenzung von deren späteren wohlfahrtsstaatlichen Deformationen.

Dennoch: Das Denken in der Dichotomie des Entweder-Oder birgt immer die Gefahr einer Einseitigkeit, wie sie zu allen Zeiten Häresien Tür und Tor geöffnet hat. Insbesondere der katholische Glaube ist geradezu berüchtigt für sein ebenso mutiges wie entschiedenes Sowohl-als-Auch; sei es im Bekenntnis zu Jesus Christus als wahrem Gott und wahrem Mensch, zu Maria als Gottesmutter und allzeitiger Jungfrau oder zur Heilsrelevanz von Gnade und Werken. Dieses entschiedene Sowohl-als-Auch gilt es auch für das Menschenbild aufrechtzuerhalten, wie etwa die Deutsche Bischofskonferenz in ihrem Papier „Chancengerechte Gesellschaft – eine freiheitliche Ordnung“ im Jahr 2011 hervorgehoben hat, auch wenn dieses Sowohl-als-Auch dort nicht konsequent zu Ende gedacht wurde. 

Der Mensch besitzt eine Individual- und eine Sozialnatur

Was hat es mit diesem anthropologischen Sowohl-als-Auch auf sich? Kurz: Der Mensch ist weder Kollektiv noch atomistisches Individuum, sondern Person, nicht im Sinne einer rechtlichen persona, sondern als ein Wesen, das gleichzeitig eine Individual- und eine Sozialnatur besitzt. Es geht also nicht um eine Dichotomie, sondern um eine Polarität. 

Klassische Linke lösen diese Polarität einseitig zur Sozialnatur auf und reduzieren den Menschen auf ein Produkt sozialer Einflüsse. Die Folge: Durch die Manipulation der sozialen Einflüsse kann der Mensch nach Belieben geformt werden: Social engineering im Geiste des technokratischen Paradigmas. Eigenverantwortung und folglich auch Freiheit des Menschen sind hier letztlich nur eine Illusion. Insofern die der Manipulation offenen sozialen Einflüsse etwa auch genetischer Natur sein können, zeigt sich die Anschlussfähigkeit dieses Denkens selbst für biologistische und rassistische Denkweisen. So waren für Kuehnelt-Leddihn folgerichtig auch die Nationalsozialisten eigentlich Linke.

Auf der anderen Seite kann die Polarität von Individual- und Sozialwesen aber natürlich auch einseitig zum Individuum hin aufgelöst werden. Just dies ist das Problem des Liberalismus mit seiner individualistischen Anthropologie.

Hier ist der Mensch zunächst Individuum, das erst in zweiter Linie aus Nützlichkeitserwägungen oder aufgrund von Sympathie in soziale Beziehungen eintritt, diesen gegenüber aber stets souverän bleibt. Dieses Menschenbild liegt etwa den Gesellschaftsvertragstheorien von Thomas Hobbes und John Locke zugrunde. Der Prototyp dieses Menschenbildes ist ein gesunder, mindestens durchschnittlich begabter junger bis maximal mittelalter Mann mit gutem Einkommen und/oder Vermögen, der seine privaten wie beruflichen Beziehungen frei wählt. 

Wo liberale Denker irren

Kinder, Ältere, Behinderte, aber auch Frauen oder sozial Benachteiligte entsprechen dieser Norm nur annäherungsweise, wobei es das Verdienst von Antibabypille, Abtreibung und Ganztagskrippe ist, zumindest Frauen der Normerfüllung etwas näherzubringen, wodurch sie dann zu „richtigen“, das heißt selbstbestimmten Menschen werden können. Es ist just dieses Menschenbild, das kürzlich Frauke Brosius-Gersdorf gegenüber der Zeit – an der Realität vorbei – als das Menschenbild des Grundgesetzes dargestellt hat, um die Grundgesetzwidrigkeit des Verbots von Leihmutterschaft zu begründen. 

Natürlich gibt es auch liberale Denker wie Adam Smith, Wilhelm Röpke oder auch Friedrich August von Hayek, welche die Bedeutung der Familie sowie engerer Gemeinschaften betonen. Röpke und Smith lassen diese aber allein im Gefühl bzw. in der Sympathie gründen. Gefühle und Sympathien sind allerdings durch die Erziehung auch stark modifizierbar. So stellt sich die Frage, ob beide hier nicht einfach ihre christlich geprägte Kultur unzulässig generalisiert haben. Aus christlicher bzw. personalistischer Perspektive gründet die Sozialnatur des Menschen jedenfalls nicht allein in Gefühl und Sympathie, sondern in seinem Wesen. Sie ist ontologisch, nicht psychologisch. Derselbe Kritikpunkt gilt auch für Hayek, der die Bedeutung von Familie und anderen Kleingruppen letztlich evolutionspsychologisch zu erklären sucht. 

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Daneben begrenzen die drei genannten Denker die Sozialnatur des Menschen, sofern man bei ihnen überhaupt hiervon sprechen kann, auf sein unmittelbares soziales Umfeld. In der klassischen christlichen Anthropologie heißt Sozialnatur dagegen, dass der Mensch ganz im Sinne des Aristoteles zum wahren Menschsein gerade auch die politische Gemeinschaft braucht, die in christlicher Perspektive dann noch zur Weltkirche hin überschritten wird, ohne dadurch aufgehoben zu werden. Für die Liberalen hat die politische Gemeinschaft dagegen nur einen rein utilitaristischen Wert. Während bei Aristoteles der Mensch politisches Lebewesen ist, weil er Vernunftwesen ist, entspringt bei ihnen das Soziale eher dem Animalisch-Subhumanen. In der klassischen griechischen Antike wurden solche Menschen als idiotes bezeichnet. Das soziale Wesen des Menschen bei diesen Liberalen ist also sowohl in der Tiefe, weil psychologisch statt ontologisch begründet, als auch in der Breite, durch ihre Begrenzung auf die engere Umgebung, lediglich eine verarmte und reduktionistische Sicht dessen, was traditionellerweise Sozialnatur meint.

Warum Abtreibung den Kern unseres Menschenbildes betrifft

Der Prototyp des christlichen, will sagen personalistischen, Menschenbildes ist demgegenüber die Mutter und ihr (ungeborenes) Kind, symbolisch verdichtet in der als Schwangeren dargestellten „Jungfrau von Guadalupe“, der Schutzpatronin der Lebensrechtsbewegung. Hier haben wir das Bild zweier eindeutig voneinander unterscheidbarer Individuen, die nichtsdestotrotz auf das Innigste miteinander verbunden sind und dies – zumindest für eine gewisse Zeit – untrennbar. Dies ist die Art und Weise, wie alle Menschen in ihr Leben eintreten, in der sie aber ultimativ auch ihr ganzes Leben über verbleiben: in Eigenstand bei gleichzeitig fortbestehender, sich dabei aber fortgesetzt graduell verändernder Abhängigkeit von anderen. 

Gnadenbild Jungfrau von Guadalupe

Bei den meisten Menschen nimmt diese Abhängigkeit im Laufe der Zeit zunächst immer mehr ab, ohne je völlig zu verschwinden, ehe sich der Prozess umkehrt und die Abhängigkeit wieder zunimmt. Das Entscheidende: Beziehung ist dabei nichts, wozu wir uns erst bewusst entscheiden müssten, sondern worin wir uns immer schon vorfinden. Mehr noch: Sie ist nicht nur eine Frage der Nützlichkeit oder der Sympathie, sondern konstitutiv für das Leben selbst.

Der Streitfall Abtreibung ist daher kein Nebenkriegsschauplatz der Culture Wars, sondern betrifft den Kern unseres Menschenbildes. In dem Moment, in dem man diese Frage unter dem Gesichtspunkt zweier prinzipiell einander unabhängig gegenüber tretender Subjekte konkurrierender Rechte – hier das Lebensrecht des Ungeborenen, dort das Recht der Frau auf körperliche Unversehrtheit – betrachtet, geht man von liberalen Prämissen aus, in denen die Vorstellung des Ungeborenen als eines illegitimen Eindringlings bereits seine Ungeheuerlichkeit eingebüßt hat und als prinzipiell denkbare, wenn auch wohl letztlich schlecht begründete Position erscheint. 

Gegen den liberalen Pseudoegalitarismus

Mehr noch: Aus zwei Gründen macht das liberal-individualistische Menschenbild von vornherein geneigt, in der als „Interessenkonflikt“ geframten Situation die Partei der stärkeren Seite zu ergreifen: zum einen, weil sie mehr seiner Norm des Menschseins entspricht; zum anderen, weil der Selbstbestimmung in ihm eine so zentrale Bedeutung zukommt. Dem Ungeborenen das volle Menschsein abzusprechen, ist nicht etwa notwendig böswillig, sondern folgt einfach der inneren Logik dieses – einseitigen – Menschenbildes. 

Ausgehend von einem Menschenbild nach dem Mutter-Kind-Paradigma kann man dagegen gar nicht anders, als den Angriff auf einen von beiden als einen Angriff auf uns alle aufzufassen. Die angemessene Antwort auf eine Schwangerschaftskonfliktsituation ist dann nicht mehr ein einseitiges Parteiergreifen für wen auch immer, sondern die unauflösliche Solidarität mit beiden. 

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Übertragen auf andere Bereiche des menschlichen Zusammenlebens bedeutet dies eine Absage an einen liberalen Pseudoegalitarismus, nach dem nominell Gleiche, aber infolge der Umstände stets real Ungleiche, Vertragsverhältnisse eingehen. Wobei die reale Ungleichheit oft ein Machtungleichgewicht – sei es in materieller, sozialer, intellektueller, emotionaler Hinsicht oder einer Kombination dieser Aspekte – bedeutet, das es einer Vertragspartei erlaubt, die Vertragsbedingungen weitgehend einseitig zu diktieren. 

Stattdessen wird der Blick frei für die Realität hierarchischer Beziehungen, die aus dieser Perspektive immer eine einseitige Verantwortung und Fürsorgepflicht beinhalten und dies in Analogie zur Mutter-Kind-Beziehung mit der subsidiären Zielsetzung, den anderen in die Freiheit und das Leben zu entlassen.

Es ist nicht alles schlecht am Liberalismus

Solche hierarchischen Beziehungen ziehen sich durch alle sozialen Realitäten. Wir finden sie nicht nur im Verhältnis von Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern sowie Ausbildern und Auszubildenden, sondern auch zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, Arbeitgebern und Arbeitnehmern – wer gibt, ist hierarchisch dem übergeordnet, der nimmt – Klerus und Laien, Arzt und Patient, Pfleger und zu Pflegendem, Anwalt und Klient, ja selbst Produzent und Konsument, insofern ersterer unweigerlich einen Wissens- und damit Machtvorsprung hinsichtlich der Produktqualität hat.

Das Problem des Liberalismus – wie das der Linken – ist also ein reduktionistisches Menschenbild. Für ihn gibt es einmal die Individuen, die ihr Leben selbstbestimmt führen und zueinander in vertraglich geregelte Beziehungen treten, und zum anderen den Staat, der mit seinem Gewaltmonopol die Einhaltung besagter Verträge überwacht und garantiert. Infolgedessen ist der Liberalismus auch nicht gegen den absoluten Staat gerichtet, sondern im Gegenteil dessen Wegbereiter, insofern er sich fast immer gegen jene Gruppierungen und Gemeinschaften gewendet hat, die – selbst nicht auf Vertragsverhältnisse reduzierbar – zwischen zentralisiertem Staat und Individuum vermitteln und dadurch auch letzteres gegen den totalen Durchgriff des ersteren schützen. So war nicht nur in Deutschland die Verstaatlichung der Ehe sowie des Bildungswesens gerade das Werk von Liberalen. 

Das soll nun natürlich nicht heißen, dass der Liberalismus nicht auch berechtigte Anliegen formuliert bzw. vertritt. Der Fehler beginnt jedoch da, wo man diese Anliegen als das exklusive Besitztum des Liberalismus betrachtet und dabei übersieht, wie der Liberalismus ausgehend von seinem einseitigen Menschenbild selbst diese noch verdreht hat.

Tatsächlich ist dies eine der zentralen Fragestellungen des postliberalen Diskurses im angelsächsischen Raum, der sich in seinen intellektuell anspruchsvolleren Variationen – zu denken ist hier etwa an John Milbank, Adrian Pabst oder Edward Feser – nicht auf einen plumpen, sprich: kollektivistischen, Antiliberalismus reduzieren lässt, sondern darauf zielt, das, was am Liberalismus tatsächlich bewahrenswert ist, auf solidere weltanschauliche Grundlagen zu stellen, etwa wenn – wie in einem nächsten Beitrag noch näher erläutert – erwogen wird, die soziale Marktwirtschaft zu einer zivilen, will sagen bürgerschaftlichen, Marktwirtschaft weiterzuentwickeln. In Deutschland steckt dieser Diskurs noch in den Kinderschuhen. Es ist an der Zeit, das zu ändern.

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