Mit Erbsen die Welt retten
Seit Jahrzehnten machen sich kirchenferne Kreise gern lustig über den Ablasshandel, mit dem sich im Spätmittelalter angeblich Sünder mit Geld von den Qualen des Fegefeuers freikaufen konnten – für die Sündenvergebung war die Beichte nötig. Man darf die damalige missbräuchliche Praxis sicher hinterfragen. Sicher ist aber: Sie hat längst durch die Hintertür wieder Einzug gehalten. Und das für eine neue Religion: Die Klimasekte.
Wer heutzutage keine Lust hat, auf das Flugzeug zu verzichten, bezahlt einfach einen „Klima-Aufschlag“. Und das ist nur eines von unzähligen Beispielen, die nach demselben Schema funktionieren: Tue, was man laut Zeitgeist eigentlich nicht tun sollte, und beruhige dein Gewissen danach mit einem Griff in die Brieftasche. Hauptsache, die Welt wird gerettet. Auch wenn kaum jemand glauben mag, dass das auf diese Weise funktioniert.
Im Zoo Zürich, dem Schweizer Flaggschiff unter den Freiluftgehegen für alle möglichen Tierarten, hat man sich ebenfalls Gedanken darüber gemacht, wie sich die globale Klimaerwärmung aufhalten lässt. Erstaunlich, dass das überhaupt möglich ist, denn flächenmässig liegt die Schweiz auf Platz 132 von 196 Nationen. Aber so ist das eben mit Religionen: Man muss nur daran glauben.
Erbsen essen statt nach Rom fahren
Die gewählte Lösung wirkt nicht gerade naheliegend, wird aber mit grosser Überzeugung verkauft. Offenbar lässt sich das Verglühen des Erdballs verhindern, indem man die Besucher anders verköstigt. Konkret wurden vor Kurzem sämtliche Fleischprodukte in allen Restaurants und Verpflegungsständen im Zoo angepasst. Sie bestehen neu bis zu einem Viertel aus Erbsenprotein. Das soll die Treibhausgas-Emissionen um rund 20 Prozent reduzieren, während geschmacklich alles beim Alten bleibt. Betroffen ist auch der Dauerbrenner unter hungrigen Gästen: die Bratwurst.
Zwei Jahre lang habe man an der perfekten Mixtur getüftelt, teilt der Zoo mit. Ein echter Erbsenzähler könnte nun auf die Idee kommen, diese Phase ebenfalls gegenzurechnen: Wie viele CO2-relevante Sitzungen und Arbeitsgänge waren wohl nötig, um dieses Resultat zu erreichen, und wie lange hätte man ganz normale Bratwürste essen können, um das wieder aufwiegen zu können?
Aber eben: Es geht ja nicht um den wirklichen Effekt, sondern um die Illusion, die geschaffen wird. Zu dieser gehört auch, dass die Zoo-Verantwortlichen den staunenden Besuchern folgende Rechnung präsentieren: Pro Jahr lassen sich durch die neue Mischung aus Fleisch und Erbsen rund 60 Tonnen CO2 einsparen, „was ungefähr 233 Autofahrten von Zürich nach Rom entspricht“, wie es weiter heißt.
Ein interner Ablasshandel
Für Nichtschweizer zur Klärung: Es gibt nicht sehr viele Eidgenossen, die regelmäßig mit dem Auto von Zürich nach Rom pendeln. Das sind rund 900 Kilometer, es dauert bis zu zehn Stunden, und das macht man wirklich nur im Ausnahmefall. Und dennoch befand man beim Zoo Zürich, diese Zahl sei ein eindrucksvoller und lebensnaher Nachweis für den großen Effekt der Maßnahme.
Ob sich nun die Besucher des Zoos für heldenhafte Erben von Greta Thunberg halten, wenn sie ihre Zähne in eine Erbsenprotein-Bratwurst schlagen, ist zweifelhaft. Aber um sie geht es gar nicht – sondern um einen Zoo-internen Ablasshandel. Denn gleichzeitig zum klimaschützenden Durchbruch an der Gastronomiefront wurde bekannt, dass der Zoo Zürich einen Luxustrip an den Südpol plant.
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Die 25-tägige Reise kostet zwischen 26.000 und 52.000 Franken, je nachdem, wie komfortabel man es unterwegs mag. Dafür lassen sich dann Robben und Pinguine in freier Wildbahn beobachten. 199 Gutbetuchte können ein Ticket ergattern. Inklusive sind: Ein Langstreckenflug nach Argentinien, ein Inlandflug, der eigentliche Trip auf einem Kreuzfahrtschiff (dem Klimakiller Nummer eins) – und danach das Ganze natürlich zurück in die Gegenrichtung.
Unterwegs kann man dann mit dem Direktor des Zoo Zürich über diese Erfahrungen plaudern, der ebenfalls mit von der Partie ist, während seine Kunden im fernen Zürich herausfinden dürfen, ob eine Bratwurst mit Erbsenbrei wirklich genauso schmeckt wie das Original.
Pro Person schlägt die Reise in den tiefsten Süden mit sechs bis neun Tonnen CO2 zu Buche. Was bedeutet, dass die gesamte Ersparnis, die man dank der klimafreundlichen Bratwurst mit sämtlichen Zoobesuchern pro Jahr erreicht, durch zehn Schiffspassagiere in dreieinhalb Wochen wieder wettgemacht wird. Da fühlt man sich doch gleich wieder weniger elend, wenn man ausnahmsweise doch den Wunsch verspürt, mit dem Auto von Zürich nach Rom zu fahren.
Diese Rechnung soll aufgehen?
Es sei jedem gegönnt, der eine Summe von 52.000 Franken für eine Urlaubsreise an den Südpol aufbringen kann. Aber sind die Leute, die sich das leisten können, auch diejenigen Leute, die unterm Jahr besonders klimafreundlich leben, zu fünft in einer Zweizimmerwohnung hausen, kein Auto besitzen und niemals fliegen würden?
Fassen wir zusammen: Die Kleinverdienerfamilie, die sich den Besuch des Zoos vom Mund abgespart hat, wird zum Konsum von Erbsenprotein genötigt. Gleichzeitig lassen es sich andere über 50.000 Franken kosten, einem Seelöwen dabei zuzusehen, wie er einen garantiert erbsenfreien Fisch verdrückt. Da wirkt der spätmittelalterliche Ablasshandel im Vergleich dazu wie die reine Vernunft.
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