Direkt zum Inhalt
Kolumne „Ein bisschen besser“

Abrakadabra und die Liebe hält ewig

Als wir noch sehr jung waren, also ich meine, als wir frisch verliebt gewesen sind, da haben sich Judith und ich auf dem längst verlassenen jüdischen Friedhof hinten im Wald an den Hängen zum Ruhrtal hinter einem dieser moosbewachsenen und regenverwaschenen Grabsteine mit den hebräischen Buchstaben, die für mich geheimnisvoll aussehen wie ein Zauberspruch, geküsst. Es war unser Abrakadabra-Augenblick. Jetzt sind wir nach vielen Jahren wieder da. 

Die Frucht unserer Liebe, das Töchterchen, hat Hunger und verputzt eine Bockwurst zwischen den Grabsteinen. Die Hündin haben wir an den morschen Holzzaun gebunden, der den Friedhof umgibt, und wir selbst setzen uns auf die einzige wacklige Bank unter einer Vogelbeere und öffnen die Tupperdose. 

Früher haben wir hier geknutscht

„Wie die Zeit vergeht“, sage ich zu meiner Frau. Früher haben wir hier geknutscht, bis uns schwindelig wurde. Heute wird uns schwindelig, wenn wir zu plötzlich aufstehen, nachdem es gestern mal wieder spät geworden ist.

› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge

Ich wollte hierher, während sie sich in der Hauptstadt über den richtigen Ton den Juden gegenüber streiten, die seit Jahrhunderten in diesem Land leben, lieben und sterben. Hier im Wald braucht es keinen Ton. Hier hat die Stille ihr Zuhause. Auf den Grabsteinen liegen kleine Kiesel. Ich finde das ein bisschen besser, denn Blumen sind im Grunde eine unzuverlässige Form der Zuneigung. 

Erst machen sie große Operette mit Farben und Düften, und drei Tage später lassen sie die Köpfe hängen. Steine halten die Stellung. „Erinnerung ist eine Verpflichtung, die wir nicht welken lassen“, erkläre ich dem Töchterchen. Ich haue sowas manchmal raus. Sie legt einen Kiesel dazu und hüpft weiter. 

Das Geheimnis einer langen Liebe

„Steine sind wie das Geheimnis einer langen Liebe: Man darf auch mal liegen bleiben“, seufze ich. „Ein paar mehr Blumen und ein bisschen weniger Herumliegen würden unserer Ehe guttun“, sagt Judith. Früher hatten wir Schmetterlinge im Bauch. Heute sind es ein geschnittener Apfel, die Quiche von gestern und eine Handvoll Cherry-Tomaten. 

Das Töchterchen beißt hinein, der Saft und die kleinen Kerne spritzen heraus, die Familie ist rotgepunktet. „Früher hast du mich auf Händen getragen“, sagt Judith und wischt die Klamotten mit einem Taschentuch sauber. „Früher“, antworte ich, „hatten wir auch keine Tupperdose dabei.“ 

Wir gehen. Ich binde die Hündin los, nehme das Töchterchen an die Hand, Judith greift nach meiner. Nicht aus Romantik: Der Weg den Hang hinab ist rutschig. Und wir passen auf, dass keiner fällt, der dazu gehört. Abrakadabra. 

› Folgen Sie uns schon auf Instagram oder LinkedIn?

3
0

Kommentare