Was bedeutet es für Europa, wenn die Pax Americana endet?
Das römische Imperium verstand sich schon unter der späten Republik als Garantiemacht des Weltfriedens – die Pax Romana wurde zur Leitideologie einer neuen Ordnung, wie wir schon bei Cicero nachlesen können. Zwei Jahrtausende später erhebt die westliche Welt, angeführt von den Vereinigten Staaten, einen ähnlichen Anspruch: Die Pax Americana will globale Stabilität sichern, Freiheit verbreiten und wirtschaftlichen Austausch ermöglichen. Beide Ordnungen beruhen auf strukturell vergleichbaren Mechanismen: auf der militärischen Sicherung globaler Einflusszonen, der Umdeutung hegemonialer Herrschaft als Friedensdienst und der systematischen Unterwerfung aller Störquellen unter das Ideal der universalisierten Ordnung.
Aber vor allem teilen sie auch eine grundsätzliche Schwäche: Solange der „Weltfrieden“ durch eine politische Macht garantiert wird, die aufgrund ihres republikanischen Systems vom häufigen Wechsel der herrschenden Eliten geprägt ist, muss es zwangsläufig zu einem langfristig ineffizienten, ja gefährlichen Zickzackkurs kommen. Denn wenn man auch die Beharrungskräfte von Funktionselite, grauen Eminenzen und geopolitischen Notwendigkeiten niemals unterschätzen darf, führt innerer politischer Wettbewerb doch notwendigerweise immer zu rivalisierenden Klientelsystemen, die Zentrum und Peripherie, imperiale und lokale Eliten miteinander verklammern und ihre Konkurrenz auch außenpolitisch ausleben – mit langfristig hochgefährlichen Folgen.
Unter welchen Bedingungen die Pax Romana entstand
Nach Jahrzehnten zunächst der territorialen Expansion von Italien in den Osten und den Westen, gefolgt von bürgerkriegsartigen Kämpfen zwischen rivalisierenden Machthabern, von Marius und Sulla über Pompeius und Caesar bis hin zu Marcus Antonius und Octavian, lagen die Grundprinzipien römischer Ordnungsmacht gegen Ende des 1. Jahrhunderts v.Chr. in Scherben. Zwar hatte bereits Cicero als ein typischer Vertreter jener philhellenischen römischen Eliten, welche in der griechischen Philosophie nach Grundlagen für eine eigene imperiale Herrschaftsethik suchten, deutlich gemacht, dass die Unterwerfung unter Rom für die Provinzen zwar eine Aufgabe außenpolitischer Freiheit bedeutete, sie dafür aber in den Genuss der Teilhabe an einer befriedeten Mittelmeerwelt kamen:
„Gleichzeitig möge Asien noch bedenken, dass es nicht vom Unheil eines auswärtigen Krieges oder innenpolitischer Zwistigkeiten verschont geblieben wäre, wenn es nicht unter römischem Oberbefehl stünde. Weil sich aber diese Schutzherrschaft ohne die Leistung von Abgaben überhaupt nicht aufrechterhalten ließe, mag sich die Provinz doch in aller Gelassenheit für einen Teil ihrer Erträge immerwährenden Frieden und ein ruhiges Leben erkaufen.“ (Cicero, Epistulae ad Quintum fratrem et M. Brutum 1,33 f.)
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Gleichzeitig war aber gerade die späte Republik von umfassenden Klientelsystemen geprägt, welche machtvolle senatorische Dynastien, reiche Investoren, provinziale Eliten und benachbarte Klientelfürsten eng verzahnten, so dass Machtwechsel in Rom meist auch für die Provinzen mit immer neuen außenpolitischen Kurswechseln verbunden waren (ebenso wie andersherum); und wenn die römische Herrschaft auch insgesamt nicht mehr wirklich angefochten wurde, da sich auch an der Peripherie jeder Machthaber auf die eine oder andere Weise mit der römischen Elite verbunden wusste, sorgte diese Situation doch für eine große Instabilität, unter der eben nicht nur die Provinzialen litten, sondern auch das römische Bürgertum, das wieder und wieder wegen wechselnder offensichtlicher Partikularinteressen verschiedenste Kriege führen musste.
„Denn wir wissen ja, dass damals, als in Asien sehr vielen Leuten große Vermögenswerte verlorengingen, in Rom die Zahlungen stockten und der Kredit zusammenbrach. Wenn nämlich in einem Staate viele Leute Geld und Vermögen einbüßen, so kann es nicht ausbleiben, dass sie noch andere mit sich in dasselbe Verderben ziehen: Bewahrt unser Staatswesen vor dieser Gefahr! Denn glaubt mir, was ihr ja selber seht: das Kredit- und Geldwesen, das in Rom, das hier auf dem Forum seine Stätte hat, ist mit den asiatischen Kapitalien verflochten und davon abhängig; jene Kapitalien können nicht zusammenbrechen, ohne dass der hiesige Geldmarkt, von derselben Bewegung erschüttert, in Verfall gerät.“ (Cicero, De Lege Manilia 7,18 f.)
Die Parallelen zur aktuellen Weltlage
Es ist schwierig, hier nicht an die gegenwärtige Weltlage zu denken. Diese ist nicht nur durch die letzten Ausläufer der „Pax Americana“ geprägt, die gegenwärtig von der Stabilität der Unipolarität in das Gleichgewicht der Multipolarität übergeht und natürlich in beiden Fällen von verschiedensten Friktionen an der Peripherie geprägt wird, sondern auch durch die enge Verquickung der jeweiligen finanziellen Interessen einzelner Herrschaftseliten mit ihren lokalen Klientelen.
Dies wird gerade im Fall der USA überaus deutlich, bedenkt man, wie sehr nicht nur der Clan um Joe Biden intensive finanzielle Interessen in der Ukraine und China hatte, sondern auch der Block um Donald Trump in verschiedenste außeramerikanische Wirtschaftsprojekte verwickelt ist: Der Übergang zwischen den verschiedenen geographischen und ideologischen Brennpunkten US-amerikanischer Außenpolitik ist auch und vielleicht sogar vor allem vom Wunsch nach Stärkung der Hausmacht des eigenen Klientelsystems geprägt.
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Die europäischen Staaten sind aufgrund ihrer territorialen Kleinteiligkeit, ihrer außenpolitischen Ohnmacht und ihrer weitgehenden wirtschaftlichen Belanglosigkeit nur bedingt echte Akteure in diesem Spiel; doch auch hier wird deutlich, wie sehr einzelne lokale Eliten zutiefst in einzelne außenpolitische Konstellationen eingebunden sind (etwa in Bezug auf die afrikanischen Rohstoffe und natürlich die nahöstlichen Energiequellen) und entsprechende politische Entwicklungen fördern oder hemmen. Das reicht bis in höchste Regierungsebenen, bedenkt man etwa die Karriere des gegenwärtigen französischen Staats- und des deutschen Regierungschefs, die beide engste berufliche Beziehungen zu verschiedenen großen Finanz- und Investitionsgruppen unterhielten, um nicht gar von Abhängigkeiten zu sprechen.
Die Ideologie des Weltfriedens
Doch selbstverständlich ist es nicht das Streben nach wirtschaftlicher Nutzbarmachung der „Provinzen“, das im Zentrum der offiziellen Ideologie der westlichen Welt steht. Entscheidend ist vielmehr die Selbstdarstellung der USA als Garant einer globalen Ordnung, deren jeweilige Instrumente, wie etwa die UNO, die Nato oder die Weltbank, in verschiedenster Weise die Kontrolle über die Handelswege, die Stabilisierung US-affiner liberal-demokratischer Verwaltungssysteme und natürlich die Anbindung der Außenwelt an das US-amerikanische Militär-, Finanz- und Energiesystem garantieren sollen.
Gleichzeitig werden diese Instrumente als „regelbasierter Weltfrieden“ verstanden. Denn wie im Falle Roms ist zu betonen, dass eine idealistische, eine pragmatische und eine zynische Lektüre des jeweiligen „Weltfriedens“ sich keineswegs gegenseitig ausschließen. Auch für manche Betroffene wiegen die Vorteile die Nachteile auf. Wer de facto die außenpolitische und oft auch die innenpolitische Freiheit verliert, ist dafür in das jeweilige hegemoniale Friedenssystem eingebunden und profitiert ökonomisch.
Ebenso wie in der römischen Welt bedeuten die zunehmend brutalen Kurswechsel zwischen den verschiedenen US-amerikanischen Klientelsystemen und somit außenpolitischen Orientierungen – am flagrantesten am Beispiel des Ukraine- und Irankriegs deutlich – aber auch eine stetig steigende Gefahr. Das gilt nicht nur für die jeweiligen Bündner oder Untertanen, sondern auch die eigenen Bürger, die mit immer größeren Deregulierungen im Bereich des Energiewesens und des Alltagskonsums zu rechnen haben.
Wie sich Rom von seinen Idealen entfernte
Dies wirft aber einmal mehr die Frage nach der Fortsetzung dieser Entwicklung auf und inwieweit diese durch Studium der späten römischen Republik prognostiziert werden kann. Die Fakten sind allseits bekannt: Die Eroberung des östlichen Mittelmeers durch Pompeius hatte ebenso wie die Eroberung des gallischen Raumes einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen, wo nicht nur die Überdehnung der eigenen Kräfte, sondern auch die allzu große Konzentration von Macht in den Händen eines Einzelnen das Ende der Republik einläuteten. Gleichzeitig verriet der seit dem zweiten Jahrhundert zunehmend skrupellose Umgang mit den römischen Bundesgenossen und Klientelkönigen, die immer weniger als geschätzte Freunde und immer mehr als auszubeutende Verfügungsmasse betrachtet wurden, deren Degradierung auf die Ebene von Untertanen und Provinzen nur eine Frage der Zeit zu sein schien, wie sehr sich Rom von seinen ursprünglichen Idealen entfernt hatte.
Wie gefährlich eine solche Geringschätzung im Verbund mit territorialer Überdehnung werden konnte, zeigte sich nicht nur durch den Aufstand der Griechen während des Kriegs gegen Mithridates, sondern auch nach der Niederlage des Crassus gegen die Parther, als ein Großteil des Ostens wegzubrechen drohte und auch das Prestige Roms einen gefährlichen Verlust erlitten hatte. Kein Wunder, dass neben dem durchaus realen Wunsch, Teil des römischen Friedens- und Wohlstandsprojektes zu sein, auch immer wieder gerade an der Peripherie Widerstand gegen den Gedanken eines „Friedens“ sich äußerte, der vom Standpunkt absoluter Freiheit wenig mehr als Sklaverei zu sein schien, wie Tacitus noch während des Kaiserreichs den Britanniern in den Mund legte:
„Räuber der Welt, durchspüren sie [die Römer], nachdem den alles Verwüstenden die Länder ausgingen, nun auch das Meer – habgierig, wenn der Feind reich, ruhmsüchtig, wenn er arm ist; nicht der Osten, nicht der Westen hat sie gesättigt; als einziges von allen Völkern begehren sie Fülle wie Leere mit gleicher Leidenschaft. Stehlen, Morden, Rauben heißen sie mit falscher Bezeichnung ‘Imperium’, und wo sie Einöde schaffen, nennen sie das ‘Frieden’.“ (Tacitus, Agricola 30)
Kaiser Augustus schuf die Pax Romana
Auf die endlosen inneren wie äußeren Konflikte folgte in Rom die Alleinherrschaft des Augustus, der den allgemeinen Wunsch nach Ordnung und Frieden seitens der Bürger wie der Untertanen nutzte, um sein Prinzipat nicht nur als moralische Wiedergeburt der Republik zu inszenieren, sondern auch als Wiederherstellung der „aurea aetas“, des „goldenen Zeitalters“, als noch Götter und Heroen auf Erden weilten und Frieden, Harmonie und Überfluss an der Tagesordnung waren. Man denke an die Bildgestaltung der „Ara pacis“, dem „Altar des Friedens“, mit dem Augustus sich für die Erlangung des „Weltfriedens“ feiern ließ.
Die von ihm geschaffene Pax Romana war freilich keineswegs durch die Abwesenheit von Gewalt geprägt, sondern durch deren Monopolisierung: Im Inneren durch die einseitige Übernahme der gesamten Außenpolitik und somit auch der Klientelbindungen durch den Kaiser, dem gegenüber die letzten Reste senatorischer privilegierter Kontakte kaum noch ins Gewicht fielen. Im Äußeren durch die Kontrolle über sämtliche Heere und die wegweisende strategische Entscheidung, mit einigen Ausnahmen, die wie üblich als „bella iusta“ deklariert wurden, auf eine weitere Expansion zu verzichten und eher den Status quo zu wahren als die Grenzen des Reichs zu überdehnen.
Selbst der große Feind im Osten, das Reich der Parther, wurde nach einem diplomatischen Arrangement, das von beiden Seiten gesichtswahrend als „Sieg“ deklariert werden konnte, weitgehend in Ruhe gelassen, so dass die römische Ostgrenze, die quer durch Armenien, Westmesopotamien und die syrische Wüste verlief, bis zur arabischen Expansion nie mehr langfristig wirklich verschoben wurde. Kleinere Polizeiaktionen gegen „barbarische“ Völker reichten seitdem bis zu den Völkerwanderungen völlig aus, dem Kaiser das traditionelle Charisma des Siegers und die Loyalität der Truppen zu erringen; wo dies missachtet wurde, etwa bei der Eroberung Britanniens oder den Feldzügen Trajans, hatte der römische Staat schwere Opfer in Form von Steuerlasten oder Gefallenenzahlen zu erbringen.
Die Asymmetrie in der NATO war immer offensichtlich
Und so kam es denn tatsächlich zu jener kurzen, aber bis heute im Gedächtnis gebliebenen Glanzzeit der Pax Romana, als es einem nicht unbeträchtlichen Teil der Welt in der Tat so schien, als sei zumindest in der Mittelmeerwelt der Weltfriede dauerhaft Realität geworden, wie Aelius Aristeides schwärmte:
„Statt um die Herrschaft und um den ersten Rang zu streiten, wodurch sämtliche Kriege in früheren Zeiten ausbrachen, führen die einen ein höchst angenehmes und ruhiges Leben, das einem geräuschlos dahinfließenden Wasser ähnlich ist, glücklich, von Mühen und Leiden befreit zu sein, und erfüllt von Reue, dass sie vergeblich um Schattenbilder kämpften. Die anderen wissen nicht einmal, welche Herrschaft sie einst hatten, und erinnern sich auch nicht daran. […] An Kriege, auch ob es sie jemals gegeben hat, glaubt man nicht mehr, allein Erzählungen darüber werden von den meisten wie Mythen aufgenommen. Wenn aber einmal irgendwo an den Grenzen Kämpfe aufflammten wie es in einem unermesslich großen Reich natürlich ist angesichts der Tollheit der Daker, der misslichen Lage der Libyer oder des Elends der Völker am Roten Meer, die unfähig sind, die Segnungen der Gegenwart zu genießen, dann verschwanden die Kriege rasch wieder ganz wie Mythen, und auch die Erzählungen über sie.“ (Aelius Aristeidis, Romam, oratio 14, 69–71)
Man darf wohl erwarten, dass auch die Zukunft der westlichen Welt einige dieser Charakteristika aufweisen wird. Schon jetzt zeigt sich die drohende Überdehnung des US-amerikanischen und damit insgesamt westlichen Einflusses auf den Globus: Der Rückzug aus Kabul war das erste, auch nach außen hin sichtbare Zeichen, dass die finanzielle und technische Übermacht der USA, im Verbund mit ihrer geostrategischen Situation und ihrer wirtschaftlichen Schlagkraft, keine dauerhafte Garantie für eine Welthegemonie mehr bot, vor allem in Anbetracht der sinkenden Popularität und Glaubwürdigkeit des westlichen zivilisatorischen Modells. Der Ukraine-Krieg und die Intervention gegen den Iran vertiefen diesen Eindruck, umso mehr, als sich hier nun zum ersten Mal der organisierte Widerstand Russlands und Chinas gezeigt hat.
Gleichzeitig allerdings offenbart sich auch die schon seit langem gefühlte Missachtung für die amerikanischen Bundesgenossen, allen voran die NATO. Die Asymmetrie zwischen beiden Seiten des Atlantiks war immer schon offensichtlich gewesen, und niemand machte sich seit Gründung des Bündnisses Illusionen darüber, dass eine echte gleichrangige Partnerschaft auch gar nicht erwünscht war, sondern die Europäer im besten Fall Finanzen und sekundäre Hilfstruppen zu liefern hatten. Die Präsidentschaft Donald Trumps, der nach Art römischer Demagogen den eigenen Bündnern sogar ihr Territorium wegzunehmen droht und eine solche Annexion auch noch als Hilfeleistung darstellt, hat dem diplomatischen Schein die Maske vom Gesicht gezogen und die traurige Realität eines zerstrittenen, unfähigen und von den USA nur verachteten Europa vor allen Augen demonstriert.
Kommt es zum heißen Krieg mit China?
Wie wird es weitergehen? Besteht noch eine Hoffnung darauf, dass Europa sich innerhalb der westlichen Welt zu einem eigenständigen hesperialistischen Pol entwickelt? Ist seine Provinzialisierung in einem US-geführten Imperium ausgemachte Sache? Oder könnte es sogar zu einer „heißen“ Phase eines späten und fraglos sinnlosen Versuches kommen, sich der US-Suprematie ebenso zu entziehen, wie die spätrepublikanischen Griechen dies vor ihrer definitiven Unterwerfung unternahmen?
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Und wie wird es mit der Zukunft dieser „Pax Americana“ stehen: Ist zu erwarten, dass Donald Trump sich auf den Kernbestand des US-Imperiums zurückzieht, wie es bereits in der Doktrin der „American Hemisphere“ durchklang? Dass er dementsprechend seinen Einfluss auf die beiden Amerikas erweitert, wie die Drohungen gegen Venezuela, Kanada, Mexiko und Kuba anschaulich verdeutlichen, ansonsten aber (mit Ausnahme der europäischen Staaten, Australien und Neuseeland) die Einflussgebiete der anderen Zivilisationsreiche wie Russland, Indien und China respektiert? Dass er sich dementsprechend auch in irredentistische Ambitionen gegenüber Taiwan oder dem Baltikum nicht einzumischen gedenkt?
Es wird fraglos noch einige Jahre dauern, bis diese grundsätzliche Frage gelöst wird, auf die auch der erratische US-Präsident wohl keine echte Antwort zu geben vermag, und somit kann keineswegs ausgeschlossen werden, dass auch die USA ihr „Carrhae“ gegen China oder vielleicht sogar Russland erleben mögen, um die Grenzen des Möglichen auszuloten und definitiv von der dynamischen und „republikanischen“ Phase ihrer Geschichte in diejenige imperialer Stabilität und weitgehender Stagnation überzugehen. So oder so: Das Zeitfenster für die europäischen Staaten, in dieser Konstellation einen letzten Rest an Eigenständigkeit zu erringen, ist nur noch erschreckend kurz.
Europa ist müde geworden
Freilich: Neben den rein machtpolitischen Aspekten dürfen wir auch die zivilisatorischen nicht ausblenden. Schon jetzt hat sich nicht nur in Europa eine allgemeine Müdigkeit breitgemacht; ein Unwille, über die kleinen Zeitfragen individueller Existenz hinauszublicken und für die Interessen der Gesamtheit – seien sie pragmatischer oder ideeller Art – Einbußen oder Opfer im Hier und Jetzt zu riskieren, ganz zu schweigen von jener fundamentalen Bereitschaft, im Notfall sein Leben für eine Sache zu riskieren, die mehr zu gelten hat als das eigene Dasein.
Auch die Römer des Kaiserreichs – von den Provinzbewohnern ganz zu schweigen - zogen sich nur allzu gerne hinter die ausgedehnten Mauern und Zäune ihres Weltreichs zurück, überließen die Verteidigung ihrer Zivilisation gegen die gleichzeitig verachteten und gefürchteten „Barbaren“ Berufssoldaten und unterwarfen sich im Zweifelsfall dem jeweils Mächtigeren: Wo vor nur wenigen Generationen sich ganze Jahrgänge für ein zivilisatorisches Ideal und politische Überzeugungen geopfert hatten, herrschte jetzt nur ein ermüdetes und zynisches Weltbürgertum, für das Frieden, Wohlstand und Ordnung ein Anrecht war, über dessen Zustandekommen die wenigsten sich Rechenschaft ablegen wollten.
Es war der unglaublichen institutionellen, militärischen wie logistischen Stabilität des römischen Reiches zuzuschreiben, dass jene Illusion mehrere Jahrhunderte aufrechterhalten werden konnte; ihr Fall war aber von Anfang an beschlossene Sache; und so steht wohl kaum zu bezweifeln, dass auch das „posthistorische“ Europa, wenn es weiterhin unfähig ist, für die eigene Sicherheit aufzukommen, denselben Weg gehen wird.
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