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WDR über Abtreibungen in NRW

„Sogar nur maximal 20“

Noch nie seit mindestens 80 Jahren sind in Deutschland so wenig Kinder geboren worden wie heute. Wegen der langjährig konstant niedrigen Geburtenzahl ist eine Kindergeneration in Deutschland rechnerisch um rund ein Drittel kleiner als die Elterngeneration. Das ist nur für diejenigen keine Katastrophe, die als Hanns Guck-in-die-Luft an kein Morgen denken.

So wenig Kinder wie seit einem Menschenalter nicht mehr. Was macht unterdessen der WDR? Die größte öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt in Deutschland und Teil der ARD mit Sitz in Köln platziert auf ihrer Webpräsenz einen Artikel, der sich darüber mokiert, dass in Nordrhein-Westfalens Unikliniken zu wenig ungeborene Kinder abgetrieben werden. Dazu die Bildbotschaft: Direkt unter dem Aufmacherbild eines Instruments zum Feststellen einer Schwangerschaft steht die Dachzeile „Schwangerschaftsabbruch“.

Der WDR-Text tritt nicht als Kommentar auf, sondern soll als Sachbeitrag verstanden werden. Aber zwischen den Zeilen schimmern Sichtweisen durch, denen widersprochen werden muss. Die beiden Autoren, ein Mann und eine Frau, problematisieren in ihrem Text die angeblich so schlechte „Versorgungslage“ mit Möglichkeiten zur Abtreibung – eine beliebte Argumentationsfigur von Abtreibungsbefürwortern, die aber mit der dazu meistens herangezogenen Elsa-Studie gerade nicht belegt wird.

Wenn Herdecke, Attendorn oder Vreden ausgelöscht wird

2025 wurden in Nordrhein-Westfalen, dem Sendegebiet des WDR, 23.545 Schwangerschaftsabbrüche gemeldet. 23.545 Mal abgesaugt, ausgeschabt, rausgeblutet: Es ist die Bevölkerung einer Mittelstadt wie etwa Vreden, Attendorn oder Herdecke, die nicht zur Welt kommen durfte. Wenn das keine menschliche Tragödie ist, was ist es dann? Journalismus bedeutet sagen, was ist, nicht Rücksicht auf politische Korrektheit nehmen.

Was aber macht der WDR mit dieser Tatsache? Er findet durch Abfragen heraus, dass in den vom Land betriebenen Universitätskliniken sowie in den Verbundkliniken Bochum und Bielefeld die Zahl der dort vorgenommenen Abtreibungen „durchschnittlich gering“ ist.

„An der Uniklinik in Düsseldorf gab es 2025 beispielsweise 29 Abtreibungen, an der Uniklinik Aachen waren es 2023 sogar nur maximal 20. Das Uni-Klinikum Bochum hat hingegen nicht einmal eine Gynäkologie. Die Uniklinik Münster bestätigt auf Nachfrage, dass dort erst seit 2025 überhaupt Schwangerschaftsabbrüche nach der Beratungsregelung durchgeführt werden. Die Uniklinik in Köln meldete für 2025 insgesamt 250 Schwangerschaftsabbrüche, 160 davon aus medizinischen Gründen.“

Und für das Essener Universitätsklinikum hält der Beitrag fest, dass dessen Direktor der Frauenheilkunde-Abteilung, Rainer Kimmig, Schwangerschaftsabbrüche aus ethischen Gründen ablehne. „Diese Einstellung hat wohl dazu geführt, dass die Zahlen für Abtreibungen am Essener Klinikum seit Jahren einstellig sind“, wird im Artikel gemutmaßt.

„Erst seit 2025 überhaupt“

„Erst seit 2025 überhaupt“, „sogar nur maximal 20“, „nicht einmal eine Gynäkologie“, „seit Jahren einstellig“: Durch die kleinen Wörtchen ist der Sachverhalt eingeordnet. Die beiden Autoren finden es kritikwürdig, dass in Krankenhäusern des Landes verhältnismäßig wenig abgetrieben wird. Weitere Recherchen nun hätten ergeben, dass einige Unikliniken „Schwangerschaftsabbrüche ausschließlich oder hauptsächlich nur dann durchzuführen, wenn diese medizinisch notwendig sind, also zum Beispiel, wenn das Leben der Frau in Gefahr ist“.

64 Prozent von 131 Krankenhäusern mit Gynäkologie in NRW führten Abtreibungen nur nach medizinischer Indikation durch. „Tatsächlich hatten 2025 jedoch nur knapp vier Prozent der Schwangerschaftsabbrüche in NRW medizinische Gründe“, halten die Autoren fest. In eine Zwischenüberschrift heben sie die Information: „Die meisten Abtreibungen erfolgen nach der Beratungsregelung“. Die in den Artikel eingeführte Grafik zeigt, dass die Zahl der Abtreibungen in NRW das vierte Jahr in Folge gestiegen ist.

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Das alles führt nun aber die Autoren nicht zu dem naheliegenden Schluss, dass die derzeitige gesetzliche Regelung ganz offenbar das ungeborene menschliche Leben nur sehr unzureichend schützt. Sie problematisieren auch nicht, dass dann in 96 Prozent der Fälle gesunde ungeborene Babys während einer medizinisch unauffälligen Schwangerschaft abgetrieben, also getötet und beseitigt werden.

Beratung und Hilfe zum Leben mit Kind? Kein Gedanke

Nein, die WDR-Autoren fahren eine andere Agenda. Ihre Sorgen sind wie folgt:

„Frauen, die also aus beruflichen, familiären oder psychischen Gründen eine Schwangerschaft beenden wollen, müssen sich in diesen Fällen an niedergelassene Praxen wenden, die Abbrüche durchführen. Dieses Angebot ist in NRW nicht überall gleichermaßen gut abgedeckt.“

Berufliche, familiäre, psychische Gründe: Es ist schon erschreckend, womit ein Menschenleben aufgewogen wird. Klar ist, dass es Lebensphasen gibt, die schwierig sind, in denen man zu leiden hat, wo man nicht auf Rosen gebettet liegt. Manches Mal hat man bei ehrlicher Betrachtung zu der misslichen Gegenwart auch selbst beigetragen. Der Gedanke indessen, den Frauen in schwerer Situation mit Beratung und Hilfe zum Leben mit Kind entgegenzugehen, so, wie es im Übrigen das Schwangerschaftskonfliktgesetz vorsieht, kommt den Autoren nicht. Deren Mittel der Wahl ist: Abbruch, Wegmach, Totmach.

Daher auch der unterschwellige Ärger im Text darüber, dass „die vom Land NRW betriebenen“ Unikliniken nur so wenige Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Subtext: Die sind doch von der öffentlichen Hand bezahlt, dann müssen die auch ran!

In NRW würden den Erkenntnissen zufolge 93 Prozent der Abtreibungen bei niedergelassenen Gynäkologen durchgeführt.

Gut erreichbar und doch nicht gut erreichbar?

Die Autoren intonieren das ausgeleierte Liedchen von der ach so schlechten „Versorgungslage“. Den gewünschten O-Ton liefert die rote Arbeiterwohlfahrt (AWO) mit einer Stichprobe aus Bonn:

„Wir müssen bestätigen, dass die Versorgungslage für ungewollt Schwangere in Bonn problematisch ist und zukünftig wahrscheinlich immer schwieriger wird. Nur wenige Ärzte führen in Bonn Schwangerschaftsabbrüche durch.“

Gute Nachricht aus Sicht der Autoren war hingegen aus der alten Kaiserstadt Aachen zu vermelden:

„Dort berichtet die Beratungsstelle Donum Vitae: ‘Glücklicherweise sind wir hier in Aachen gut versorgt mit Ärzt*innen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, bis hin zu Spätabbrüchen.’“

Erstaunlich. Seltsamer katholischer Verein „Donum Vitae“, der mit vollem Namen „zur Förderung des Schutzes des menschlichen Lebens e. V.“ heißt! Eine ZdK-Ausgeburt, die völlig zu Recht keine bischöfliche Anerkennung genießt.

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Dass ein Schwangerschaftsabbruch generell nicht an schlechter Erreichbarkeit einer Abtreibungseinrichtung scheitert, geben die Autoren freilich selbst zu: In allen Städten und Kreisen mit Ausnahme von Teilbereichen vierer Landkreise „sind die Praxen (…) innerhalb von 15 bis 45 Minuten mit dem Auto zu erreichen“ – so die Auskunft des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (MAGS) an den WDR.

Lediglich „in Teilbereichen“ von vier NRW-Landkreisen müssten Frauen teilweise über 60 Minuten mit dem Auto fahren, um zu einer geeigneten Praxis oder zu einem passenden Krankenhaus zu gelangen. Wenn man dagegen bedenkt, dass sechs Prozent der Arbeitnehmer in dem Bundesland tagein, tagaus eine Stunde oder mehr für den einfachen Weg zur Arbeitsstelle benötigen – das sind rund 300.000 Menschen –, will das Lamento nicht einleuchten.

Die Jokerkarte: böse Lebensschützer

In einem journalistischen Produkt mit der skizzierten Stoßrichtung dürfen neben der vorgeblich schlechten „Versorgungslage“ zwei weitere Aspekte nicht fehlen: eine angeblich überwältigende öffentliche Zustimmung zu Abtreibungen – und kriminelle Lebensschützer.

Im folgenden Zitat erscheint die Argumentationslinie idealtypisch in drei Sätzen:

„Obwohl Schwangerschaftsabbrüche bundesweit von einem Großteil unterstützt werden, werden Einzelfälle häufig kontrovers diskutiert und Ärzte oder Krankenhäuser, die sie durchführen, bisweilen von Abtreibungsgegnern beschimpft oder bedroht. Daher thematisieren manche Praxen nicht öffentlich, dass sie Abtreibungen durchführen. Somit ist es für betroffene Frauen jedoch auch schwerer, ein passendes Angebot zu finden.“

Dass Abtreibungspraxen nicht so häufig über NRW verteilt sind wie früher Telefonzellen, liege dann letztlich an dem schädlichen Wirken von Lebensschützern. Eine Behauptung wird aber auch durch ständige Wiederholung nicht wahrer: Weder im bevölkerungsreichsten Bundesland, noch im ganzen Bundesgebiet noch in Österreich gehen von Abtreibungsgegnern Straftaten aus. Das hat dieses Magazin mehrfach akribisch recherchiert und festgehalten (siehe hier und hier und hier). Und dass über das unerträgliche Verbrechen der Abtreibung, das immer und ausnahmslos das Töten eines unschuldigen Menschen bedeutet, „kontrovers diskutiert“ wird, ist nur recht und billig.

„Für die Angebote des WDR gilt die verfassungsmäßige Ordnung“

Das Gesetz über den „Westdeutschen Rundfunk Köln“ (WDR-Gesetz) bestimmt in Paragraf 5 die Programmgrundsätze des Senders:

(1) Für die Angebote des WDR gilt die verfassungsmäßige Ordnung. Die Vorschriften der allgemeinen Gesetze und die gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der Jugend und des Rechts der persönlichen Ehre sind einzuhalten.

(2) Der WDR hat in seinen Sendungen die Würde des Menschen zu achten und zu schützen. Er soll dazu beitragen, die Achtung vor Leben, Freiheit und körperlicher Unversehrtheit, vor Glauben und Meinung anderer zu stärken. Die sittlichen und religiösen Überzeugungen der Bevölkerung sind zu achten.

Der WDR-Artikel weist darauf hin, dass Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland nach Paragraf 218a generell rechtswidrig sind. Das ist zutreffend. Nur zieht er daraus Schlüsse, die mit dem gesetzlichen Programmauftrag schwerlich übereingehen. In der ständigen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) gilt der Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich als rechtswidriges, strafwürdiges Unrecht.

Eine Anmerkung noch zur Mitautorin Mirjam Ratmann: Die ist freie Journalistin, mag um die dreißig sein, und macht laut öffentlicher Selbstbeschreibung „Yoga, lernt Spanisch, tanzt zu ihrer Lieblingsmusik durch die Wohnung oder backt einen ihrer Lieblingskuchen“. Wie schön. Das alles und noch viel mehr würden gern auch all die ungeborenen Kinder tun – die Hälfte davon Mädchen –, deren Abtreibung sie hier so leichthin das Wort redet.

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