Der Rucksack wurde mit jedem Schritt leichter
Vor achtzig Jahren. Es ist Spätsommer 1946. Der Zweite Weltkrieg ist seit anderthalb Jahren in Europa zu Ende. Doch der Krieg nach dem Krieg ist in vollem Gange. Er trifft die Deutschen und die deutschen Minderheiten in Mittel-, Ost- und Südeuropa. Die Reichsdeutschen also und die Volksdeutschen im damaligen Sprachgebrauch. Jeden unterschiedslos, ob er bei Hitler mitgemacht hat oder nicht. Es läuft die sogenannte geordnete Umsiedlung, von den Siegermächten beschlossen auf der Potsdamer Konferenz. Unablässig rollen die Güterzüge, Transport folgt auf Transport.
Im Herbst 1946 sind bereits Hunderttausende Sudetendeutsche aus ihrer angestammten Heimat vertrieben, Zehntausende von tschechischen Revolutionsgarden, Räuberbanden und Partisanen ermordet. Der Todesmarsch der Brünner Deutschen von Ende Mai 1945, die Exzesse von Aussig und die Massaker von Postelberg: Synonyme grausamer tschechischer Rache gegen die deutsche Zivilbevölkerung.
Andere sind an den Folgen der Misshandlungen verstorben, sind verhungert, an nicht behandelten Krankheiten zugrunde gegangen oder wählten den Selbstmord. Das Sudetenland liegt halb entvölkert da. Über die Städte, Dörfer und Siedlungen fallen Plünderer aus dem Landesinneren her und raffen zusammen, was die Rotarmisten übrig gelassen haben.
Sie meinen, sie kommen zurück
Die Bauern von Zuckmantel am Fuße der Bischofskoppe haben gerade die Ernte eingebracht. Dann naht der 1. September. Nun steht auch den letzten verbliebenen Einwohnern der Kleinstadt in Sudetenschlesien die Deportation bevor. Sie müssen ihre Häuser verlassen, die gepflegten Gehöfte aufgeben und die Felder, die oft schon von ihren Urahnen bestellt worden waren. Viele schließen sorgsam die Fenster, drehen ein letztes Mal den Schlüssel im Haustürschloss um, lassen ihn stecken, so, wie es bei schwerer Strafe angeordnet ist. Was wird morgen sein? Der Rausch wird sich doch legen, Vernunft und Menschlichkeit Oberhand gewinnen? Dass sie wiederkehren werden, steht für die Zuckmantler bei aller Ungewissheit außer Frage. Es ist ja ihre Heimat.
Sofie sieht auf dem Hof in der Vorstadt Miserich eilig Schränke und Kammern durch. Packt für ihre drei Kinder und die Schwiegereltern das Allernötigste in einer großen Kiste zusammen. Etwas Kleidung, Bettwäsche, Proviant für mehrere Tage. Lebensmittel sind das Wertvollste in dieser Zeit. Sie schickt den Sohn in den Kartoffelkeller, die Vorräte an eingemachter Marmelade und Saft nach nebenan in die Scheune zu schleppen. Auch ein kleiner Koffer mit Andenken und einem Fotoalbum werden in die Scheune verbracht, dazu die Skier, die sich gut machen für die schneereichen Winter am Querberg.
Die Einweckgläser sollen nicht den Tschechen in die Hände gefallen sein, wenn sie wieder zurückkehren. Seit März des Jahres fahren die neuen alten Herren im Ort mit Lastkraftwagen vor die Häuser. Sie beginnen in der Kernstadt. Bewaffnete Uniformierte zwingen die Deutschen aufzusteigen und schaffen sie unter Schlägen und Schimpfworten hinaus zur MUNA bei Niklasdorf. Über das Sammellager in der ehemaligen Heeres-Munitionsanstalt, einer unterirdischen Waffenschmiede der Wehrmacht mitten im Wald, werden die Tschechen bis 1947 über 52.000 Deutsche aus der Umgebung in Viehwaggons nach Deutschland deportiert haben.
Die 43jährige Sofie holt einen Spaten und beginnt zu graben.
***
Jahrzehnte später. Inzwischen ist ein neues Jahrhundert angebrochen. Wieder wird in der Scheune gegraben. Es ist nicht Oma Sofie. Sie ist früh gestorben, ohne je die Heimat wiedergesehen zu haben. Einer ihrer Enkel ist da und gräbt.
Dieser Enkel bin ich. An meine Oma habe ich keine eigene Erinnerung. Ein Foto zeigt, wie sie mich auf dem Arm hält und still anlächelt. Da bin ich ein Jahr alt.
Vater liegt todkrank. Von den Einweckgläsern hat er nie erzählt. Aber von dem Album. Den Skiern. Und dem Koffer. Birgt das Versteck vielleicht Geheimnisse? Dem Vater eine Überraschung bereiten! Letzte Fragen stellen! Jetzt oder nie!
„Du, André, kannst du mit mir in den Heimatort meines Vaters fahren? Die Lage ist schlimm. Höchste Eisenbahn! Bitte!“ frage ich einen Studienkollegen, der Tschechisch beherrscht. „Freitag fahren wir. Kannst dich drauf verlassen.“
Wir beiden Freunde laufen von der Pension durch das beschauliche Städtchen an den Ausläufern des Altvatergebirges. Freundlicher schlesischer Barock, Kirche und Kapelle mit Zwiebeltürmen. Viel verwaschenes Gelb und Ocker.
Vor dem früheren Gehöft der Großeltern halten wir kurz inne. Es trägt dieselbe Hausnummer wie vor der Vertreibung. Ein zweistöckiger, schlichter Neubau ersetzt das alte Wohnhaus. Aber die schindelgedeckte Scheune steht. Das ist das Wichtigste! „Wir erklären den Leuten, was wir möchten. Mehr als Nein sagen können sie ja nicht.“
Ein Mann öffnet. „Setzt euch doch. Und erzählt!“
Ein Mann öffnet. Hört stumm zu, als wir Fremden uns vorstellen. Ja, aus Deutschland. Der Vater stammt von diesem Hof. Der Alte winkt herein, bittet in die Küche. „Setzt euch doch. Und erzählt!“ Jiří brüht Kaffee auf. Aus dem großen Fenster geht der Blick über die langgestreckten, sonnenbeschienenen Felder, die schon meine Urgroßeltern bebauten, hügelan auf die Bischofskoppe. Hinter dem Gipfel lugt die Spitze der Kaiser-Franz-Joseph-Warte hervor. Bis 1918 hieß der Landstrich diesseits des Berges Österreichisch-Schlesien. Jenseits des Aussichtsturms begann Preußisch-Schlesien.
„Graben wollt ihr in der Scheune? Ježíš Maria! Aber bitte sehr, wo ihr schon mal da seid!“ Jiří schenkt uns Gästen in die Schnapsgläser aus der Halbliterflasche Tuzemák ein und nötigt zum Trinken. Der heimische Rum lockert die Anspannung. Jirka, wie ihn alle nur nennen, ist in der Slowakei geboren, kam mit den Eltern in den Fünfzigern in die Bergarbeiterstadt. Die ehemalige Hofstelle im Miserich war für Siedler billig zu haben. Das schmucke Bauernhaus, in dem mein Vater sein Kinderzimmer hatte, war ausgeplündert und von den Tschechen als Pferdestall benutzt worden. Sie konnten nur abreißen und neu bauen.
Jirka wurde Bergmann, verdiente gut, fuhr ein Auto. Aber die Ehe ging in die Brüche. Die Frau verließ ihn und nahm die Kinder mit nach Jägerndorf im Nachbarlandkreis. Der Alte führt durch das leere, große Haus. Im Wohnzimmer liegen tote Fliegen an der Balkontür. Wir Besucher aus Deutschland sehen in traurige Augen.
Der Tuzemák ist alle. Jirka stellt Spaten bereit. Der Boden in der Scheune ist betoniert, aber rechts hinten liegen nur lockere Brocken. Es ist die Stelle, die mein Vater oft benannt hat. Ich grabe den Boden auf, vorsichtig, tastend. Liegt dort etwas? Das Erdreich ist nicht wirklich fest. André und ich zwinkern uns zu, während der Erdhaufen wächst. Doch nach einer ganzen Weile scheint klar: Hier ist nichts mehr.
Die Nachfrage ist Jirka sichtlich unangenehm. „Es war in den Siebzigern. Auf die Stelle fuhr ein Traktor. Der Beton brach ein. Dann sahen wir nach.“ Und? Der Koffer? Jirkas Erklärungen werden fahrig, er druckst herum. Wir verstehen: Der Koffer ist weg, das Fotoalbum perdu.
„Wir machen trotzdem weiter. Wenn nicht jetzt, dann nie mehr!“ Entschlossen packe ich den Spaten und steige in das Loch. Längst ist die Dämmerung hereingebrochen. Der Mann hat uns eine Lampe gebracht. Ihr warmes Licht erhellt die Schippe um Schippe tiefer werdende Grube. Wir wollen schon fast aufgeben. Da, ein klirrendes Geräusch! „Ich hab was!“ Zum Vorschein kommt ein zerbrochenes Einweckglas. André nimmt von nun an Fund auf Fund entgegen.
Am Ende sind es reichlich über dreißig Einweckgläser. Die meisten sind mit Erde gefüllt, manche mit einer schwach rötlichen Flüssigkeit. Wir finden einige Pflaumenkerne. Verblüffend, wie die locker sitzenden, roten Einkochringe geschmeidig sind und wie neu wirken. Oma Sofie hatte ganz Arbeit geleistet. Das Versteck war gut, beinahe zu gut. Jirka kommt aus dem Haus und betrachtet die Schätze. „Ježíš Maria!“ spricht er gerührt. Nachdenklich stützt er im Stehen den Kopf in die Hand. „Natürlich, ihr dürft alles mitnehmen.“
***
Das ist jetzt auch schon wieder über zwanzig Jahre her.
Es gibt Geschichten, die werden selten erzählt. Weil es kaum Gelegenheit gibt. Weil keiner fragt. Weil sie politisch nicht passen. Weil sie wehtun.
Heute ist es auf den Tag genau 80 Jahre her, dass Vater, Urgroßvater, Oma, Onkel und Tante aus Zuckmantel deportiert wurden. Die Akten im Archiv sind über das Internet frei zugänglich, tschechische Stellen haben alles schön digitalisiert.
Von der eigentlichen Deportation hat Vater nichts erzählt. Nur dass sie zuerst nach Augsburg kamen.
Diese Information deckt sich mit den Akten. Die archivarische Kurzbeschreibung für die Kartothek hält fest: Zeitraum 1946-1947, Inhalt: Listen der Deutschen nach Abschubtransporten. Transport Nr. 32, 3. 9. 1946, 1.200 Personen. Listen der Abgeschobenen nach Waggons (Nr. 1-40), Anzahl der Abgeschobenen nach Gemeinden, Statistik nach Alter; Ziel: An der Grenze offenbar in zwei Teile aufgeteilt: erster Teil – Augsburg, 1.091 Personen, zweiter Teil – Wasserburg, 159 Personen.
Das Verzeichnis für diesen Transport am 3. September 1946 listet für den Ort Zuckmantel 382 Vertriebene auf. Laut Akte deportieren die Tschechen in Viehwagon Nr. 4 sechzehn Deutsche.
Die fünfköpfige Familie Rudolf muss mit zwei anderen Zuckmantlern als „Ersatz“ für andere mit in diesen Wagon; das Nähere gibt die Akte nicht her. Anders als geschrieben, ist meine Tante zu diesem Zeitpunkt noch nicht zwei Jahre alt. Auch der „Transportzettel für Evakuanten“, der für jeden einzelnen Vertriebenen des Jahres 1946 angelegt wurde, enthält diese Ungenauigkeit.
Aus einer anderen Quelle geht hervor, dass der Zug aus der MUNA Niklasdorf mit seinen 40 Wagons erst am 5. September die deutsche Grenze erreichte. Ob alle 1.200 Menschen lebend ankamen, ist aus der Ferne nicht zu ermitteln, aber unwahrscheinlich.
Vater hat viel von seiner Heimat erzählt, besonders, als wir Kinder klein waren. Von stundenlangen Fußwegen, von der harten Feldarbeit, von den Maulwürfen, die die Bauern ausräucherten. Dass man eine tote Katze einfach auf den Misthaufen warf. Dass der Doktor Silbermann ihm das Leben gerettet hat, weil ihm die Bauchschmerzen des Jungen keine Ruhe gaben, er noch mal wiederkam und dann eine Blinddarmentzündung diagnostizierte.
Dass man heilfroh sein konnte, dass die Russen erst nach dem 8. Mai in der Stadt einmarschierten. Dass sie den Zwangsarbeiter Gregor, mit dem sich mein Vater angefreundet hatte, abholten und man nie wieder etwas von ihm hörte. Dass die Russen einen Lehrer erschossen. Dass sein Onkel Josef von den Tschechen in seinem eigenen Haus überfallen, gefoltert und halbtot geschlagen wurde.
Erzähltes und Beschwiegenes
Nur dass der Hitler Oktober ’38 in Kolonne durch die Stadt gefahren kam und sich gefühlt ganz Zuckmantel die Seele aus dem Leib schrie, das wurde nicht erzählt. Das stand auch nicht im Heimatbuch, das musste man erst selbst recherchieren. Als ich mal meinen Onkel, Vaters Bruder, fragte, ob sie denn da auch an die Straße gelaufen und Spalier gestanden hätten – da druckste der in etwa so herum wie Jirka wegen des verschwundenen Koffers.
Es waren Erzählungen, Anekdoten; für Außenstehende nichts Großes, nichts Bedeutendes. Es war auch nicht so, dass jetzt ewig und drei Tage nur immerfort von „der Heimat“ die Rede gewesen wäre. Aber es gehörte selbstverständlich zu den Familienerzählungen dazu. Und eine Stimmung des Verlustes teilte sich schon mit.
Ich weiß noch, wie – und da war ich noch gar nicht so alt – mein Vater mal erzählte, wie er dann am neuen Wohnort in Oberbayern mal ein Mädchen mochte. Die wohnte quer über den Hof gegenüber und mochte ihn wohl auch. Aber deren Eltern verboten dann ihrer Tochter strickt jeglichen Kontakt, weil mein Vater ein „dahergelaufener Flüchtling“ sei. Das habe ich schon als Kind nicht verstanden, denn ich kannte doch meinen Opa und Tante und Onkel und alle Verwandten: Es waren doch Deutsche so wie alle.
Wann beginnt die Geschichte?
Als unser Pfarrer in Hamburg in der Predigt zum 50. Jahrestag des Kriegsendes den 8. Mai einen „Tag der Befreiung“ nannte, war mein Vater dem Pfarrer richtiggehend böse. Seine eigene Lebenserfahrung war eine ganz andere. Und im Zuge der Debatte um die Deutsch-Tschechische Erklärung, die dann Anfang 1997 noch von Bundeskanzler Kohl in Prag unterzeichnet wurde, hat Vater sich furchtbar aufgeregt darüber, dass die Tschechen die Geschichte „immer erst 1938 beginnen lassen“. Denn ohne die tschechische gewaltsame Besetzung des rein deutsch besiedelten Sudetenlandes 1918 und ohne die tödlichen Schüsse des tschechischen Militärs vom 4. März 1919 auf Deutsche, die für ihr Selbstbestimmungsrecht demonstrierten, wäre es nicht zu München 1938 gekommen. Ich glaube, diese Sicht war im Großen und Ganzen Familienkonsens.
An jenem Faschingsdienstag feuerte im mährischen Sternberg tschechische Polizei mit Maschinengewehren in die Menge. Allein dort starben mehr als fünfzehn Menschen, an die dreißig wurden schwer verletzt. Oma Sofie stammte aus einem Dorf gar nicht einmal weit von Sternberg entfernt. Gut möglich, dass die Kunde von der Gewalt auch an das Ohr des damals 15jährigen Mädchens drang und Einstellungen prägte.
***
Die Geschichte mit Zuckmantel, das war so etwa wie: Du kannst das doch nicht ignorieren, diesen Vertreibungshintergrund. Du musst doch wissen, woher du kommst. Aber auch: Du willst doch wissen, wie es dort weitergegangen ist. Was da heute für Leute leben. Und so etwas wie: Du willst doch eben nach dem Rechten sehen, ob die Scheune noch steht. Zum ersten Mal hingefahren bin ich Mitte der Neunziger.
Von der Bahnstation führt der langgezogene Weg sanft abfallend direkt auf die Pfarrkirche zu, das verschneite Städtchen lag da, wie ich es von dem Panoramabild kenne, mit dem ich aufgewachsen bin, weil es im Esszimmer der Wohnung hing. Nur die Bischofskoppe ist bei weitem nicht so steil, wie es der Künstler zeigt. Aber dieses mythische Paradies – das gibt es wirklich.
Es gibt es, und es gibt es nicht. Es ist komisch, aber sich Widersprechendes kann zugleich und ineinander verwoben existieren.
Die ersten Male fühlte ich mich furchtbar fremd. Ich schlich durch die Straßen und fühlte mich verloren. Erst mit der Zeit konnte ich mir klarmachen, dass das ja auch kein Wunder ist. Denn es ist ja nicht meine Heimat. Und dann war da dieser unterdrückte Groll gegen „die Tschechen“, der sich in die Neugier mischte.
Jahrzehnte nach dem Krieg geboren, war ich jung genug, nichts selbst erlebt zu haben, und alt genug, um noch genug aufgeschnappt zu haben. Alles hatten sie uns weggenommen und dann die blühende Stadt heruntergewirtschaftet. Aus der Wohnstube von Oma und Opa einen Stall gemacht. Und uns mit Schimpf und Schande rausgeschmissen. Die Stadt in Zlaté Hory umbenannt, „Goldene Berge“.
Das war so ein unsichtbarer Rucksack, den ich mitschleppte. Der war anfangs ganz schön schwer.
***
Alles beginnt mit einer Begegnung.
Jirka hat die Tür geöffnet. Mit Jirkas offener Tür begann eine Wende. Im Laufe von über dreißig Jahren war ich nun an die zehn Mal in Zuckmantel. In verschiedenen Lebenslagen und Stimmungen; allein, zu zweit, zu dritt; mit der Bahn, dem Auto, mit dem Fahrrad über die schlesische Tiefebene und als Pilger zu Fuß durchs Altvatergebirge nach Mariahilf. Und Maria hat geholfen.
Heute ist das Städtchen ein Teil meines eigenen Lebens geworden. Neulich geschah es, dass ich auf der Hauptstraße Bekannte traf.
Alles beginnt mit einer Begegnung. Und diese Begegnungen machten, dass dieser Rucksack immer leichter wurde.
Da ist der polnische Opa mit seiner dicken Enkelin im weißen polski Fiat. Die halten an, lesen mich von der schneebedeckten Landstraße auf, nötigen mich bei ihnen zu bleiben. Deren zwei junge Dackel geraten bei meinem Anblick so außer sich vor Freude, als hätten sie ihr Hundeleben lang auf niemand anderen gewartet als auf den Gast aus Deutschland. Der Alte begeistert sich für meine Geschichte und will mir anderntags unbedingt Mariahilf zeigen, den Wallfahrtsort, der gerade erst wiedererstanden ist als tschechisch-polnisch-deutsches Gemeinschaftswerk.
Da ist die Mitarbeiterin einer Herberge in Zuckmantel. Ich reise ab, muss aber mit Koffer noch in die Stadt zur Kirche, dabei schüttet es wie aus Eimern. Keine Chance, ich werde nass bis auf die Haut werden. „Warten Sie einen Augenblick“, spricht’s und fährt mit dem Auto vor, und setzt mich direkt vor der Kirche ab.
Da ist die tschechische evangelische Versöhnungsinitiative Bruntál/Freudenthal, deren Mitstreiter seit zehn Jahren alten vertriebenen Freudenthalern Glückwunschkarten zum Geburtstag senden. Sie haben zum 70. Jahrestag des letzten Transports aus dem Altvatergebirge im kleinen Kreis von Gläubigen Bußgottesdienste an den Orten gehalten, an denen Sudetendeutsche interniert oder getötet wurden. „Begegnungen, die verwandeln“ prangt als Motto auf deren deutschsprachiger Netzseite.
Der Brünner Versöhnungsmarsch. Er kehrt den Brünner Todesmarsch von Mai 1945 nach der österreichischen Grenze um: Vom Massengrab bei Pohrlitz (Pohořelice) führt er die Teilnehmer zurück in die Stadt Brünn – und macht symbolisch die Vertreibung rückgängig. Eine tschechische Bürgerinitiative. Über einige Jahre gingen ihn mehr und mehr Einzelne, bis der Marsch durch das Kulturfestival Meeting Brno groß und offiziell geworden ist. „Alles beginnt mit einer Begegnung“, hat sich das Festival auf die Fahnen geschrieben:
„Das vereinte Europa ist nicht gegen die Völker entstanden, sondern für sie und gleichzeitig gegen den Nationalismus, der die Völker spaltet und zerstört. (…) Meeting Brno ist kein fertiges Projekt. Es ist ein Weg. In einer Zeit, in der der Frieden wieder zerbrechlich ist und Europa schwer geprüft wird, ist das Zusammentreffen eine der greifbarsten Formen des Mutes.“
Junge Mitstreiter des Festivals gehen auf diesem Weg. Sie haben den Marsch zurück nach Brünn vorbereitet, laufen die 32 Kilometer in brütender Hitze mit, machen Ordnerdienste, teilen Wasser aus. So viele freundliche Blicke, Lächeln und gute Worte! Die Atmosphäre gleicht einer Mischung aus Bußgang und Taizé-Treffen. Mitteleuropa von seiner schönsten Seite.
Der Arzt in den Vierzigern, der auch zum Sudetendeutschen Tag in den Messehallen von Brünn will. In der Trambahn kommen wir ins Gespräch. Er ist in ein Dorf bei Olmütz gezogen und hat ein Haus-für-Haus-Verzeichnis mit den früheren deutschen Bewohnern erarbeitet und ins Internet gestellt. Die Vertreibung sei ein großer Fehler gewesen, bedauert er.
Nachbarn geleiten mich zu einem Anwesen in Sosnová. Die Besitzerin nimmt mich freundlich auf, zeigt Haus und Garten, setzt mir ein Mittagessen vor. Nachmittags gehen wir spazieren, klappern die Sehenswürdigkeiten des Dorfes ab. Abends weist sie mir ein Lager unter dem Dach an. Es ist das Geburtshaus von Oma Sofie in Zossen ...
***
Zweimal habe ich Jirka in Zuckmantel noch besucht. Im Miserich traf ich ihn nicht an und musste mich zu ihm durchfragen. Ich fand ihn in einer elenden Behausung in der Bahnhofsstraße. Er legte gerade die Elektrik neu und freute sich über meinen Besuch, während seine Freundin auf die Unterhaltung keine Lust hatte und sich in das einzige Zimmer zurückzog. Jirka hatte Haus, Scheune, Grundstück im Miserich verkaufen müssen und schien gänzlich auf den Hund gekommen. Die Luft war rauchgeschwängert, auf dem wackligen Küchentisch stand eine angebrochene Flasche.
2024 stand die Bude verlassen. Niemand wusste etwas Genaues zu sagen, aber Jirka war jedenfalls verstorben. Da war ich traurig. Der alte Mann mit dem Tuzemák weiß gar nicht, dass er mehr für die deutsch-tschechische Versöhnung getan hat als alle Erklärungen und großen Politikerreden es je vermöchten.
› Kennen Sie schon unseren Corrigenda-Telegram- und WhatsApp-Kanal?
Kommentare