Nur ein Haufen Enzyme?
Neulich hatte ich einen Streit mit einem Journalisten, der mir mit großer Selbstverständlichkeit erklärte, dass hinter allem „nichts“ stecke. Kein Sinn, kein Plan, keine Geschichte. Materie eben, die sich irgendwann zufällig zu Bewusstsein verdichtet hat und nun, warum auch immer, über sich selbst nachdenkt.
Ich kenne diesen Tonfall der unhinterfragbaren, fast herablassenden Selbstverständlichkeit gut. Er ist meistens erstaunlich entspannt. Sogar freundlich. Es ist, als würde man etwas völlig Belangloses erklären. Dass am Montag die Müllabfuhr kommt, zum Beispiel. Ich halte diesen Tonfall inzwischen für ziemlich gefährlich. Nicht nur, weil er meistens Gedanken aus zweiter Hand formuliert, die nie selbst radikal zu Ende gedacht wurden. Denn wir sind – so unzeitgemäß und pathetisch das jetzt klingen mag – für Sinn geschaffen. Nicht in erster Linie für Wohlstand, Selbstoptimierung oder „Glück“. Für Sinn.
Und Sinn entsteht fast immer in Form einer Geschichte. Ich möchte glauben können, dass das, was mir geschieht, nicht vollkommen zusammenhanglos ist. Dass mein Leben mehr ist als eine Serie biologischer Ereignisse zwischen Geburt und Tod. Genau diese Geschichte haben wir uns seit der Aufklärung gründlich abgewöhnt. Nicht durch echte Verbote. Das wäre viel zu plump. Es geht eleganter. Man zuckt mit den Schultern und sagt: „Ich glaube eben nicht an Gott.“ Völlig legitim.
Zu Ende denken!
Doch der Satz ist weniger banal, als er klingt. Denn zu Ende gedacht bedeutet er: „Ihr seid ein Haufen Enzyme. Hochkomplizierte Selbstreplikationsmaschinen, angetrieben von Genen, Hormonen, Trieben und ein paar evolutionär nützlichen sozialen Reflexen.“ Auch das, was ihr Moral nennt, ist letztlich nichts weiter als etwas, das sich irgendwann evolutionsbiologisch bewährt hat. Es macht die Moral nützlich. Aber macht es sie wahr?
Da wird es interessant. Denn dieselben Menschen, die gerade noch erklärt haben, dass es keinen übergeordneten Sinn und keine transzendente Ordnung gibt, wissen im nächsten Satz plötzlich ganz genau, was gut und böse ist. Du sollst nicht stehlen, nicht lügen, nicht morden. Du sollst Menschen nicht erniedrigen. Niemandem etwas Furchtbares antun, nur weil dir gerade danach ist. Alles vollkommen richtig. Aber warum eigentlich?
Ich meine das nicht als pubertäres „Warum soll ich mich benehmen?“. Mich interessiert wirklich die Begründung. Wenn nichts eine Bedeutung besitzt, die über unsere zufällige Existenz hinausgeht, warum sollte eine Handlung dann objektiv gut oder böse sein? Dann ist selbst die schlimmste Verfehlung am Ende eine biochemische Angelegenheit. Eine Kränkung in einem Nervensystem, begangen von einem anderen Nervensystem. Das klingt furchtbar. Aber genau deshalb lohnt es sich, diesen Gedanken einmal zu Ende zu denken. Man kann Menschen nicht auf Dauer erzählen, sie seien bedeutungslose Selbstreplikationsmaschinen, und gleichzeitig ein moralisches Anspruchsniveau von ihnen verlangen, das nur funktioniert, wenn es so etwas wie Wahrheit, Würde und vielleicht sogar die Heiligkeit des einzelnen Menschen gibt.
Der Widerspruch in sich ist nicht auf Dauer auszuhalten
Was Psychologen kognitive Dissonanz nennen, ist hier sogar etwas Größeres. Es ist ein Riss mitten durch die eigene Existenz. Einerseits soll nichts etwas bedeuten. Andererseits soll mein Leben von Bedeutung sein. Ich soll lieben, verzichten, Verantwortung übernehmen, mich moralisch verhalten und womöglich sogar Opfer bringen. Wofür?
Dieser Widerspruch ist eine Zeit lang auszuhalten. Vielleicht sehr lange. Aber nicht beliebig lange. Er führt zu Verzweiflung und Einsamkeit. Oder man beginnt, sich seinen Sinn selbst zu bauen. Und das ist die gefährlichste Variante. Dann wird eine Ideologie zur Ersatzreligion. Eine politische Bewegung wird zur Heilsgeschichte. Jene, die sich dem verweigern, werden zu politischen Feinden. Man selbst bekommt endlich wieder eine Rolle in der großen Erzählung: Kämpfer, Opfer, Retter, Widerständler – irgendetwas. Hauptsache, die Leere ist weg.
Das passiert nicht nur einzelnen Menschen. Es passiert auch Gesellschaften. Der Schweizer Philosoph Max Picard entwickelte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einen Gedanken, den ich interessant finde, und der sich wie folgt zusammenfassen lässt: Er sah hinter dem Aufstieg des Nationalsozialismus nicht nur Wirtschaftskrise, politische Instabilität und Machtkämpfe. Er sprach vom Verlust des „Logos“, vom Verlust einer übergeordneten Sinnordnung. Der Erste Weltkrieg, die Hyperinflation und später die Weltwirtschaftskrise hatten nicht nur Bankkonten vernichtet und politische Ordnungen erschüttert. Etwas Tieferes war weggebrochen: der Glaube, dass das eigene Leiden nicht sinnlos ist. Dass es einen Zusammenhang gab. Einen Sinn. Und in dieses Vakuum trat etwas anderes.
Wer keine Kirche mehr hat, baut sich eine aus Parolen
Ich finde Picards Gedanken deshalb so unbequem, weil sie nicht nur in den 1930er Jahren erkennbar sind. Ein Vakuum bleibt nicht leer. Es füllt sich. Wenn die Religion verschwunden ist, kommen eben andere Dinge. Ideologien. Verschwörungstheorien. Politische Bewegungen, die plötzlich genau das bieten, was Religion einmal bot: Zugehörigkeit, Erlösung, Schuldige, eine Geschichte und einen Platz darin. Wer keine Kirche mehr hat, baut sich eine aus Parolen.
G. K. Chesterton wird der wunderbare Satz zugeschrieben: „Wer nicht mehr an Gott glaubt, glaubt deshalb nicht an nichts, sondern an alles.“ Ich habe versucht herauszufinden, ob er ihn tatsächlich so gesagt hat, aber ich habe bisher keine wirklich verlässliche Quelle gefunden. Also belassen wir es bei der Zuschreibung. Aber die Beobachtung leuchtet mir ein. Denn der Mensch, dem der transzendente Sinn genommen wurde, wird keineswegs automatisch zum abgeklärten Rationalisten. Das ist vielleicht eine der naivsten Hoffnungen der Aufklärung: Gott wird abgeschafft – und heraus kommt Kant.
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Manchmal kommt aber eben auch etwas ganz anderes dabei heraus. Der neue Glaube braucht keine Kirche, keine zweitausendjährige Tradition und vor allem keine lästigen Gebote. Ein Hashtag reicht. Und ein Feindbild. Eine Gruppe, zu der man gehört. Ein „Wir“. Das beobachte ich seit Jahren im Kulturbetrieb. Vielleicht sieht man es dort besonders gut, weil das Theater selbst einst ein Ort der großen Erzählungen war. Und das gilt eigentlich für die gesamte Kulturszene: Was ich heute dort häufig erlebe, sind Ersatzliturgien. Man kommt zusammen, bekennt sich zu den richtigen Positionen, identifiziert die Häretiker und geht anschließend mit dem beruhigenden Gefühl nach Hause, auf der richtigen Seite zu stehen.
Die Konjunktur gigantischer Erzählwerkstätten
Die Formen der Religion sind erstaunlich stabil geblieben. Nur Gott stört inzwischen darin. Man muss übrigens nicht an ihn glauben, um das Problem zu erkennen. Man muss nur beobachten, was Menschen tun, denen man sagt, sie seien im Grunde bedeutungslos, die aber trotzdem nach Bedeutung hungern. Sie holen sie sich. Wenn nicht in einer Kathedrale, dann eben in einer Kampagne. Wenn nicht bei Gott, dann eben bei einer Ideologie. Und diese verlangt mitunter mindestens genauso viel Gehorsam, kennt aber erheblich weniger Gnade.
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Das zeigt sich daran, dass sich inzwischen viele Menschen vor allem über ihre politische Zugehörigkeit definieren und diese öffentlich ausstellen. Als wäre die richtige Timeline auf Instagram eine Art Erlösungsnachweis. In dieser Hinsicht ähneln sich verfestigte ideologische Gruppen und die von ihnen herablassend verachteten Verschwörungsmilieus: Beide sind im Grunde gigantische Erzählwerkstätten. Bei beiden ist wenigstens wieder alles miteinander verbunden. Nichts geschieht zufällig. Hinter allem steckt jemand. Die Welt ist plötzlich wieder lesbar.
Eine falsche Geschichte ist offenbar leichter auszuhalten als gar keine. Und dann gibt es noch die elegantere Variante, die eher im Politikermilieu verbreitet ist: Man spricht pausenlos von „Haltung“, aber erstaunlich selten von Wahrheit. Haltung lässt sich nämlich vorführen. Wahrheit ist schwieriger. Im ungünstigsten Fall verlangt sie, dass man sich selbst korrigiert.
Der konkrete, individuelle Mensch verschwindet
Auch all das ist Sinnsuche. Nur eine ziemlich tragische. Denn am Ende zerstören diese Ersatzreligionen oft genau das, was sie angeblich verteidigen: den einzelnen Menschen. Plötzlich steht einem kein individueller Mensch mehr gegenüber, sondern eine Kategorie. Ein Vertreter seiner Herkunft, seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, seiner sexuellen Präferenz, seiner politischen Gruppe – kurz: seiner angeblichen Identität. Er ist nur ein Beleg für irgendeine größere Theorie. Der konkrete, individuelle Mensch verschwindet.
Das ist schon ein bemerkenswerter Scherz: Erst reduziert man ihn auf Biologie und Zufall. Dann versucht man, die entstandene Leerstelle mit politischen Großtheorien zu füllen – und reduziert ihn damit gleich noch einmal. Diesmal jedoch mit einem moralisch-ideologischen Überbau. Vielleicht schulden uns die Reduktionisten deshalb weniger eine Antwort auf die Frage, ob es Sinn gibt. Darüber kann man streiten, bis zum Jüngsten Gericht oder eben bis zum Wärmetod des Universums.
Je nachdem. Interessanter ist die Frage, was mit Menschen geschieht, wenn man ihnen erfolgreich erklärt, dass es keinen ultimativen Sinn gibt. Einige Antworten darauf haben wir im 20. Jahrhundert gesehen. In Aufmärschen. In Kriegsruinen, Konzentrationslagern, im Gulag. Und manchmal habe ich den Eindruck, dass wir gerade wieder die Vorformen davon sehen. Natürlich nicht identisch und noch lange nicht so mörderisch. In Kroatien sagt man: Der Teufel kehrt nie durch dieselbe Tür zurück. Geschichte wiederholt sich nie berechenbar. Die Kostüme und die Parolen wechseln. Die menschliche Sehnsucht darunter bleibt gleich.
Ich bin keine Theologin und behaupte nicht, die letzte Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu besitzen. Aber bei einer Sache bin ich inzwischen ziemlich sicher: Wer Menschen erzählt, sie seien nichts weiter als ein zufälliges Produkt der Materie und ihre Existenz habe letztlich keine Bedeutung, sollte sich nicht allzu sehr wundern, wenn sie irgendwann anfangen, sich selbst eine zu basteln. Und diese muss nicht harmlos sein. Das Vakuum bleibt nicht leer. Es füllt sich immer. Die eigentliche Frage ist nur: womit?
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