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Kolumne „Mild bis rauchig“

Melatonin

Vorab die Baukastenelemente. Was haben der CDU-Parteitag am vergangenen Freitag und Samstag in Stuttgart, der Philosoph René Descartes, die Zirbeldrüse, der Synodale Weg der deutschen Katholischen Kirche und das Einschlafhormon Melatonin miteinander zu tun? Wer bis zum Ende liest, wird es erfahren!

18. Februar 2026, Aschermittwoch. Ich halte als Pfarrer eine Reihe von kleinen informellen Gottesdiensten für unsere Kindergärten. Vor der Austeilung des Aschenkreuzes versuche ich in kleinkindgemäßer Weise die christliche Vorstellung von Erlösung zu vermitteln, die im Tod Jesu liegt und in seiner Auferstehung. Das Kreuz aus Asche gibt die Steilvorlage: Es geht um die eindrückliche Erinnerung an die eigene Vergänglichkeit bei gleichzeitiger Hoffnung auf die Auferstehung, die durch das Sterben des Gottessohnes am Kreuz erworben wurde. Eine an sich schwere Kost für den menschlichen Verstand, aber dennoch ein christliches Erbe, das man für jede Altersgruppe aufbereiten kann und muss.

Nun weiß jeder, der sich mit Seelsorge beschäftigt, dass es mit der Kenntnis derartiger Grundlagen des Glaubens bei der überwiegenden Mehrheit der Kinder nicht weit her ist. Die meisten wachsen innerhalb ihrer Patchworkfamilien – trotz Taufe – im Tal der Ahnungslosen auf, was die Begegnung mit den wesentlichen Linien des Christentums angeht. Traf man vor Jahren noch auf rudimentäres Wissen, das die Oma in ihre Erzählungen oder die Kindergärtnerin in das Gießwasser des Erziehungssystems eingespeist hatte, so herrscht an dieser Stelle heute weitgehend Fehlanzeige.

Vom Freitagsgebot ist nichts bekannt, nur vom Fastenbrechen

Die biologische Oma weiß – ebenso wie die neu hinzugekommene Lebensabschnittspartnerschaftsoma – allenfalls, dass Jesus alle Kinder liebt. Aber beide Omas wissen selbst wenig bis nichts zu der Frage zu sagen, wieso „dieser Jesus“ da am Kreuz hängt. Und die Erzieherin der KiTa ist in der Regel persönlich ebenso bar jeder Information über den christlichen Glauben. Da helfen auch katholische Trägerschaften von Kindergärten wenig, denn deren Qualitätsmanagement legt seitens der Diözesen und Caritas-Fachaufsichten größten Wert auf ein paritätisches Religionsklima in den Einrichtungen. Substanzielle Verkündigung eines christlichen Bekenntnisses mit exklusivem Wahrheitsanspruch riecht nach Fundamentalismus und ist deswegen gesichert „rechts“.

Und so werden in den kirchlichen KiTas in der Regel die Religionen wertneutral nebeneinandergestellt. Man spricht ausgeglichen proportional über Weihnachten und über das Zuckerfest. Wobei es im Bereich der religiösen Bräuche sogar meistens zu einem Übergewicht an Vermittlung muslimischer Eigenheiten kommt und man den Verzicht auf schweinefleischhaltige Lebensmittel oder nicht halal hergestellte Gummibärchen gleich für die gesamte Kindergartenbelegschaft verordnet.

Dass man als Katholik freitags, am Todestag Jesu, auf Fleisch verzichten soll – dem wird weniger Bedeutung beigemessen, und zwar in der Regel deswegen, weil dieser Zusammenhang bei Erziehern und Eltern allgemein unbekannt ist. Während die muslimische Elternschaft auch in den kirchlichen Kindergärten selbstbewusst Respekt vor dem Islam verlangt, fordert die christliche Elternschaft diesbezüglich für ihre Religion nichts. Und zwar weil sie gar nicht weiß, was sie einzufordern hätte. Im Vergleich zur muslimischen Klientel ist die zwar getaufte, aber nicht weiter christlich sozialisierte Klientel stets bereit, anspruchslos zu sein. Klar, wer seinen Anspruch nicht kennt, kann ihn auch nicht einfordern.

Da hat die Konkurrenz ganze Arbeit geleistet

Aber zurück zum Aschermittwoch 2026. Ich versuche also, mir vor der Auflegung des Aschenkreuzes ein Bild davon zu machen, was die Kinder eventuell schon über Fastenzeit und über den Tod Jesu am Kreuz wissen. Bislang gab es die Erfahrung, dass kleine Versatzstücke christlichen Glaubens die Kinder bereits erreicht haben, nachdem sie schließlich ihren Alltag je nach Verfügbarkeit der Eltern bis zu fünfundvierzig Stunden (!) in der Woche in einer christlichen Einrichtung verbringen (müssen).

Und also frage ich bei den Kleinen sicherheitshalber nach: „Heute ist Aschermittwoch. Heute starten wir in eine besondere Zeit. Wer weiß denn, wie diese Zeit heißt?“ Die spontane Antwort im Chor der Kinder: „Fastenzeit!“ Super, denke ich! Gewonnen! „Wer weiß denn, was man in dieser Zeit Besonderes macht?“ Auch hier schnellen die Finger empor: „Man hört morgens auf zu essen und zu trinken. Und wenn es am Abend dunkel wird, kann man wieder essen und trinken!“ Aaaaja....! Da hat wohl schon die Konkurrenz ganze Arbeit geleistet. Oder es ist im kirchlich verordneten Diversitäts- und Vielfaltsprogramm der frühkindlichen Religionspädagogik etwas schiefgelaufen.

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Gut, das können wir jetzt in der Kürze der Gottesdienstzeit nicht vertiefen. Also meine nächste Frage, um das Ganze in die richtige Richtung zu lenken: „Wer weiß denn, wie Jesus gestorben ist“? Kinderantwort Nummer eins: „Er wurde mit der Pistole erschossen!“ Antwort Nummer zwei: „Er hat eine Fischgräte verschluckt!“

Krasseste Defizite in der Glaubensvermittlung

Na gut, denke ich, einer hat immerhin kürzlich beim Blasius-Segen aufgepasst, den die Kinder am 3. Februar, dem Fest des gleichnamigen armenischen Märtyrerbischofs, empfangen hatten, der deswegen in die Kirchengeschichte einging, weil er durch sein Gebet und seinen Segen ein Kind vor dem Ersticken an einer Fischgräte bewahrt hatte. Okay, man darf ja mal etwas verwechseln ...

Aber die Idee, Jesus sei durch Erschießung hingerichtet worden, lässt einen stutzig werden, was die allgemeine Lage der Glaubensverkündigung im Raum einer kirchlichen Institution betrifft. Denn die geschilderten Stichproben fanden ja nicht im anthroposophischen Waldorfkindergarten oder im „Waldkindergarten Haselmäuse“ statt, sondern in einer gängigen katholischen KiTa.

Mir liegt jetzt an dieser Stelle nichts daran, im konkreten Fall nach Schuldigen zu suchen, die für die offensichtlichen Defizite in der Glaubensvermittlung verantwortlich sind – zumal ich ja den Kindergartenalltag in unseren Einrichtungen kenne und die Herausforderungen, mit denen sich die wenigen katholisch profilierten und den Glauben praktizierenden Mitarbeiterinnen in Fragen der religiösen Prägung konfrontiert sehen.

Wenn humanistische Grundhaltungen mit christlichen Begriffen chiffriert werden

Aber grundsätzlich gilt: Landauf, landab fokussieren sich beim Thema Religion die seitens der Diözesen verabreichten Weisungen weniger auf das Vermitteln einer Gottesbeziehung als auf Alltagsimpulse, die sich aus „Erzählungen“ des Alten und Neuen Testaments für die Handlungsoptionen der Menschen ergeben. Wertschätzung, Gerechtigkeit, Schöpfungskompatibilität, Fairness und andere „christliche Werte“ sind das Ziel der Vermittlung. Schön und gut. Aber eine Kontaktaufnahme mit Jesus Christus ist eher nicht im Vordergrund.

Auch bei Gottesdiensten kommt es in erster Linie darauf an, die „Werte“ zu „feiern“ und ein ethisches Konzept in paraphrasierter oder rituell umgarnter Form zu vertiefen. Man nennt dies dann zwar „Spiritualität“, meint aber damit letztlich nur eine Art verbrämte Selbstreflexion zur Bewusstseinschaffung. Dies setzt nicht unbedingt die Annahme einer realen Gott-Mensch-Beziehung voraus, sondern chiffriert humanistische Grundhaltungen mit Begriffen wie „Gott“ und „christlich“, ohne dabei einen Glaubensakt einzufordern, der sich als Antwort auf eine reale Offenbarung versteht.

Das christliche Credo ist eben nicht das Für-richtig-Halten von Handlungsmaximen, sondern das Ja-Sagen zu einem persönlichen Gott, der geliebt und angebetet werden will. Zu dieser Dimension jedoch stößt das handelsübliche Buntheits- und Diversitätsprogramm der regulären KiTa-Religionspädagogik nicht vor. Kultisch-persönlich wird man allenfalls, wenn man sich ins Gespräch mit „Mutter Erde“ begibt, bei der man sich für deren Ausbeutung verbal und rituell entschuldigt.

Der Verlust des eigentlich Religiösen im Raum der Kirchen

Dieser flüchtige Blick in den Maschinenraum kirchlicher Bildungsinstitutionen lässt sich durchaus noch weiten. Er beschreibt den weitgehenden Verlust des eigentlich Religiösen im Raum der Kirchen. Das von Jesus Christus zur Verkündigung beauftragte Gottesverhältnis wird mangels Verkündiger und aufgrund von Bedeutungsänderungen in den Begrifflichkeiten in ein allgemeines und in seinem Wesen auch ziemlich fließend veränderliches Wertekonzept umgetopft. Dort sind dann auch die Konturen zu den Nicht- oder Andersglaubenden nicht mehr so scharf und in der bunten Säkularismuswelt besser verwischbar.

Man darf sich nichts vormachen: Das, was sich in unserem Land unter dem Label „kirchlich“ in dieser Hinsicht verbirgt, ist oftmals mitnichten das, was man mit diesem Begriff gemeinhin assoziiert. Denn es geht in der Regel nicht um das Zeugnis für Jesus Christus, der gesagt hat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ und „Niemand kommt zum Vater, außer durch mich“, sondern um die Einebnung eben dieser Absolutheitsansprüche.

Man reibt sich an einem Erlöser, der nicht gekommen ist, um nur „Impulse“ zu geben, sondern um persönlichen Glauben und gehorsame Gefolgschaft zu finden – auch wenn es dabei zum Stress mit der Gesellschaft, dem Mainstream, den Mächtigen und Gefälligen oder gar zur Entscheidung zwischen Glaube und Leben kommen kann.

Und doch: Junge Erwachsene kommen von selbst, sie suchen und finden

Diese Bestandsaufahme ist umso tragischer, als in den letzten Jahren spürbar wird, wie sich von außen an die Kirche die Fragen vieler nach all dem herandrängen, was man im Laufe der Zeit erfolgreich unsichtbar gemacht hat. Man liest von jungen Leuten in ganz Europa, die Gott in traditionellen und kirchlich gehegten Formen suchen und die sich sprunghaft verstärkt für die Taufe entscheiden. 15- bis 25jährige, die in großer Zahl über TikTok nicht nur das Aschenkreuz am vergangenen Mittwoch, sondern klare und unverstellte Antworten auf existenzielle Lebensfragen suchen, die über das Angebot aus einem verwässerten kirchlichen Gemischtwarenladen hinausgehen.

Auch in meiner Praxis steigen die Zahlen der unter Dreißigjährigen, die völlig unbeleckt von Katechismuswissen – meist digital – auf die Tradition der Kirche stoßen und in ihr eine – nicht digitale – Heimat finden. Klassische liturgische Formen, Bekenntnisse auch zu sperrigen Inhalten des Glaubens und der Moral sind im erkennbaren Aufwärtstrend.

Neben den schon erwähnten Taufanfragen junger Erwachsener sind die Suche nach solider Ehevorbereitung, die Nachfrage nach der Beichte bei den mittlerweile erwachsenen Millenniumsbabys der Jahrtausendwende und die Wertschätzung profunder Glaubensunterweisung Elemente eines neuen Anfangs, der nicht nur seismografisch spürbar, sondern überall dort manifest ist, wo eine traditionell kirchliche Verkündigung zu finden ist.

Wozu bin ich da?, Wo ist mein Ziel?, Was bleibt?

Auch das Zutrauen Suchender in das, was klassisch kirchlich ist und jenseits von Klima- und Gendergerechtigkeit von einem Ewigen Leben spricht, ist unübersehbar. Nicht krachend laut, sondern eher still und leise, aber spürbar, weshalb man international mittlerweile von einem „Quiet Revival“ des traditionell Christlichen spricht. Und umgekehrt laufen den kirchenamtlich und -steuerlich ausstaffierten „Formaten“ die Menschen nicht nur davon – sie werden erst gar nicht aufgesucht, weil sie trotz (oder wegen?) ihrer üppigen finanziellen Ausstattung zu wenige bis keine Antworten auf die Fragen bieten „Wozu bin ich da?“, „Wo ist mein Ziel?“, „Was bleibt?“. Zu sehr ist der große Ozeandampfer in die Falle des Gefälligen getappt, als dass er noch von allein aus ihr herausnavigieren könnte.

Während kleine und größer werdende Rettungsboote neuer traditions- und wahrheitsaffiner Seeleute sich mit jungen Leuten füllen und sich selbstständig auf Fahrt begeben, beschäftigt sich die gut betuchte und etablierte Mannschaft mit sich selbst – natürlich streng demokratisch.

Hier stoßen wir auf die Beantwortung der eingangs gestellten Frage, was unter anderem der CDU-Parteitag in Stuttgart und der Synodale Weg der deutschen Katholischen Kirche gemeinsam haben: Es ist die inhaltslose Bekundung ehemals programmatisch gefestigter Institutionen, dass sie sich in Ermangelung einer Perspektive am liebsten mit Fragen beschäftigen wie zum Beispiel „Wer hat das Sagen?“, „Wie kann man sich am wirkungsvollsten mit den Trends gemeinmachen?“ oder „Wie kann man unter dem Deckmantel verunklarender Reformforderungen davon ablenken, dass man seine Produktpalette verloren hat?“

Die CDU – in diesem Falle stellvertretend für die meisten politischen Parteien – und auch die Kirchen werden deswegen nicht selten weniger als gesellschaftlich bedeutsam und unverzichtbar, als vielmehr als Einschlafhilfe wahrgenommen, die alle, die aufrichtig und intellektuell selbstbestimmt auf der Suche nach einem frischen Quell des Lebens sind, mit dem Melatonin inhaltsleerer Phraseologie sedieren.

Inhalte, nicht Machtfragen interessieren die Menschen!

Wer sich am vergangenen Freitag die inhaltsarme, aber parolenreiche Rede des Bundeskanzlers beim CDU-Parteitag in Stuttgart angehört hat oder wer sich Ende Januar in den Livestream der sechsten und zum Glück letzten katholischen Synodalversammlung – ebenfalls im schönen Stuttgart – verirrt hat, wird mit lautem Gähnen Zeuge eines Ringens geworden sein, in dem die beiden Institutionen über die Tatsache hinwegdiskutieren, dass sie nicht mehr das sind, was sie vorgeben zu sein: die CDU eine christliche Partei und die Synodalversammlung ein Hoffnungsträger der Katholischen Kirche. Beiden ist abhandengekommen, dass es Inhalte sind und nicht Machtfragen, die die Menschen interessieren.

Spannend ist in diesem Zusammenhang ein besonderer geistesgeschichtlicher Befund. Dass nämlich der Türhüter der Neuzeit, René Descartes (1596-1650), just jenes Organ des menschlichen Körpers, aus dem ein Hormon ausgeschüttet wird, das Müdigkeit produziert, als Sitz der Seele des Menschen betrachtet hat. Für ihn war die Zirbeldrüse die Ursache der körperlichen Interaktion zwischen dem immateriellen Bewusstsein und dem mechanischen Körper – ein pseudowissenschaftlicher Husarenritt, der ob seiner Waghalsigkeit nicht lange ernst genommen wurde.

Ich persönlich kann der Vorstellung dennoch eine humorige Dimension abgewinnen. Wenn man nämlich nach Gründen sucht, weshalb das Verfolgen von CDU-Parteitagen und deutsch-katholischen Synodalversammlungen gleichermaßen sedierend wirkt, findet man bei Descartes – wenigstens in diesem Punkt – eine plausible Erklärung: Es muss an der Zirbeldrüse liegen! Denn sie ist der Ort des Schlafhormons Melatonin, das immer dann lautes Gähnen hervorruft, wenn es Abend geworden ist.

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