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Influencerin Evil Suki

Abtreibung – leichter als eine Bestellung bei McDonald’s?

„Die Entscheidung abzutreiben ist mir leichter gefallen als die Entscheidung, ob ich mir einen McChicken oder einen Cheeseburger bei McDonald’s bestelle.“

Diese Aussage tätigt Suki Tegan, eine deutsche Influencerin, in einem ihrer Kurzvideos auf TikTok. Dieses trägt den Titel „Abtreibung in drei Schritten“. Während sie sich vor der Kamera die Haare kämmt, sich schminkt und zurechtmacht, spricht sie beiläufig über ihre Abtreibung. Weiter sagt sie: „Ich weiß, viele würden sich wünschen, dass ich darüber sensibler spreche, aber das kann ich nicht, weil es für mich kein sensibles Thema ist.“ Zum Schluss sagt sie triumphierend: „Und, bamm!, ihr seid den Braten los!“ Und macht mit beiden Händen „Daumen hoch“.

Doch was impliziert diese Aussage und vor allem der Vergleich, den sie in Bezug auf ihre eigene Abtreibung zieht? Ist eine Abtreibung wirklich „leichter“ als eine Bestellung bei McDonald’s?

Suki Tegan, Social-Media-Name „Evil Suki“, ist eine deutsche Influencerin mit über 50.000 Followern auf Instagram. Auf ihrem Account teilt sie überwiegend Beauty- und Fashion-Inhalte. Seit einigen Monaten betreibt sie gemeinsam mit Henna den Podcast „Brave Mädchen“, der von dem öffentlich-rechtlichen ARD/ZDF-Jugendformat „Funk“ produziert und finanziert wird.

Sukis Perspektive blendet die Lebensrealitäten vieler anderer Frauen aus

In dem beschriebenen Videoclip, der über eine Million Aufrufe hat, offenbart Suki Tegan, dass sie in ihrer Vergangenheit eine Abtreibung durchführen ließ. Es handelt sich um eine zutiefst persönliche Erfahrung, die sie schildert. Wie Menschen ihre Gefühle verarbeiten, ist individuell, und ihre persönliche Perspektive sollte als solche anerkannt werden. Gleichzeitig betrifft das, was sie in diesem 90-sekündigen Clip fast beiläufig äußert, ein Thema, das für viele Frauen alles andere als harmlos ist.

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Suki betont, dass Abtreibung für sie persönlich kein sensibles Thema sei und sie deshalb bewusst auf eine sensible Sprache verzichte. Doch diese Perspektive blendet die Lebensrealitäten vieler anderer Frauen vollständig aus.

Ein Fastfood-Vergleich relativiert ein Thema, das für viele existenziell ist. Im Rahmen des Projekts „Patin für 9 Monate“ begegnen wir regelmäßig schwangeren Frauen, die mit ihrer Schwangerschaft in einem tiefen inneren Konflikt stehen. Hinter ihren Entscheidungen stehen reale Nöte: finanzielle Sorgen, Überforderung, Angst, Hilflosigkeit und Verzweiflung. Für viele ist diese Entscheidung alles andere als leicht.

Hinzu kommen Frauen, die den Weg der Abtreibung gegangen sind und bis heute mit Schuldgefühlen, Trauer oder inneren Konflikten kämpfen, gerade weil diese Entscheidung für sie nicht „leicht“ war und auch nicht leicht geblieben ist. Diese Frauen sind keine abstrakten Zahlen, sondern Menschen mit komplexen Biografien und echten Verletzungen. Vor diesem Hintergrund erscheint eine Verflachung durch einen Fastfood-Vergleich problematisch.

Breiter wissenschaftlicher Konsens darüber, wann ein neues Menschenleben beginnt

Die Vermutung liegt nahe, dass dieser Vergleich nicht nur eine individuelle Haltung beschreibt, sondern vielmehr einen kulturellen Umgang widerspiegelt. In Teilen unserer Generation scheinen auch Partnerwahl und Geschlechtsverkehr zunehmend in einer Logik der „schnellen Verfügbarkeit“ und „Austauschbarkeit“ gedacht zu werden – als Entscheidungen, die situativ getroffen und ebenso rasch relativiert werden. Der Vergleich impliziert, dass eine Abtreibung ebenso schnell, leicht und folgenlos „abgehakt“ werden könne wie eine Essensbestellung oder ein Besuch beim Friseur. Doch entspricht das der Realität?

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Unsere Gesellschaft – insbesondere die jüngere Generation – spricht im Zusammenhang mit Abtreibungen häufig von einem „Zellhaufen“, der bei diesem Eingriff einfach „weggemacht“ werde. Sprache formt unser Denken, und hier wird Sprache gezielt genutzt, um eine bestimmte Realität zu konstruieren. Doch diese Realität ist medizinisch und biologisch nicht haltbar.

Was mit dem Begriff „Zellhaufen“ ausgeblendet wird, ist, dass es sich biologisch um menschliches Leben handelt, das sich von Beginn an kontinuierlich als Mensch entwickelt. Wissenschaftlich besteht ein breiter Konsens darüber, dass neues menschliches Leben mit der Befruchtung der Eizelle beginnt (Jacobs, S. A. (2021). The Scientific Consensus on When a Human’s Life Begins, in: Issues in Law & Medicine, 36(2), 221-233). Bei einer Abtreibung wird also nicht einfach „etwas“ entfernt, sondern das Leben eines menschlichen Wesens beendet. Diese Tatsache ist unbequem, aber sie gehört zur Wahrheit und zu einer ehrlichen Auseinandersetzung.

Leichtsinnige Vergleiche werden der Schwere und Tragweite des Themas nicht gerecht

Gerade aus medizinischer Perspektive darf eines nicht vergessen werden: Eine Abtreibung ist und bleibt ein medizinischer Eingriff. Unabhängig von individueller Haltung oder persönlicher Erfahrung besteht für Medizinerinnen und Mediziner die Pflicht zur ehrlichen und umfassenden Aufklärung. Dazu gehört nicht nur der Ablauf eines Eingriffs, sondern auch die Risiken oder möglichen körperlichen und psychischen Folgen.

Für nicht wenige Frauen ist eine Abtreibung ein belastendes oder sogar traumatisches Ereignis. Psychische Nachwirkungen, Schuldgefühle oder Trauer sind keine Seltenheit. Auch diese Seite zu benennen, gehört zur verantwortungsvollen Aufklärung – nicht um Schuld zuzuschreiben oder Angst zu schüren, sondern um Frauen in ihren unterschiedlichen Erfahrungen ernst zu nehmen.

Darum sollten Abtreibungen nicht sprachlich verharmlost werden. Eine Abtreibung ist kein Friseurtermin und keine Bestellung bei McDonald’s. Vergleiche dieser Art werden der Schwere und Tragweite des Themas nicht gerecht – weder medizinisch noch menschlich.

Abtreibung ist ein komplexes und vielschichtiges Thema, das nicht totgeschwiegen werden darf. Es braucht kein Schweigen, sondern eine achtsame Sprache. Eine Sprache, die aufklärt, ohne zu trivialisieren, und die Raum lässt für unterschiedliche Erfahrungen, ohne andere Lebensrealitäten auszublenden.

Mit Reichweite geht Verantwortung einher

Was Suki Tegan in ihrem Clip möglicherweise nicht bewusst war: Öffentliche Kommunikation mit großer Reichweite erreicht auch Betroffene. Mit Reichweite geht Verantwortung einher – gerade dann, wenn sensible gesellschaftspolitische Themen angesprochen werden. Diese Verantwortung tragen Influencerinnen und Influencer ebenso wie Medienhäuser.

Nach dem Start des Podcasts „Brave Mädchen“ im August 2025 wurde offenbar auch Suki bewusst, dass öffentliche Aussagen nicht folgenlos bleiben. Der Podcast sah sich so starker Kritik ausgesetzt, dass er zeitweise pausiert wurde; Tegan verlegte nach eigenen Angaben ihren Wohnsitz nach London. Unabhängig von der Bewertung einzelner Inhalte stellt sich hier eine grundsätzliche Frage: Wie sorgfältig müssen Personen ausgewählt werden, denen im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein Bildungsauftrag übertragen wird, und welche Sensibilität darf dabei erwartet werden?

Denn was der gesellschaftliche Diskurs zu sensiblen Themen braucht, sind keine Zuspitzungen, Verharmlosungen oder Relativierungen, sondern sachliche Einordnung, medizinische Aufklärung und eine Sprache, die nicht polarisiert. Genau das würde ich mir gerade vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk wünschen, der bis heute für die weitaus meisten in Deutschland Ansässigen gebührenpflichtig ist.

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