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Neuer Debattentrend in den USA

Sollte man heute noch heiraten?

Nicht heiraten. Das war ein Spruch, den ich besonders oft von jungen Frauen und Männern an der Universität gehört habe. Sie studierten irgendwas Geisteswissenschaftliches, lernten im Studium unsere europäische Kultur und Geschichte abzulehnen und betrachteten Religion und Glaube als etwas, das nur dazu da sei, spirituelle Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen. 

Darüber hinaus wurde der Mensch nicht als „Abbild Gottes“ mit besonderer Würde betrachtet, sondern als ein weiteres Lebewesen. Ihn hervorzuheben sei „Speziezismus“. Außerdem seien Gut und Böse gesellschaftliche Konstrukte. Alles sei erlaubt – außer natürlich, sein Kreuz bei der falschen Partei zu machen oder seinen Müll nicht zu trennen. 

Wer mit diesen „liberalen Werten“ im besten Deutschland aller Zeiten ausgestattet ist, konzentriert sich konsequenterweise nur darauf, seine momentanen Bedürfnisse und Sehnsüchte zu befriedigen, um glücklich zu überleben. Und denkt nicht an morgen.

Platte Altherrenrunden

In so einer Prägung kommt die Ehe nicht vor. Freundschaft Plus, unverbindliche Beziehungen, Only Fans und Tinder hingegen gelten als Ausdruck der Freiheit. Das konservative US-amerikanische Medienportal Daily Wire hat ein Video auf YouTube veröffentlicht, in dem Daily Wire-Journalisten über das Phänomen diskutieren, wonach heute weniger geheiratet wird und viele erst gar nicht heiraten wollen, ja sogar anderen davon abraten. 

Manchmal verkommen diese typisch US-amerikanischen Diskussionen zu einer platten Altherrenrunde, in der die Probleme der jungen Generation nicht verstanden werden und man einfach auf sie herabschaut. Die eigentlichen Ursachen des Phänomens werden dabei ignoriert, nämlich die falsche Pädagogik und schlechten Rahmenbedingungen der vergangenen Jahrzehnte. 

Die Ausrichtung unserer Gesellschaft fördert es, nicht zu heiraten und keine Kinder zu bekommen. Dahinter liegt eine Tragik, die man nicht als Einzelner lösen kann. Immer mehr YouTuber treten deshalb als Aufklärer in Erscheinung und geben an, unbequeme Wahrheiten auszusprechen – im Jargon heißt das, angelehnt an den Kinofilm „Matrix“, sie verabreichen die „Red Pill“. Doch Lösungen bieten sie nicht an. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Antifeministin Pearl Davis.

„Männer sollten aussteigen“

Pearl Davis hat zwei Millionen Abonnenten auf YouTube und wirkt wie ein traumatisierter „Prophet of Doom“. Einige sehen in ihr einen weiblichen Andrew Tate. Sie will als „Red Pill“-Anwältin der Männer auftreten, sagen, warum Männer nicht mehr heiraten wollen, aber schafft mit ihren Extrempositionen vor allem ein Bild, das Frauen pauschal herabwürdigt, Männer hingegen zu Opfern stilisiert und in Aporien zurücklässt. 

Viele ihrer Aussagen sind skandalös. Eine wie Davis gibt es kein zweites Mal. Damit hat sie auf jeden Fall eine Marktlücke gefunden. Genau deshalb wird sie immer wieder eingeladen, wie jetzt zu der Diskussion „Marriage Debate“ mit dem Daily Wire-Journalisten Michael Knowles – obwohl oder weil sie eigentlich unerhörte Positionen vertritt.

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Die 27-Jährige gibt pauschal ihren Geschlechtsgenossinnen die Schuld, wenn Männer heute nicht heiraten wollten, weil Frauen nicht mehr auf sich achteten, sexuell zu freizügig seien und vom Feminismus in eine falsche Richtung gelenkt würden.

 

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Davis sieht unsere Kultur heute als so verändert, die Mentalität als so verdreht an, dass eine lebenslange und stabile Beziehung für die meisten Männer nicht mehr in Frage komme. Es gebe viele und teure Scheidungen, über 80 Prozent der Scheidungen gingen von Frauen aus, der oftmals hohe „Body Count“ (Anzahl der Sexualpartner) vor der Ehe würde die Ehen instabil machen, viele Männer könnten nach der Scheidung ihre Kinder nicht mehr sehen, und die traditionellen Rollenverteilungen seien heute nicht mehr möglich.

Die Eignung zur Ehe spricht sie den meisten jungen Menschen ab. Schließlich folgert sie: „Men should bow out“ – Männer sollten aussteigen. Michael Knowles hält dagegen: Männer sollten heiraten, Frauen sollten Kinder bekommen. Die Ehe als fundamentale Lebensplanung sollte man niemals aufgeben – denn sie sei die beste Option für die meisten Menschen.

Wie zwei Athleten unterschiedlicher Sportarten

Die Differenz zwischen beiden besteht weniger in den Idealen als in der rhetorischen Ausrichtung. Während Knowles christliche Ideale und die menschliche Anthropologie ins Feld führt, behauptet Davis, mit Fakten und Studien zu argumentieren, die Knowles immer mit anderen Zahlen kontert. Knowles hält Plädoyers, und Davis spricht von traurigen Realitäten. 

Leider vermittelt die Debatte so eher den Eindruck, als würden zwei Athleten unterschiedlicher Sportarten gegeneinander antreten, es entsteht kein wirklicher Diskurs, und oft prallen zusammenhanglose Meinungen aufeinander. Davis unterbricht Knowles ständig und ändert mehrmals ihre Position.

Vielleicht sind es auch nicht zwei Sportarten, sondern die Regionalliga versucht, sich in der Champions League zu behaupten. Knowles hält sich zurück und siegt dennoch gnadenlos. 

Einigen können sich Knowles und Davis in der Frage, was der Sinn der Ehe sei: eine Familie zu gründen. Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass Davis’ Thesen keine neue Lehre begründen, sondern eine schreckliche Entwicklung beschreiben, einen Aussteiger-Trend, der nicht mehr an die Liebe glaubt. Aber nach wie vor ist es der Fall, dass die Ehe die meisten Menschen auf eine neue Stufe hebt und mit Sinn und Glück erfüllt.

Ganz einfach deshalb, weil es der Natur entspricht, einen Ehepartner zu finden, Sexualität in der Ehe zu ordnen, Kinder zu kriegen und einen Grund zu haben, täglich nach Hause zu kommen. Diese natürliche Ordnung zu verleugnen und ihr ein libertines „Tu, was du willst“ entgegenzusetzen, ist ein Betrug am Menschen.

Die Herausforderung annehmen, sonst wird alles noch schlimmer

Man hat heute als junger Mensch zwischen 20 und 30 alle sexuellen Freiheiten, besonders an den Universitäten. Die Kehrseite ist, dass auch diese Zeiten vorbeigehen und jeder von uns altert. Was ist die Zukunft eines gebildeten, liberalen Mannes, der nicht im Leben Fuß fasst? Oder einer Frau, die alt wird, an Attraktivität verliert und es verpasst hat, zu heiraten? Der Mann, wenn er keinen erfüllenden Lebenssinn findet, nutzt das Internet zu seinem Schaden, greift zum Alkohol und verwahrlost. Die Frau, wenn ihr soziales Netzwerk sie nicht exzellent auffängt, heult sich nachts in den Schlaf. 

Wir haben noch nicht begriffen, was es bedeutet, dass Großstädte wie Hamburg eine Single-Haushaltsquote von über 50 Prozent haben. Neben der demografischen Katastrophe stehen wir in nie gekanntem Ausmaß vor dem Problem der Einsamkeit im Alter. Vermutlich wird man viele Verstorbene erst Wochen nach ihrem einsamen Tod in ihren Wohnungen finden – weil es niemanden gibt, der täglich nach ihnen fragt.

Ja, es ist heute schwerer, jemanden zu finden, der wirklich an die Ehe glaubt. Es als Konsequenz aber gar nicht erst zu versuchen, macht alles noch unendlich schlimmer. Wie in anderen Bereichen, geht es darum, die Herausforderung anzunehmen und, wenn nötig, die Komfortzone zu verlassen. Es geht dabei nicht um abstrakte Dinge wie die Zukunft der Gesellschaft oder um die Demografie, sondern um unser eigenes Leben, um unser je eigenes Schicksal.

 

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Joachim Fischer
Vor 2 Wochen 2 Tage

Das Problem liegt in meinen Augen ganz an anderer Stelle: Es gibt in der Biochemie der Liebe zwei hormonell ganz unterschiedliche Abläufe:
Verliebtheit - läuft über die Endorphine und dauert maximal 7 Jahre. Sie kann auch in eine Psychose kippen. Scheitert eine Beziehung auf dieser Basis ist es ein Drogenentzug.
Liebe - läuft über das Bindungshormon Oxytocin. Geht diese Beziehung zu Ende, kommt es zur Trauer.
Leider wird kulturell suggeriert, die Verliebtheit sei das wünschenswerte. (Sie ist ja auch schön). Aber darauf kann man eben biologisch keine langandauernde Beziehung aufbauen.

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Joachim Fischer
Vor 2 Wochen 2 Tage

Das Problem liegt in meinen Augen ganz an anderer Stelle: Es gibt in der Biochemie der Liebe zwei hormonell ganz unterschiedliche Abläufe:
Verliebtheit - läuft über die Endorphine und dauert maximal 7 Jahre. Sie kann auch in eine Psychose kippen. Scheitert eine Beziehung auf dieser Basis ist es ein Drogenentzug.
Liebe - läuft über das Bindungshormon Oxytocin. Geht diese Beziehung zu Ende, kommt es zur Trauer.
Leider wird kulturell suggeriert, die Verliebtheit sei das wünschenswerte. (Sie ist ja auch schön). Aber darauf kann man eben biologisch keine langandauernde Beziehung aufbauen.