Im Auge des Sturms
Vorbemerkungen haben derzeit Hochkonjunktur. Fernsehbeiträge von Kabarettisten, die noch vor zwanzig Jahren als harmlose bis krachlederne Unterhaltung galten, werden heute mit einer Hilfe zur Einordnung versehen, wie es heißt. Man weist vor der Ausstrahlung älterer Sendungen darauf hin, dass sie Passagen enthalten, „die heute als diskriminierend betrachtet werden“.
Auch das, was weiland noch grimmepreiswürdig erschien, unterliegt in unseren Tagen einer neuen Empfindlichkeit. Der Grund: Die Welt hat sich weiterbewegt, und sie hat sich geändert. Die Lebenseinstellungen haben sich gewandelt. Der Humor ist ein anderer. Und vor allem: Die Grenze für den Sachverhalt der Diskriminierung hat sich verschoben. Niemand ist davor sicher, kein Otto Walkes, kein Harald Schmidt und auch keine Rede bei der Karnevalsfeier der katholischen Frauengemeinschaft.
Ich möchte mich deswegen in aller Form in den neuen Comment einreihen und diese Kolumne mit einem Warnhinweis versehen. In diesem Falle allerdings weniger, um Vergangenes durch Einordnungshinweise vor dem Verschweigen zu retten, als vielmehr um zeitgenössische Empfindsamkeit zu beruhigen und noch vor dem ersten empörten Atemholen vor dem Hyperventilieren zu bewahren.
Eine Vorbemerkung
Der Warnhinweis lautet: „Ich weise darauf hin, dass es sich in der Folge um die Beschreibung einer Analogie zwischen zwei Personengruppen handelt, deren Ähnlichkeit rein zufällig ist. Implikationen aufgrund der Analogie werden dem geneigten Leser selbst überlassen.“
Um was geht es? Es geht um einen Befund, der am vergangenen Mittwoch Furore gemacht hat. Da hat sich doch ein Kommunalpolitiker aus Sachsen-Anhalt, genauer Herr Bernd Prange, seit 34 Jahren Mitglied der CDU und seit 32 Jahren Bürgermeister der Gemeinde Altmärkische Höhe, entschieden, der AfD 10.000 Euro zu spenden und die Partei zusätzlich bei der anstehenden Landtagswahl durch sein Kreuzchen zu unterstützen, ohne indes seine Partei zu verlassen.
In dem erwartbaren Shitstorm ging daraufhin ein wenig unter, welches Motiv der rebellische Kommunalpolitiker dabei gehabt hatte. Er versteht sich nämlich mitnichten als ein Parteigänger der AfD, sondern wollte durch seine ungewöhnliche Aktion zum Ausdruck bringen, dass er keineswegs seiner Partei abspenstig gemacht worden war, sondern dass er – ganz im Gegenteil – durch die Spende an den Herausforderer und durch dessen Wahl den Markenkern seiner eigenen Partei auf eine antizyklische Weise betonen wollte.
Denn deren Inhalte sieht er eher bei der Konkurrenz vertreten als in den eigenen Reihen. Nicht er habe seine Meinung als CDU-Mitglied geändert, sondern die Partei habe ihren Platz verlassen und sei in linkes Fahrwasser geraten. So sehe er, der treue Parteisoldat, sich gezwungen, dem Marschbefehl aus Berlin nicht zu folgen und zu bekunden, dass die klassischen Werte der Partei von ihr selbst verraten werden.
Seinen Kritikern sagt er, nicht er habe die Ideale der Partei verloren, sondern die CDU selbst sei unter anderem durch Kanzler Friedrich Merz auf „Linkskurs“ geraten, weshalb sie, deren Gründungsgedanken er nach wie vor unterstütze, nicht mehr seine Heimat sei.
Die innere Ruhe des Konflikts
Abgesehen von der Frage, ob dies die einzigen Motive des Paukenschlags für die Union waren – auf der Höhe des sachsen-anhaltinischen Wahlkampfs spricht die ungewöhnliche Aktion des Bernd Prange vielen CDU-Emigranten der letzten Jahre aus der Seele und wirkt wie das Auge des Sturms. Umgeben von den heftigsten Winden – so sagen die Meteorologen – befindet sich die eigentliche Kraft in der Ruhe des Zentrums des Geschehens. Während außen das Chaos tobt, leistet sich die Quelle des Sturms Windstille.
Das Auge des Sturms ist deswegen nicht zufällig die oft gewählte Metapher für die innere Ruhe eines Konfliktes, die für die Sicherheit einer Entscheidung steht, unabhängig davon, was in der Umgebung abgeht. Dennoch ist diese Ruhe trügerisch, denn sie ist grundsätzlich nur von kurzer Dauer.
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Ob Herr Prange aus der Gemeinde Altmärkische Höhe das Auge des Sturms bleiben wird oder er mitsamt der ruhenden Gewissheit seiner Gewissensentscheidung vom Sturm der Empörung und des innerparteilichen Machtgezänks vernichtet wird, bleibt abzuwarten. Möglicherweise wird aber auch durch die in seiner Überzeugung ruhende Aktion aus dem Sturm ein reinigendes Gewitter.
Man wird sehen. In jedem Fall beabsichtigt der wackere Bürgermeister nicht – so hat er es bereits angekündigt –, seine Partei zu verlassen. Er will sich bei Bedarf rauswerfen lassen. Diese Konsequenz ist schlüssig, denn in ihr liegt die Überzeugung, dass im Falle einer Zwangstrennung zwischen ihm und der CDU die Partei bekunden würde, dass sie aus sich selbst ausgetreten ist.
Ein innerkirchliches Gewitter
Was soeben in Sachsen-Anhalt auf der politischen Bühne offenbar geworden ist, hat sich wenige Wochen zuvor im schweizerischen Ecône in einem innerkirchlichen Gewitter entladen. Und zwar als dort innerhalb der Priesterbruderschaft St. Pius X. vier neue Bischöfe geweiht wurden – buchstäblich inmitten eines schweren Unwetters, das die Weiheliturgie in dem Zelt, in dem sie zelebriert wurde, überschattete.
Abgesehen von der stürmischen Szenerie sind aber noch andere Parallelen frappant: Entgegen der zu erwartenden Haltung des Gehorsams gegenüber Papst und Kirche, gingen die Piusbrüder den Weg einer im ersten Moment selbstzerstörerisch wirkenden Aktion. Durch die Bischofsweihen sollten die weihenden und die neugeweihten Bischöfe automatisch exkommuniziert und damit aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen werden. So wurde es aus Rom angekündigt. Die Bruderschaft aber sagte: Nein, die Kirche hat den Kurs geändert. Sie fährt seit den 1960er Jahren mit dem Rückenwind des Zeitgeistes und verabschiedet sich – verursacht durch die verschiedensten Funktionsträger – in den unterschiedlichsten Bereichen vom überlieferten Kurs und damit von dem Erbe, das sie empfangen hat.
Die Piusbrüder – so sagen sie von sich selbst – sind nicht gewillt, den Laden zu verlassen, sondern sie wollen ganz im Gegenteil den Laden dadurch zusammenhalten, dass sie auf spektakuläre Weise den Makel des Ungehorsams annehmen und den Kurs nicht ändern – zur Not im Rettungsboot ihrer Notgemeinschaft, wie sie es nennen.
Ein Signal der Entfremdung zwischen Tradition und Wirklichkeit
Auf diese Weise sollen die „Abtrünnigen“ im Beiboot wenigstens das Ziel nicht aus den Augen verlieren und die Mannschaft auf dem großen Dampfer mit der Zeit erkennen, dass sie das Steuer herumwerfen muss, damit die Entfremdung und Entfernung derer, die der Kirche treu sein wollen, ein Ende hat. Man will eigentlich nicht ins Beiboot, sondern man will an Deck des Dampfers ein Korrektiv sein. Aus diesem Grund akzeptieren die Bischöfe der Bruderschaft die Gültigkeit ihrer Exkommunikation nicht: Sie sehen in ihr allenfalls etwas Formalistisches und deswegen geistlich Wirkungsloses.
Ähnlich wie Herr Prange aus der Altmärkischen Höhe empfinden viele Traditionalisten den neu kodifizierten Rausschmiss als ungerecht und im Kern sogar als unmöglich, denn man sieht sich als vollumfänglich institutionstreu. Der Rauswurf sei hüben wie drüben nichts anderes als ein Signal der Entfremdung zwischen der Tradition und der Wirklichkeit. Die Erde bewegt sich, nicht die Sonne.
Überträgt man diesen kosmologischen Befund, kann man sagen: Die CDU-Werte prangen am Parteihimmel, aber die Parteigänger wollen sich nicht länger von ihnen bescheinen lassen, sondern priorisieren die automatische Drehrichtung, auch wenn das in die Nacht führt.
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Und was die katholische Kirche betrifft: Deren Wahrheit leuchtet ebenfalls in der Tradition der Jahrhunderte, aber das Schifflein Petri will die Fahrtrichtung nicht mehr so ganz nach ihr ausrichten. Auch dort ist die Sonne weniger wichtig als das Fahrwasser.
Hier liegen der Parteirebell der CDU mit seinen Sympathisanten und die Piusbrüder mit ihren Tradis auf einer Linie. Die Welt und die Kirche bewegen sich seit geraumer Zeit mit der Erddrehung. Die Bewahrer behalten indes die Sonne im Blick. Ohne Frage hinkt dieser Vergleich, aber er macht dennoch deutlich, woran unsere Zeit krankt. Es ist die unausgesprochene Anpassung von Gesellschaft und Kirche an die Weltverhältnisse. Diese Anpassung macht es allen schwer, die statt gegenwartsaffiner Ideologien (Erde) den zeitüberhobenen Gültigkeitsrahmen ihrer Sendung (Sonne) im Auge haben.
Treue zur Gründungsidee
Natürlich ist die Kirche keine Partei. Aber sie trägt sogar mehr noch als eine Partei die Verantwortung für die Treue zu ihrer Gründungsidee – um es einmal metaphorisch zu sagen. Ob innerhalb dieses Konfliktes nun die Entladung von Rausschmiss-Fantasien aller Art die rechte Reaktion ist oder ob eher ein Innehalten und Nachdenken über die Fehler angebracht ist, die gemacht worden sind und am Ende den Griff zur Notbremse verursacht haben, überlasse ich jetzt dem geneigten Leser in seiner Meinungsfindung.
In jedem Fall ist eines sicher: Das triumphale Vernichtungsgeheul, das die diversen Exkommunikationen in Politik und Kirche derzeit begleitet, kann über eines nicht hinwegtäuschen, nämlich dass die Befriedung eines Konflikts nicht dadurch bewerkstelligt wird, dass die Mächtigen die Kritischen niedermachen.
So hat es schon mit Galileo Galilei nicht funktioniert, dessen heliozentrische Erkenntnisse sich durch kurzsichtige Bannstrahlen nicht verstecken ließen. „Und sie bewegt sich doch!“ soll er still gemurmelt haben, nachdem ihn 1633 das Inquisitionsgericht zum Widerspruch gezwungen hatte. Ähnlich werden es die Kritiker des Abschieds von Wahrheit und Tradition in Kirche und Gesellschaft sagen, nachdem man sie durch die Mangel der diversen kirchlichen und politischen Ausschlussverfahren gedreht hat.
Wirkungsvoll und klug oder anmaßend?
Allerdings ist deren Befund kein kosmologischer, weswegen sie sich weniger über die von vielen bejubelten veränderten Zeitläufte und Weltbewegungen freuen, sondern es eher bedauern, dass sich vieles leider in die falsche Richtung bewegt.
Natürlich kann man die Erde nicht anhalten, wohl aber die fatale Sucht, sich von ihr willenlos dominieren zu lassen. Ob die Einreden und Protestaktionen wirkungsvoll sind, klug oder anmaßend, ist ein trefflicher Streitgegenstand.
Jedoch über den Zwang, alle Bewegungen mitzumachen, auch wenn sie einen aus der Sonne und in die Nacht tragen, über die Gründe und die Wirkungen dies nicht schweigend hinzunehmen, über die Inquisitionen, Exkommunikationen und Ausschlussverfahren und über diejenigen, die dabei auf der immer richtigen Seite stehen, wird die Geschichte richten. Das, in jedem Fall, ist sicher.
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