Wenn 170.000 Euro im Jahr nicht genug sind
Wie viel muss ein Ehepaar in Deutschland verdienen, damit es sich für Nachwuchs entscheiden kann? Alexandra Würzbach, Ex-Chefredakteurin von Bild und Bild am Sonntag, hat Verständnis für ein Nicht-Durchschnittsverdiener-Paar, das zusammen ganze 14.300 Euro brutto pro Monat scheffelt und doch sagt: „Wir hätten gern ein Kind. Aber wir können uns das einfach nicht leisten.“ Gründe seien: Miete von deutlich über 2.000 Euro, Kosten für Auto, Versicherungen, Telefon, Strom etc. und vor allem der (zeitweise) Wegfall des Einkommens der Frau, die mehr verdient als ihr Mann.
Würzbach ordnet ein:
„Aber es ist auch das Einkommen von zwei Menschen, die lange studiert haben, die erst mit Ende 20 ins Berufsleben gestartet sind und erst jetzt gut verdienen. Sie haben bisher kein Vermögen aufgebaut, sondern aufgeholt: Ausbildungszeit ohne Ersparnisse, Rückzahlung des Studienkredits, private Altersvorsorge. Reich sind sie nicht. Sie sind spät dran.“
Diese Lage führe dazu, dass die Dinkies (Double income, no kids) am Küchentisch säßen und rechneten. Leider oft so lange, bis sich das Zeitfenster fürs Kinderkriegen geschlossen hat. Die Frau in der Geschichte ist Anfang dreißig.
„Sterben wir aus?“
Die mit merkwürdigen Annahmen gespickte Kolumne erschien am Wochenende im Kontext eines Bild-Artikels über die 2025 erneut gesunkene Geburtenzahl in Deutschland. Dachzeile: „Sterben wir aus?“ Das Statistische Bundesamts (Destatis) kommt demnach in vorläufigen Schätzungen für das vergangene Jahr auf rund 640.000 bis 660.000 Lebendgeborene. Ein Rückgang der Geburten um 2,5 bis 5,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Jahr 2024 kamen noch 677.100 Kinder zur Welt. Unser Geburtendefizit ist im vierten Jahr in Folge größer als 300.000 Personen: gestorben wird immer, aber eben nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit geboren.
Die niedrigen Geburtenzahlen von 2025 markieren einen historischen Tiefstand in der jüngeren deutschen Geschichte, zumindest seit der Nachkriegszeit. Sie sprechen von einer Unlust am Kind, die etwa durch materiell-wirtschaftliche Erfordernisse nur schwerlich erklärbar ist.
Zum Vergleich: Im Kriegsjahr 1941 kamen im Deutschen Reich über 1.300.000 Kinder zur Welt; 1943, als alliierte Bomberflotten in deutschen Städten schon Feuerstürme entfachten, wurden etwa 1.125.000 Kinder geboren. Und in den schweren Nachkriegsjahren 1947, 1948, 1949 – das Land zerstört, Millionen Heimatlose, Hunger und Not – kamen immer noch konstant jeweils mehr als eine Million Kinder zur Welt. Das bei einer geringeren Bevölkerungszahl: Die Volkszählung vom Mai 1939 wies für das Reich in den Grenzen vom 31.12.1937 69,32 Millionen Einwohner aus. Ende vergangenen Jahres lebten im Deutschland von heute 83,5 Millionen Menschen.
Im Jahr der Gründung der beiden deutschen Staaten wurde also fast doppelt so viele Male von Eltern ja zum Leben, ja zu Zukunft gesagt wie heute. Sogar in einer Zeit großer wirtschaftlicher Not und persönlicher Ungewissheiten verliebte, verlobte und verheiratete man sich. Und Gevatter Storch hatte jede Menge zu bringen.
Beste private Altersvorsorge? Eigene Kinder!
In dem Beispiel der Freundin von Bild-Kolumnistin Würzbach hat das Ehepaar ein gemeinsames Bruttojahreseinkommen von 171.600 Euro. Und glaubt, sich ein Kind nicht leisten zu können. Aber wie viele Hunderttausende Euro Einkommen müssen es denn sein, bis das Paar ein Ja zu Nachwuchs sagen kann? Hat Lifestyle-Influencerin Suki Tegan etwa doch recht, wenn sie sagt, sie „date“ von vornherein keinen Mann, der nicht mindestens 35.000 Euro im Monat nach Hause bringe?
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Nein. Der bizarre Würzbach-Artikel stellt falsche Kulissen auf. Es muss keine Miete von mehr als 2.000 Euro sein. Man muss auch als Gutverdiener-Familie nicht in Frankfurt-Westend, Berlin-Prenzl’berg oder Hamburg-Winterhude wohnen, es gibt auch günstigere Stadtlagen oder die stadtnahe ländliche Umgebung. Abgesehen davon: Gemäß der Faustformel, wonach die Miete nicht ein Drittel des Haushaltseinkommens übersteigen solle, sind mehr als 2.000 Euro bei einem Monatsbrutto von 14.300 Euro nicht viel.
Es muss kein Wagen mit viel Hubraum sein, es geht auch preiswerter. Die üblichen Versicherungen, Strom und Telefon fallen in der Gehaltsklasse, in der sich das Ehepaar bewegt, nicht ins Gewicht; lächerlich, den Punkt überhaupt zu erwähnen. Und drei Mal besser als Beiträge in eine private Altersvorsorge sind eigene Kinder und eine stabile Beziehung.
Alles eine Frage der Prioritätensetzung
Eine gute Nachricht für das Paar (und anders als der Artikel behauptet): Deren gemeinsames zu versteuerndes Einkommen (nicht Brutto!) liegt deutlich unter der seit April 2025 neuen Elterngeld-Höchstgrenze von 175.000 Euro. Die Familie käme also in den Genuss der Elterngeldleistung und kann unbesorgt in Elternzeit gehen. Kindergeld von inzwischen 259 Euro monatlich pro Kind gibt es ohnehin dazu. Corrigenda rechnete schon vor drei Jahren in einem europäischen Vergleich vor: „Wer sich in Deutschland für eine Familie entscheidet, zahlt also spürbar weniger Steuern und Abgaben als Singles.“
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Individuelle Furcht vor hohen finanziellen Belastungen für eine Familie, die viele junge Leute umtreibt, soll ja gar nicht in Abrede gestellt werden. Auch greift der Fiskus über Lohnsteuern und Sozialabgaben den Bürgern unverhältnismäßig tief in die Tasche. Aber der Drache der deutschen Angst vorm Kind ist mit Geld nicht zu besiegen. Ihm wird eine Macht eingeräumt, die ein Wörtchen fällen könnte.
Es gibt nach wie vor viele, viele Mütter und Väter in Deutschland, die in jungen Jahren ihrer Liebe vertraut und Kinder bekommen haben. Es ist alles eine Frage der Prioritätensetzung. Was ist einem wirklich wichtig? Bequemlichkeit, Urlaub, die „Freiheit“, seine Lebenszeit mit Nichtigkeiten zu vergeuden?
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt
Drei Punkte wie drei Hiebe, um den Drachen zu erlegen:
- Eiert nicht in irgendwelchen Beziehungen herum. Prüft euch, und wenn ihr euch wirklich liebt, dann heiratet bald. Wenn ihr zögert, ist ohnehin der Wurm drin.
- Lasst die Kinder kommen. Sexualität, bei der nichts entstehen soll, ist für die Katz und eine Lüge. Künstliche Empfängnisverhütung hat Europa das Mark aus den Knochen gesogen und uns zu verschwindenden Völkern gemacht für das Linsengericht einer nutzlosen Freiheit und vergehenden Wohlstands.
- Familiengründung ist ein Wagnis. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt! „Jede große Sache muss etwas kosten; nur kleine und unbedeutende Dinge fallen leicht“, konnte der sel. Pfarrer Jerzy Popiełuszko einmal sagen. Alles Große und Schöne kostet Opfer und Anstrengung, will erduldet und erlitten sein, bis es Früchte trägt.
Verweist also den Taschenrechner auf seinen Platz! Und nutzt das Zeitfenster, das euch gegeben ist. Alles andere fügt sich.
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