Einer ohne deutsch-katholischen Mief
Nicht nur die Amtszeit Georg Bätzings als Vorsitzender hat ihr Ende erreicht. Auch der Apostolische Nuntius in Deutschland, Nikola Eterović, hielt am Montag seine womöglich letzte Rede vor der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). Eterović steht vor seiner Abberufung. Der Kroate ließ es sich aber nicht nehmen, seinen Auftritt für eine freundliche Ermahnung an die deutschen Kollegen zu nutzen.
Über Jahre hatte Eterović – ganz Diplomat – den Synodalen Weg verhältnismäßig ruhig ertragen. 2023 machte er dann den Fehler, beim Grußwort an die Bischöfe allzu offen über die katholische Lehre zu sprechen. So habe der Mensch eine „Natur, die er nicht beliebig manipulieren“ könne.
Bezüglich der Schöpfung des Menschen als Mann und Frau sagte er: „Bedauerlicherweise ist dieses Bild inzwischen auch in manchen Kreisen der Kirche in Vergessenheit geraten.“ Bischof Bätzing reagierte prompt. Die Rede des Nuntius sei „phasenweise fast unerträglich“ gewesen.
Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut
Zu Bätzings Abschied revanchierte sich Eterović. Er verwies auf Marcantonio de Dominis, den Erzbischof von Split, der sich durch seine reformatorischen Positionen ausgezeichnet hatte, die ihn in Konflikt mit dem Papsttum brachten. Der Nuntius führte aus:
„Seine Lehre wurde verurteilt, und er fand ein tragisches Ende. Ich erinnere an die umstrittene Persönlichkeit meines Landsmannes, um zu zeigen, dass der gute Wille zur Durchführung von Kirchenreformen und selbst der Gebrauch von an sich gültigen Formeln mitunter zu Spaltung und sogar Schisma führen können.“
Abgekürzt: Gut gemeint ist häufig das Gegenteil von gut. Das Geplänkel zwischen dem scheidenden Nuntius und dem scheidenden DBK-Vorsitzenden unterstreicht neuerlich die zerrüttete Beziehung zum Vatikan. Die Schönfärbereien der DBK und auch des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) verlieren ihre Überzeugungskraft, wenn das Verhältnis zum Botschafter des Papstes so angeschlagen ist. Denn der Nuntius hat in der Vergangenheit nichts anderes gesagt, als was Rom diktiert hat.
Eterovićs Grußwort war demnach ein Mahnwort: Was die Hirten in Deutschland mitgetragen haben, das kann böse enden. So deutlich hatte man das bisher nicht gehört – insbesondere fiel mit „Schisma“ das Schlüsselwort. Das haben nicht nur die Gegner des Synodalen Wegs oder Medien – wie erst kürzlich die italienische Tageszeitung Il Giornale – an die Wand gemalt. Je mehr man die Angst vor dem Schisma zerstreuen muss, umso realistischer ist es offenbar.
Wofür steht Heiner Wilmer?
Ein deutscher Bischof, der in der Vergangenheit garantiert hat, dass es dazu nicht kommen werde, war Heiner Wilmer. Der Hildesheimer Bischof schrieb in der Zeitschrift Communio im Februar 2024:
„Bisher ist es uns in Deutschland nicht wirklich gelungen, dieses Gespenst aus dem Weg zu räumen, vor allem, was die Wahrnehmung im Ausland betrifft, aber nicht nur im Ausland. Um es klar zu sagen: Es wird kein Schisma geben und keiner der Bischöfe in Deutschland hat dies je gewollt.“
Zwei Jahre später ist Wilmer selbst DBK-Chef. An seinem Reformwillen ist aus der Sicht der Anhänger des Synodalen Wegs eigentlich nicht zu zweifeln. Den Zölibat schätze er zwar selbst sehr, aber die Ehelosigkeit müsse nicht für alle Priester verpflichtend sein; trotz anderslautendem päpstlichen Machtwort hält er die Frage nach der Weihe von Frauen nicht für abgeschlossen; er gilt als Befürworter einer Neubewertung der katholischen Sexualmoral; und er hat demnach auch beim Synodalen Weg seine Stimme der progressivsten Position gegeben.
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Auch gesellschaftspolitisch tat sich Wilmer bisher eher als jemand hervor, der dem Zeitgeist hinterherlief. Er warnte vor der Leugnung des Klimawandels und sagte über die Aktivisten von Fridays for Future: „Kreativ wie der Schöpfergott, geistreich wie der Heilige Geist und hellwach wie Jesus Christus“. In der Corona-Zeit kritisierte er eine „Fixierung auf die Eucharistie“. Innerkirchlich machte er Furore, als er davon sprach, dass der Machtmissbrauch in der DNS der Kirche stecke. Obwohl er einerseits dazu aufforderte, dass die Kirche sich bei parteipolitischen Themen eher zurückhalten sollte, warnte er mehrfach vor der AfD.
Noch eine Kontinuität klammert Wilmer ein: Die Wiederwahl von Generalsekretärin Beate Gilles und DBK-Pressesprecher Matthias Kopp. Ihre Namen sind eng mit der Bätzing-Ära verbunden, auch apologetisch. Selbst wenn ein moderat-konservativer Bischof gewählt worden wäre, wäre eine absolute Kehrtwende in dieser Form nicht möglich. Ähnliches ließe sich über die Posten in Bonn sagen, die weiterhin von Personen besetzt sind, die auf der „alten Linie“ sitzen. Der Vergleich zur Politik hinkt nicht: Minister kommen und gehen, die Staatssekretäre bleiben.
Papst Leo nicht unähnlich
Gerade weil aber Wilmer in der Vergangenheit das Ideal eines liberalen Synodalbischofs öffentlich-rechtlicher Prägung zeigte, überraschte sein erster Auftritt nach der Wahl. Denn der Hildesheimer Hirte legte seinen Schwerpunkt auf die geistliche Dimension. Das von der „NGO-Kirche“ verwöhnte Journalistenpublikum wunderte sich über so wenig Politik. Nicht unähnlich zu Papst Leo bezog er sich stark auf den Frieden, hob Gott als Zentrum seiner Amtszeit hervor, und verhielt sich bei Nachfragen zu verminten Themen – Stichwort: Frauenweihe – ungewohnt zurückhaltend. Selbst die AfD, gegen die Bätzing tags zuvor noch gepoltert hatte, wurde nicht namentlich genannt. Stattdessen beklagte Wilmer die Polarisierung in der Gesellschaft.
Nicht nur das: Auch Vertreter der synodalkritischen Partei, namentlich der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki, begrüßten die Wahl. Wilmer, das war häufiger zu hören und zu lesen, gilt trotz seiner Positionen als jemand, mit dem man reden kann. So sprach er mit dem Cicero oder verfasste Beiträge für die Tagespost. Letzteres ist auch deswegen bezeichnend, weil Bätzing noch die Tagespost-Redakteurin Regina Einig bei einer Pressekonferenz öffentlich und uncharmant abbügelte. Die katholische Wochenzeitung hat sich als Kritikerin des Synodalen Weges wenig Freunde bei der DBK gemacht.
Wilmer hat ein anderes Format. Ihm haftet nicht der Mief der deutsch-katholischen Provinzialität an. Exakt das wollten die Bischöfe auch. In der New Yorker Bronx hat er Deutschunterricht gegeben. Drei Jahre war er Generaloberer der Herz-Jesu-Priester in Rom. Er hat zwei Bücher verfasst und gilt als medienaffin. Der gebürtige Emsländer spricht Englisch, Französisch, Spanisch – und vor allem Italienisch.
Gute Voraussetzungen mit Blick auf Rom
Nicht nur das sind gute Voraussetzungen für den 64-Jährigen, um das zerbrochene Porzellan mit Rom zu kitten. In der DBK ist Wilmer Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen. Die katholische Soziallehre bezeichnete Wilmer als eine „prophetische Stimme für alle Menschen“. Sie geht bekanntlich auf Leo XIII. zurück und ist der zentrale Punkt, weshalb sich der amtierende Pontifex Leo XIV. genannt hat. Hier gibt es noch einen Konnex: Wilmer hat als einer der wenigen Bischöfe das Thema KI aufgegriffen. „KI ist die neue soziale Frage – und wir müssen sie mit klaren Prinzipien beantworten!“, sagte er im Juli 2025. Bekanntlich sieht das Papst Leo sehr ähnlich.
Demnach ist Wilmer ein freundlicher Wink nach Rom. Die ideologischen Barrieren dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Hildesheimer Hirte der „Vermittlerfraktion“ angehört und nicht der „Konfrontationspartei“. Man darf darüber spekulieren, wer der Gegenkandidat Wilmers war, der sich im dritten Wahlgang – bei einfacher Mehrheit – geschlagen geben musste. Er dürfte eher als Vertreter der Hardliner gegolten haben.
Deshalb gibt es noch eine weitere Note, die dazu anhalten sollte, nicht zu vorschnell über den neuen DBK-Vorsitzenden zu urteilen. Denn noch am Tag seiner Wahl hat das ZdK einen Brief an Wilmer geschrieben. Das Papier ist weniger ein Glückwunschtelegramm als eine Drohung. Der Reformprozess, so ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp, sei „ohne Alternative“. Danach setzt sie in der Manier eines sizilianischen Paten fort: „Ich bin sicher, dass Sie sich als neuer Vorsitzender der Bischofskonferenz dessen völlig bewusst sind, lieber Bischof Wilmer.“ Man freue sich, den Synodalen Weg mit ihm weiterzugehen. Was man dort erreicht habe, lasse sich „nicht mehr verrücken, kleinreden oder gar ungeschehen machen“.
Ist Bätzings Ende auch das Ende des Synodalen Wegs?
Bei so viel Merkel-Déjà-vu muss die Frage erlaubt sein, ob das ZdK den DBK-Vorsitzenden nur noch als Befehlsempfänger sieht oder ob die Sorge umgeht, dass mit Bätzings Ende auch das Ende des Synodalen Weges droht. Denn solche „Erinnerungen“ wären nicht nötig, wenn das Ja und Amen Wilmers so sicher wäre. Die unverrückbaren und „alternativlosen“ Erfolge des deutschen Reformprojekts stehen offenbar auf wackligen Säulen. Zumindest am Dienstag kam die Laienorganisation mit dieser Forschheit durch: Die Satzung der Synodalkonferenz wurde von der Vollversammlung angenommen. Sie gilt als hochgradig problematisch, der Kirchenrechtler Matthias Pulte nannte sie „kirchenrechtlich fragwürdig“. Die Bischöfe würden damit abhängig von externen Laiengremien.
Mit der Zustimmung durch die Bischöfe landet die Satzung nun vor dem Heiligen Stuhl. Damit steht Wilmer die erste Nagelprobe bevor. Er soll den Spagat vollbringen, dank seiner internationalen Erfahrungen Rom zu beschwichtigen und gleichzeitig den Synodalen Weg fortzusetzen. Auch Wilmer wird sich dann die Frage stellen müssen, ob seine Loyalität der heimischen Funktionärskaste oder dem Papst im Rom gilt. Entweder zerspringt dann der Synodale Weg oder die deutsch-katholische Kirche.
Noch hofft man darauf, dass Papst Leo die Sache durchwinkt. Das aber hieße, die Axt selbst an die Autorität Roms zu legen. Insofern hat Eterović das Schicksal von Marcantonio de Dominis nicht zu Unrecht ins Spiel gebracht. Vor dem Scheiterhaufen rettete diesen nur der frühzeitige Tod im Kerker. Die Vertreter der Reformagenda haben heute lediglich das Glück, dass sie nicht im 17. Jahrhundert leben.
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Kommentare
Dass Bischof Wilmer bei seiner ersten Rede als DBK-Vorsitzender davon sprach, GOTT in den Mittelpunkt zu stellen, stimmt hoffnungsfroh. 🤗
Beten wir für ihn! 🙏
Nach der Wahl Leos im vergangenen Jahr ist alles möglich.
Doch es kommt, wie die Priester und Bischöfe immer wieder betonen, auch auf uns an: Beten wir für Bischof Wilmer. 🤲