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Vom Verbündeten zum Widerpart

Präsident gegen Pontifex: Wie Meloni Trumps Ausfälle gnadenlos ausnutzt

Noch vor drei Wochen war Giorgia Meloni (Fratelli d’Italia) angeschlagen. Das Referendum zur Justizreform sollte der italienischen Ministerpräsidentin Beinfreiheit im Umgang mit der italienischen Justizkaste geben. Es fiel ihr desaströs auf die Füße. Die Linke feierte bereits die baldige Wahlniederlage, ausländische Medien nahmen diese bisher größte Niederlage der Römerin begierig auf.

Doch ausgerechnet der Konflikt mit Donald Trump spielt der Italienerin massiv in die Hände. Er könnte sie sogar mehr denn je aufwerten.

Denn der einseitige Konflikt zwischen Papst Leo XIV. und dem US-Präsidenten hat mittlerweile eine Richtung angenommen, die noch vor wenigen Monaten undenkbar war. Das Auseinanderdriften der „christlichen Rechten“ in ihren evangelikalen und ihren katholischen Teil war schon vor einigen Wochen sichtbar. Antikatholische Ressentiments in der MAGA-Bewegung breiteten sich bis ins Weiße Haus aus. Der Katholik J. D. Vance, bisher als Trump-Nachfolger gehandelt, hat seine Position wegen mangelnder Loyalität im amerikanisch-israelischen Iran-Abenteuer eingebüßt, auch wenn er jetzt seinem Chef zur Seite sprang

Den Angriff Trumps auf Papst Leo XIV. kann man als einen der üblichen exzentrischen Ausfälle abhandeln. Trump hat schon in der Vergangenheit gezeigt, dass er bei drohenden Verlusten Nebenschauplätze aufmacht, um von der bröckelnden Hauptfront abzulenken. Dass ausgerechnet die Friedensappelle des katholischen Oberhauptes dem Präsidenten so aufstießen, kann aber selbst bei moderaten Katholiken der MAGA-Clique nur aufstoßen. Dass der Papst zum Frieden aufruft – das ist eine Generalerwartung, die die Gläubigen an ihren Pontifex stellen. 

Trump überlässt den Papst den Linken

Leo XIV. hat direkt nach seiner Wahl die Loggia mit dem österlichen Friedensgruß betreten. Er hat den Krieg geächtet – nicht nur den im Iran, sondern auch zuvor in der Ukraine und anderen Teilen der Welt. Wer ihn nunmehr als „woke“ deklarieren will, muss das auch mit seinen Vorgängern tun: Johannes Paul II. war ein erklärter Gegner des IrakkriegsPius XII. nannte den Zweiten Weltkrieg eine „entsetzliche Gottesgeißel“ und beklagte explizit das Schicksal Polens; Benedikt XV. verhielt sich während des Ersten Weltkriegs nicht anders und erhielt auch deswegen den Titel eines „Friedenspapstes“.

Papst Leo XIV. am Abend des 8. Mai 2025 auf der Mittelloggia des Petersdoms

Stattdessen erweist die amerikanische Rechte, die bisher eine leitende Funktion in der „internationalen Rechten“ hatte, ihren Cousins auf dem alten Kontinent einen Bärendienst. Denn wenn Frieden nunmehr als „woke“ deklariert wird, dann ist Krieg wieder „rechts“. Den Papst einfach so der internationalen Linken zu überzulassen:Das mögen einige immer noch als 4D-Schach werten, ist aber sowohl in den USA wie auch in Europa für Katholiken ein GAU. Denn anders als sein Vorgänger Franziskus hat sich Leo bisher auch bei konservativen Katholiken mehrheitlich bewährt.

Die Kritik an Leo, zusammen mit einem messianisch angehauchten Selbstportrait – von dem Trump später behauptete, es zeige ihn lediglich als Rotkreuzarzt – haben in den vergangenen Tagen einen toxischen Cocktail gemixt, dessen Tragweite der US-Präsident kaum vorausgesehen haben dürfte. 

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Es könnte für ihn ein verlustreicherer Krieg als für den Iran werden, weil Trump in wenigen Tagen die strategisch wichtige Catholic Vote, also die katholische Wählerschaft, für den nächsten Wahlkampf verspielt haben dürfte.

Denn der utopische Versuch, die amerikanischen Katholiken in die MAGA-Linien zu disziplinieren, hatte den gegenteiligen Effekt. Zahlreiche prominente katholische Stimmen meldeten sich zu Wort, etwa Edward Feser, ebenso viele User in den sozialen Medien, die eher konservativ tickenaber eine rote Linie überschritten sahen. Auch Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der das Regime in Teheran gegeißelt hatte, stellte fest, dass man den Papst, wenn er seinen Pflichten als Friedensstifter nachkomme, kaum kritisieren dürfe. Bischof Robert Barron forderte eine Entschuldigung.

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Als ob es nicht schlimm genug wäre, dass Trump das Ansehen der US-Rechten als ideologische Anführerin verspielte und die katholischen Wähler vergraulte, so brach auch eine der wichtigsten transatlantischen Brücken zusammen. Für einige Beobachter überraschend war Meloni die erste Regierungschefin, die Trumps Äußerungen gegenüber Leo XIV. als „inakzeptabel“ bezeichnete. Denn bis dato galt Meloni als wichtigste Verbündete Washingtons in Europa.

Melonis Schritt kommt nicht überraschend

Doch so überraschend sind die Vorgänge nicht. In Wirklichkeit hatte Italien mit dem Abzug seiner Truppen im Irak zu Beginn des Irankrieges eine sehr deutliche Botschaft über den Atlantik geschickt. Ähnlich darf Melonis Nahostreise Anfang April bewertet werden, die wohl kaum ohne Absprache mit Brüssel vonstatten ging. Und ebenso klar war die Reaktion Italiens auf den Eklat am Palmsonntag, als Pierbattista Kardinal Pizzaballa, dem Patriarchen von Jerusalem, von der israelischen Polizei der Zugang zur Grabeskirche verwehrt wurde. Italiens Außenminister Antonio Tajani bestellte deswegen den israelischen Botschafter ein. 

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Es blieb nicht allein dabei: Das Vorgehen Israels im Südlibanon wird von Rom äußerst kritisch gesehen, weil dort Christen zwischen die Mühlen der israelischen Armee und der Hisbollah geraten. Der israelische Botschafter wurde deswegen neuerlich herbeizitiert. Dass Italien das Verteidigungsabkommen nicht verlängern ließ, sorgte ebenfalls für Aufsehen. Die italienische Republik steht mit UN-Soldaten im Libanon. Schon bei früheren Angriffen wurden italienische Soldaten des UNIFIL-Einsatzes verwundet.

Trumps Retourkutsche folgte über den Corriere della sera, eine der wichtigsten Tageszeitungen des Landes. Per persönlichem Telefoninterview machte er der Premierministerin schwere Vorwürfe. Sie wolle nicht an der Seite der USA im Iran intervenieren. Er sei daher „schockiert“, Meloni sei nicht mehr dieselbe Person wie früher. „Sie ist es, die inakzeptabel ist, denn es ist ihr egal, ob der Iran über Atomwaffen verfügt, und Italien innerhalb von zwei Minuten in die Luft jagen würde, wenn er die Gelegenheit dazu hätte!“

„Wenn wir nicht einverstanden sind, dann müssen wir das sagen“

Meloni hat im italienischen Fernsehen bereits geantwortet: Europa habe im geopolitischen Spiel mit dem Iran nicht viel zu gewinnen, für Italien stehe an erster Stelle, die eigenen Interessen zu wahren. „Und wenn wir nicht einverstanden sind, dann müssen wir das sagen – und wir sind nicht einverstanden“, betonte die Ministerpräsidentin.

Dass Meloni dieser Schritt nicht leichtgefallen ist, dürfte offensichtlich sein: Jahrelang hat sie darauf hingearbeitet, dass ihr Land jene special relationship aufbaut, die früher nur das Vereinigte Königreich zu den USA besaß. Doch die Energiekrise, die die USA angeheizt haben, kann Rom nicht kaltlassen. Bereits beim Referendum gab es mehrere Stimmen, die behaupteten, dass die Niederlage auch mit der unpopulär gewordenen US-Allianz zusammenhänge. Meloni hat bereits in der Vergangenheit ihr Fingerspitzengefühl bei sich ändernden Machtkonstellationen gezeigt.

Dabei könnte Trump noch mehr als einen Vorposten in Europa verlieren. Meloni hat schon in der Vergangenheit immer postuliert, es müsse ein starkes, eigenständiges Europa mit einer eigenen Sicherheits- und Interessenpolitik geben. Der Mangel an Führungspersonal in Europa bringt sie in die Position, sich von Trumps engstePartnerin zu seinem Widerpart zu wandeln. 

Denn die Allianz mit den USA war stets von Nützlichkeitsüberlegungen getrieben. Bereits zu Beginn der Energiekrise brachte Infrastrukturminister Matteo Salvini (Lega) die Idee ins Spiel, die Sanktionen gegen Russland auszusetzen und von dort Öl zu importieren. Dass Meloni in einer Position der Stärke verhandeln kann, liegt auch daran, dass Trump seit dem Wochenende keinen anderen Gesprächspartner hat, da Viktor Orbán abgewählt wurde. Mit wem will die US-Regierung das Verhältnis wieder kitten? Friedrich Merz? Emmanuel Macron? Keir Starmer? Die Brücken sind allesamt abgerissen.

Das historische Ende des Trumpismus

Zudem gibt die anti-amerikanische Linie Meloni eine bisher völlig unbekannte innenpolitische Kraft. 81 Prozent der Italiener begrüßen ihre Verteidigungsrede zugunsten Leos XIV. Selbst Elly Schlein, ihre Herausforderin von der italienischen Linken, sprach ihre Solidarität aus: Nun müsse man gegen Trump zusammenstehen, trotz verschiedener politischer Ansichten. Der Anti-Trumpismus kann nun national wie europaweit zur Klammer werden.

Das wertet Meloni nach der Niederlage der Justizreform massiv auf. Trump dagegen verspielt gerade seine letzten Karten. Er vergrault seine katholischen Unterstützer im In- und Ausland – und mit Meloni sogar eine Freundin, die ihm sehr nützlich hätte sein können. 

Die MAGA-Truppe mag sich noch selbst feiern, aber sie mutiert zur Sekte, wenn sie sich nur noch als Trump-Partei versteht. Am Ende bleibt der Rückzug in den Isolationismus. Das aber geht nicht, wenn man weiter mit neokonservativem Feuer spielen will. Der Trumpismus kommt damit an sein historisches Ende.

Dieser Text wurde zuerst in englischer Sprache bei LEO veröffentlicht, einem neuen katholischen Magazin für europäische Leser auf Substack. Hier können Sie es kostenlos abonnieren.

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