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Heimkehr nach langer Gottsuche

Warum ich als Künstlerin wieder katholisch geworden bin

Ich bin als Künstlerin wieder katholisch geworden. In meiner Branche ist das ungefähr so anschlussfähig wie Rauchen im OP-Saal.

Vor etwa drei Jahren stand ich in Wien auf der Premierenfeier meines Theaterstücks. Es war einer dieser seltenen Abende, an denen alles stimmt: Der Applaus war lang, die Gespräche fließen, diese milde, warme Euphorie nach gelungener Arbeit. Eine Frau kam auf mich zu – vermutlich selbst Künstlerin – strahlend, zugewandt, schon ein bisschen angetrunken. Wir redeten lange und offen. Irgendwann, fast experimentell, sagte ich es: „Ich bin katholisch.“

Es war, als hätte jemand die Luft aus dem Raum gesaugt. Die eben noch bewunderte Regisseurin verwandelte sich in ein kognitives Problem. Der Rest des Abends, mindestens zwei Stunden (!), wurde zu einer umgekehrten Missionierung. Sie versuchte mit echter Inbrunst, mich vom Katholizismus zu „befreien“.

Ich hörte zu, fragte nach. Am Ende blieb vor allem eine Kindheitserinnerung: Sie war auf dem Land aufgewachsen und hatte die katholischen Kinder um ihre Kommunionkleider und Firmungsfeiern beneidet, fühlte sich ausgeschlossen. Und als Feministin fühlt sie sich vom Priesteramt ausgeschlossen. Das war das, was sich bei ihr als Begründung herauskristallisierte. Keine Missbrauchszahlen, keine Theologie, keine Historie. Eher etwas sehr Persönliches, das sich im Laufe der Zeit in eine grundsätzliche Ablehnung verwandelt hatte.

Das Muster, das ich seither immer wieder erlebe

Das ist kein Einzelfall. Das ist das Muster, das ich seither immer wieder erlebe. In den Kreisen, in denen ich mich bewege, ist die Ablehnung des Katholischen absolut, aber selten gut begründet. Es ist ein kultureller Reflex. Man weiß, dass man dagegen ist.

Fragt man konkret nach, wird es dünn. Kindesmissbrauch? Ja – ein schweres, reales Verbrechen, das die Kirche zutiefst beschmutzt hat und für das sie Verantwortung trägt. Aber wenn ich nach Zeiträumen, Zahlen und Vergleichen frage, wird es oft schnell still. Das Problem des Missbrauchs taucht überall dort auf, wo Macht, Abhängigkeit und Nähe zusammentreffen – in Schulen, Sportvereinen, Familien, anderen Kirchen.

Die katholische Kirche wird jedoch besonders stark zur Projektionsfläche gemacht. Vielleicht, weil sie einen universellen Wahrheitsanspruch erhebt? Weil sie die eigene europäische Tradition ist? Man dekonstruiert das Vertraute, um sich selbst neu zu erfinden? Andere Religionen lässt man, zumindest in meinem Umfeld, in Ruhe.

Meine eigene Geschichte begann ganz anders

Meine eigene Geschichte begann ganz anders. Ich bin in Stuttgart in der kroatischen katholischen Mission groß geworden, geleitet von Franziskanermönchen. Mein Glaube war nie etwas Bedrückendes, sondern etwas Selbstverständliches und Schönes. Er gab mir Halt in einem Land, das mir lange fremd blieb.

Ich war Messdienerin, bis ich 16 war. Natürlich wollte ich als Mädchen auch gerne Priester werden. Bis ich verstand, warum das nicht geht – und ich begann, es anders zu sehen. Für mich war es kein Schlag ins Gesicht, keine Demütigung, sondern etwas, das ich als eine Art Schutz verstanden habe.

Ein Priester, der seinen Beruf ernst nimmt, gehört nicht mehr sich selbst. Er muss radikal verfügbar sein: für jeden, der ihn braucht, jeden Tag, notfalls bis in den Tod. Eine eigene Familie würde das unmöglich machen, ohne jemanden zu verraten – entweder die Gemeinde oder die Kinder. Das habe ich als Kind schon gespürt, wenn ich sah, wie diese Männer sich aufopferten.

Das Zölibat ist für mich keine neurotische Sex-Regel. Sexualität ist vielleicht gar nicht so wichtig, wie unsere Zeit sie hochhängt. Es geht um etwas Größeres: um ein Leben, das vollständig hingegeben wird. Frauen haben eine andere Form von schöpferischer Kraft. Sie können Leben hervorbringen, tragen, ernähren. Auch wenn eine Frau selbst keine Kinder bekommt, aus welchen Gründen auch immer – diese Möglichkeit, diese Dimension ist in ihr angelegt.

Nicht Abwertung, sondern Unterscheidung von Aufgaben

Deshalb wurde für mich verständlich, warum Frauen keine Priester werden müssen. Ich sage bewusst „müssen“. Nicht im Sinne eines bloßen „Nicht-Dürfens“, sondern eher als eine andere Setzung. Jesus selbst hat die ersten Apostel ausgewählt – und das waren Männer. Ich habe das irgendwann nicht mehr als Abwertung gelesen, sondern als eine Unterscheidung von Aufgaben.

Maria Magdalena war keine Apostelin, so sehr manche das heute umdeuten wollen. Und diese Männer, die ersten Priester, sind alle einen gewaltsamen Märtyrertod gestorben. Petrus wurde in Rom kopfüber gekreuzigt, weil er sich nicht würdig fühlte, wie Jesus Christus zu sterben. Andreas wurde in Griechenland an einem X-förmigen Kreuz zu Tode gequält. Jakobus, der Bruder des Johannes, wurde in Jerusalem mit dem Schwert enthauptet – der erste Apostel-Märtyrer. Paulus wurde enthauptet.

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Als mir das klar wurde, verstand ich: Das gehört immer mit dazu. Ein katholischer Priester muss zumindest innerlich bereit sein, sein Leben zu geben. Das KZ Dachau ist nur eines der vielen Beispiele – dort waren über 2.700 Geistliche inhaftiert, fast ausschließlich katholische Priester, Mönche und Seminaristen: Hunderte starben.

Und selbst heute hat Kardinal Pierbattista Pizzaballa, Lateinischer Patriarch von Jerusalem, sich öffentlich angeboten, sich gegen israelische Geiseln der Hamas austauschen zu lassen. Die Hamas ging nicht darauf ein. Aber die Möglichkeit bleibt.

Wegkreuz in Süddeutschland

Frauen geben Leben auf ihre Art. Männer geben Leben auf ihre Art. Beides ist heilig. Beides ist notwendig. Und ich bin dankbar, dass ich diesen Weg schon früh für mich so verstanden habe.

Ich schwieg, und mein Glaube versiegte

Als Teenager begann ich, mich trotzdem zu schämen. Auf meinem humanistischen Gymnasium waren die coolen Kids Atheisten. Ihre Hippie-68er Eltern nannten sich nicht Mama und Papa, sondern „der Thomas“ und „die Sabine“. Besonders das „Muttersein“ war peinlich und irgendwie „fascho“, mein Glaube ein intellektuelles Defizit.

Katholisch sein war nicht einfach falsch – es war uncool. Ich fing an darüber zu schweigen. Und mit dem Schweigen versiegte mein Glaube.

Glaube ist zwar ein Geschenk meiner Eltern, aber kein Besitz, den man einmal hat und dann behält. Er ist wie ein Muskel. Ohne Training wird er schwach und verschwindet. Zurück blieb ein riesiges, schwarzes Loch in meinem Innern. Ich versuchte, es mit Hedonismus zu füllen, mit Partys, Liebschaften, später Geld und Karriere – allem, was das moderne Leben an Verheißung bereithält. Es machte das Loch nur größer.

Nachdem ich mich auch an Agnostizismus und Atheismus ohne Erfolg versucht hatte, gab ich auf und begab mich auf Gottsuche.

Irgendwann war ich so verzweifelt, dass ich betete. Und Gott antwortete

Ich begann Gott regelrecht zu stalken: Esoterik-Experimente, Yoga, Ayahuasca mit Schamanen aus Peru, halluzinogene Drogen – ich wollte Erleuchtung, Transzendenz, aber subito und bloß nicht zurück auf den „peinlichen“, alten Weg.

Es ging mir immer schlechter. Das schwarze Loch wurde immer größer.

Irgendwann war ich so verzweifelt, dass ich betete: „Zeige mir, wo Du bist, wo meine Gemeinde ist. Gib mir ein Zeichen! Und bitte, bitte schnell, ich kann nicht mehr!“

Und Gott antwortete. Nicht mit einem Blitz, sondern mit einer maßgeschneiderten, geduldigen Liebe, die ich nur als höchste Form von Haute Couture bezeichnen kann: komplett auf mich zugeschnitten. Er führte mich Schritt für Schritt zurück. Zeichen für Zeichen. Zurück zum Christentum. Noch nicht zur katholischen Kirche. Er wusste es besser als ich: Ich brauchte Umwege, ich brauchte Zeit. Gnade.

Der alles entscheidende Moment

Der alles entscheidende Moment kam bei einer Arbeit im Kulturbereich, wo ich es am wenigsten erwartet habe. Ich begegnete einem Menschen, der vor ein paar Jahren zum Katholizismus konvertiert war – ein Ex-Atheist. Ich kannte Dutzende, die aus der katholischen Kirche ausgetreten waren. Aber jemanden, der bewusst eingetreten war? Das war neu. Er wurde meine erste echte Gemeinde.

„Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen!“ (Mt 18,20).

Das war plötzlich keine schöne Bibel-Floskel mehr, sondern konkrete Realität. Durch seine Augen – die frischen, staunenden Augen eines Konvertiten – sah ich meinen eigenen Kinderglauben neu. Er intellektualisierte nicht. Er zeigte mir die Praxis: die Kraft der Sakramente, die konkrete Rüstung Gottes, die Schönheit und Erhabenheit der Liturgie, die es nirgendwo sonst gibt. Am nächsten Tag schenkte er mir einen Rosenkranz und sagte einfach: „Komm, lass uns in die Kirche gehen.“ Ich: „Okay“ Er: „Morgen früh vor der Arbeit?“

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Kein Popkonzert, kein Eventspektakel. Einfach eine normale Messe, an einem normalen Wochentag. Und es war überwältigend – gerade, weil es so unspektakulär und echt war. Ich war wieder zu Hause.

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Ich schäme mich nicht mehr für meinen Glauben. Ich bin verwundbar genug gewesen, jetzt bin ich frei.

Avantgardistisch ist heute, in die alte lateinische Messe zu gehen

Im August 2022 schrieb die New York Times: „New York’s Hottest Club Is the Catholic Church“ – über postironische Dimes-Square-Hipster mit Rosenkränzen. Ich musste lachen. Ich bin kein Dimes-Square-Hipster. Ich komme aus der kroatischen Mission in Stuttgart, ich war Messdienerin. Und trotzdem: dieselbe Bewegung.

Letzten Monat kam der Nachfolge-Artikel in der NYT: „Roman Catholic Churches See a Surge of New Converts“. Diesmal keine Hipster-Szene, diesmal Rekorde in Detroit, Houston, Washington. Besonders junge Leute zwischen 18 und 35 strömen in die Kirche – und zwar nicht als LARP, als Live Action Role Playing, nicht als Spiel, nicht als Pose. Ähnliches wird aus Frankreich berichtet.

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In Deutschland ist das, was ich gerade mache, inzwischen der wirklich avantgardistischste, subversivste Move: in die alte lateinische Messe gehen. In einer religiös weitgehend ausgetrockneten Landschaft wirken diese Messen wie kleine katholische Oasen – konzentriert, ernst und erhaben. Orte, an denen plötzlich wieder etwas auf dem Spiel steht.

In einer komplett pornografisierten Welt ist „sexuelle Befreiung“ keine rebellische Tat

Das Alte, das angeblich Verstaubte, ist genau deshalb jetzt das Radikalste. Das Coolste. Als Nick Cave gefragt wurde, was der neue Punkrock ist, sagte er: „Being a conservative. Going to church.“

Das verhärmte, hippie-eske, ausverbrauchte Atheistentum von früher? Das ist jetzt das Uncoole. Es hat nicht verstanden, dass in einer komplett pornografisierten Welt „sexuelle Befreiung“ längst kein rebellischer Akt mehr ist, sondern schale Routine, Mainstream, das Erwartbare. Die ständigen Forderungen, eine imaginierte Sexualrepression noch weiter zu lockern, wirken angesichts von Pornografieüberflutung und Gangbang-Trends nicht radikal, sondern schlicht aus der Zeit gefallen.

Der einzige Weg, dieses unfassbare internationale Comeback der katholischen Kirche hierzulande zu verspielen, wäre, wenn eine Handvoll deutscher Bischöfe den Gong nicht hört oder das Memo aus New York und dem Rest der Welt ignoriert. Während Papst Leo XIV. ihnen gerade signalisiert, dass es in dieser Welt Wichtigeres gibt als die ewige Fixierung auf Sexualmoral, proben hier einige nochmal Luther 2.0, in Anbiederung an eine alternde 68er-Bevölkerung, die sich längst nicht mehr für Katholizismus interessiert: „Ihr Gott ist der Bauch“ (Philipper 3,18-19). Und die Protestanten gibt es schon.

Für alle anderen wie mich: Das Zuhause stand die ganze Zeit da. Der Vater ist mir entgegengerannt. Mit offenen Armen. Die verlorene Tochter ist zurück.

Ich habe alles ausprobiert, was die postmoderne Welt zu bieten hat. Wirklich alles. Nichts hat gehalten. Der katholische Glaube schon.

Die Tür ist offen. Kein Dresscode. Kein Türsteher. Nur eine Holzbank zum Niederknien – und die verrückte Behauptung, dass Gott da ist.

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