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Kolumne „Mild bis rauchig“

Salzstreuer

Nicht nur in Berlin ist das Salzstreuen verboten – wenigstens auf den vereisten Straßen – sondern auch in vornehmen Restaurants ist Salz ein Tabu. Da ist neben lautem Sprechen auch die Frage nach Salz und Pfeffer ein No-Go. Die Atmosphäre soll gedämpft sein, damit man einander nicht stört, und die Bitte um die Möglichkeit nachzuwürzen würde den Koch beleidigen, dessen Kreationen schließlich nicht mit Mühe zur Welt kamen, damit Banausen sie nach ihren Geschmacksvorstellungen zerstören. 

Nur in England scheut man sich nicht, selbst im Sternerestaurant beim Platzieren des Tellers vor dem Gast schmerzfrei zu fragen. „Any sauces?“ und meint damit Ketchup, Mayonnaise oder die berüchtigte „Brown Sauce“.

Ungeachtet dessen ist der Ruf nach Salz ein Indikator für faden Geschmack, ganz egal in welchen Sternen eine Küche steht. Nicht zufällig wird in der Bibel das Wort vom „Salz der Erde“ deswegen für den Fall gewählt, dass die Alltagswelt geschmacklos wird. Jesus bricht mit den Tabus der Leisetreterei und der Anpassung des Geschmacks an die Vorgaben aus der Sterneküche. Die Jünger Jesu sollen die Welt – so das Matthäusevangelium – nicht wie ein vornehmes Restaurant behandeln. 

Der Christ soll seinen Beitrag in der Welt leisten

Im Gegenteil, man soll seinen Beitrag leisten und die Welt, in der man lebt mit der Würze der Wahrheit und der Botschaften der Offenbarung durchziehen. Die Christen sollen alles Fade, Eindimensionale und Banale so würzen, dass das Leben einen Charakter bekommt und wohlschmeckend wird. Damit aus einer Nahrungsaufnahme zum Lebenserhalt zugleich eine Köstlichkeit wird, die noch viele andere Dimensionen des Alltags erreicht, als das bloße Dasein zu sichern.

Ebenso verhält es sich mit dem Licht zur Orientierung, von dem Jesus spricht. Überzeugungen gehören nach Seiner Ansicht auf den Leuchter, nicht unter den Tisch. Sie sollen laut und vernehmlich geäußert werden, sichtbar wie eine brennende Kerze (vgl. Mt 5, 13-16).

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Nicht wenige empfinden diese Forderung als unangenehm. Denn das moderne deutsche Christentum will nicht auffallen mit derzeit nicht mehrheitsfähigen Ansichten. Es bevorzugt lieber die fade Gleichförmigkeit, getarnt als gesellschaftliche Anschlussfähigkeit an die diversen politischen, intellektuellen und moralischen Geschmacklosigkeiten unserer Tage. 

Es hält die Füße still, wo Bekennermut gefordert wäre. Denn es geht schließlich nicht nur um Anerkennung, sondern auch ums Geld. Die Kirchensteuer knebelt Amtsträger und ihre Institutionen mit Rücksichten, die es zuweilen schwer machen, der Forderung Jesu nach Würze und Licht für die Welt nachzukommen, ohne dass es Theater gibt.

Sich stets zum Nachwürzen bereithalten

Die Grunddimension des Christentums, unübersehbar zu sein und sich als Salzstreuer Gottes stets zum Nachwürzen in einer Welt der Schalheit zur Verfügung zu halten, verschwindet erst sprachlich, dann faktisch aus dem kirchlichen Alltag. Da, wo das Evangelium sagt, man solle „Salz der Erde“ sein und „Licht der Welt“ tritt bestätigendes Leisetreten an die Stelle, statt die Botschaft Christi auf den Leuchter zu stellen und mit dafür zu sorgen, dass aus einer schalen, hoffnungslosen Gesellschaft, die sich in ihre Eindimensionalität eingepuppt hat, eine gut gewürzte wird. 

Man knickt nicht nur vor den höchst aggressiven Weigerungen breiter gesellschaftlicher Kreise ein, sich in ihrer dünnwandigen Wokeness stören zu lassen, sondern man übernimmt in großen Teilen deren Weltsicht, um sie gar nicht mehr auf den Zustand ihrer Kulinarik hin befragen zu müssen. Denn so, wie die haute cuisine nichts mehr verabscheut als einen Eingriff in ihre dogmatisch festgezurrten Rezepturen, so verbittet sich die weitgehend religionsfreie Alltagsgesellschaft das Angebot aus dem christlichen Gewürzregal. 

Es ist wie im Edelrestaurant: Was gut schmeckt, entscheidet nicht der Gast, sondern der Küchenchef und seine Rezensenten. Dazwischenfunkende Konsumenten, denen es zu fad ist und die gerne mehr Salz wünschen, rütteln an der Weltordnung. Ein Christ und sein Anspruch, der Salzstreuer in einer Welt der geschmacklichen Verflachung zu sein, wird zum enfant terrible, wenn er sich diesbezüglich artikuliert und die allgemein verordnete Geschmacksrichtung in Frage stellt. 

Es gibt zwei Möglichkeiten

Als solche Tabubrecher wurden die Christen aber schon in den Vätertagen empfunden. In ihrem Anspruch, eine Orientierung für andere sein, weil sie den Willen Gottes kennen und ihn nicht zuletzt zum Nutzen der Welt verkünden sollen, wurden sie in der Regel nicht erkannt. 

Sondern man sah in ihnen in erster Linie die Spaßbremse und die Freiheitsfeinde. In allen Epochen der Kirchengeschichte steht die Idee, andere auf den Geschmack nach Gott zu bringen, dem Empfinden Vieler entgegen, die darin eine Gefahr für ihre Autonomie erblicken. 

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In dieser Situation gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder man nimmt den Fehdehandschuh auf und geht in den guten Kampf um die anvertraute Wahrheit, oder man lässt es bleiben. Oder – dies ist die heute gerne gewählte via media – man passt sich an und steigt gleich mit ins Boot der Geschmacksverwirrten und Geschmacklosen.

Der entleerte Begriffswald des deutschen Kirchensprechs

Letztere Variante begegnet einem signifikant im entleerten Begriffswald des deutschen Kirchensprechs. Kürzlich spülte er zu mir herein, als ich ein Pausenfoto von einer Veranstaltung der Diözese Rottenburg-Stuttgart zugeschickt bekam. Man sieht darauf ein in einem Hausflur aufgestelltes Rollup mit Bistumslogo. Darunter einige sparsame aber in Summe erhellende Zeilen. Zunächst die Ansage einer offenbar für bemerkenswert gehaltenen Prozessankündigung: 

„Wirksamkeit für Morgen – Veränderung gestalten in Kirche, Gesellschaft und Medien.“ 

Wow, welch ein Satz! Und dann die nicht minder aufsehenerregenden Konkretionen der Entwickler, die zum Zweck der unmissverständlichen Deklaration, dass es sich hier um einen Verwaltungsakt handelt, noch den Dienstgrad einflechten: 

„Wir als Hauptabteilung XI setzen uns ein für: …“

Und jetzt, ja jetzt kommt´s, so denkt man: Neuanfang? Evangelisierung? Jesus Christus? Ewiges Leben? Entscheidung für Gott? Et cetera. Irgendetwas, das nun die Salz-der-Erde-und-Licht-der-Welt-Kirche ihren Zeitgenossen gemäß dem Auftrag Christi zu sagen, zu singen, vorzuleben und ans Herz zu legen hat. Aber nein! Nichts von alldem! Was liest man stattdessen? 

„Wir als Hauptabteilung XI setzen uns ein für ganzheitliche Nachhaltigkeit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und gerechte Teilhabe.“

Punkt. Ende. Darunter ein Kreis kleiner Strichmännchen (und –fräuchen), der sich durch Hinzutritt einiger noch nicht im Kreis befindlicher Strichmännchen vervollständigt und damit gleichzeitig schließt und nach außen abdichtet. Die Phrasendreschmaschine hat ganze Arbeit geleistet! Nichts ist in diesen Begriffen, das an Gott, Jesus Christus oder irgendein anders religiöses Motiv erinnert. 

Dafür sind die Begriffe variabel kombinierbar. So kann aus „ganzheitlicher Nachhaltigkeit“, „gesellschaftlichem Zusammenhalt“ und „gerechter Teilhabe“ mühelos auch „gesellschaftliche Nachhaltigkeit“, „gerechter Zusammenhalt“ und ganzheitliche Teilhabe“ werden. Oder wie wär‘s in der Umkehrung von Substantiv und Adjektiv in „nachhaltige Gerechtigkeit“, „teilhabende Gesellschaft“ und „zusammenhaltende Ganzheit“? Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt! 

Grenzen sind jedoch dort gezogen, wo das teutonische Christentum sich in seiner Restlaufzeit offenbar entschieden hat, den Auftrag Christi beiseitezulassen, Sein Licht und Seine Würze in die Welt zu tragen. Da verläuft die Grenze zwischen Salz und Geschmacksverstärker, Kerzenlicht und LED-Plagiat, Kirche und NGO, Martyrium und Synodalkonferenz.

Der Auftrag gilt für alle, nicht nur für bezahlte Knechte

Aber das kann natürlich jeder ändern, wenn er möchte. Denn das Salz und das Licht sind nicht das Reservat bezahlter Knechte, sondern das Vermächtnis des Guten Hirten an einen jeden Getauften. Und so geschieht die Verkündigung der Wahrheit Christi da, wo jeder Einzelne seinen Auftrag verstanden hat. 

Die Geschmacklosigkeit einer Welt ohne Gott wird da behoben, wo jeder Einzelne „Salzstreuer“ ist, den Wohlgeschmack Gottes lebt und damit die Welt hell macht. Die Botschaft sind die Botschafter, so einfach ist das.

Dass diese Hoffnung nicht nur Zukunftsmusik ist, sondern sogar schon zu einem guten Teil in Erfüllung geht merkt man daran, dass die Hohlheit der Synodal- Diözesan- und Verbandsphrasiologie mittlerweile von inhaltsreichen Missionsprojekten freier Initiativen langsam aber sicher überholt wird. 

Einer der profiliertesten „Salzstreuer“ im deutschen Episkopat

Die hat sich unter anderem kürzlich in einer Stellungnahme des Passauer Bischofs Stefan Oster zum Abschluss des Synodalen Weges niedergeschlagen, der schon seit Jahren als geistlicher Albdruck auf der deutschen katholischen Kirche lastet. 

„Ich halte diese Entwicklung für fatal, da sich nicht nur die Entfernung zu den einfachen Gläubigen vollzieht, sondern eben auch zu vielen, vielen Teilkirchen in anderen Ländern, die oft mit Sorge nach Deutschland schauen. [...] Und tatsächlich meine ich, dass die weitere ‘Umsetzung’ der Beschlüsse des Synodalen Weges den Prozess die Auflösungserscheinungen der Kirche bei uns eher beschleunigen und nicht zu ihrer Erneuerung führen wird.“

Gegen Ende seiner Stellungnahme resümiert Bischof Oster als Folge der Entleerung der Begriffe deren Folge: „Die Selbstsäkularisierung setzt sich fort!“ Hier hat einer der profiliertesten „Salzstreuer“ im deutschen Episkopat um ein weiteres Mal den Mut, daran zu erinnern, was die Aufgabe der Kirche zu allen Zeiten ist: Salz der Erde zu sein. 

Ob er Erfolg mit seiner analytischen Stellungnahme haben wird, ist nach allen Erfahrungen der vergangenen Jahre unwahrscheinlich. Aber auch wenn er die faden Süppchen, die seine bischöflichen Mitbrüder kochen, nicht zu Geschmacksexplosionen führen wird, sein Salz ist zumindest um ein weiteres Mal in die Wunde der deutschen Kirche gelangt und sorgt dort dafür, dass deren Versinken in die Bedeutungslosigkeit zumindest nicht lautlos verläuft.

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