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Filmdrama um Thomas Mann: „Vaterland“ von Paweł Pawlikowski

Erst Bach sprengt den Panzer

Ein schwarzer Buick fährt mit weißen Reifen durch das zerstörte Deutschland. „Ich will nach Hause, Papa“, hatte Erika Mann in der Nacht zuvor gesagt, trauernd um ihren Bruder Klaus. „Wo ist das?“, antwortet ihr Vater. Jetzt sitzt Erika am Steuer und schaltet das Radio ein: amerikanische Unterhaltungsmusik. Thomas Mann sucht weiter. Russische Militärmusik. Er schaltet ab. Zwei Welten bieten sich an: „Stalin oder Mickey Mouse“, sagte Klaus im Prolog.

Vor den Wagenfenstern gleitet eine zerbombte Kirche vorbei. Erika hält und setzt zurück.

In dem kahlen, kriegsversehrten Gotteshaus reparieren und stimmen Männer eine erhalten gebliebene Orgel. Vater und Tochter setzen sich auf eine steinerne Brüstung und sehen zu. Schließlich spielt der Organist Bachs „Jesus bleibet meine Freude“. Thomas Mann hört. Dann weint er. Erika nimmt seine Hand. Zuvor hatte sie an einen Satz ihres Bruders erinnert: Bach lasse ihn fast an Gott glauben. Schluss.

Aus der Kirchenruine klingt eine Überlieferung. Sie ist verwundet, nicht vernichtet

Die große Kunst Hanns Zischlers und Sandra Hüllers lässt dieses Filmende nicht kitschig werden. Kein erklärendes Wort, keine Versöhnungsgeste, die sich selbst ausdeutet. „Erst die Musik von Johann Sebastian Bach am Ende schafft eine Art Erlösung“, erläutert Regisseur Paweł Pawlikowski. Bei der Vorführung, die wir sahen, blieb es still im Kinosaal; auch mit Beginn des Abspanns stand niemand auf. Irgendwann die Comedian Harmonists: „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“.

Sein Schluss – die zerbombte Kirche, die beschädigte Orgel, Bach – erschließt den Film. Was vermag Kunst nach der Katastrophe? Pawlikowski nennt Thomas Manns Besuch ein „hoffnungsloses, edles, aber unrealistisches Unterfangen“. Die deutsche Sprache sei „eigentlich geschaffen worden zum Lügen“, sagt Klaus zu Erika. „Und Vater ist jetzt Meister darin.“ Aus der Kirchenruine klingt eine Überlieferung, die älter ist als politische Systeme. Sie ist verwundet, nicht vernichtet.

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Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“, im amerikanischen Exil entstanden und „im Grunde Deutschland gewidmet“, endet in äußerster Verzweiflung mit der Hoffnung auf Gnade. Faustus und Deutschland erscheinen als „arme Seele“, für die Thomas Mann sein Alter Ego beten lässt: „Gott sei eurer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland.“ Pawlikowski und sein Ko-Autor Henk Handloegten („Babylon Berlin“) lassen Thomas Mann nicht beten. Sie lassen Bach spielen und den Dichter weinen.

Im Angesicht Goethes: „Alles wieder vor Augen“

Vor Bach steht Goethe. Zu den stärksten Bildern des Films gehören jene im Weimarer Haus am Frauenplan: Thomas Mann geht ein in Goethes Lebenswelt, sieht die Totenmaske, das Totenbett, das schlichte Arbeitszimmer, in dem der alte Goethe gelebt und gearbeitet hatte. „Nun bin ich da … nun habe ich alles wieder vor Augen“, sagte der historische Thomas Mann. Pawlikowski übersetzt ins Bild.

Goethe war für Thomas Mann bestimmend; in „Doktor Faustus“ ist er allgegenwärtig. „Lotte in Weimar“ war dem Roman im amerikanischen Exil vorausgegangen. Auf einer bekannten Fotografie aus Pacific Palisades stehen hinter Thomas Manns Schreibtisch die 143 Bände der Sophienausgabe; vor dem Fenster wachsen kalifornische Palmen. Im Film öffnet Erika die Tür zum Arbeitszimmer – ihr Vater hört Wagner. Auch Wagner ist mit ins Exil gegangen. Vor der Deutschlandreise notiert der historische Thomas Mann: „Gefühl, als ob es in den Krieg ginge.“

Goethes Wohnhaus ist ein Gesamtkunstwerk: Wohnung, Bibliothek und Sammlungen spiegeln Goethes Geist und Lebenswelt. Nun steht der amerikanische Staatsbürger, den die Nazis 1936 ausbürgerten, in diesem Haus. Der Emigrant, der Deutschland verloren hat, begegnet einer geistigen Heimat. Er wisse, „dass der Emigrant in Deutschland wenig gilt“, sagt er in der Frankfurter Paulskirche, unter Goethes Blick auf Stielers Portrait.

Hüben wie drüben Formen der Selbstentlastung

Im Weimarer Nationaltheater steht die Goethe-Büste von David d’Angers hinter Thomas Mann. Erika geht weg. Sie kann die Rede ihres Vaters nicht mehr ertragen. Wenig später tafelt man vor Goethes Gartenhaus im Freien. Wodka wird eingeschenkt, sowjetische Soldaten geben eine gefühlvolle wie auf den Effekt bedachte Gesangsaufführung, und ein Propagandaoffizier der Roten Armee bemüht sich, Goethe in den historischen Materialismus einzuordnen. Die Szene ist beklemmend komisch: Goethe wird zum kulturellen Besatzungsgut.

Im Westen zeigte Pawlikowski zuvor andere Formen der Selbstentlastung. Thomas Mann möchte sich beidem entziehen: Sein Besuch gelte „Deutschland selbst, Deutschland als Ganzem, und keinem Besatzungsgebiet“. Historisch hielt er in Frankfurt und Weimar dieselbe Goethe-Rede.

Der Wodka vor Goethes Gartenhaus weckt eine Assoziation. Sechs Jahre später wird Konrad Adenauer in Moskau verhandeln; am Ende steht die Heimkehr der letzten deutschen Kriegsgefangenen. Natürlich erzählt Pawlikowski nichts davon. Aber man ahnt eine Welt, in der Adenauer nicht mit Goethe, sondern mit Politik umgehen muss. Von hier aus führt eine Linie zum interessantesten Horizont des Films: Thomas Mann reist im Juli und August 1949 durch ein Deutschland, dessen politische Neuordnung gerade Gestalt annimmt.

Zwar ist die Bundesrepublik seit dem 23. Mai staatsrechtliche Wirklichkeit, aber der erste Bundestag wird erst am 14. August gewählt, Adenauer am 15. September Bundeskanzler. Die DDR entsteht am 7. Oktober. Thomas Manns Einfahrt in das zerstörte Frankfurt begleitet Orgelmusik – eine Besprechung identifiziert sie als Olivier Messiaens „Prière“. Am Ende antwortet Bach mit „Jesus bleibet meine Freude“. Am 25. Juli nimmt Mann in der Paulskirche den Goethe-Preis entgegen, am 1. August wird er in Weimar geehrt. Aus diesem Augenblick vor Adenauer macht der Pole Pawlikowski einen Film.

„Wäre ich hiergeblieben, könnten wir heute nicht miteinander reden“

Pressevertreter bedrängen ihn in Frankfurt: „Herr Professor Mann, Sie haben Deutschland 1933 verlassen. Was antworten Sie denjenigen, die Sie des Verrats oder mangelnder Solidarität beschuldigen?“ „Wäre ich hiergeblieben, könnten wir heute nicht miteinander reden.“ Erika hält den Widerspruch schlechter aus als ihr Vater. Thomas Mann wahrt die Form. Man sieht Sandra Hüller beim Empfinden und Denken zu, während Zischler Thomas Manns Gefühle hinter Haltung, Sprache und Repräsentation schützt.

In Gustaf Gründgens, ihrem geschiedenen Mann, begegnet Erika einer Künstlerexistenz, die sich mit dem NS-Regime, in Sonderheit mit Göring, arrangiert hatte – und damit einem Gegenbild zu Klaus. Sie hört ihm zunächst zu, dann ohrfeigt sie ihn. Schauspieler Joachim Meyerhoff braucht nur wenige Minuten, um mit Gründgens fertig zu werden.

Auch Wagner kehrt zurück. Die Enkel des Komponisten werben um Thomas Mann als „größten lebenden Wagnerianer“. „Sie meinen nach dem Ableben eines gewissen Adolf Hitler?“, kontert Mann. Wagners Musik werde Bestand haben; Bayreuth aber könne dem Erdboden gleich und ihrer Mutter der Prozess gemacht werden.

Nicht Erika, sondern seine Frau Katia begleitete Thomas Mann 1949 nach Deutschland. Klaus Mann hatte sich bereits am 21. Mai in Cannes das Leben genommen, als sein Vater sich auf einer europäischen Vortragsreise befand. Pawlikowski will kein Biopic drehen. Im Dreieck Thomas – Erika – Klaus verbindet sich deutsche Geschichte mit privatem Familiendrama.

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Man kann das beanstanden. Dennoch ist dieser Film „stimmig“. Hanns Zischler nennt Pawlikowskis Verfahren eine „Komposition im musikalischen Sinn“, deren Bilder eine „ungewöhnliche Stimmigkeit“ hätten. Dieser Ansatz hat etwas Thomas-Mann-Nahes: In „Die Entstehung des Doktor Faustus. Roman eines Romans“ spricht der Dichter selbst vom „Prinzip der Montage“.

Den Panzer sprengt erst Bach

Aber der Film beginnt nicht mit Goethe und nicht mit Deutschland, sondern mit Klaus Mann.

Klaus, gespielt von August Diehl, sitzt in einem Hotelzimmer in Cannes und telefoniert mit Erika. Ein Liebhaber ist bei ihm. Klaus ist erschöpft, drogenabhängig, verzweifelt, als Homosexueller und Exilant ohnehin seit Jahren ein Grenzgänger. Seine Gewissheiten tragen längst nicht mehr. Von Deutschland will er nichts mehr wissen: „Die haben alles kurz und klein geschlagen, und jetzt soll er ihnen helfen, ihr Gewissen zu erleichtern?“ Erika liebt ihren verzweifelten Bruder. Sein Selbstmord durchzieht die Deutschlandreise ihres Vaters wie eine Wunde.

„Er hätte es ihr und dir nicht antun dürfen“, sagt Thomas Mann über den Selbstmord seines Sohnes. Beinahe so steht es in seinem Tagebuch. Es ist vielleicht der grausamste Satz des Films. Denn der Vater sagt nicht „uns“, so als stünde er außerhalb der eigenen Familientragödie. Wenige Wochen nach dem Selbstmord am 21. Mai 1949 schreibt Thomas Mann allerdings an Hermann Hesse, das „abgekürzte Leben“ beschäftige ihn „viel und gramvoll“; sein Verhältnis zu Klaus sei „nicht frei von Schuldgefühl“, weil seine eigene Existenz einen Schatten auf die des Sohnes geworfen habe. Erst Bach sprengt den Panzer.

Es geht auch um Erikas „Vater-Land“, das Land ihres Vaters

Die Vaterkälte gibt dem Filmtitel eine zweite Bedeutung: Es geht auch um Erikas „Vater-Land“, das Land ihres Vaters.

Die Besprechung soll nicht mit der Familie Mann enden. Paweł Pawlikowski zeigt, wie wenig die humanistische deutsche Bildungstradition nach der Katastrophe noch als jene politische Integrationskraft trägt, die Thomas Mann 1949 anruft.

Die „Auseinandersetzung über die geistige und moralische Zukunft dieses Landes“, von der Thomas Mann spricht, gewinnt mit Adenauer Gestalt. Im Zentrum steht christdemokratischer Aufbau, „Westbindung“, auch im Sinne geistiger Voraussetzungen, und europäische Versöhnung.

„Unsere ganze Arbeit wird getragen sein von dem Geist christlich-abendländischer Kultur und von der Achtung vor dem Recht und vor der Würde des Menschen“,

bekennt Adenauer in seiner ersten Regierungserklärung am 20. September.

„Wir hoffen – das ist unser Ziel –, dass es uns mit Gottes Hilfe gelingen wird, das deutsche Volk aufwärtszuführen und beizutragen zum Frieden in Europa und in der Welt.“

Vielleicht gehört auch dies zu jenem Neubeginn, den Pawlikowski nicht zeigen kann: Aus dem „Vater-Land“, dem Erika 1949 tief misstraut, wird in den Adenauerjahren kultureller Raum, in dem sie selbst daran mitwirkt, das Werk ihres Vaters einem großen Publikum neu zu vermitteln. Bei „Königliche Hoheit“ (1953) wirkt sie am Drehbuch mit und übernimmt eine kleine Rolle; vier Jahre später arbeitet sie am Drehbuch von „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ mit, begleitet die Dreharbeiten und tritt wiederum vor die Kamera.

Golo Mann nennt Adenauer den „Schöpfer der Bundesrepublik“

Bemerkenswert ist die Auswahl. Zunächst finden zwei der eher heiteren Werke ihres Vaters ihren Weg in das westdeutsche Nachkriegskino, nicht der düstere „Doktor Faustus“. Dann aber, 1959, folgt „Buddenbrooks“ – wieder mit Erika Mann am Drehbuch. Es ist Thomas Manns erster Roman, die Geschichte vom „Verfall einer Familie“ und der bürgerlichen Welt Lübecks, aus der er stammte. Gedreht und uraufgeführt wurde der Film in Lübeck; zur Premiere in der Stadthalle kam im November 1959 die Witwe Katia Mann als Ehrengast, begleitet von Erika. Der Vater war seit vier Jahren tot. So kehrt sein Werk an den Ort seiner Herkunft zurück, und Tochter und Witwe mit ihm – in das „Vater-Land“ im wörtlichsten Sinn.

Auch Thomas Manns anderer Sohn wird später auf Adenauers Bundesrepublik zurück-blicken. Golo Mann nennt Adenauer den „Schöpfer der Bundesrepublik“: Noch immer existiere man auf der Grundlage, die er geschaffen, und lebe von dem Kapital, das er gesammelt habe. Zum 100. Geburtstag Adenauers, 1976, bringt er die europäische Dimension auf eine knappe Formel: „Was war Europa einmal gewesen? Alles. Was war es jetzt? Nichts. Was sollte es wieder werden? Etwas.“ Und er setzt hinzu: „Und es wurde wieder etwas.“

„Vaterland“ spielt im Augenblick vor Adenauer, in jenem Wimpernschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte, in dem dieses „Etwas“ noch nicht sichtbar ist. Vielleicht wirkt deshalb sein Schluss so eindringlich. Eine Kirchenruine zeigt noch keine politische Ordnung; Adenauer ist noch nicht Bundeskanzler. Die deutsch-französische Versöhnung und die europäische Integration Westdeutschlands liegen noch vor der jungen Bundesrepublik. Bach aber ist schon da.

Über manchen Passagen des Films meint man ein kaum lokalisierbares tiefes Dröhnen zu hören, wie eine ferne Bedrohung unter den Bildern. Gehört auch dies zu Pawlikowskis Kunst? Was das Bild nicht zeigt, bleibt akustisch gegenwärtig – die Vergangenheit ebenso wie das Heraufziehende.

Die Menschen und die Kirche sind beschädigt, auch die Orgel. Und doch spielt sie.

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