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Kolumne „Mild bis rauchig“

Traut euch!

Es ist Hochzeitszeit. Wie immer im Frühling haben die Standesämter mehr mit Trauungen zu tun als zu anderen Jahreszeiten. Auch in der Kirche läuten die Hochzeitsglocken häufiger als in den Wintermonaten. Wobei sich das von Jahr zu Jahr ein wenig mehr reduziert. Auch in meiner Gemeinde wird so langsam wieder geheiratet, und samstags werde ich beständig von hupenden Autokolonnen aus meinen Gedanken gerissen, die nach einer Premiumtrauung in einer nahegelegenen mittelalterlichen Burg, dem Wahrzeichen unserer Stadt, zu den diversen Locations fahren, um dort die Korken knallen zu lassen. Dennoch kann dieser frühlingshafte Standard des Heiratens nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ehe in der Krise ist. Und zwar unterschiedslos im säkularen wie im religiösen Gewand.

Erhellend war zur Analyse dieser Wahrnehmung eine Bewertung der ehelichen Liebe, die kürzlich pünktlich zum Auftakt der Hochzeitsaison in der Welt erschien. Unter der Überschrift „‘Für immerʼ ist für immer vorbei“ beschäftigt sich dort der Autor Peter Praschl mit den bislang gängigen Parametern, an denen man bislang eine Ehe gemessen hat, vor allem im Hinblick auf die Liebe und die Dauerhaftigkeit einer Beziehung. Er stellt dabei fest: Es ist alles nicht mehr so, wie man gemeinhin annimmt. Galt bislang die Liebe als etwas Erstrebenswertes, das einem Sinn, Trost und Zukunft versprach, als etwas das jenseits von Nützlichkeitszusammenhängen rangierte und in Gegenseitigkeit eine – wenigstens absichtshafte – Haltbarkeit versprach, so wird sie heute mehr und mehr als Zusatzjob empfunden. Zumindest was die frauliche Wahrnehmung betrifft.

Nur ein Kosten-Nutzen-Effekt?

Praschl sieht Ehefrauen in der undankbaren Rolle einer unbezahlten Therapeutin, Sozialarbeiterin, Eventmanagerin, Cheerleaderin oder einer fraulichen Erinnerungs-App für ihre Männer, die für diese „Arbeit“, die nicht als Arbeit gilt, auch noch dankbar sein sollen. Entlohnung sieht der Autor allenfalls in der romantischen Liebe, deren Gefühlswelt er aber auf dem Sterbebett sieht. Ein Kosten-Nutzen-Effekt, der sich – so die Prognose – nicht mehr lange aufrechterhalten lässt.

Schuld daran ist weniger das Patriarchat, das eigentlich flächendeckend abgeräumt ist und den Mann durchaus als frauenfreundliches Wesen erscheinen lässt, das ab und zu sogar mit Überzeugung feministische Sätze sagen lässt. Schuld an der Aufgabe der ehelichen Liebe ist die Einseitigkeit fraulichen Inputs, der Müdigkeit und Schalheit hervorbringt, weil die Männer stets nur Gefühle haben wollen, dabei aber Verantwortung und Gegenseitigkeit vergessen. Das Ergebnis, so Praschl, ist große Nüchternheit in den Beziehungen, weil sich Gefühle eben weder produzieren noch konservieren lassen.

Gefühle sind keine tragfeste Basis für die Ehe

Das Institut Ehe verliert daher mehr und mehr die Basis einer in der Romantik entstandenen Priorisierung der Gefühlslage. Liebe als Grundmotivation einer Ehe ist aber auf Gefühlsbasis nur schlecht haltbar zu machen, denn Gefühle schwanken oder verschwinden auch schon einmal. Diese im 19. Jahrhundert erfundene Verankerung der Ehe in der romantischen Liebe hält aber nicht mehr stand, um eine Ehe tragfähig zu machen. 

Wobei man sich sicher fragen muss, ob es jemals diese Tragfähigkeit gegeben hat oder unsere Zeit sich nur ehrlicher macht als die Vergangenheit, was das Innenleben der Ehe betrifft. Doppelmoralische Vertuschungen und Kompensationen von ausgebrannten Ehen sind heute nicht mehr angesagt. Schon eher das Gegenteil, das sich in Begriffen wie „Heteropessimismus“ oder gar „Heterofatalismus“ niederschlägt.

Darin spricht sich aus, dass man das Scheitern von Ehen nicht mehr als ein privates Versagen empfindet, sondern als ein strukturelles Problem. Mit anderen Worten: als ein Webfehler im „System Ehe“. Hinzu kommt, dass die ökonomische Notwendigkeit, eine Ehe als Agreement zwischen nicht berufstätigen Frauen und Männern zu verstehen, die nicht kochen und bügeln können, Geschichte ist. Auf diese Weise bleibt – wenigstens auf säkularem Hintergrund – nur noch das Läuten des Totenglöckleins für die Dauerhaftigkeit ehelicher Beziehungen.

Diese Demaskierung der romantischen Liebe ist eine Chance

Was sich dabei erst einmal traurig anhört kann aber auch eine Chance in sich bergen. Denn das, was als romantische Liebe galt, war eben nie frei von ökonomischen Hintergrundmusiken. Und von daher ist die Demaskierung der romantischen Liebe als Basis für eine womöglich lebenslange Ehe nicht unbedingt eine Katastrophe. 

Man muss nicht so weit gehen wie Peter Praschl und in der Demütigung der Romantik durch ein lebensabschnittspartnerschaftliches Lebens- und Beziehungskonzept einen Fortschritt der Menschheit erblicken, wie er im Schlusssatz seines Artikels vermutet. Aber eine Entschlackung der Ehe von allem, was sie zu einem rein konventionellen und damit in der Regel wenig haltbaren Institut macht, ist möglicherweise tatsächlich eine Hilfe.

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Ich sage dies ganz bewusst als Pfarrer, der ja immer wieder in der Rolle dessen ist, der eine Ehe mit dem Anspruch von unauflöslicher Lebenslänglichkeit auf die Schiene legt. Denn das, was wir christlich – genauer: katholisch – unter Ehe verstehen, lebt weder aus ökonomischen Zwängen, Frauen „unter die Haube“ zu bringen oder Männern beim Kochen und Waschen zu helfen, noch aus der flatterhaften Gefühlsseligkeit von Paarbeziehungen, in denen sich die Schmetterlinge im Bauch schneller verflüchtigt haben, als man ahnt.

Die christliche Liebe als wahres Fundament der Ehe

Denn während der Autor der Welt einen Ausweg aus dem Jammertal von wenig haltbaren Liebes- oder ranzigen Vernunftehen im Abschied von der Ewigkeit erblickt und sie vom Gütesiegel der Dauerhaftigkeit dispensieren will, plädiere ich für das genaue Gegenteil. Denn aus christlicher Sicht liegt die Basis einer Ehe nicht im Gefühl und auch nicht im Verstand, sondern in dem, was der Glaube an Jesus Christus „Liebe“ nennt. Und das ist weit entfernt von Romantik oder Agreement. 

Liebe im christlichen Sinne beschreibt nämlich nicht ein Habenwollen, ein Befriedigtseinwollen, ein Vorankerliegen im sicheren engagementreduzierten Hafen der Ehe, sondern ist das gelebte Paradox, dass man nach dem Vorbild Jesu Christi nur durch dasjenige reich wird, was man weggibt, statt durch das, was man sich nimmt oder aneignet.

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Liebe im christlichen Sinne ist Hingabe. Und Hingabe ist im gelebten Miteinander im Beziehungsgeflecht einer Paarbeziehung nur erfolgreich, wenn Geben und Nehmen nicht einer Gegenseitigkeit unterstellt sind, bei der unterm Strich in erster Linie die eigene Bereicherung steht, sondern bei der der andere zweckfrei im Fokus der Hingabe liegt und um seiner selbst willen geliebt wird. 

Deswegen spreche ich im Hinblick auf die Ehe auch ungern von „Partnerschaft“. Ganz einfach deswegen, weil „Partnerschaft“ ein ökonomischer Begriff aus der Handelssprache ist, der im 19. Jahrhundert durch den Philosophen und Ökonomen John Stuart Mill von seiner Anwendung im Rahmen der East-India-Company auf die Ehe übertragen wurde.

Hingabe und opferbereite Liebe

Ehe aber ist nach dem Zeugnis der Bibel gegenseitige Hingabe im Sinne einer absichtslosen und nichtkalkulierten, nicht egoistischen und deswegen auch unökonomischen, sondern vielmehr opferbereiten und gleichseitigen Liebe zwischen Mann und Frau. Das ist es, was ich Brautpaaren, die im Rahmen der Vorbereitung ihrer Ehe auf meinem Sofa sitzen, als Grundgesetz empfehle, ohne dessen Beachtung sie ansonsten nicht weit in Ihrer Zweisamkeit kommen werden.

Christlich verstanden suchen Eheleute nicht eine Form der Selbstverwirklichung, sondern die liebende Verwirklichung des Anderen. Und zwar, in dem sie das bei der Trauung gegebene Ja-Wort täglich neu wiederholen, wenn sie ihre Stärken als Mann und als Frau in dem von Gott geschenkten Rahmen für den anderen einsetzen, statt im Sinne der heute in der Luft liegenden und sie gleichermaßen verpestenden Gender-Ideologie einem geschlechtsneutralen Egoismus frönen.

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Das christliche Menschenbild kommt dem enorm zu Hilfe. Denn wenn ein Mann ganz Mann ist und eine Frau ganz Frau und beide darin dem anderen dienen und ihm zugetan sind, wenn nicht das Beherrschenwollen, sondern die gegenseitige Hingabe das Kontinuum einer Ehe ist – also die neue Ordnung, die Gott dieser Welt in Christus geschenkt hat –, dann entsteht nach katholischem Verständnis das, was man einen Ehebund nennt. Er entspricht dem Bund, den Christus mit Seiner Kirche geschlossen hat. Und dieser Bund ist kein Vertrag mit Auflösungsklausel und der Sicherung einer Proportionalität von Rechten und Pflichten zwischen den „Partnern“. Er ist – wenn man so will – eine Schenkung, die nur eines im Sinn hat: den anderen reich zu machen.

Erfahren, wie stark die Liebe ist

Dieses Geheimnis braucht indes, um sich zu entschlüsseln, ein Eheleben, in dem erfahren werden kann, wie stark die Liebe ist, wenn sie rein und selbstlos ist, dass sie in der Lage ist, Vieles zu ertragen, auch und gerade die trockenen Zeiten und Bereiche des Ehelebens, wo sich der gefährliche Staub der Routine in die Ritzen des Alltags setzt und sie mit Gewöhnung und Trägheit verstopft. 

Das sind die eigentlichen Feinde der Ehe, die zugleich die Feinde der Liebe sind. Denn die Liebe entsteht nicht durch Habenwollen oder Behaltenwollen, sondern durch die Unterordnung des einen unter den anderen. Die Liebe lebt durch Sterben – das ist das Geheimnis eines Lebens aus dem christlichen Glauben.

Deswegen meine Ermutigung an alle christlichen Paare, sich weder durch Statistiken und Scheidungsraten entmutigen, noch von der heteropessimistischen Unerträglichkeit der christlichen Paradoxie des Liebesbegriffs anstecken zu lassen. Denn christlich gesehen ist die Welt durch Hingabe entstanden und wurde durch Hingabe erlöst.

Sich trauen, „Ja“ zu sagen

Mein Rat: Traut euch, diesen Schritt zu gehen! Traut euch zu einem bedingungslosen „Ja“. Denn darin erhaltet Ihr von Gott ein enormes Kapital. Eines, das sich nicht durch Sparen vermehrt, sondern durch großzügiges und bedingungsloses Ausgeben, weil darin das Gesetz Christi für das menschliche Zusammenleben besteht, das folglich auch das Grundgesetz der Ehe ist – ein Grundgesetz, für das in unserer Gesellschaft mehr und mehr das Verständnis fehlt.

Kurz vor Abschluss dieser Zeilen fällt mein Blick auf die Bild, die uns heute vom Babyglück des „Ehepaares“ Hendrik Streeck und Paul Zubeil berichtet, das sie sich durch eine in Idaho gekaperte Leihmutter verschafft haben. Angesichts dieser nonchalanten Berichterstattung über eine prominent gelebte Begriffsverwirrung ist der Weg zur Rettung dessen, was das Christentum unter Ehe versteht, sicherlich beschwerlich. Kein Wunder! Denn wo es keinen ewigen Gott mehr gibt und keine Ewigen Wahrheiten, ist es auch in der Tat mit der Ehe „Für immer“ für immer vorbei. Umso mehr braucht unsere Zeit Menschen, die sich trauen – die sich trauen, „Ja“ zu sagen zu dem, was bleibt.

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