Direkt zum Inhalt
Leihmutterschaft

Babys als Produkte mit „Servicepaketen“ und Rückgabegarantie

Charkiv, im Nordosten der Ukraine. Ein großes Team von Ärzten und Anwälten hat ein Ziel, das wie eine sehr erhabene Mission klingt: Paaren und Singles, die unter ihrer Kinderlosigkeit leiden, zu dem großen Glück eines gesunden Babys zu verhelfen. Professor Alexander M. Feskov ist der Chef der Feskov Human Reproduction Group, einem Unternehmen, das nach eigener Darstellung Fortpflanzungsprobleme mit den neuesten technischen Möglichkeiten löst und noch zwei kleinere Kliniken in Kiew und Prag betreibt.

Wenn es auf dem natürlichen Wege nicht funktioniert, sind in der Reproduktionsmedizin Samenspenden, Künstliche Befruchtung und sogar Leihmutterschaft mögliche Mittel zum Zweck. Seit Gründung des Unternehmens im Jahre 1995 wurden durch die Arbeit des Ärzteteams über 18.000 Kinder geboren, die in 52 Ländern leben.

Leihmutterschaft und willkürliche Geschlechterwahl des Babys sind in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz (ESchG) verboten. Das ist nicht in allen europäischen Ländern der Fall. In der Ukraine beispielsweise ist ein Mädchen oder Junge „auf Bestellung“ erhältlich und es gibt dort landesweit fast 50 Kinderwunschkliniken.

Selbst deutschen Paaren ist es auf Umwegen möglich, ein Kind durch Leihmutterschaft zu erhalten – trotz des Verbotes.

Eine Kundenanfrage – und die Antworten

Bayern, Martin Peters sitzt vor seinem Rechner. In die Tastatur tippt er gerade eine Anfrage an die Feskov-Klinik. Er möchte wissen, ob auch während des Krieges alles glattlaufe, wenn er sich denn für ein „Feskov-Baby“ entscheiden würde. „Innerhalb von neun Monaten kann viel passieren und die Front kann sich verschieben.“

Die Familie Peters hat schon drei Kinder und wünscht sich jetzt ein Mädchen. „Ist das machbar? Was, wenn es einen Fehler gibt und dann in der Schwangerschaft festgestellt wird, dass es ein Junge ist?“, fragt der Bayer in betont freundlichem Ton. Seine Frau und er selbst seien außerdem schon über 40 Jahre alt. Die E-Mail liest sich wie eine Nachricht an einen Elektro-Onlinehandel mit Fragen zu einem bestimmten Produkt. Peters heißt in Wirklichkeit anders. Seine Frau und er wollen auch nicht wirklich ein Kind kaufen, als engagierte Bürger ist es ihnen ein Anliegen, auf die Machenschaften rund um Leihmutterschaft aufmerksam zu machen. Deswegen stellten sie Corrigenda die gesamte E-Mail-Korrespondenz zur Verfügung.

Ausschnitt der E-Mail von Herrn Martin Peters an die Feskov-Klinik

Die Antwort von Irina Smolina, die als International Outreach Manager der Feskov Human Reproduction Group für die Kundenkommunikation zuständig ist, lässt nicht lange auf sich warten.

Sie erklärt, dass die Leihmütter an einem sicheren Ort nahe der rumänischen Grenze entbinden. Dabei preist sie ihr Servicepaket an und nennt auch gleich den stolzen Preis. Eine Eizellenspenderin könne man nach Fotos auswählen und sich auch das Geschlecht des Kindes aussuchen. Die Anzahl der Versuche mit den Embryonen seien unbegrenzt:

„Es gibt ein Programm mit Geschlechterauswahl. Das bedeutet, dass in diesem Programm nur weibliche Embryonen der Leihmutter transferiert werden. Am 5. bis 6. Tag der Entwicklung der Embryonen wird die Biopsie gemacht. (…)

Der Preis des Pakets mit Geschlechterauswahl hängt vom Alter des Paares und der Samenqualität des Mannes ab. Der Preis liegt bei 75.000 bis 85.000 Euro.

Diese Pakete decken alle Risiken bis zur Geburt des Kindes weiblichen Geschlechts ab. Die Anzahl der Versuche der Embryotransfers ist unbegrenzt.“

Antwort der Feskov-Klinik an Corrigenda

Irina Smolina bestätigt damit, dass unter den Embryonen Selektion betrieben wird um die Schwangerschaft mit einem Jungen auszuschließen. Einen Fehler schließt sie dabei offensichtlich aus.

Von der künstlichen Befruchtung bis zur Geburt durch die Leihmutter

Doch wie ist eigentlich der komplette Ablauf bei einer Geburt mit Leihmutterschaft? Nach der Unterzeichnung des Vertrags einer gewünschten Dienstleistung – denn es gibt verschiedene Optionen – wird das Paar mit Kinderwunsch medizinisch untersucht. Je nach Qualität der Ei- und Samenzellen wird entweder ausschließlich das genetische Material des Paares verwendet oder nur die Ei- bzw. Samenzellen. Im letzteren Fall ist dann eine Eizellen- oder Samenspende durch einen Dritten nötig.

Es wird eine In-vitro-Fertilisation (IVF), eine künstliche Befruchtung, durchgeführt. Der künstlich erschaffene Embryo wird per Präimplantationsdiagnostik (PID) auf Krankheiten und genetische Anomalien untersucht. Für die Schwangerschaft werden nur Embryonen ohne genetische Anomalien verwendet. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass Embryonen mit Verdacht auf Trisomien und anderen Auffälligkeiten vernichtet werden.

Wenn eine Austragung des Kindes durch die Frau aus medizinischen Gründen nicht möglich oder nicht gewollt ist, sucht sich das Paar eine Leihmutter aus, die das Kind für das Paar austrägt. Es besteht keine genetische Beziehung zwischen der Leihmutter und dem Kind. Je nach Verwendung des genetischen Materials ist das Kind zu 100 Prozent oder nur teilweise mit dem Kinderwunsch-Paar verwandt.

Leihmutterschaft ist in der Feskov-Klinik mit oder ohne Eizellenspende möglich

Nach der Entbindung in der Ukraine oder in einem der Länder, in denen die Feskov Human Reproduction Group mit Partnern zur Zusammenarbeit vernetzt ist, nimmt das Paar das Baby in Empfang und tritt die Heimreise an. Dies ist unter anderem durch Adoption möglich – trotz des Verbotes von Leihmutterschaft in Deutschland.

Klinik rühmt sich: Seit fünf Jahren kein Kind mit Trisomie 21 geboren

Das Kind soll perfekt sein. Die Klinik macht auf ihrer Homepage folgerichtig Werbung damit, die Techniken der Reproduktionsmedizin dermaßen perfektioniert zu haben, dass in den letzten fünf Jahren keine Kinder mit Downsyndrom geboren wurden:

Werbung für perfekte Kinder: Kinder mit Trisomie 21 sind unerwünscht

Die Garantie, ein Kind ohne Trisomie 21 zu erzeugen, ist allerdings nicht die einzige Garantie, die die Klinik anbietet. Je nach finanziellem Einsatz stehen den Kinderwunsch-Paaren weitere Möglichkeiten zur Wahl.

Perfekte Kinder für die Launen der Kunden – inklusive der gewünschten Augenfarbe und des Geschlechts

Die Angebote der Klinik Feskov sind vielfältig und werden – wortwörtlich – in Servicepaketen verkauft, als handele es sich um eine Ware. Kinder und ihre künstliche Zeugung sind bis ins letzte Detail kommodifiziert. Das Paar wünscht sich ein Mädchen oder einen Jungen? Kein Problem, für 59.000 Euro ist dies möglich. Ein anderes Servicepaket heißt „Deluxe Garantie“. Zu haben ist es für schlappe 75.000 Euro.

„Deluxe Garantie“ schließt für Paare mit Kinderwunsch eine unbegrenzte Menge von Versuchen bei der In-vitro-Fertilisation ein. Das heißt: Mit einer unbegrenzten Menge von lebenden Embryonen wird versucht, eine Schwangerschaft der Leihmutter herbeizuführen, bis es dann zur Geburt eines gesunden Babys kommt. Wird erst während der Schwangerschaft eine Krankheit festgestellt, dann wird das Kind abgetrieben.

Zusätzlich bietet dieses Paket dem Paar die Möglichkeit, aus einem noch größeren Pool von Eizellspenderinnen zu wählen und dabei die Entscheidung vom Phänotyp – dem Aussehen der Spenderinnen – abhängig zu machen. Das Baby soll möglichst braune oder blaue Augen haben? Das können sich die Kinderwunsch-Kunden aussuchen.

Für einen Preis von 100.000 Euro wird der Umfang der Untersuchung noch umfangreicher. Das Paket „Gesunde Generation“ bietet zusätzlich ein Screening nach der Geburt des Babys mit Untersuchungen auf monogene Erkrankungen an, also Krankheiten, die durch die Mutation eines einzelnen Gens entstehen.

Unweigerlich stellt sich die Frage: Was passiert mit einem Baby nach der Geburt, wenn es nicht „in Ordnung“ ist?

Corrigenda hat bei der Klinik nachgefragt, was mit den Kindern in so einem Fall geschieht. Die Antwort der Klinik geht aber nicht auf diese Frage ein, sondern weist nur darauf hin, dass die wichtigsten Screenings noch vor der „Verwendung“ des Embryos stattfinden, um die Schwangerschaft mit einem gesunden Kind zu garantieren. Lediglich De-novo-Mutationen, also spontane Mutationen, die nicht von den Eltern vererbt werden, könnten nicht ausgeschlossen werden.

„Wenn Mutationen festgestellt werden, die die Gesundheit des Kindes beeinträchtigen könnten, wird entschieden, den Eizellspender zu wechseln oder – falls die Eizellen der Patientin verwendet werden – den Embryo auf das Vorhandensein dieser Mutation zu untersuchen und sein Chromosomenset zu bewerten. Auf diese Weise werden nur gesunde Embryonen ohne festgestellte erbliche Erkrankungen für den Transfer zugelassen. Dies schließt das Risiko der Geburt eines Kindes mit einer bekannten erblichen Krankheit aus. De-novo-Mutationen, die in sehr seltenen Fällen spontan entstehen, sind das Einzige, was nicht ausgeschlossen werden kann.

Antwort der Klinik Feskov an Corrigenda

Hat die Dame, die als International Outreach Manager tätig ist, die Anfrage aufgrund einer Sprachbarriere oder aus anderen Gründen nicht richtig verstanden? Unwahrscheinlich, denn auf eine weitere Nachfrage, mit einer erneuerten Erklärung, dass es bei der Frage um bereits geborene Babys geht, ging die Mitarbeiterin wiederum nicht ein.

Doch wie darf ein Baby, das in der Ukraine von einer Leihmutter geboren wurde, eigentlich nach Deutschland einreisen, zumal Leihmutterschaft in Deutschland verboten ist?

Juristischer Beistand für die Ausreise des Babys wird gewährt. Dass kein Rechtsstreit stattfindet, ist nicht garantiert

Im ukrainischen Gesetz ist fest verankert, dass eine Leihmutter keinerlei Rechte auf das ausgetragene Kind hat. Sie muss vor Beginn der Schwangerschaft eine Verzichtserklärung unterschreiben, mit der sie dies akzeptiert. Als Eltern gelten die genetischen Eltern des Kindes, egal welche Staatsangehörigkeit diese haben. Auch die Geburtsurkunde enthält keinen Vermerk zur Leihmutterschaft.

Die Feskov Human Reproduction Group arbeitet mit Juristen zusammen, die Urkunden für die Legalisierung des Kindes ausstellen. Das Kinderwunsch-Paar reist zur Abholung des Kindes in die Ukraine und muss sich zum Verlassen des Landes mit dem Baby an die Botschaft seines Landes wenden. Dort erhält das Paar einen Reisepass für das Kind und Hilfe beim Verfahren zur sogenannten „vereinfachten Adoption“. Eine andere Möglichkeit ist es, die ukrainische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Dafür ist die Voraussetzung, dass sich die biologischen Eltern bei der Geburt durch die Leihmutter legal auf dem Gebiet der Ukraine aufhalten.

Dass der Prozess ganz ohne Komplikationen erfolgt, ist allerdings nicht garantiert. Anna Anatolievna Salnikova, eine Anwältin der Feskov Human Reproduction Group, erwähnt in einem Film auf der Homepage, dass es in der Vergangenheit mit einer Einreise nach Deutschland auch einmal Probleme gegeben habe. Ein Landesgericht hatte die Adoption durch eine deutsche Bürgerin mit der Begründung abgelehnt, dass Leihmutterschaft unmoralisch sei und die Rechte des Kindes und der Leihmutter verletze.

Die Eltern legten allerdings Widerspruch gegen die Entscheidung ein – und schließlich erlaubte das Oberlandesgericht das vereinfachte Adoptionsverfahren. Für die Juristin ein Schritt in die richtige Richtung. Die Gerichte in Deutschland seien insgesamt toleranter geworden.

Bei Werbung für Leihmutterschaft drücken Politik und Justiz in Deutschland beide Augen zu

› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge

Die Publizistin Birgit Kelle kritisiert in ihrem Buch „Ich kauf mir ein Kind“ die deutsche Bundesregierung, da Leihmutterschaft in Deutschland illegal ist, aber trotzdem in Deutschland beworben und von Deutschen in Anspruch genommen wird:

„Mir ist es ein Rätsel, warum es die deutschen Behörden nicht interessiert, dass in Deutschland strafbare Dienstleistungen von Ausländern auf deutschem Boden völlig legal angeboten werden.“ 

Werbung findet in der Tat regelmäßig auf Messen statt. Aktuell wird auf der Homepage der Kölner Kinderwunschmesse „Wish for a baby“ Leihmutterschaft angepriesen – für Hetero-Paare, schwule und lesbische Paare sowie Single-Mütter.

Offene Kritik an Werbung für Leihmutterschaft kommt von Christen, mehreren Frauenrechtsorganisationen, selbst von Homosexuellen und Feministinnen, die sich offen für Abtreibung aussprechen.

Die Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ kritisiert wie Birgit Kelle scharf, dass Politik und Justiz vor dieser Werbung lieber die Augen verschließen. Die Organisation stellt fest, dass das Kind zum „Gegenstand eines Vertrags“ und die Mutter zu einer „Miet-Gebärmutter“ degradiert wird.

Die Kinderwunschmesse in Köln ist kein Einzelfall. 2024 gastierte die Schwulen-Organisation „Men having babies“ im Berliner Marriot-Hotel für die gleichnamige Messe, die Leihmutterschaft bewirbt. „Men having babies“ sieht Leihmutterschaft als Mittel gegen die Diskriminierung der „situativen Unfruchtbarkeit“ der Männer – ein Terminus für die biologische Tatsache, dass Männer keine Kinder bekommen können. Ihre Mitgliederzahl beläuft sich auf ungefähr 15.000 Personen und sie veranstaltet weltweit Konferenzen zur Leihmutterschaft.

Corrigenda fragte nach, was das Justizministerium des Landes Nordrhein-Westfalen plane, um solcherlei Werbung auf den Messen in NRW zu unterbinden. Die lapidare Antwort verrät nur wenig Interesse an der Problematik:

„Eine Zuständigkeit des Ministeriums der Justiz kann ich nicht erkennen. Für etwaige ordnungsbehördliche Maßnahmen dürfte die Stadt Köln zuständig sein.“

Eine Sprecherin des nordrhein-westfälischen Landesministeriums für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration bestätigte gegenüber Corrigenda, dass das Gesetz ein Anzeigenverbot für die Vermittlung von Ersatzmüttern vorsieht:

„Das Gesetz über die Vermittlung und Begleitung der Adoption und über das Verbot der Vermittlung von Ersatzmüttern (Adoptionsvermittlungsgesetz – AdVermiG) sieht in § 13d ein Anzeigenverbot vor. Das heißt, es darf keine Werbung zur Suche nach Ersatzmüttern oder Bestelleltern dargestellt werden. Ein entsprechendes Handeln stellt gemäß § 14 AdVermiG eine Ordnungswidrigkeit dar. Wer sich nicht daran hält, muss ein Bußgeld bezahlen. Die Zuständigkeit für die Verfolgung und Ahndung von Ordnungswidrigkeiten liegt bei den Kreisen und kreisfreien Städten. Bei Vorliegen einer Ordnungswidrigkeit ist damit die Stadt Köln dafür zuständig, diese zu ahnden.“

Da die Verantwortung also bei der Stadt Köln liegt, wollte Corrigenda wissen, wie sich die Stadt Köln zu dieser Werbung auf der Messe äußert.

Stadt Köln: Das umfassende Verbot für Leihmutterschaft ist einzuhalten

Ein Sprecher der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker erklärte die rechtlichen Auflagen folgendermaßen:

„Bei der Messe ‘Wish for a baby’ handelt es sich um eine genehmigte Veranstaltung nach § 65 GewO. Die Genehmigung ist mit zwei Auflagen versehen: Sowohl das Verbot für eine Vermittlung als auch das umfassende Verbot von Werbung für eine Leihmutterschaft sind einzuhalten. Bei der Veranstaltung im vergangenen Jahr lagen nach Erkenntnissen der zuständigen Gewerbeabteilung des Ordnungsamtes keine Hinweise vor, dass gegen diese Auflage verstoßen wurde.“

So ganz interessiert, entsprechende Hinweise zu finden, scheint die Stadt aber nicht zu sein.

Die Messe „Wish for a baby“ in Köln: Die Abbildungen zeigen nur eine kleine Auswahl von Messeausstellern, die mit Leihmutterschaft in Verbindung stehen und bei denen es auf den ersten Blick erkennbar ist

Handelt es sich rechtlich etwa um einen Graubereich oder wurde die Werbung von der Stadt Köln schlicht nicht wahrgenommen? Die abgebildeten Fotos und Texte von der Homepage der Messe waren so zumindest schon 2024 auf der Homepage zu sehen, wie der Blick in das Webarchiv von 2024 verrät. Ein kurzer Blick auf die Ausstellerliste für 2025 zeigt zudem, dass sehr viele Organisationen das englische Wort für Leihmutterschaft „surrogacy“ schon im Namen führen.

Auch die willkürliche Auswahl des Geschlechtes eines Babys wird beworben, wie es ein Blick auf das Angebot des Ausstellers Fertility Institute of San Diego zeigt. Gleiches gilt für „Social Freezing“, einem Phänomen, über das Corrigenda ausführlich berichtete.

Das Phänomen der Leihmutterschaft breitet sich weltweit immer weiter aus

Die Klinik der Feskov Human Reproduction Group gibt an, mit Partnern in zahlreichen Ländern vernetzt zu sein. Eine Geburt von künstlich gezeugten Babys ist ohne Weiteres in Tschechien, Belgien, den Niederlanden und weiteren Ländern möglich.

Insgesamt breitet sich das Phänomen der Leihmutterschaft aus – und damit verbunden auch der Fruchtbarkeitstourismus, was an den unterschiedlichen rechtlichen Gegebenheiten und den Preisen liegt.

Internationale Vernetzung: Die Feskov-Klinik arbeitet mit zahlreichen Partnern auf der ganzen Welt zusammen

2024 lag das globale Geschäft der Leihmutterschaft laut Global Market Insights bei 28 Milliarden Dollar. Bis 2034 wird der Markt den Prognosen zufolge auf über 200 Milliarden Dollar anwachsen.

Der größte Markt für Leihmutterschaft ist direkt nach den USA trotz des Krieges immer noch die Ukraine, vornehmlich für heterosexuelle Paare, da Homosexualität dort kulturell eher negativ bewertet wird. Weitere mögliche Länder sind unter anderem Südafrika, Georgien oder Griechenland. Ukrainische Reproduktionskliniken haben einen Weltmarktanteil von gut 25 Prozent. 

Rund 15.000 Paare aus Deutschland reisen laut Medienberichten jedes Jahr ins Ausland, um sich ein Baby zu kaufen, 6.000 davon in die Ukraine. In der Ukraine ist es deutlich günstiger als in den USA, denn dort ist mit einem etwa doppelt so hohen Preis zu rechnen. Viele Frauen leben in der Ukraine in Armut und so sehen sie Prostitution oder Leihmutterschaft als einzige Auswege aus ihrer Not. Sie verkaufen ihren Körper.

Monika Glöcklhofer, Sprecherin der Initiative „Lasst Frauen sprechen“, äußerte sich gegenüber der Rheinischen Post„Dieser ganze Markt ist eine riesige Gelddruckmaschine – und den Preis dafür zahlen die Frauen.“ 

In Deutschland sprach sich zur Zeit der Ampelregierung vor allem die FDP für die Legalisierung der sogenannten altruistischen Leihmutterschaft aus. Die Koalition setzte sogar eine entsprechende Kommission ein, die die rechtlichen Rahmenbedingungen prüfen sollte. Die Ampelregierung ist passé, das Thema Leihmutterschaft ist deswegen in Deutschland aber noch lange nicht vom Tisch. 

Altruistische Leihmutterschaft ist unrealistisch

Bei dieser Art der Leihmutterschaft gibt die Leihmutter das Kind an die Wunscheltern ab, ohne dafür offiziell eine finanzielle Vergütung zu erhalten, abgesehen von den schwangerschaftsbedingten Kosten. Dies kommt besonders bei Familienmitgliedern und Freunden vor.

Kinderwunschagenturen und Kliniken verdienen mit altruistischer Leihmutterschaft trotzdem Geld„Das Label Altruismus ist eine große Lüge und verschleiert den kommerziellen Charakter“, so Glöcklhofer. Auch die Feministinnen der französischen Organisation „Coalition Internationale pour L’Abolition de la Maternité de Substitution“ (CIAS) sehen altruistische Leihmutterschaft kritisch

„Wie soll ein Staat überhaupt einschätzen können, wie altruistisch das Gebären eines Kindes für eine andere Frau wirklich ist? Wie will man ausschließen, ob nicht Erpressung und Handel stattfinden? Was passiert, wenn das Kind eine Behinderung hat oder die Mütter Schäden in der Schwangerschaft oder während der Geburt davontragen?“ 

Birgit Kelle wies in einem Interview mit Corrigenda darauf hin, dass die Aufwandsentschädigung für die Geburt hoch ausfallen kann. In Großbritannien beträgt diese 25.000 britische Pfund, also mehr als 29.000 Euro. Dies entspricht dem Jahresgehalt in Großbritannien im Niedriglohnsektor. Von De-Kommerzialisierung kann keine Rede sein.

Physische und psychische Risiken der Leihmutterschaft

Manche Frauen werden durch Leihmutterschaft schwerkrank. Künstliche Befruchtungen münden oft in Risiko-Geburten und durch die extremen Hormonbehandlungen können Folgeerkrankungen wie Brustkrebs entstehen. Die Frauen erhalten auch weitere Medikamente wie Immunsuppressiva, da sie mit dem Embryo nicht genetisch verwandt sind und der Körper sie sonst abstoßen würde. 

Einige Leihmütter berichten, dass ihnen bis zu vier Embryonen eingesetzt werden, um die Trefferquote zu erhöhen. Was passiert, wenn sich alle einnisten? Die überzähligen Embryonen werden getötet. 

Werden die getöteten Embryonen zu spät entfernt, dann können sie Entzündungen in Gebärmutter und Eierstöcken auslösen. Oft müssen die Organe der Frau dann entfernt werden. 

Abgesehen von diesen gesundheitlichen Risiken sind die psychischen Folgen nicht zu unterschätzen. Natürlich kann die Leihmutter Gefühle für ihr Kind entwickeln, trotz der Einsicht des Verstandes, dass das Kind biologisch nicht das Eigene ist. Schon deshalb, weil bei der Geburt das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet wird. Handelt es sich um ihre eigene Eizelle und ist sie so teilweise mit dem Kind verwandt, dann kann die Trennung noch schwieriger sein. 

Hinzu kommen die seelischen Folgen der Abtreibung, wenn das Kind nicht gesund ist oder Mehrlinge entstehen. Ein Problem, das auch bei einer natürlichen Mutterschaft allzu oft verschwiegen bzw. verharmlost wird. 

Warum ein Homosexueller gegen Leihmutterschaft kämpft

Nicht alle Homosexuellen befürworten Leihmutterschaft und fühlen sich durch die Unmöglichkeit der Mutterschaft diskriminiert. Ein Homosexueller erklärte im Interview mit dem Magazin Emma, wie er und sein Freund beinahe ein Kind gekauft haben. Nun kämpft er öffentlich gegen Leihmutterschaft – und erklärt, warum. Im Interview will er anonym bleiben, denn wer sich gegen die Leihmutterlobby stellt, lebt gefährlich. Die Gründe für seinen Gesinnungswandel waren vielfältig:

„Da werden zwei Menschen zu Ware gemacht. Mutter und Kind. Noch dazu kommt eine Frau, die ihre Eizellen verkauft und damit auch ihre Gesundheit aufs Spiel setzt. Die Leihmütter verkaufen ihren Körper, sie unterschreiben Schweige-Verträge, sie verpflichten sich zu Hormonbehandlungen, dutzenden Untersuchungen. Wird das Kind behindert, müssen sie es abtreiben. Werden es Mehrlinge und die Kaufeltern wollen nur eines, werden die restlichen Föten auch abgetrieben.“ 

Klare Botschaft auf dem CSD Köln 2024: „Papas dank Leihmutterschaft“

Er beschreibt auch den Moment, in dem er sich endgültig gegen die Leihmutterschaft entschieden habe. Denn sobald es um Finanzen ging, wurde die Diskussion härter:

„Ich saß per Skype vor diesem Arzt in einer Klinik an der Ostküste. Er hatte sein Häubchen auf, das Stethoskop um den Hals, sah aus wie frisch aus dem OP. Er fing direkt an von ‘Family Balancing’ und ‘Gender Selection’ zu reden. Wir sollten uns entscheiden, ob wir einen Jungen oder ein Mädchen wollen und wie viele Embryonen wir einfrieren lassen wollen für weitere Geschwister. Ob wir schon wüssten, wo wir das Nabelschnurblut einfrieren lassen wollten. Wir sollten so richtig abgeschöpft werden.“

Er ist der Überzeugung, man könne es nicht zulassen, dass der Mensch zur Ware wird – und er wolle andere Menschen nicht im Namen seiner Homosexualität entmenschlichen.

Konflikte mit Kinderrechten

Wie wirken sich künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft auf die Identität des Kindes aus? Fühlen sie sich ihrer Familie zugehörig? Olivia Maurel, die von einer Leihmutter in den USA geboren wurde, findet in Emma hierzu klare Worte. Maurel ist Sprecherin der Casablanca-Deklaration, die sich für eine weltweite Abschaffung der Leihmutterschaft einsetzt.

„Das Gefühl, verlassen worden zu sein, verfolgt mich mein ganzes Leben. Ich habe als Kind gespürt, dass etwas mit meiner Familie nicht stimmt. Ich habe auch ehrlich gesagt nicht besonders gut in sie hineingepasst. Ich war ein kompliziertes Kind, hatte psychische Probleme. Ich habe immer einen blinden Fleck auf mir gespürt. 

Mit 31 fand ich durch einen DNA-Test heraus, was ich instinktiv immer gefühlt habe: dass ich nicht mit meiner Mutter verwandt bin. Ich weiß, dass es vielen Kindern so geht, die adoptiert wurden, die ihre leiblichen Eltern verloren haben. Viele leiden unter Verlustängsten. Irgendetwas ist in uns, das uns suchen und nicht zur Ruhe kommen lässt. Heute möchte ich den Kindern von Leihmüttern eine Stimme geben. Viele von uns fühlen sich wie ein Produkt. An uns klebt ein Preisschild. Wir wurden bestellt, bezahlt und abgeholt.“ 

Olivia Maurel, selbst von einer Leihmutter geboren, kämpft heute gegen die gefährliche Praxis

Olivia Maurel ist mit ihren psychischen Problemen aufgrund von Leihmutterschaft kein Einzelfall. Sie steht nach eigener Aussage im Kontakt mit acht weiteren Personen, die durch Leihmutterschaft geboren wurden. Sie alle leiden an psychischen Problemen. Eine von ihnen wurde von einem alleinstehenden Mann gekauft, der sie jahrelang missbrauchte. In Deutschland gibt es mittlerweile sogar Selbsthilfegruppen für Kinder aus Leihmutterschaft. 

Inwiefern es nach der Trennung von der Leihmutter zu einem Trennungstrauma beim Baby kommen kann, wurde bisher nur unzureichend untersucht. Abgesehen davon ist Leihmutterschaft eine Praxis mit vielen Opfern: den abgetriebenen Kindern, den Leihmüttern und den Kindern, die zeitlebens das Gefühl haben, dass ein Preisschild an ihnen klebt. Und trotzdem duldet die deutsche Politik durch Nicht-Handeln diese Praxis und erlaubt es Unternehmen wie der Feskov-Klinik, mit dem Leid und den unerfüllten Wünschen von Menschen Geld zu verdienen.

› Kennen Sie schon unseren Corrigenda-Telegram- und WhatsApp-Kanal?

15
0

Kommentare