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Die Dauerberieselung hinterfragen

Wer bin ich, wenn ich ohne Podcasts bin?

Auf Social Media findet man immer wieder Hilferufe wie diese: „Ich habe eine Tonne Podcasts abonniert und jeden Tag das Gefühl, dass 10 bis 15 neue Podcasts rauskommen, und mindestens die Hälfte davon klingt interessant und ich würde sie gerne hören. Aber: Ich habe zu wenig Zeit. Was soll ich tun?“ Ein bisschen ratlos sind sehr wahrscheinlich auch zig andere Podcast-Konsumenten. Denn die Podcast-Flut ist nicht zu stoppen – und stellt uns so langsam nicht nur vor die Aufgabe, wie man dem Herr werden soll, sondern auch vor die Frage, was das überhaupt bringt. Profitieren wir wirklich davon? 

Immer gibt es irgendwo nächste Menschen, die sich unbedingt vor ein Mikrofon setzen müssen, um draufloszureden. Begonnen hat es im Jahr 2004 mit dem Podcast „Daily Source Code“, der von dem Programmierer Dave Winer und dem MTV-Moderator Adam Curry umgesetzt wurde. Inzwischen existieren aktuell über 4,5 Millionen Podcasts weltweit, also eigenständige Formate mit mindestens drei veröffentlichten Episoden. Es erstaunt, dass das einfach nicht abreißt, dass es gar kein Halten mehr gibt. Nicht ohne Ironie lässt sich daher feststellen: Es ist alles gesagt – nur nicht von jedem. Vorzuwerfen ist es den Machern sicher nicht, denn die Nachfrage ist groß. Meinen täglichen Podcast gebe man mir heute: So lautet das Mantra von ziemlich vielen Menschen – rund 580 Millionen Menschen weltweit sind regelmäßig dabei.

Geht es darum, das eigene Weltbild bestätigen zu lassen?

Alleine in Deutschland konsumiert etwa die Hälfte der Menschen ab 16 Jahren Podcasts, wie eine Erhebung des Digitalverbands Bitkom im August 2025 zeigte. Nachrichtliche Formate zu aktuellen Geschehnissen sind hierzulande mit 77 Prozent am beliebtesten, gefolgt von allgemeinen politischen Themen (59 Prozent) und Business und Finanzen (57 Prozent). Am häufigsten wird unterwegs im Auto sowie zum Einschlafen gehört, außerdem beim Aufräumen oder Putzen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, schlicht zum Entspannen oder beim Sport. Durchschnittlich verbringen die Nutzer zwei Stunden pro Woche mit Podcasthören. Aber es gibt auch die manische Variante, also Menschen, die sich gar nicht satthören können und wöchentlich auf fünf bis acht Stunden und mehr kommen.

Zuhören bis zum Umfallen. Natürlich ist erstmal nichts Schlechtes daran, dass wir bereit sind, anderen zuzuhören. Im besten Fall ist es das ernsthafte Einlassen auf einen anderen Menschen. Wir wollen ihn und seine Sichtweise kennenlernen, unabhängig davon, ob wir seine Ansichten teilen oder nicht. Der Medienwissenschaftler und Tübinger Professor Bernhard Pörksen nennt das Zuhören „die Kunst, sich der Welt zu öffnen“ – so lautet übrigens auch der Titel seines zuletzt erschienenen Buches. Doch Zuhören ist nicht gleich Zuhören. Pörksen unterscheidet zwischen dem Ich-Ohr und dem Du-Ohr, also zwischen dem egozentrischen und dem nicht-egozentrischen Zuhören. Während Letzteres sich der Andersartigkeit gegenüber öffnet und bereit ist, die eigene Perspektive zurückzustellen, blendet Ersteres genau das aus, da es nur das hören will, was ins eigene Weltbild passt, alles andere ist unerwünscht.

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Das gilt natürlich nicht für geschichtliche oder wissenschaftliche Formate, mit denen man sein Wissen bewusst erweitern will. Bei gesellschaftspolitischen, nachrichtlichen Formaten liegt hingegen nahe, dass sie von vielen Menschen nur deshalb gehört werden, weil sie ihre eigene Meinung bestätigt wissen wollen. Dass also damit das egozentrische Zuhören gefördert wird. Diese Aussage lässt sich auch deshalb treffen, weil die meisten von uns, und bitte ehrlich sein, sich ausschließlich in ihren eigenen Blasen aufhalten und die dort existierenden Podcast-Vorlieben teilen. Unterstützt wird das im Internet bekanntlich von Algorithmen, die angezeigte Inhalte an persönliche Vorlieben anpassen, also genau das vorschlagen, was man ohnehin schon kennt. Ein Angebot, das gerne – und meist unhinterfragt – genutzt wird. Sicher auch, weil es bequem ist und weil die meisten am liebsten ohne jedwede Störgeräusche, hervorgebracht durch andere Sichtweisen, zuhören wollen.

Unsere Debattenkultur leidet

Nun habe ich zwar keine groß angelegte Studie durchgeführt, bin aber regelmäßig auf YouTube unterwegs und stelle dort fest, dass an der gerade aufgestellten These ziemlich viel dran ist. Ich betrachte Inhalte gerne kritisch und kommentiere entsprechend, argumentativ durchdacht, sorge also für Gegenwind, um Debatten zu eröffnen. Als Reaktion gibt es häufig verbale Angriffe, sowohl bei sogenannten alternativen Podcasts als auch bei den öffentlich-rechtlichen. Mit meiner Gegenmeinung will sich kaum jemand ernsthaft auseinandersetzen. 

Das zeigt, dass sich jeweils Blasen gebildet haben, die gegen die boxen, die eine andere Sichtweise anbieten. Und dass die Podcaster ihre Inhalte denn auch so gestalten, dass sie ihre Zuhörer in dieser Einseitigkeit schulen. Sobald jemand mit einem Blickwinkel ankommt, der sich unterscheidet, wird das als Bedrohung wahrgenommen. Umso mehr, wenn man seine Podcast-Wahl nur noch einseitig trifft, denn dadurch verstärkt sich das eigene Weltbild und wird irgendwann zum einzig gültigen. 

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Das schadet natürlich auch den Debatten. Ohnehin gibt es wenig Beispiele, die zeigen, dass in – vor allem nachrichtlichen und politischen – Podcasts Argumente kritisch hinterfragt werden, dass man sich um Differenziertheit bemüht und um Ausgewogenheit. Auch ein dialektisches Vorgehen – Argument, Gegenargument, Synthese – ist selten vorhanden. Stattdessen setzt man auf Populismus, egal in welchem politischen Lager, und schafft bewusst Feindbilder.

Weniger Podcast wagen

Beliebt ist auch, den Gast einfach drauflosreden zu lassen, egal, was der sagt, alles wird lächelnd abgenickt. Ein echter Dialog ist das nicht, sondern ein als Dialog getarnter Monolog. Das heißt, auch hier erleben Menschen nicht, was es heißt, in eine Debatte zu gehen und anhand von unterschiedlichen Positionen zu einer Erkenntnis zu kommen. Und je mehr man sich daran gewöhnt, umso empfindlicher wird man selbst reagieren, wenn es im privaten Umfeld Gegenwind gibt. Dabei braucht es dringend die Bereitschaft, sich der anderen Perspektive zu stellen. Mit Bernhard Pörksen formuliert: „Erkenne das Andere als Anderes – in seiner Fremdheit, seiner Schönheit, seinem Schrecken.“

Nachzudenken gibt auch, wenn Menschen ohne Podcasts auf den Ohren gar nicht mehr durch den Alltag kommen, selbst das Einschlafen funktioniert nur, wenn da irgendeine Stimme ist. Man könnte sagen, naja, früher als Kind hatte man eben seine Märchenkassetten und das ist jetzt die erwachsene Variante. Nichts dagegen, solange man damit nicht permanente Selbstablenkung betreibt. Vielleicht braucht man die anderen Stimmen, weil man Angst hat vor der eigenen inneren Stimme. Vielleicht braucht man sie auch, weil man Angst vor dem Alleinsein hat. Vielleicht sind sie dazu da, um die eigene innere Leere zu füllen.

Fest steht, und das belegen auch Studien, etwa von Kommunikationswissenschaftler Michael Grabowski: Der Geist braucht Ruhe. Und die ist natürlich nicht gegeben, wenn man in jeder freien Minute Geschichten, Informationen oder Nachrichten konsumiert. So lieb einem Podcasts auch sind, Stille ist unverzichtbar. Aus Forschersicht dient sie unter anderem der Zellentwicklung im Hippocampus und der Prävention gegen zahlreiche Zivilisationskrankheiten. Und was Stille aus ganz persönlicher Sicht mit uns macht, das kann jeder nur für sich selbst beantworten. Weniger Podcast wagen ist jedenfalls ein nächster Schritt dahin.

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