Sicherheitswarnung
In Zeiten der Digitalisierung sind wir vom täglichen Freud’ und Leid der Datenkrake umgeben. Wobei Freude nach den Jahren der Gewöhnung mehr und mehr hinter dem Missvergnügen zurückfällt. Zwar ist alles schneller erledigt, dafür wird aber die Arbeit nicht weniger, sondern mehr, die Informationswege werden verschlungener, die nervliche Belastung steigt – wenigstens für jene, die sich von der Digitalherrschaft aus den unterschiedlichsten Gründen abgehängt fühlen – es gibt nicht geringe Krisen im zwischenmenschlichen Bereich durch wachsende Kommunikationsstörungen bei der nachwachsenden Generation.
Man sehnt sich zuweilen zurück zur Zeit des Telefons, bei der man stromnetzunabhängig lebendige menschliche Stimmen am Ohr hatte und gezwungen war, spontane Fragen auch spontan zu beantworten. Menschen mussten sich in ihrer erzieherischen Reifung darauf vorbereiten, jederzeit eine Weltsicht, moralische Grundeinstellungen oder Erfahrungswerte parat zu haben, um sich in analogen Dialogen zu positionieren. Bei einem Telefonat kann man eben nicht noch schnell Dr. Google befragen, wie und was man auf existentielle Fragen zu antworten hat.
Rückwirkend betrachtet ist daher die aktuelle Form der Kommunikation nicht unbedingt nur ein Fortschritt, sondern hat eine Art und Weise entstehen lassen, die Wirklichkeit zu dekonstruieren. Denn man weiß ja nie so recht, was einem bei einer Wahrnehmung begegnet und ob es wirklich ist. Und weil man das nicht weiß, hält man sich mit Zustimmung zu dem, was ist, in der Regel auch erst einmal zurück.
Bis zur Grenze der Neurose geht dieses neue, auf dem allgegenwärtigen Zwang zur Kommunikation beruhende Vorsichtigsein. Der Versuch eines Telefonates mit einem unter Dreißigjährigen kann einem das schmerzlich zu Tage fördern, wenn man nach wenigen Sätzen feststellt, dass der Dialog kein langer werden wird, weil das Gegenüber sich einfach nicht traut, in ganzen Sätzen zu antworten oder gar das Gespräch passagenweise zu übernehmen, etwas zu erzählen oder zu berichten, Fäden aufzugreifen und sie selbständig weiterzuspinnen.
Telephobie und die Folgen der 24-Stunden-Einforderung von Positionierungen
Die Digital Natives haben ihren Schwerpunkt deutlich bei der schriftlichen Kommunikation oder beim Erstellen von Sprachnachrichten, bei denen man seine Botschaften bequem und widerspruchsfrei absetzen kann ohne befürchten zu müssen, dass sich daraus womöglich ein Gespräch entwickelt. Die Angst vor Gesprächen dieser Art rührt vom Mangel an Selbstsicherheit her.
Es ist ein Verhalten, das Wissenschaftler als Telephobie bezeichnen. Sie entsteht durch die Angst vor unangenehmer Konfrontation. Wenn das Telefon klingelt, entsteht eher Stress aus Angst vor dem Ungeahnten als eine freudige Erwartung. Ruft jemand an, ist man zu unvorbereiteten Reaktionen genötigt. Man muss dann aus dem Sicherheitskokon heraustreten, in dem man ansonsten eingesponnen ist, und der einen in der Social-Media-Welt trotz der beachtlichen Kommunikationsstrategien hier und da zu quasiautistischen Monaden macht, wenn man nicht aufpasst.
Durch die 24-Stunden-Einforderung von Positionierungen, Ansichten, Auswahlen, Urteilen und Sympathie- oder Antipathiebekundungen igelt man sich lieber ein, als sich auf ein öffentliches Kampffeld zu wagen. Das Ergebnis: Je mehr Auswahl an Positionen, desto anstrengender ist die Festlegung auf eine dieser Positionen als meine Position.
Und das weitere Ergebnis: Ich gebe es infolgedessen selbst auf, an Endgültigkeiten zu glauben. Und für den Fall, dass ich dennoch eine Wahrheit als unausweichlich erkannt habe, habe ich sie in jedem Fall gleichzeitig zu relativieren. Sonst ist das, was ich denke, nicht mehr vermittelbar. Es würde als fundamentalistischer Tunnelblick gelten zu sagen: dies und das ist so und nicht anders.
Der Kommunikationsterror hat ganze Arbeit geleistet: Die Vernichtung der Wahrheit
Der Kommunikationsterror hat über Jahre ganze Arbeit geleistet. Das, was vorgeblich den Austausch der Menschen untereinander fördern wollte, war und ist in Wirklichkeit die Vernichtung der Wahrheit als absolute. Wahrheit ist nurmehr der Ausdruck von Meinen und Fürwahrhalten. Und zwar weil in den Kommunikationsspiralen nur noch das zugelassen ist, was sich nicht anmaßt, eindeutig, objektiv, unveränderlich und – ganz ganz böse! – ewig zu sein.
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Die Ungeschichtlichkeit und Absolutheit der Wahrheit lässt sich in den beständigen Kommunikationszwängen nicht vermitteln. Und zwar ganz einfach deswegen, weil die Mitteilung einer personenunabhängigen Wahrheit den begehrten Austausch nicht am Laufen hält, sondern ihn beendet. Wenn zwei und zwei vier ist, ist die Diskussion mit der Mitteilung des Ergebnisses abgeschlossen. Da, wo zwei und zwei „vielleicht“ vier ist, oder auch fünf oder drei, geht der Kreislauf des Mitteilens von vagen bis variablen Wahrheiten weiter.
Wahrheiten auszusprechen, die im Umkehrschluss etwas als eindeutig falsch enttarnen, werden heute nicht gemocht, weil man nicht abschließende Ergebnisse will, sondern den Prozess. Man will Spielräume erhalten, damit das Gespräch weitergeht.
Es gibt eine Wahrheit und sie wurde uns offenbart
Ich erlebe dies zunehmend auch dort, wo man gemeinhin davon auszugehen gewohnt war, dass es eine Wahrheit gibt, die nicht zur Disposition steht – näherhin dort, wo in der Offenbarungsreligion des Christentums dessen Stifter von sich sagt „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben!“ (Joh 14,6) und der Seine Gefolgsleute auffordert, genau dies als rettenden Glaubenssatz den Menschen nahezubringen. Sie sollen alle, die zum Glauben gekommen sind, auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen, und die Menschen lehren alles zu befolgen, was Er ihnen geboten hat. (vgl. Mt 18, 19 f)
Am heutigen Sonntag wird in den Kirchen das Dreifaltigkeitsfest begangen und noch einmal genau daran erinnert. Das Widersprüchlich ist nun aber, dass es mit der Eindeutigkeit der Botschaft, die es da zu verkünden gilt und mit der Verbindlichkeit dessen, was es zu befolgen gilt, gegenwärtig nicht weit her ist. Im Gegenteil.
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Diskussionsrunden zu Glaubensthemen oder zu theologischen Auseinandersetzungen werden neuerdings stets mit der Präambel eingeleitet, man dürfe nicht glauben, die Wahrheit gepachtet zu haben oder für sich in Anspruch nehmen, im Besitz der Wahrheit zu sein. Diese Ansage ist gut gemeint und dennoch falsch. Selbstverständlich ist die Wahrheit nie in der Weise im Besitz des Menschen. Schließlich hat er sie ja nicht gemacht. Aber dennoch kann der erkenntnisfähige Mensch das, was ihm sein Verstand sagt – und in diesem Fall auch den Glauben aufgrund des Wortes Gottes – als wahr annehmen.
Dann ist er im Besitz eines Depositums, das er zu verwalten, zu hüten und nach der Weisung Jesu Christi zu verkünden hat. Und zwar nicht als subjektive Überzeugung, sondern als übereignete Realität, die sich durch zweierlei auszeichnet: Sie stammt nicht aus dem Gehirn des Menschen und sie ist aus diesem Grund auch nicht wandel- oder verhandelbar. Es ist deswegen erstaunlich bis fatal, dass sich in tonangebenden Kirchenkreisen und ihrer Veranstaltungen von den Katholiken- und Kirchentagen bis zu den gemeindlichen Diskussionen um Stuhlkreis geradezu eine Abneigung eingeschlichen hat, der Wahrheit wirklich auf die Spur zu kommen.
Die Angst vor dem Endgültigen durchstreift auch die Kirche
Man hat den Eindruck, dass die gegenwärtige Kommunikationssucht auch in der Kirche eine Angst vor dem Endgültigen verursacht. Man will partout „im Gespräch bleiben“. Und zwar nicht, weil ein Gesprächsprozess ein Mittel ist, um an ein Ziel zu gelangen, sondern weil – nach dem Motto „Der Weg ist da Ziel!“ – das Gespräch an sich das Entscheidende sein will. Hier kommt eine gefährliche Fehldeutung dessen auf den Tisch, was heute gerne als Synodalität bezeichnet wird.
Man will sich – wenigsten in der deutschen Variante von Synodalität – nicht im Heiligen Geist zur Wahrheit führen lassen, sondern will eine abschließende und für den Einzelnen mit entsprechend eindeutigen Forderungen verbundene Wahrheit via Gesprächsprozess im Zaum halten. Egal, ob es die Frauenordination ist, die moralische Wertung bestimmter sexueller Praktiken, ob es liturgische Maßgaben sind oder die Wahrheit der Sakramente, man akzeptiert nicht ein „Ja“ oder ein „Nein“ auf der Basis der geoffenbarten Wahrheit, sondern „bleibt im Gespräch“ um nicht selbst „Ja“ oder „Nein“ sagen zu müssen und diese Eindeutigkeit am Ende auch noch verkünden zu müssen.
Die Vernebelung der Wahrheit Jesu Christi lässt die Kirche vereinsamen
Das Ergebnis ist jedoch fatal. Denn die Verunklarung in der Verkündigung einer doktrinell unentschiedenen Kirche zeitigt eine größer werdende Distanz gewaltiger Bevölkerungsanteile. Der massivste Grund für den inneren Zusammenbruch ist keineswegs die Skandalhistorie der Kirche, sondern das subtile bis offenkundige Gefühl einer Majorität, dass man in der Kirche nicht mehr verlässlich und mit einer Stimme spricht.
Es ist das Gegenteil der Fall, das die Mantras der „Reformkatholiken“ einbläuen: Nicht das markant eindeutige Zeugnis von der stets gegen den Strich gebürsteten Wahrheit Jesu Christi lässt die Kirche vereinsamen, sondern die Vernebelung eben dieser Wahrheit in den Schwaden des Zeitgeschmacks. Eine beständig und geradezu neurotisch um gesellschaftliche Anschlussfähigkeit bemühte Kirche verpasst eben diesen Anschluss, indem sie sich durch ihre Uneindeutigkeit unsichtbar und überflüssig macht.
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Das „Amen“ ist eben in der Kirche keineswegs mehr sicher, wie es das geflügelte Wort verspricht. Sicher ist augenblicklich nur das eine: Dass die Zustimmung zur ungekürzten Offenbarung wie sie das Wort „Amen“ beinhaltet, marginal ist. Man wird sogar in den kirchlichen Stuhlkreisen und Foren beständig vor Glaubenssicherheit gewarnt. Sie sei gefährlich, weil ja Überzeugungen, wenn sie als sicher gelebt werden, andere gegenteilige Überzeugungen ausschließen.
Und das ist – um es in der Sprache der Gruppendynamik zu sagen – eine „Störung“. Die Kirche beschreitet auf diese Weise einen Paradigmenwechsel, demgemäß sie Sicherheitswarnungen nicht etwa deswegen ausspricht, weil irgendwo das Bekenntnis unsicher geworden ist, sondern – im Gegenteil – weil ihr sicheres Bekenntnis obsolet geworden sind. Eine fatale Entwicklung!
Der liebe Gott klebt einen unerwarteten Denkzettel an die „Reformkatholiken“
Wobei – wie so oft – der liebe Gott dem Ganzen einen neuen und unerwarteten Denkzettel anheftet. Und zwar in dem aktuellen Phänomen einer neuen Gottsuche vor allem unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die den Glauben als ungeahnten Halt inmitten der Ozeanwellen der Überforderung mit Digitalisierung, Einsamkeit, Beliebigkeit und kultureller Entwurzelung empfinden.
Niemand von denen, die sich derzeit als Erwachsene taufen lassen oder sich als Getaufte neu Christus und Seiner Kirche zuwenden, macht diese Schritte abhängig davon, ob zuvor irgendeine Reformagenda abgenudelt, die erste Frau zum Priester geweiht oder die LGBTQIA+-Community im Konklave vertreten ist.
Sondern alle wollen nach ihrer Bekehrung und/oder Umkehr die Kirche aller Zeiten, die ihnen den Erlöser aller Zeiten zeigt. Stattdessen aber wird mit subtiler Todessehnsucht die Auflösung der alten Sicherheiten betrieben. Diejenigen, die dabei im Weg stehen mit ihrem aufkeimenden Bedürfnis nach Wahrheit und Unveränderlichkeit, werden auf dem Weg der dogmatischen Säuberung ob ihrer angeblich unterkomplexen Weltsicht als schlicht gestrickte und antiaufklärerisch positionierte Traditionalisten oder Evangelikale stigmatisiert, mit denen man eigentlich gar nicht zu reden braucht.
Vor ihnen und ihrer Suche nach Sicherheit solle man sich hüten. Man wird sehen, ob diese Form von „Sicherheitswarnung“, die nicht vor Unsicherheit, sondern vor zu großer Sicherheit warnt, sich noch lange halten wird. Denn dem aufmerksamen Beobachter entgeht nicht, dass dort, wo der Glaube echt ist, in Treue gelebt und in Würde gefeiert wird, die Jungen zu finden sind, derweil die Reformisten mehrheitlich ihrer baldigen biologischen Auflösung entgegensehen. Anlass zur Hoffnung, dass das „Amen in der Kirche“ einmal wieder so sicher werden wird, dass man es mit Fug und Recht noch als geflügeltes Wort verwenden kann.
Denn darin, ob sie ihre Botschaft mit einem vorhaltlosen „Amen“ der Zustimmung unterschreiben können, besteht der Echtheitstest für die Christen aller Zeiten – und der Keim ihrer Zukunft.
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