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Kolumne „Mild bis rauchig“

Caffè cattolico

Wenn man die Maas einmal nicht als flaches Grenzgewässer kennenlernen will, das hier in der Nähe meiner Heimat an teils recht uninteressanten Ufern vorbeifließt, sondern einen eher romantischen Eindruck einer Flusslandschaft gewinnen will, die in einer Mischung aus Felsabhängen und dschungelhaften Wäldern hier und da mehr an einen Seitenarm des Amazonas erinnert als an die Maas, dann muss man nach Dinant in den Ardennen fahren und von dort aus eine Bootsfahrt Richtung Givet beginnen. Nach dem Ablegen durchstreift man schon recht bald dichte Uferwälder, die schon seit Jahrhunderten ein exzellentes Jagdgebiet sind.

Irgendwann taucht am Ufer das Schloss Freÿr auf, eine große und typisch barocke Anlage. Neben dem Schloss als solchem und seiner romantischen Lage gibt es an dieser Stelle der Maas noch eine andere bemerkenswerte Sache. Es ist eine historische Begebenheit, die sich am reich gedeckten Tisch des Schlosses im Jahre 1675 abgespielt hat. 

Da hat nämlich der damalige französische König Ludwig XIV., den wir auch den „Sonnenkönig“ nennen, dem spanischen König Karl II. ein Getränk serviert, das erst kurz zuvor bei Hofe in Paris in Mode gekommen war: Kaffee. Dies gilt als der Startschuss für die Verbreitung des bis heute beliebten Heißgetränks, das sich trotz vieler gesundheitsbewusster Vernichtungsversuche seinen eisernen Stand unter den (noch) erlaubten Genussmitteln bewahrt hat. Der Kaffee ist also in seiner Protektion und Verbreitung im Wesentlichen Ludwig XIV. zu verdanken. Unter den zahllosen Elementen seines genussbetonten Lebens ist der Kaffee eine eher unbekannte und dennoch eine der nachhaltigsten Hinterlassenschaften des absolutistischen Monarchen für die moderne Welt. 

Wobei sicher eines der wichtigsten Merkmale des damals neuen Getränks seine belebende Wirkung war. Erst im Laufe der Zeit rückte der Geschmack in den Mittelpunkt und führte dazu, dass Kaffee auch in entkoffeinierter Form entwickelt wurde. Man wollte den Genuss auch für diejenigen zugänglich machen, die aus gesundheitlichen Gründen den körperlichen Anschub durch das Koffein vermeiden wollten. Wer also in seinem Schlaf nicht gestört werden möchte, trinkt Kaffee Haag oder andere entkoffeinierte Sorten.

Der Katholikentag als Katholizismusplagiat

Die Entbeinung von Genussmitteln gibt es natürlich auch in anderen Bereichen. So gibt es die Cola Zero statt des Klassikers, die Halbfettmargarine statt Butter, den Süßstoff statt Zucker und die steigende Palette alkoholfreier Biere und Weine. Alles erinnert an das, was zwar ungesund ist, aber einst wohlschmeckend genossen wurde. Alles in allem ist aber in der Regel nicht nur die gesundheitliche Wirkung, sondern auch der Geschmack anders als bei den Originalen. Kenner finden das schnell auch mit verbundenen Augen heraus.

Als in den letzten Tagen die Berichte vom 104. Katholikentag in Würzburg durch die Medien gingen, kam mir spontan die Geschichte der Genussplagiate in den Sinn. Denn wenn man die Angebotspalette des Katholikentreffens durchschaut, fällt einem eines auf: es nennt sich vieles „religiös“ oder „spirituell“, manches sogar hier und da „katholisch“, doch bei näherem Hinsehen entpuppt es sich oft als etwas, das nicht wirklich das hält, was es verspricht. Der Härtetest, der es auf seine Inhaltsstoffe prüft, ergibt meist das eine: es sieht aus wie „fromm“, „geistlich“ oder „kirchlich“, in Wahrheit aber ist es oft eine entkoffeinierte Fassung dessen, was man gemeinhin darunter versteht. 

Der katholische Sender K-TV, der auch ohne kirchensteuerliche Subventionen – oder vielleicht gerade deswegen – erfreulich substanzielle katholische Medienarbeit leistet, lässt in einer aktuellen Reportage Stimmen zu Wort kommen, die das Gros von Teilnehmern und Anbietern repräsentieren. Der Beitrag belegt die Richtigkeit des Eindrucks, dass sich die deutsche katholische Kirche anscheinend auf dem Weg in eine Produktionsgenossenschaft für Katholizismusplagiate befindet. Ein Mitarbeiter des katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“, einer päpstlichen Stiftung für Christen in Bedrängnis und Armut, bringt es im Interview auf den Punkt. 

Bezogen auf das Motto des Katholikentages „Hab Mut, steh auf!“ antwortet er auf die Frage „Wofür sollte die Kirche Mut haben aufzustehen?“ spontan mit „Endlich wieder katholisch zu werden!“ Und auf die Nachfrage „Worauf beziehst du das?“ sagt er ebenso spontan: „Auf die ganze Queerness und was hier sonst so rumläuft. Ist manchmal echt erschreckend! Und deswegen, glaube ich, sollten wir endlich wieder Mut haben, ordentlich katholisch zu sein.“

Diese zwar weniger akademische, dafür aber zweifelsfrei treffsichere Antwort legt den Zustand der katholischen Kirche in Deutschland offen, die sich in Würzburg – wie bei jedem Katholikentag – recht ungeschminkt selbst darstellt.

Die Kirche stürzt sich in den Tümpel des Zeitgeists

Auf die Frage, wo das Anliegen des Hilfswerks vorkommt, das sich seit Jahrzehnten umfänglich und erfolgreich um verfolgte Christen in aller Welt kümmert, kann der Mitarbeiter von „Kirche in Not“ nur Fehlanzeige vermelden. „Das fünfhundertseitige Programm des Katholikentags enthält das Wort ‘Christenverfolgung’ kein einziges Mal, und auch das Wort ‘Religionsfreiheit’ kommt lediglich zweimal vor in fünfhundert Seiten Programm, dafür ‘Queerness’ fünfzehn Mal.“ 

Die kleine Stichprobe zeigt, wie sich im Laufe der Zeit der Fokus des Katholischen in unserem Land gewandelt hat. Vom katholischen Markenkern einer bekennenden Kirche, die ihre Herkunft als das wesentliche Implantat für ihre Zukunftsfähigkeit versteht und die einen Glauben leben und verkünden soll, dessen Anschlussfähigkeit an ihre Vergangenheit ihre Aussicht auf Zukunft garantiert, ist nicht mehr viel übrig. Nachfragen von K-TV bei jungen Katholikentagsteilnehmern am Fest Christi Himmelfahrt, was der Inhalt des Festes für sie bedeute, produzierte entweder ratlose Gesichter oder Allgemeinplätze wie „Es ist wichtig zusammenzuhalten ...“. 

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Eine ernüchternde Standortbestimmung, zumal angesichts der millionenschweren steuerlichen Unterstützung, die die Kirche zur Arbeit an ihrem Markenkern in Deutschland erhält. Parallel zu diesem mehr als bedenklichen Defizitszenario des kleinen K-TV-Beitrags stürzt man sich in quasisuizidalem Gebaren in den Tümpel zeitgeistaffiner Phraseologien, die aus der Kirche einen entkoffeinierten Kaffee machen, der weder die Wirkung eines richtigen Kaffees hat noch wirklich gut schmeckt.

Traditionelle Katholiken werden wie Parias behandelt

Das ist einer der Gründe, weshalb die wenigsten Zeitgenossen die Kirche der Angepassten überhaupt noch wahrnehmen. Wozu auch, wenn das woke Diversitätsprogramm bei den eigentlichen Erfinder-NGOs der verschiedenen linken Doktrinen lupenreiner und öffentlichkeitswirksamer zu haben ist? Anstatt dass die Kirche der Welt die Quellen zeigt, aus denen man ewig leben kann, zu denen man allerdings mit einem gewissen Kraftaufwand gegen den Strom schwimmen muss, gebärdet sie sich – wenigstens in den medial gut sichtbaren Teilen ihres Establishments – als Teil einer egalitären Community, der sich höchst entschieden vom Mainstream-Sog mitreißen lässt.

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Zwar gibt es auch bekennende Initiativen mit klarem klassisch-traditionellen und international anschlussfähigem katholischem Profil auf dem Katholikentag wie die verschiedenen Lebensschutzorganisationen oder „Maria 1.0“. Diese aber werden veranstalterseitig und in der steuerlich alimentierten Hofberichterstattung der offiziellen Kirchenpresse in der Regel entweder totgeschwiegen oder mit spitzen Fingern wie Parias behandelt.

Substanzielle Glaubensaussagen vernimmt man in der K-TV-Reportage stets nur von ausländischen Katholiken, deren Bekenntnisse in Gänze dem internationalen Standard entsprechen, die aber in der Katholikentagsumgebung wie lebendige Ausstellungsstücke aus dem Missionsmuseum wirken. Der offizielle deutsche Katholizismus behandelt so etwas in der Regel entweder mit kolonialistischem Mitleid – man hat sich in Afrika eben noch nicht von der traditionellen Lesart des Glaubens emanzipiert –, oder man gräbt aus diesen treu-katholischen Ortskirchen die Angehörigen einer verschwindenden Minderheit an Theologen aus, die in Tübingen oder Münster studiert haben und dann das wiedergeben, was die dort tonangebende akademische deutsche Theologie zur Genesung der Weltkirche feilzubieten hat.

Die Welt braucht den echten Caffè cattolico

Ein nigerianischer Katholik, der vor einigen Jahren per Zufall in meiner Pfarrei aufkreuzte, entschied sich wenig später, hier seine Wahlgemeinde zu haben. Der Grund: Er hatte vergeblich versucht, nach seiner Landung in Deutschland mit kleinen schriftlichen Übersetzungshilfen den Messablauf in den Kirchen der weiteren Umgebung zu verfolgen, weil die Messfeiern immer in einer Art Freistil gehalten wurden.

Und auch in anderen Bereichen konnte er das, was er aus Nigeria an katholischer Glaubenspraxis gelernt hatte, nicht wiederfinden. Er schrieb mir später, dass ihn die katholischen Messen, in die er geraten war, aufgrund ihrer Textlastigkeit stets eher an Requiemmessen erinnerten als an irgendetwas, das lebendigen Glauben und Glaubensfreude ausstrahlt. Und dabei ging seine Erwartungshaltung keineswegs in Richtung einer inkulturierten afrikanischen Happy-Clappy-Liturgie, sondern ganz einfach auf das, was international als katholisch verbindlich gilt und außerhalb Deutschlands auch supranational anschlussfähig gefeiert wird. Spannend war dann die Bemerkung des Nigerianers, viele Messfeiern, die er in Deutschland erlebe, würden in einem – so wörtlich – „Hottentots-Style“ zelebriert.

Oh Germany! An Deinem Wesen wird die Welt nicht genesen! Und zwar weil Du in vielerlei Hinsicht das Koffein aus Deinem Kaffee getilgt hast. Du und Deine Kirche seid saft- und kraftlos geworden. Wie schade! Denn unsere Zeit braucht keine Kirche, die sich die Kraft zur Belebung der Gesellschaft durch Anpassung nimmt und der Welt eine trübe Brühe liefert, die durch den Entzug der Ewigkeit fade und manchmal sogar geschmacklos geworden ist. Dabei ist doch der Caffè cattolico ein solches Geschenk für die Welt, wenn er vollständig ist. Dann schmeckt er nicht nur, sondern hilft auch – ganz im Sinne des Würzburger Katholikentagsmottos – nicht zu verschlafen, wenn es an der Zeit ist aufzustehen.

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