Direkt zum Inhalt
Kolumne „Der Philosoph“

Kant und die Corona-Aufklärung

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, dieser beinahe zu Tode zitierte Satz – Immanuel Kants deutsche Wiederaufnahme des lateinischen „Sapere aude!“ – gehört zu den bekanntesten der Philosophiegeschichte. Dennoch ist eine nähere Auseinandersetzung mit diesem Zitat durchaus angebracht, und zwar nicht nur, weil Kants Geburtstag sich am heutigen 22. April zum 300. Mal jährt. Denn die Häufigkeit, mit der dieser Satz zitiert wird, scheint sich umgekehrt proportional zu einem wirklichen Verständnis seiner zu verhalten. Gerade dieses Kant-Zitat, das ja zum Selbstdenken auffordert, darf nicht gedankenlos nachgeplappert werden.

Den Mut zum selbständigen Verstandesgebrauch stellt Kant in den Mittelpunkt seines vielleicht berühmtesten Aufsatzes „Was ist Aufklärung?“ aus dem Jahr 1784. Aufgeklärt ist für Kant, wer nicht blind den Vorgaben anderer folgt, sondern die Dinge selbst einer kritischen Prüfung unterzieht und danach urteilt. Dazu bedarf es nach Kant vor allem des Mutes. Denn es seien in erster Linie „Faulheit und Feigheit“, die uns vom Selbstdenken abhielten. Wer sich nämlich selbständig eine begründete Meinung bildet, der läuft in Gefahr, zu einer anderen Einschätzung zu kommen, als sie die meisten anderen, oder gefährlicher noch: als sie die gesellschaftlichen Autoritäten vorgeben.

Wer sich seines eigenen Verstandes bedient, setzt sich also dem Risiko aus, marginalisiert zu werden. Auch muss der Selbstdenker damit rechnen, dass er mit seinem Urteil falschliegt. Das kann zwar jedem passieren, aber wer unentdeckt im Hauptstrom der Meinungen mitschwimmt, kann sich im Irrtumsfall damit herausreden, ja nur den anerkannten Autoritäten gefolgt zu sein.

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen“

Nun wissen aber gerade Konservative – zumindest, wenn man unter einem „Konservativen“ nicht nur einen zögerlichen Progressiven versteht –, dass Autoritäten, insbesondere Institutionen, eine notwendige Entlastungsfunktion für den Menschen mit sich bringen. Der Selfmademan, der alles in seinem Leben selbst erschaffen hat, ist ein Phantasma des Liberalismus. Der Konservative weiß vom Wert des Individuellen, aber er ist sich eben auch der Tatsache bewusst, dass das Individuelle nur im Wechselspiel mit der Gemeinschaft entstehen, gedeihen und gesichert werden kann. Dennoch darf – so viel kantische Aufklärung muss sein – die Anerkennung von Autoritäten niemals blind erfolgen.

Dies gilt, nebenbei gesagt, sogar für die übernatürliche Autorität der Kirche. Auch sie fordert ja keinen blinden Glauben. „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt“, heißt es im 1. Petrusbrief (3,15). Das bedeutet: Es gibt gute Gründe für den Glauben, und diese sollte jeder Christ kennen und auf Nachfrage mitteilen können.

Wer den Mut hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, der wird sich also nicht in pauschaler Autoritätskritik ergehen. Stattdessen kommt es auf eine gesunde Skepsis gegenüber der Massenmeinung und den Verlautbarungen jener an, die sich als Experten gerieren. Sind diese Leute vertrauenswürdig? Sind ihre Aussagen konsistent oder widersprüchlich, sind sie unparteiisch oder voller eigennütziger Hintergedanken? Sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, heißt aber freilich auch, zu erkennen, wann die eigenen Kompetenzen überschritten sind. Manchmal ist keine Meinung zu haben, genau die richtige.

Die Impfskeptiker und Maßnahmenkritiker waren die Aufgeklärten

Wendet man diese Überlegungen auf die hinter uns liegenden Corona-Jahre an, dann zeigt sich, dass die Impfskeptiker und Maßnahmenkritiker, die vom Mainstream als Querdenker und Verschwörungstheoretiker verunglimpft wurden, die eigentlich Aufgeklärten waren. Sie haben im Großen und Ganzen – einzelne Spinner gibt es immer – den offensichtlichen polit-medialen Bullshit als solchen erkannt. Denken wir nur an die irren Maskenregeln, zum Beispiel, dass man die Gesichtsbedeckung im Restaurant tragen musste, während man stand, aber nicht, während man saß. Und denken wir natürlich auch an die „Wunderwaffe“ der Impfung, von der sich in Windeseile herausstellte, dass sie weder die eigene Infektion noch die Ansteckung Dritter verhinderte, zugleich aber nicht unerhebliche Gesundheitsrisiken barg.

Blinder, unaufgeklärter Gehorsam fand sich hingegen auf Seite derjenigen, die sich für besonders aufgeklärt hielten, indem sie etwa auf die Erkenntnisse „der Wissenschaft“ im Singular verwiesen – in peinlicher Unkenntnis der wissenschaftstheoretischen Grundeinsicht, dass gerade die empirische Forschung nie endgültig, sondern immer revidierbar ist.

Bei der nun zunehmend und zu Recht geforderten breiten und schonungslosen Aufarbeitung der Corona-Zeit wird sich zeigen, ob die damaligen Wortführer aus Politik, Wissenschaft und Medien den Mut haben, sich wenigstens im Zuge einer selbstkritischen Rückschau ihres eigenen Verstandes zu bedienen.

 

Kennen Sie schon unseren Corrigenda-Telegram- und WhatsApp-Kanal?

43
18

3
Kommentare

Comment

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.
Kommentar
3
Ein Leser
Vor 1 Monat 3 Wochen

Ob Kant die kuriosen, vernünftigerweise zu kritisierenden Corona-Maßnahmen wirklich missbilligt hätte?

In dem zitierten Text „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ heißt es:

„Nun ist zu manchen Geschäften, die in das Interesse des gemeinen Wesens laufen, ein gewisser Mechanism notwendig, vermittels dessen einige Glieder des gemeinen Wesens sich bloß passiv verhalten müssen, um durch eine künstliche Einhelligkeit von der Regierung zu öffentlichen Zwecken gerichtet, oder wenigstens von der Zerstörung dieser Zwecke abgehalten zu werden. Hier ist es nun freilich nicht erlaubt, zu räsonnieren; sondern man muß gehorchen.“

1
Veritas
Vor 1 Monat 3 Wochen

Mein liberales Herz weint, mein konservatives lacht angesichts dieser Zeilen.
Wie immer aber stringent und gegen den Mainstream argumentiert, werter Dr. Ostritsch.

0
Andreas Graf
Vor 1 Monat 3 Wochen

Kant lebte vor 300 Jahren. Sein "Diktum" hat mit der Zeit einen Bedeutungswandel erfahren, zumal sein Diktum damals in einem ganz anderen Kontext stand. Seine Aufklärung führte zum Aufstand bis hin zur blutigen Französischen Revolution, mit der die Obrigkeiten beseitigt wurden. Ging es den Menschen danach besser? Was in der gegenwärtigen Zeit bleibt, ist sein kritisches Denken, das vielen Menschen, anders als damals in den revolutionären Zeiten, das Leben vor der tödlichen Biowaffen-Impfung rettete. Vielleicht fallen wir ja wieder zurück in den revolutionären Kontext Kants, da die Corona-Aufklärung permanent verweigert wird. Man denke nur an die fast vollständig geschwärzten RKI-Files. Ein kritischer Geist kann sich das nicht gefallen lassen, damals nicht und heute auch nicht.

3
Ein Leser
Vor 1 Monat 3 Wochen

Ob Kant die kuriosen, vernünftigerweise zu kritisierenden Corona-Maßnahmen wirklich missbilligt hätte?

In dem zitierten Text „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ heißt es:

„Nun ist zu manchen Geschäften, die in das Interesse des gemeinen Wesens laufen, ein gewisser Mechanism notwendig, vermittels dessen einige Glieder des gemeinen Wesens sich bloß passiv verhalten müssen, um durch eine künstliche Einhelligkeit von der Regierung zu öffentlichen Zwecken gerichtet, oder wenigstens von der Zerstörung dieser Zwecke abgehalten zu werden. Hier ist es nun freilich nicht erlaubt, zu räsonnieren; sondern man muß gehorchen.“

1
Veritas
Vor 1 Monat 3 Wochen

Mein liberales Herz weint, mein konservatives lacht angesichts dieser Zeilen.
Wie immer aber stringent und gegen den Mainstream argumentiert, werter Dr. Ostritsch.