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Debatte um Leihmutterschaft

Wer Spahn kritisiert, sollte auch Weidel und Musk kritisieren

Der Fall Jens Spahn ist eigentlich kein Fall Jens Spahn. Ja, der CDU-Politiker musste vom Fraktionsvorsitz zurücktreten, weil er sich mittels Leihmutterschaft ein Kind gekauft hat – obwohl Leihmutterschaft in Deutschland verboten ist, seine Partei fest hinter dem Verbot steht und sich Spahn als Gesundheitsminister selbst für das Verbot ausgesprochen hatte. Aber Spahn und seine Doppelmoral sind lediglich ein Randaspekt. Worum es geht, ist die Frage, wie wir als Gesellschaft Kinder bekommen wollen. 

Das betrifft das Thema Leihmutterschaft, aber nicht nur. Andere Fortpflanzungsmethoden sind genauso hochproblematisch. Bei der Samenspende etwa zielen die neuen Eltern ebenso wie bei der Leihmutterschaft von vornherein darauf ab, das Kind von mindestens einem leiblichen Elternteil zu trennen. Sie stellen ihren eigenen nachvollziehbaren Kinderwunsch über das Recht des Kindes, bei seiner leiblichen Mutter und seinem leiblichen Vater aufzuwachsen.

Prominentes Beispiel Alice Weidel

Ein prominentes Beispiel dafür ist die AfD-Chefin Alice Weidel. Nach dem, was öffentlich bekannt ist, haben sie und ihre Partnerin Sarah Bossard ihre beiden Söhne mittels Samenspende zweier Männer bekommen, wobei Bossard die leibliche Mutter der Kinder ist und beide Kinder ihren jeweiligen Vater kennen, im Unterschied zur anonymen Samenspende. 

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Aber ob die Samenspende nun anonym erfolgt oder der Spender bekannt ist, ändert nichts am grundlegenden Problem: Die neuen Eltern entscheiden sich, das Kind von mindestens einem leiblichen Elternteil zu trennen – im Fall der Samenspende vom Vater –, um sich ihren eigenen Kinderwunsch zu erfüllen. Das Recht des Kindes auf seine leiblichen Eltern tritt hinter die eigenen, wenn auch verständlichen, so doch egoistischen Motive zurück, wie es auch bei der Leihmutterschaft der Fall ist.

Aus diesem Grund sind Leihmutterschaft und Samenspende gleichermaßen unethisch. Zugespitzt formuliert: Wer Jens Spahn kritisiert, weil er und sein Partner ihr Kind per Leihmutter bekommen haben, der sollte auch Alice Weidel kritisieren, weil sie und ihre Partnerin ihre Kinder per Samenspende bekommen haben. Wer dies tut, stellt im Übrigen keineswegs in Abrede, dass zwischen Leihmutterschaft und Samenspende zugleich wesentliche Unterschiede bestehen, etwa die deutlich höheren körperlichen Risiken der Leihmutter im Gegensatz zum Samenspender.

Weiteres Beispiel: Elon Musk

Ein anderer Prominenter, der die ganze Palette der Fortpflanzungsmedizin nutzt, ist Elon Musk. Der Unternehmer hat für seine offiziell 14 Kinder (das erste starb kurz nach der Geburt) mindestens einmal auf eine Leihmutter und mehrmals auf künstliche Befruchtung zurückgegriffen. Zudem soll er selbst als Samenspender fungiert und laut dem Silicon-Valley-Magazin The Information das Polygene-Embryo-Screening in Anspruch genommen haben. Mit diesem Verfahren, das in Deutschland verboten ist, lässt sich bei einem Embryo neben der Wahrscheinlichkeit für bestimmte Krankheiten auch die Wahrscheinlichkeit für einen hohen IQ bestimmen.

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Zusätzlich ist Musk ein treffendes Beispiel dafür, warum die Ethik der Familiengründung über die Fortpflanzungsmedizin hinausgeht. Den Sohn mit der Influencerin Ashley St. Clair hat der Tesla-Chef auf natürlichem Weg gezeugt. Allerdings hatte er von Anfang an keine Absicht, die Vaterrolle zu übernehmen. Musk zahlt zwar Unterhalt, aber er kümmert sich nicht um das Kind. Wie bei den meisten seiner Nachkommen ging es ihm in erster Linie darum, ein weiteres Kind in die Welt zu setzen, weil er das als seinen Beitrag im Kampf gegen die niedrige Geburtenrate im Westen versteht. 

Obwohl keine Technologie zum Einsatz kam, steht das Vorgehen Musks auf einer ethischen Stufe mit Spahns Leihmutterschaft oder Weidels Samenspende. Denn wie bei den beiden Politikern gerät auch hier das Recht des Kindes auf die leiblichen Eltern unter die Räder. Die Institution der Familie, bestehend aus den leiblichen Eltern und dem Kind, gerät vollkommen aus dem Blick.

Das Recht des Kindes muss im Mittelpunkt stehen

Man könnte nun einwenden: Wenn das Recht des Kindes auf die leiblichen Eltern im Mittelpunkt steht, was ist dann mit Trennungs- oder Adoptivkindern? Ist eine Trennung oder eine Adoption also ebenso verwerflich wie etwa eine Leihmutterschaft oder eine Samenspende? Wo soll das aufhören?

Der Einwand mag auf den ersten Blick gerechtfertigt sein. Bei genauerem Hinsehen wird jedoch deutlich, dass zwischen Leihmutterschaft oder Samenspende auf der einen Seite und Adoption oder Trennung auf der anderen Seite ein entscheidender Unterschied besteht.

Bei einer Trennung oder Adoption wollen die leiblichen Eltern das Kind gemeinsam großziehen, scheitern aber daran. Weil die Beziehung in die Brüche geht (Trennung), weil ein oder beide Elternteile sterben oder die Eltern aus anderen Gründen außerstande sind, sich um das Kind zu kümmern (Adoption). Die Beteiligten bei der Leihmutterschaft, der Samenspende oder im Beispiel Elon Musk dagegen wollen das Kind nicht gemeinsam großziehen. Sie zielen von Anfang an darauf ab, das Kind von mindestens einem Elternteil zu trennen.

Der Fall Jens Spahn sollte Anlass dafür sein, diesen Weg zu hinterfragen. Niemand verlangt, dass wir neurotisch nach jeder kleinen moralischen Unzulänglichkeit suchen, die das Sexleben und die Fortpflanzung mit sich bringen. Niemand leugnet, dass ein unerfüllter Kinderwunsch enorm schmerzhaft ist. Aber um diesen Wunsch zu verwirklichen, dürfen wir uns nicht über alle ethischen Zweifel hinwegsetzen. Das gilt nicht nur für die Leihmutterschaft.

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