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Reportage vom Berliner Straßenstrich

Kurz vor Mitternacht beten die Prostituierten

Teresa steht in der Küche im Café Neustart in der Kurfürstenstraße in Berlin und schneidet Tomaten. Vor ihr auf der Arbeitsplatte steht eine gigantische Salatschüssel aus Glas, daneben stehen vier Packungen Rucola, ein Glas Oliven, liegen drei Salatgurken, drei rote Paprikas und weitere Zutaten. Mir drückt sie eine Packung Toastbrot und ein Tablett in die Hand.

Teresa ist die Leiterin von „Alabaster Jar“, ein Projekt der christlichen Hilfsorganisation „Samaritan’s Purse“. Sie heißt nicht wirklich so, aus Sicherheitsgründen handelt es sich bei fast allen im Text verwendeten Namen um Pseudonyme. Teresa, ihre Kolleginnen und rund 40 Ehrenamtliche unterstützen Frauen, aus der Prostitution auszusteigen. Deshalb liegt das Café Neustart in der Kurfürstenstraße – die gut zwei Kilometer lange Straße und ihre Seitenstraßen im zentralen Stadtbezirk Mitte sind der Hotspot für Straßenprostitution in Berlin.

Das Projekt „Alabaster Jar“

„Alabaster Jar“ ist ein Hilfsprojekt der christlichen Organisation „Samaritan’s Purse“ für Frauen in Berlin, die in der Prostitution arbeiten. Das Projekt gibt es seit fast 20 Jahren. Die Mitarbeiterinnen und Ehrenamtlichen versuchen bei regelmäßigen Einsätzen auf der Straße, in Bordellen und Stripclubs Kontakte zu den Frauen zu knüpfen, und bieten Hilfe an, etwa bei Notübernachtungen, Behördengängen oder Arztbesuchen. Entscheidet sich eine Frau für den Ausstieg aus der Prostitution, begleitet „Alabaster Jar“  sie auf dem Weg in ein neues Leben und leistet in Kooperation mit Partnerorganisationen Hilfe bei der Schutz-, Wohnungs- und Jobsuche. Die Mitarbeiterinnen klären darüber hinaus öffentlich über Prostitution und Menschenhandel auf. Getragen vom christlichen Glauben ermutigen sie auch andere Christen, sich aktiv gegen sexuelle Ausbeutung einzusetzen. Teil ihrer Arbeit sind ferner Gebetsaktionen, etwa rund um die Erotikmesse Venus. 

Es ist Mittag, das Café öffnet erst nachmittags. Die Frauen von der Kurfürstenstraße kommen hierher, um etwas zu essen, einen Kaffee oder Tee zu trinken und um zu reden, über Alltägliches oder über ihre Probleme. Weiter hinten im Café gibt es einen Kleiderschrank, aus dem die Frauen bis zu drei Kleidungsstücke mitnehmen dürfen. Daneben steht ein Sofa, auf dem sie schlafen, wenn sie erschöpft sind.

Ich darf heute bei den Vorbereitungen helfen. Gemeinsam mit Constanze, einer weiteren Mitarbeiterin von „Samaritan’s Purse“, sitze ich an einem Tisch im Café und bestreiche die Toastbrotscheiben mit Butter oder Leberwurst. „Die meisten Frauen hier auf der Kurfürstenstraße kommen aus Rumänien, Ungarn und Bulgarien“, schildert sie, während wir die Brote mit Käse und Salami belegen. „Sie werden von Menschenhändlern gezwungen, auf dem Straßenstrich zu arbeiten, oder mit falschen Versprechen nach Deutschland gelockt.“ Den Frauen werde ein anderer, normaler Job in Deutschland in Aussicht gestellt oder zugesichert, sie müssten höchstens ein Jahr auf dem Strich arbeiten, fährt Constanze fort. Nach einem Jahr hätten sie dann genug verdient, so das Versprechen, um auszusteigen und um gleichzeitig Geld nach Hause in ihr Dorf zu ihrer Familie senden zu können.

Viele Frauen wollen aussteigen, schaffen es aber nicht

Die Realität ist eine andere. „Samaritan’s Purse“ geht aufgrund der jahrelangen praktischen Erfahrung davon aus, dass der Großteil der Frauen, die in Deutschland im Rotlichtmilieu arbeiten, in der Prostitution gefangen ist. Die Frauen wollen aussteigen, schaffen es aber nicht. In einer internationalen Untersuchung, die allerdings schon länger als zwanzig Jahre zurückliegt, kommen die Forscher zum Ergebnis, dass 89 Prozent der Frauen in Prostitution aussteigen wollen, es aber nicht schaffen. Untersucht wurden dabei neun Länder, darunter Deutschland.

Laut dem Statistischen Bundesamt sind in Deutschland 32.300 Frauen offiziell in der Prostitution registriert. Nach Einschätzung von „Samaritan’s Purse“ indes bildet diese offizielle Zahl nicht die Realität ab. Diverse andere Organisationen und Veröffentlichungen sprechen von 200.000 bis 400.000 Frauen, die in Deutschland tatsächlich in der Prostitution arbeiten.

Für diesen Text wollte ich mit mindestens einer Frau sprechen, der der Ausstieg aus dem Rotlichtmilieu gelungen ist. Doch von den wenigen Frauen, die sich aus der Prostitution hier auf der Kurfürstenstraße herausgekämpft haben, war keine bereit, mit einem Journalisten zu reden. „Die Frauen wollen diese Zeit hinter sich lassen“, erklärt mir Teresa, die Projektleiterin. „Sie leiden nach wie vor unter psychischen Problemen und schämen sich. Hinzu kommt der Sicherheitsaspekt: Aus Angst vor ihren ehemaligen Zuhältern wollen die Frauen unter dem Radar bleiben.“

„Ich bin glücklich, dass es Gott gibt“

Die meisten der Frauen sind traumatisiert, erfahre ich, viele drogen- oder alkoholabhängig. Sie erleben extreme Gewalt, werden sexuell erniedrigt. Die Helferinnen von „Alabaster Jar“ sind häufig die einzigen Menschen, denen sich die Frauen anvertrauen können. „Die Dinge, die uns die Frauen berichten, sind oft so brutal – man kann und will sich nicht vorstellen, dass Menschen so etwas ertragen müssen und dass andere Menschen zu derartigen Taten fähig sind“, erzählt Teresa. Konkreter möchte sie nicht werden. Nur so viel: „Je abseitiger die sexuelle Praxis, zu der sich die Frauen bereiterklären, desto mehr Geld sind die Freier bereit zu bezahlen.“

Und Geld ist das, worauf die Frauen angewiesen sind. Wegen der Zuhälter, die jeden Abend eine bestimmte Summe verlangen, wegen der Drogensucht, aber vor allem auch, um einen Platz zum Schlafen zu haben. Viele der Frauen haben keine Wohnung, sondern müssen jede Nacht ein Zimmer in einer Pension nehmen. Die „Schicht“ dauert dann eben so lange, bis sie genug Geld verdient haben, um das Zimmer bezahlen zu können.

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Der Sex mit den Freiern findet ebenso in Pensionen statt, außerdem in den Autos der Freier, im nahegelegenen Nelly-Sachs-Park, in Zimmern in einem Sexkino namens „LSD“ in der Kurfürstenstraße oder – bis vor kurzem – in sogenannten Öko-Toiletten, die allerdings Anfang des Jahres abgebaut wurden. Die Preise für den Sex bewegen sich zwischen 20 und 50 Euro, je nachdem, was die Freier genau wollen und wie groß die Notlage der Frau ist.

Constanze und ich sind jetzt fertig mit dem Brotebelegen. Teresa hat den Salat zubereitet, die anderen Helferinnen haben Kaffee und Tee gekocht, einen selbst gebackenen Kuchen in passende Stücke geteilt und Schüsseln mit Keksen und Gummibärchen gefüllt. Bevor das Café öffnet, setzen sich alle vier Helferinnen, die diesmal da sind, um einen Tisch und sprechen darüber, wie es ihnen geht. Stets gibt es eine kurze Andacht. Heute spricht Teresa darüber, wie schwer es ihr oft fällt, angesichts der Erfahrungen hier auf dem Straßenstrich Freude zu empfinden. „Ich bin glücklich, dass es Gott gibt und er für uns alle da ist“, sagt sie. „Ich weiß, dass ich als Christin Freude empfinden sollte wegen seiner Gnade. Das tue ich auch. Wenn ich das Leid der Frauen hier sehe, fühlt es sich trotzdem manchmal falsch an.“

Das Café muss bald schließen

Der Glaube spielt für alle Helfer eine entscheidende Rolle. „Wir sind überzeugt davon, dass Gott sich besonders für Menschen am Rand der Gesellschaft einsetzt, für alle, die übersehen werden“, bekräftigt Teresa mir gegenüber. „Jesus würde, wäre er heute hier, den Frauen ebenfalls helfen. Mit unserer Arbeit wollen wir ein Zeichen der Gerechtigkeit und der Liebe setzen.“ Zugleich betont sie: „Für uns geht es jedoch nicht darum, die Frauen zu bekehren, sondern ihnen konkret bei ihren Problemen zu helfen. Nur wenn sie selbst mehr über den Glauben erfahren wollen, versuchen wir, ihnen das Christentum näherzubringen.“

Bevor Teresa die Aufgaben für den heutigen Cafébetrieb vergibt – jemand ist für die Theke zuständig, jemand für die Eingangstür, eine andere Helferin verteilt die Kleider aus dem Kleiderschrank – ist es Zeit, zu beten. Teresa beginnt. „Herr, ich danke dir, dass du uns und den Frauen unser Leben geschenkt hast“, sagt sie mit geschlossenen Augen. „Ich danke dir, dass wir heute für die Frauen da sein dürfen, dass wir ein sicherer Ort für sie sein dürfen …“ 

Die Gebete drehen sich auch um die Zukunft des Cafés. Nach fast 20 Jahren hat der Eigentümer den Mietvertrag gekündigt. Ende September muss das Café schließen. „Alabaster Jar“ wird die Arbeit zwar fortsetzen und vorübergehend in andere christliche Cafés ausweichen. Doch der wichtige Schutzraum vor Ort in der Kurfürstenstraße fällt für die Frauen vorerst weg. „Alabaster Jar“ hofft, schon bald in der Nähe eine andere passende Immobilie zur Miete zu finden.

Nach rund zehn Minuten sind die Gebete beendet. Ich muss gehen, bevor das Café öffnet. „Es ist wichtig, dass uns die Frauen vertrauen können“, erklärt Teresa. „Mit einem Journalisten im Raum ist das nicht möglich.“ Davon abgesehen sind zwar auch Männer Teil von „Alabaster Jar“, sie halten sich aber im Hintergrund. Für den direkten Kontakt sind die Helferinnen zuständig. 

Dabei beim Einsatz auf der Straße

So ist es auch gestern, als ich bei einem Einsatz auf der Straße mit dabei bin. Die Helferinnen von „Alabaster Jar“ gehen Woche für Woche auf den Straßenstrich rund um die Kurfürstenstraße, sprechen mit den Frauen, bieten ihnen Hilfe an und geben ihnen mehrsprachige Broschüren, in denen Hilfsangebote sowie Hilfstelefonnummern aufgelistet sind. Bordelle und Stripclubs in anderen Teilen Berlins besuchen die Helferinnen ebenfalls regelmäßig und nehmen dort Kontakt zu den Frauen auf. Die Männer übernehmen Aufgaben im Hintergrund.

Treffpunkt für den Einsatz ist das Café Neustart. Dort sind heute Abend 15 Mitarbeiterinnen und Ehrenamtliche zusammengekommen. Weil neue Gesichter dabei sind, gibt es eine kurze Vorstellungsrunde. Alter, Geschlecht, Konfession – es ist alles sehr gemischt. Eine ältere Frau kommt ursprünglich aus Kroatien, ein Ehepaar aus Stuttgart ist zu Besuch, eine junge gebürtige Berlinerin ist da, ein junger Mann aus Nigeria … Es sind Katholiken dabei, Freikirchler, ebenso EKD-Mitglieder. Allerdings: Der christliche Glaube ist Voraussetzung, um bei „Alabaster Jar“ mitzuhelfen. „Wir brauchen Gott für unsere Arbeit. Ohne ihn können wir nichts bewirken“, sagt Teresa.

Darüber hinaus achten die Verantwortlichen darauf, dass neue Mitarbeiterinnen und Ehrenamtliche psychisch stabil sind und ein gesundes Umfeld haben. Regelmäßig finden Einzelgespräche und Supervisionen statt, damit die Helfer das Erlebte verarbeiten können. Besonders wichtig ist den Verantwortlichen, dass neue Mitarbeiterinnen und Helferinnen gesunde Beziehungen zu Männern in ihrem Privatleben haben. „Wegen der brutalen Geschichten, die uns die Frauen von ihren Zuhältern und Freiern erzählen, passiert es schnell, dass man Männer unter einen Generalverdacht stellt“, schildert Teresa. „Selbst mir geht es mit meinem Ehemann bisweilen so, dass ich mir aktiv bewusst machen muss: Es gibt viele schlechte Männer, die Zuhälter, die Freier, aber es gibt gleichzeitig ganz viele gute Männer wie ihn.“

Was sind das für Männer, die auf dem Straßenstrich Frauen für Sex bezahlen? „Alle Schichten, jedes Alter, alle Nationalitäten“, antwortet Teresa. „Es kommen Männer im Porsche, andere zu Fuß mit Rucksack und Plastiktüten in der Hand. Verheiratet und unverheiratet, mit Familie und ohne.“ Es gebe keine Merkmale, anhand derer man einen Freier im Alltag erkennen könne.

Später erfahre ich, dass die meisten Frauen von neun Uhr abends bis neun Uhr morgens arbeiten. Warum bis neun Uhr morgens? „Weil viele Familienväter morgens vor der Arbeit auf den Straßenstrich kommen. Das ist für die Väter die günstigste Zeit.“

Wie reagieren die Zuhälter auf „Alabaster Jar“?

Nach der Vorstellungsrunde beten wir. Danach bildet Teresa unterschiedliche Teams. Bei jedem Einsatz auf dem Straßenstrich gibt es ein Einsatzteam, das direkt zu den Frauen geht und mit ihnen spricht. Beim zweiten Team handelt es sich um das Gebetsteam, das dem Einsatzteam mit einigem Abstand oder auf der anderen Straßenseite folgt, die Situation im Blick behält, regelmäßig stehenbleibt und für die Frauen auf dem Strich betet. Das Einsatzteam besteht ausschließlich aus Frauen, zum Gebetsteam gehören Frauen und Männer. Ich begleite das Gebetsteam. 

Angeführt wird das Gebetsteam an diesem Abend von Michael, einem etwa 30 Jahre alten US-Amerikaner, der seit mehreren Jahren Teil von „Alabaster Jar“ ist. Er berichtet mir, die Arbeit sei zuletzt immer schwieriger geworden. Grund dafür ist das wachsende Drogenproblem in der Szene rund um die Kurfürstenstraße. Vor allem eine Droge namens Monkey – eine synthetische Droge, die außerordentlich schnell süchtig macht – spielt eine immer größere Rolle. Der zunehmende Drogenkonsum hat zur Folge, dass die Aggressivität unter den Frauen steigt und sie in Panik- und Wahnzustände geraten. Im Café Neustart müssen die Mitarbeiterinnen wesentlich häufiger als früher Hausverbote aussprechen, weil die Frauen in Prostitution plötzlich herumschreien, ohne Grund panisch durch das Café laufen oder auf andere losgehen.

Wir haben inzwischen die Straßenseite gewechselt und beobachten, wie das Einsatzteam um Teresa die Frauen anspricht, die am Straßenrand auf Kundschaft warten. Eine meiner ersten Fragen in den Vorgesprächen lautete, wie gefährlich es sei, mit den Frauen Kontakt aufzunehmen. Schließlich hätten die Zuhälter doch kein Interesse daran, dass sich Christen auf der Kurfürstenstraße herumtreiben und „ihren“ Frauen Wege zum Ausstieg aus der Prostitution aufzeigen. 

„Nein, das ist überhaupt nicht so“, erläuterte mir Teresa. „Die Zuhälter lassen uns mit den Frauen reden, weil sie sicher sind, dass die Frauen nicht aussteigen. Sie wissen, dass die Frauen zu abhängig von ihnen und zu psychisch kaputt sind. Und im Zweifelsfall holen sie eben neue junge Frauen aus genau dem Dorf, aus dem die Frau kommt, die jetzt aussteigen will.“ Wie gravierend die emotionale Abhängigkeit von den Zuhältern sei, zeige sich beispielsweise daran, dass die Frauen nie das Wort „Zuhälter“ benutzten. „Sie sprechen stets von ihrem ‘Mann’ oder ihrem ‘Freund’ und blenden die Gewalt und den Zwang aus.“

Wie viele Frauen den Ausstieg aus der Prostitution schaffen, sei unmöglich zu beziffern. „Denn viele Frauen sind von heute auf morgen weg. Wir wissen nicht, ob sie ausgestiegen sind oder nun in einer anderen Stadt im Rotlichtmilieu arbeiten“, macht Teresa deutlich. Zudem sei ein Ausstieg ein langwieriger Prozess, der verbunden sei mit vielen Rückschlägen. „Die Frauen sind für Monate weg vom Straßenstrich, dann kehren sie wieder zurück.“ 

Wir bleiben stehen und beten

Meist dauere es mehrere Jahre, ehe die Frauen genug Vertrauen zu ihr und den anderen Mitarbeiterinnen gefasst hätten, um um Unterstützung für ein neues Leben zu bitten, fährt Teresa fort. Bis dahin steht ihnen „Alabaster Jar“ durch die Angebote im Café Neustart zur Seite, begleitet sie zu Behörden und Ärzten wie dem Zentrum für sexuelle Gesundheit, wenn ein Verdacht auf eine Geschlechtskrankheit vorliegt, nimmt Kontakt zu Sozialarbeitern auf und vermittelt andere Hilfsangebote.

Ich erfahre auch, dass viele der Frauen Kinder haben, nicht zu Hause in ihren Herkunftsländern, sondern hier in Deutschland. Bis auf Ausnahmen leben die Kinder bei ihren Müttern, das Jugendamt greift lediglich in Extremfällen ein. Die Väter sind häufig die Zuhälter oder die Freier – Sex ohne Verhütung bringt mehr Geld. In der Regel arbeiten die Frauen bis zur Geburt des Kindes. Es gibt Freier, die gezielt nach hochschwangeren Frauen suchen, weil das ihre sexuelle Vorliebe ist. „Außerdem kommt es vor, dass Frauen wenige Stunden nach der Entbindung wieder arbeiten, weil sie vom Zuhälter dazu gezwungen werden“, sagt Teresa. Wie oft die Frauen ihre Kinder abtreiben, aus eigenem Antrieb oder auf Druck des Zuhälters, darüber lässt sich nur spekulieren.

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Das Gebetsteam bleibt stehen und bildet einen Kreis. Michael fängt an, auf Englisch ein Gebet zu sprechen: „Lieber Gott, bitte hilf unserem Einsatzteam, den Frauen Vertrauen zu geben und ihnen Trost zu spenden. Bitte hilf den Frauen, dass ihnen heute Nacht nichts passiert, dass sie die Kraft finden, ein neues Leben zu beginnen, dass sie dich und deine Gnade finden. Hilf auch den Freiern und den Zuhältern, dass sie dich finden, ihr Unrecht erkennen und umkehren …“ Michael und die anderen Teammitglieder falten beim Beten nicht die Hände und schließen auch nicht die Augen – das Beten soll nicht sofort Aufmerksamkeit erregen.

Auf dem Weg durch den Kiez rund um die Kurfürstenstraßebleibt die Gruppe immer wieder stehen, bildet einen Kreis und betet. Auffällig ist, dass das Stadtbild – die Frauen in Prostitution, die am Straßenrand auf ihre Freier warten, ausgeklammert – hier eigentlich ganz normal ist. Anders als etwa auf der Hamburger Reeperbahn reiht sich nicht eine Erotikbar an die andere, es gibt keine Stripclubs und Bordelle. Stattdessen passieren wir einen Rewe, einen Netto, ein Altenheim, ein Möbelhaus, Dönerläden, gewöhnliche Cafés.

„Samaritan’s Purse“ spricht sich für das Nordische Modell aus

Irgendwann bekommt Michael per WhatsApp eine Nachricht vom Einsatzteam. Einige Frauen hätten erzählt, sie seien von der Kripo befragt worden. Es wird nicht ganz klar, worum es genau geht, doch offenbar ist vor kurzem eine Gruppe neuer Frauen aus Rumänien angekommen, und die Polizei will die Hintergründe aufklären.

Die Mitarbeiterinnen berichten später, viele der Frauen in der Kurfürstenstraße seien illegal in Deutschland und hätten keine Anmeldebescheinigung, wie sie das Prostitutionsschutzgesetz seit 2017 vorschreibt. Dennoch greife die Polizei eher selten ein. Dasselbe gelte beim Drogenhandel und Drogenkonsum vor Ort.

Um die Situation nicht nur in der Kurfürstenstraße, sondern allgemein in Deutschland zu verbessern, spricht sich „Samaritan’s Purse“ für das sogenannte Nordische Modell aus. Dieses sieht vor, Prostitution insofern zu verbieten, als die Freier und Zuhälter bestraft werden, nicht aber die betroffenen Frauen. Das reiche allerdings nicht aus, unterstreicht Marina Nobiling, die dem Vorstand von „Samaritan’s Purse“ angehört, die nationale und internationale Programmarbeit verantwortet und hier offiziell spricht. „Das Nordische Modell beruht auf vier Säulen“, macht sie deutlich. „Dazu gehören zum einen, das ist richtig, die Bestrafung der Freier und Zuhälter sowie die Entkriminalisierung der Frauen in Prostitution.“ 

Wenn das Modell funktionieren solle, müssten jedoch auch die dritte und vierte Säule erfüllt sein: Flächendeckende wirksame Ausstiegshilfen für die Frauen sowie Prävention und echte Aufklärung über Prostitution in der Gesellschaft. „Tatsächlich ist es leider so, dass Prostitution in unserer Gesellschaft als ‘Sexarbeit’ verharmlost wird“, kritisiert Nobiling. 

„In den Medien kommen meist gut situierte Escort-Damen zu Wort, die sich vielleicht wirklich freiwillig für Sex bezahlen lassen. Doch das trifft auf die allerwenigsten Frauen in Prostitution zu. Deren Leben ist von Gewalt, Menschenhandel, Armut, Sucht, Traumata und extremer Abhängigkeit geprägt, und sie sind nicht in der Lage, an der medialen Diskussion teilzunehmen. Dadurch entsteht in der Öffentlichkeit ein vollkommen verzerrter Blick auf das Thema Prostitution.“ 

Die Frauen bilden einen Kreis und beten für ihre Kinder

Der Einsatz an diesem Abend ist fast beendet. Wir stehen jetzt in der Genthiner Straße nahe dem Berliner Arbeitsgericht. Auf der anderen Straßenseite spricht das Einsatzteam mit einer Gruppe von Frauen. Diesmal sind es nicht wir, sondern die Mitarbeiterinnen vom Einsatzteam und drei Frauen in Prostitution, die einen Kreis bilden, sich an die Schultern fassen und beten. Das komme häufig vor, erzählt mir Teresa später. Oft kämen die Frauen sogar mit konkreten Gebetsanliegen zu ihnen. Sie beteten dann für ihre Kinder oder dafür, dass Gott ihnen für ihre Arbeit vergeben möge. 

Zurück im Café, es ist mittlerweile fast Mitternacht, versammeln wir uns noch einmal in einem Kreis und besprechen den Einsatz. Wie geht es allen? Gibt es Eindrücke oder Gedanken, die jemand teilen möchte? 

„Was ich euch hinterlasse, ist mein Frieden“ steht auf einem Wandbild im Café

Teresa fasst zusammen, es seien heute 38 Frauen gewesen, mit denen das Einsatzteam gesprochen habe. Sie wird das wie üblich in einem schriftlichen Bericht festhalten, den sie nach jedem Einsatz anfertigt. Für gewöhnlich liegt die Zahl bei 25 bis 30 Frauen, wobei die Helferinnen von „Alabaster Jar“ immer unter der Woche auf der Kurfürstenstraße unterwegs sind. Am Wochenende sind es weitaus mehr Frauen hier auf dem Straßenstrich, doch dann ist es wegen der vielen Freier auch schwieriger, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Der Abend endet mit einem gemeinsamen Gebet.

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