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Interview mit Männerpsychologe Michael Klein

„Männerhass breitet sich wie ein Gift in der Gesellschaft aus“

Ohne Männer wäre vieles besser. Es gäbe weniger Gewalt, rechtspopulistische Parteien hätten weniger Zulauf, wir könnten endlich die Klimakrise lösen und reaktionäre Ideen dort entsorgen, wo sie hingehören, nämlich auf dem Müllhaufen der Geschichte. Stimmt’s?

Das ist zumindest das Männerbild, das die linken Medien zeichnen: Männer als Gefahr, als Täter, emotional verkrüppelt und stets darauf aus, Frauen und Schwächere zu unterdrücken. 

Mit der Wirklichkeit hat das herzlich wenig zu tun. Trotzdem gibt es in der Öffentlichkeit nur selten Widerspruch, wenn Männer wieder einmal pauschal aufgefordert werden, sich zu schämen, sich endlich zu ändern oder bei bestimmten Themen den Mund zu halten.

Einer, der lautstark Widerspruch erhebt, ist der Psychologieprofessor und Psychotherapeut Michael Klein. Anders als andere vermeintliche Männerexperten beschäftigt er sich seit 30 Jahren sowohl wissenschaftlich als auch praktisch in seiner therapeutischen Arbeit mit dem Thema Männlichkeit, den Problemen von Männern, ihren Stärken und ihren Schwächen. Hier in seiner Praxis im Kölner Westen, wo er Corrigenda zum ausführlichen Interview empfängt, ist er beinahe täglich mit den Sorgen und Herausforderungen konfrontiert, die Männer heute bewältigen müssen.

Klein warnt eindringlich vor den Schäden, die drohen, wenn Männer undifferenziert verächtlich gemacht werden. Gleichzeitig zeigt er konkrete Lösungen auf: Was beispielsweise sollte ein Mann tun, wenn er im Beruf benachteiligt wird, weil er ein Mann ist? Außerdem dreht sich das Gespräch um die psychischen Probleme, mit denen Männer typischerweise in seine Praxis kommen, und um die Frage, ob Männer mit ihrer Frau oder Freundin über ihre Gefühle sprechen sollten. Nicht zuletzt erörtert der Psychologe, wie sich die „male loneliness epidemic“, die Einsamkeitskrise der Männer, überwinden lässt. 

Herr Professor Klein, Sie haben jüngst die Berichterstattung im Fall Collien Fernandes scharf kritisiert. Was hat Sie daran gestört?

Die Berichterstattung hatte von Anfang an ein „Geschmäckle“. Nicht offengelegte Hintergrundinteressen spielten eine starke Rolle. Nach allem, was wir wissen, hatte Frau Fernandes den Verdacht gegen ihren damaligen Ehemann Christian Ulmen mindestens seit Dezember 2024, ist aber erst im Frühjahr 2026 damit an die Öffentlichkeit gegangen. Das wirft Fragen auf: Was ist in der Zwischenzeit geschehen? Warum hat sie die Vorwürfe nicht direkt öffentlich gemacht?

Als Frau Fernandes die Vorwürfe öffentlich machte, kündigte Justizministerin Stefanie Hubig an, den rechtlichen Schutz bei „digitaler Gewalt“ zu verbessern.

Die Ministerin legte umgehend einen Gesetzesentwurf vor, der unter anderem eine Klarnamenpflicht im Internet vorsieht. Es ist äußerst unüblich, dass derartige Entwürfe in so kurzer Zeit fertiggestellt werden. Dass der Entwurf schon bereitlag, spricht dafür, dass es Hintergrundabsprachen gab. Wenn Frau Fernandes Leid zugefügt wurde, soll ihr geholfen und ihr Ex-Mann bestraft werden. Aber warum muss sie die Vorwürfe öffentlich machen, ehe es ein gerichtsfestes Urteil gibt? Für den Ex-Mann gilt die Unschuldsvermutung. Trotzdem haben die Medien ihn vorverurteilt.

Eine Produktionsfirma hat die Verträge für eine Streamingserie gekündigt, für die Ulmen das Drehbuch verfasst hatte.

Genau, er erleidet massive Nachteile allein aufgrund der Empörung und des medialen Drucks. Empörung ist seit vielen Jahren ein hochwirksames psychologisches Prinzip in den Medien, vor allem in den sozialen Netzwerken. Aber auch die klassischen Medien lassen sich davon anstecken und tragen dazu bei, Menschen in ihrer Existenz zu gefährden und ins soziale Abseits zu drängen. Interessanterweise sind es fast immer Männer, deren sozialer Tod über solche Empörungskampagnen erzeugt wird. 

Sie kritisierten, dass von diesem Einzelfall ein Generalverdacht gegen Männer im Allgemeinen abgeleitet wird. 

Das ist ein altbekanntes Phänomen, das in den vergangenen Jahrzehnten allerdings deutlich zugenommen hat. Psychologisch gesprochen handelt es sich um eine unzulässige Generalisierung. Die entsprechenden Medien wären eigentlich verpflichtet, in ihren Meldungen darauf hinzuweisen, dass das, was über diesen einen Mann gesagt wird, keinesfalls auf die Gesamtheit aller Männer übertragbar ist. Oft wird jedoch, zumindest suggestiv, genau das Gegenteil betrieben. Die Schablone der „toxischen Männlichkeit“ ist einfach zu verführerisch für viele Journalisten.

Welche Folgen hat das?

Im Fall Fernandes war die Hysterie so groß, dass eine feministische Rednerin bei einer Demonstration auf dem Hamburger Rathausmarkt alle anwesenden Männer dazu aufforderte, sich gegenseitig in die Augen zu schauen und ihre „Tätervergangenheit“ aufzuarbeiten, damit sie männerspezifische Scham empfinden. Derartige Prozesse erinnern stark an Inquisitionen und einschlägige Tribunale. Das ist eine gefährliche Entwicklung für die psychische Gesundheit aller Betroffenen im Land – nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen. Studien belegen, dass die Mehrheit der Frauen solche Entwicklungen nicht gutheißt und sich davon distanzieren möchte. Es handelt sich um eine lautstarke Minderheit, die Zugang zu den Medien hat und diese Prozesse in die breite Gesellschaft trägt. Mit übersteigerten, dysfunktionalen Emotionen wird Stimmung und Politik gemacht zum Schaden der Menschen.

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Hier werden Erinnerungen an die Russische Revolution und die Bolschewiki wach: Diese waren zwar lange in der Minderheit, verstanden die Propagandatechniken im Sinne Lenins aber so gut, dass sie die Gesellschaft mit den damaligen Medien dominieren konnten. Heute ist es über die sozialen Medien um ein Vielfaches leichter, als kleine, lautstarke Minderheit den Eindruck zu erwecken, man vertrete die Mehrheitsmeinung. Leider tragen dazu auch die sehr linkslastigen öffentlich-rechtlichen Medien bei.

Ein anderes Phänomen, das Sie im Kontext des Falls Fernandes thematisiert haben, ist Misandrie. Was ist mit diesem Begriff gemeint?

Misandrie bedeutet übersetzt Männerhass, die Verunglimpfung von Männern und das Verbreiten einer negativen Stimmung gegen sie. Entwickelt hat sich die Misandrie in den 70er-Jahren, in den 90er- und Nullerjahren hat sie dann massiv an Fahrt aufgenommen. Sie bedeutet im Kern, dass über Männer ungestraft hasserfüllte Botschaften verbreitet werden dürfen – wobei sich dies in der Mentalität der linken Blase nur gegen weiße Männer richtet, während migrantische Männer nicht betroffen sind, da sie in der linken Logik stets Opfer und nie Täter sind. Misandrie ist eine Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, die von Medien, Politik und Gesellschaft weitgehend toleriert und inzwischen sogar mehr und mehr gefördert wird. Der Männerhass breitet sich so wie ein Gift in der Gesellschaft aus. Es wird noch Jahre dauern, bis dafür ein kritisches öffentliches Bewusstsein entsteht. 

Das Gegenmodell der Misandrie, die Misogynie, ist dagegen fest im öffentlichen Bewusstsein verankert.

Und das ist auch gut so! Misogynie, also der Hass auf Frauen, ist zu Recht gesellschaftlich geächtet. Das Gleiche sollte auch für den Hass auf Männer gelten. Wir sollten kein Geschlecht pauschal verunglimpfen, sondern uns die Philanthropie zum Ziel setzen, also die grundlegende Menschenfreundlichkeit gegenüber allen Personen, ob Mann oder Frau.

Können Sie konkrete Beispiele für Misandrie in der jüngeren Vergangenheit nennen?

Neben der erwähnten Vorverurteilungskampagne zeigt sich das sehr deutlich in der Werbung. Werbeagenturen halten sich oft für die Speerspitze der gesellschaftlichen Entwicklung, produzieren dabei aber viel Quatsch. Aufsehen erregte vor einigen Jahren etwa ein Werbespot der Marke Gillette, eines Herstellers für Rasierer und Rasierzubehör. Der Spot drehte sich um „toxische Männlichkeit“ und verunglimpfte Männer pauschal als Täter. In Deutschland gab es zum Muttertag einen Werbeclip von Edeka, in dem Väter als hässlich, tollpatschig und unsensibel dargestellt wurden. Am Ende trat die Mutter als glorreiche Alternativfigur auf und das Kind sagte: „Mama, danke, dass du nicht Papa bist.“ Es gibt unzählige weitere Beispiele. Solche verächtlich machenden Werbespots sind in Bezug auf Frauen und Migranten undenkbar. Daran zeigt sich ihre selektive Verunglimpfung einer ganzen Bevölkerungsgruppe.

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Ist der Feminismus schuld an der Misandrie?

Der moderne Feminismus hat einen beträchtlichen Anteil an der seit Jahrzehnten wachsenden Männerfeindlichkeit, weil er die männliche Identität grundsätzlich herabwürdigt. Feministinnen verbreiten die Botschaft: Liebe Männer, ihr müsst so werden wie wir Frauen, erst dann seid ihr gut. Dass Männer ihren eigenen, männlichen Weg gehen müssen, akzeptiert dieser Feminismus nicht.

Welche Folgen hat diese wachsende Männerfeindlichkeit?

Wir erleben eine zunehmende Polarisierung der Geschlechter in den westlichen Ländern. Männer fühlen sich immer seltener verstanden oder wertgeschätzt. Psychologisch interessant ist in diesem Kontext beispielsweise die Renaissance des Bartes in den zurückliegenden 20 bis 25 Jahren. In den 80ern und 90ern war der Bart völlig out. Heute nutzen Männer ihn unbewusst wieder als biologisches Unterscheidungsmerkmal zu Frauen. Insgesamt befinden sich Männer in einer schwierigen, teils verzweifelten Situation, da sie ständig mit Negativbotschaften und realen Benachteiligungen konfrontiert sind. Daher suchen sie nach positiven Identitätsmerkmalen.

Welche realen Benachteiligungen meinen Sie?

Etwa die Gleichstellungs- und Quotenregeln. In einigen Bundesministerien liegt die Frauenquote bereits bei fast 70 Prozent. Das führt dazu, dass hochqualifizierte junge Männer bei Bewerbungen – an Universitäten, höheren Verwaltungsbehörden und Ministerien – gegen eine unsichtbare Wand laufen. Puristische Feministinnen argumentieren dann oft, das sei die Revanche für die jahrhundertelange Benachteiligung der Frauen. Aber man kann Unrecht nicht mit Unrecht bekämpfen.

Was sollte man gegen Misandrie tun?

Wir bräuchten ein breit aufgestelltes Programm, das bereits im Kindergarten und in der Schule ansetzt, wo wir ohnehin einen starken Überhang an Erzieherinnen und Lehrerinnen haben, was oft zu Problemen für Jungen führt. Zuerst muss ein Bewusstsein für das Problem geschaffen werden, da viele Betroffene die misandrische Behandlung im Alltag oder in Beziehungen gar nicht bewusst wahrnehmen. Zudem müssen Männer ein gesundes Selbstverständnis und mehr Selbstsicherheit in ihrer Männlichkeit entwickeln – denn männliche Männer sind etwas Gutes, nichts Schlechtes. Sie handeln verantwortlich, gelassen und setzen sich für ihre Familie ein. Gewalttätige Männer sind nicht männlich, sondern schwach oder ideologisch und religiös manipuliert. Wir benötigen außerdem wieder mehr soziale Räume, in denen Männer unter sich sein können. Das gibt es im Sport noch vereinzelt, aber diese Räume sind selten geworden. Es ist natürlich völlig in Ordnung, wenn Frauen etwa zur Freiwilligen Feuerwehr gehen oder andere einst männliche Domänen für sich entdecken. Aber Männer brauchen ebenso ihre eigenen Rückzugsorte, so wie es sie für Frauen schon lange gibt. Interessanterweise sind Barbershops, die oft von Migranten betrieben werden, einer der wenigen verbliebenen Räume dieser Art.

Was raten Sie einem Mann auf individueller Ebene, der beispielsweise im Berufsleben von Misandrie betroffen ist?

Das ist eine ausgezeichnete Frage, die sich allerdings nur schwer beantworten lässt. Zunächst ist festzustellen, dass misandrische Übergriffe deutlich subtiler ablaufen als misogyne Attacken. Ein Mann wird eher indirekt angegriffen oder benachteiligt: Er wird nicht eingeladen zu bestimmten sozialen Aktivitäten im Kollegenkreis, er beißt bei Beförderungen auf Granit oder es werden unbegründete Vorwürfe gegen ihn erhoben. Vor allem aber werden ihm diese Dinge nicht direkt ins Gesicht gesagt. Vielmehr entsteht sukzessive eine negative Grundstimmung gegen ihn, die er sich nicht erklären kann. So entsteht eine Spirale der Diskriminierung und Exklusion.

Was sollte er dann tun?

Sich bei der Gleichstellungsbeauftragten zu beschweren, bringt nichts, da diese nur für Frauen zuständig ist. Die darf ihm offiziell gar nicht helfen. Auch vom Betriebsrat kommt nur selten Unterstützung, weil die Betriebsräte sich selbst angreifbar machen und unter Frauenhass-Verdacht geraten, wenn sie sich stark für die Belange von Männern einsetzen. Auch Anti-Diskriminierungsstellen werden ihm nicht helfen, weil sie einseitig auf Frauen und Migranten fokussiert sind. Ein Betroffener sollte sich deshalb außerhalb der eigenen Organisation Hilfe holen und den Kontakt zu Männern suchen, die ähnliche Erfahrungen machen wie er. Sein konkretes Problem kann er dadurch vermutlich nicht lösen, so ehrlich müssen wir sein. Aber es ist trotzdem viel wert, wenn der Betroffene entdeckt, dass er mit seinen Schwierigkeiten nicht allein ist. Langfristig müssen wir die öffentliche Sensibilität so weit schärfen, dass diese Fälle in den Unternehmen offen angesprochen werden und man gleichermaßen gegen Misogynie wie gegen Misandrie vorgeht. Dies wird noch viele Jahre dauern. 

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Misandrie spielt in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle. Wie ist die Situation in Ihrem Berufsfeld, der Wissenschaft?

In den USA und Großbritannien gibt es einige Leuchttürme in Forschung und Praxis der Psychologie, die das Thema bearbeiten. In der deutschen Wissenschaftslandschaft dagegen fristet das Thema ein absolutes Randdasein. Wer sich hierzulande mit der Benachteiligung von Männern beschäftigt, riskiert als junger Wissenschaftler seine Karriere.

Wenn wir uns die Kriminalstatistiken ansehen, stellen wir zeit- und kulturübergreifend fest, dass Männer deutlich mehr Straftaten begehen als Frauen. Das gilt vor allem für Gewalt- und Sexualstraftaten. Ist es da nicht berechtigt, wenn Frauen ein negatives Bild von Männern zeichnen?

Das führt uns zurück zur unzulässigen Generalisierung. Es stimmt, dass Männer bei der Gewalt- und Sexualkriminalität gegenüber Frauen überrepräsentiert sind. Wenn wir uns aber die Gesamtheit aller Männer ansehen, stellen wir fest, dass höchstens fünf Prozent der Männer durch antisoziales Verhalten auffallen. Zu antisozialem Verhalten zählen wir Gewalttaten, aber auch andere Verhaltensweisen, die mit der schwarzen Triade der Persönlichkeit, bestehend aus Machiavellismus, Narzissmus und Psychopathie, zusammenhängen. Um das noch einmal zu betonen: Diese Verhaltensweisen treffen auf lediglich fünf Prozent aller Männer zu. Es gilt hier, frühzeitig Fehlentwicklungen aufzuhalten, dysfunktionale Sozialisationsmuster aufzuzeigen und positive Männlichkeit zu fördern. Islamistisch-patriarchal geprägte Gewalt ist aufzuzeigen und im demokratischen Rechtsstaat nicht tolerierbar.

Fünf Prozent klingt wenig, sind aber in der Summe dann doch mehr als zwei Millionen in Deutschland. Wie kommt es, dass sich diese Männer antisozial verhalten?

Das hat biologische, aber auch psychosoziale Ursachen. Letztere muss man angehen. Männliche Gewalt wird nie ganz verschwinden. Dennoch geht es darum, Präventionsarbeit zu leisten, Therapieangebote zu machen und die Männer zu mehr Prosozialität zu erziehen. Übrigens haben wir bei der Prosozialität schon jetzt einen hohen Männeranteil: Männer, die sich um andere kümmern, sei es privat oder in den helfenden Berufen. Männer sind – ganz im Sinne der entwicklungspsychologischen Extremitätshypothese – auf beiden Seiten der Normalverteilung (antisozial und prosozial) häufiger vertreten. 

Dass die männliche Gewaltkriminalität steigt, hängt außerdem mit der Migrationspolitik zusammen. Die Politik entscheidet sich seit mehr als zehn Jahren dafür, eine hohe Zahl junger Männer mit einem relativ hohen Gewaltpotential einreisen zu lassen. Illegale Migration ist in Deutschland zum Standardmodell der Migration geworden. Dass es in der Folge mehr Gewalt im Land gibt, darf niemanden wundern. Leider weisen die wenigsten Medien auf diesen Zusammenhang hin. Lieber zeigen sie mit dem Finger auf alle weißen Männer, als ob diese das Kernproblem wären. Ein Ablenkungs- und Lügenmanöver!

Sie sagten, fünf Prozent aller Männer seien dem antisozialen Spektrum zuzuordnen. Wie sieht es bei den Frauen aus?

Bei Frauen liegt der Anteil deutlich niedriger, bei etwa 1,5 bis zwei Prozent. Allerdings sollte man hier durchaus hinterfragen, wie Antisozialität definiert ist. Aktuell fokussieren wir uns auf physische und sexuelle Gewalt. Psychische und emotionale Gewalt spielen hingegen eine untergeordnete Rolle – und dort sind Frauen deutlich stärker vertreten.

Haben Sie ein Beispiel für diese emotionale Gewalt?

Falsche Beschuldigungen etwa. Amerikanische Statistiken zeigen, dass mindestens ein Drittel der Beschuldigungen falsch ist, die Frauen gegen Männer wegen sexueller Nötigung und Gewalt erheben. Die betreffenden Frauen arbeiten damit, um sich Vorteile zu verschaffen. In Deutschland fehlt dazu die Forschung. Ein weiteres Feld ist das „Parental-Alienation-Syndrom“ (elterliches Entfremdungssyndrom) bei Scheidungsverfahren. Hierbei manipuliert der betreuende Elternteil – meist die Mutter – das Kind subtil, bis es den Kontakt zum Vater von sich aus ablehnt. Auch in vielen Paarbeziehungen geschieht ein hohes Maß an emotionaler, psychischer Gewalt, ohne dass es dafür ein öffentliches Bewusstsein gibt.

Das Schlagwort „toxische Männlichkeit“ fiel bereits. Was halten Sie von diesem Begriff?

Gar nichts. Aber der Begriff ist nun einmal da und lässt sich nicht mehr aus der Welt schaffen. Mittlerweile gibt es als Gegenbewegung ja auch den Begriff der „toxischen Weiblichkeit“. Historisch stammt die „toxische Männlichkeit“ ironischerweise aus der US-Männerbewegung der 70er- und 80er-Jahre. Damit sollte beschrieben werden, dass junge Männer, die im Gefängnis landen, oft durch ihre eigenen Väter traumatisiert und in ihrer Persönlichkeit zerbrochen worden sind. Man hätte also treffender von „toxischer Väterlichkeit“ sprechen müssen. Im Zuge der MeToo-Bewegung ab 2012 wurde der Begriff dann in einem völlig anderen, anklagenden Kontext wieder aufgegriffen. Man sollte Toxizität in der Persönlichkeit oder im Verhalten dort klar benennen, wo sie auftritt, sie aber nicht als Pauschalverurteilung auf alle Männer anwenden. Dies ist unethisch, diskriminierend und menschenfeindlich.

Wie sieht im Gegenzug gesunde Männlichkeit aus?

Gesunde Männlichkeit ist eine Mischung verschiedener Kompetenzen. Dazu gehört zuallererst ein stabiles Selbstbewusstsein, das explizit nichts mit Narzissmus zu tun hat. Weitere wichtige Aspekte sind eine gute Selbstkontrolle und Selbstregulation sowie die Fähigkeit zum eigenen Wohlbefinden. Was ebenso zu einer gesunden Männlichkeit gehört, heutzutage aber heftig bekämpft wird, ist die Rolle des Beschützers der Frau und der Familie. Auch wenn es tabuisiert wird, wollen nach wie vor weit mehr als 80 Prozent der Frauen einen Beschützer als Partner. Das hat evolutionäre Gründe und wird sich vermutlich nie ändern. Gesunde Männlichkeit hat also individuelle Aspekte und soziale Merkmale aus den Bereichen Gelassenheit, Mut, Gerechtigkeit und Weisheit, ganz so wie es die antike Philosophie der Stoa schon vor mehr als 2000 Jahren gelehrt hat.

Ist der Wunsch nach einem Beschützer der Grund, warum Frauen bei der Partnerwahl größere Männer bevorzugen?

Richtig. Aus allen Studien über Dating im Internet geht hervor, dass für Frauen beim Erstkontakt mit einem Mann dessen Körpergröße das wichtigste Merkmal ist. Kleine Männer haben wirklich einen ganz schweren Stand. Eine Folge ist dieser seltsame Trend unter Männern, sich per Operation die Beine verlängern zu lassen. Das ist eine groteske und schreckliche Sache, aber viele Männer verspüren ob ihrer geringen Körpergröße einen enormen Leidensdruck. Sie sollten lernen, dass wahre Größe von innen kommt. Aber in jungen Jahren ist dies eine für die meisten – auch Frauen – verborgene Weisheit.

Zur Person Michael Klein

Prof. Dr. Michael Klein, Jahrgang 1954, wurde im rheinland-pfälzischen Bad Kreuznach geboren. Von 1973 bis 1980 studierte er Psychologie an der Universität Trier und an der Georgetown University in Washington, D.C. Seine Promotion erlangte er in Trier mit einer Arbeit zur „Klassifikation von Alkoholikern durch Persönlichkeits- und Suchtmerkmale“. Nach Stationen als klinischer Psychologe an mehreren Fachkliniken ist er seit 1994 als Professor für Klinische und Sozialpsychologie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen am Standort Köln tätig. Seit 1999 leitet Michael Klein das Rheinische Institut für Angewandte Suchtforschung (RIAS) und seit 2005 das Deutsche Institut für Sucht- und Präventionsforschung (DISuP). Ferner betreibt er ein Internetportal zum Thema Sucht und Suchterkrankungen.

Zudem arbeitet er seit 1980 in eigener Praxis als Psychologischer Psychotherapeut. Seine therapeutischen Arbeitsschwerpunkte liegen in der psychischen Gesundheit von Männern, der Prävention und Behandlung psychischer Störungen bei Männern sowie im Persönlichkeitscoaching für Männer aller Altersstufen. Auch zum Thema Männergesundheit betreibt Klein ein Internetportal, „Men’s Mental Health“

Auf seinem X-Account nimmt er regelmäßig zu gesellschaftspolitischen Fragen Stellung.

In einem Gastbeitrag für den Cicero brachten Sie Aristoteles’ Tugendlehre als Orientierungspunkt für gesunde Männlichkeit ins Spiel.

Bei der aristotelischen Tugendlehre geht es um das bewusste Fördern der klassischen Kerntugenden wie Mut, Klugheit, Mäßigung oder das Streben nach Gerechtigkeit. Diese Eigenschaften zeichnen die klassische Männlichkeit seit Jahrtausenden aus und sollten nach wie vor ein zentrales Erziehungsziel sein – grundsätzlich zwar für Jungen und Mädchen, aber Jungen geraten gesellschaftlich und politisch einfach häufiger in Situationen, in denen diese Tugenden abgerufen werden müssen. Nehmen Sie etwa den heraufziehenden Militarismus. Jungs und Männer müssen hier den Mut aufbringen, sich zu verweigern und die Hintergrundinteressen zu durchschauen. Letzteres erfordert die Tugend der Weisheit und Erkenntnistiefe, was für Aristoteles ungemein wichtig war. Denken Sie etwa an sein berühmtes Höhlengleichnis.

Neben Ihrer wissenschaftlichen Arbeit sind Sie als Therapeut tätig. Mit welchen psychischen Problemen kommen Ihre männlichen Patienten typischerweise zu Ihnen?

Ein Schwerpunkt bei Männern liegt bei den Suchterkrankungen und deren Folgen. Das betrifft sowohl Substanzsucht wie Alkohol und Drogen als auch Verhaltenssüchte wie Glücksspiel- und Pornografiesucht. In der Psychopathologie gilt zudem, dass eine Sucht selten allein kommt, weshalb wir oft Komorbiditäten wie Depressionen, Ängste oder Persönlichkeitsstörungen sehen. Insbesondere bei jüngeren Männern erleben wir viele Selbstwert- und Identitätskrisen. Das Leben dieser jungen Männer ist geprägt von starker Selbstunsicherheit in ihrer geschlechtlichen Identität und ihrer Gesamtidentität. Die Folge sind häufig Depressionen. Identitär verunsicherte Männer entwickeln aber auch häufiger Aggressivitäts- und Sexualitätsprobleme.

Wie helfen Sie diesen Männern?

Vielen Männern fehlt die Kompetenz zur Selbstreflexion sowie zur Gefühlserkennung und zum Gefühlsausdruck, weil sie es schlicht nie gelernt haben. Da gilt es anzusetzen. Das heißt, Männer müssen zunächst erkennen, welche emotionalen Konflikte sie belasten. Diese Kompetenz zu lernen und zu vertiefen, ist ein elementarer Teil der Therapie. In einem zweiten Schritt geht es darum, die eigenen Gefühle auch ausdrücken zu können. Jungs sind hier im Vergleich zu Mädchen massiv im Hintertreffen, denn bis zum 18. Lebensjahr haben Mädchen statistisch mindestens 10.000 Stunden mit ihren Müttern und Freundinnen über ihre Gefühle geredet, während Jungs das kaum tun. Zu betonen ist allerdings, dass man Gefühle nicht zwingend verbal ausdrücken muss. Viele Therapeuten - und speziell Therapeutinnen - begehen den Fehler und fordern ihre männlichen Patienten permanent dazu auf, in Worte zu fassen, wie sie sich fühlen. Dabei ist es für viele Männer einfacher, ihre Gefühle über die Mimik, Gestik, über Bewegungen und die Körperhaltung zum Ausdruck zu bringen.

Sie sprachen eben von Selbstwert- und Identitätskrisen bei Männern. Als Reaktion darauf hat sich im Internet eine Subkultur für Männer entwickelt, die Manosphere. Hilft oder schadet diese den Männern?

Die Manosphere ist keine einheitliche Bewegung. Solange Männer sich für ihre legitimen Bedürfnisse nach Selbstwert, Fairness und Gerechtigkeit und gegen Misandrie einsetzen, ist die Bewegung zu begrüßen. Sie sollten sich nicht radikalisieren und manipulieren lassen, vor allem nicht ideologisch, religiös oder nationalistisch. Dass Männer gegen Männerhass, Diskriminierung und für ihre Interessen – etwa in Bezug auf gesundheitliche und soziale Nachteile – kämpfen, ist vollkommen richtig. 

Sollten Männer in der Öffentlichkeit über ihre Gefühle reden?

Auf keinen Fall in einem ungeschützten Rahmen. Ich rate dringend dazu, dies ausschließlich im geschützten Raum mit vertrauenswürdigen Menschen zu tun. In der Öffentlichkeit läuft man heute große Gefahr, dass die eigene Gefühlslage von nicht wohlmeinenden Menschen missbraucht und verunglimpft wird. Schnell werden Männer immer noch als schwach und labil dargestellt. Umso mehr sollten sie sich mit Freunden austauschen, denen sie vertrauen.

Und mit Frauen?

Auch hier ist Vorsicht geboten. Männer sollten nicht denken, dass ihre Partnerin die Person ist, mit der sie regelmäßig offen über ihre Gefühle sprechen können. In einer Paarbeziehung schwingen einfach zu viele andere Dynamiken mit, wie etwa das bereits genannte Bedürfnis der Frau, einen Beschützer zu haben. Wenn ein Mann etwas Schwäche zeigt, kann ihn das in den Augen der Frau stärken, aber wenn er zu viel und dauerhaft Schwäche zeigt, wertet ihn das ab. Das ist eine Gratwanderung. Die unbewussten Motive der Frauen spielen dabei eine große Rolle. Daher braucht es vertrauensvolle Freunde, Männergruppen oder eben eine professionelle Psychotherapie, damit sich Männer in Krisen nicht zurückziehen, sondern das Gespräch suchen. 

Kritiker von Psychotherapien monieren, dass das Angebot auf Frauen zugeschnitten ist und die Bedürfnisse von Männern vernachlässigt werden. Stimmt das?

Der Beruf hat sich leider zunehmend in diese Richtung entwickelt. Früher waren etwa 50 Prozent der Therapeuten Männer, 50 Prozent Frauen. Heute sind 85 Prozent derjenigen, die in den Therapeutenberuf einsteigen, Frauen. Für männliche Patienten ist es deshalb enorm schwer geworden, einen männlichen Therapeuten zu finden oder eine Therapeutin, die sich mit Männlichkeit auskennt. Ich hatte unlängst einen Patienten, der sehr negative Erfahrungen mit Frauen gemacht hatte, schwer betrogen und finanziell ausgenommen worden war. In seiner ersten Sitzung bei einer hochrenommierten Therapeutin wurde ihm direkt eine psychotische Episode unterstellt, weil sie sich schlicht nicht in seine Lage als Mann einfühlen konnte. Das zeigt das ganze Dilemma. Normalerweise sollten sich alle Therapeuten auf ihr Gegenüber einlassen können, unabhängig vom Geschlecht. Aber die Realität sieht anders aus. Deshalb empfehle ich Männern mit psychischen Problemen, sich ihren Therapeuten sorgsam auszuwählen.

Immer mehr Jungs wachsen heute ohne Vater oder Vaterfigur auf. Welche Folgen hat das? 

Das ist eine fatale Entwicklung. In den USA beispielsweise wächst etwa ein Drittel der Jungs ohne den biologischen Vater auf, bei schwarzen Jungs ist die Quote mit 50 Prozent noch höher. Diese Jungen und jungen Männer leiden massiv darunter, sind in ihrem Leiden aber oft sprachlos. Sie brauchen stabile Beziehungssysteme – nicht nur mit Müttern, sondern auch mit Vätern oder zumindest verlässlichen Stiefvätern. Jungen benötigen eine männliche Identifikationsfigur, die Stärken und Schwächen vorlebt, ihnen zeigt, wie das Leben als Mann funktioniert, und sie an den Umgang mit dem eigenen Körper, ihrer Psyche, Sport, Herausforderungen und Risiken heranführt. 

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der wachsenden Vaterlosigkeit und der Misandrie, die wir zu Beginn erörtert haben?

Unbedingt. Laut dem misandrischen Männerbild unserer Zeit sind Väter angeblich unbedeutend und leicht ersetzbar. In akademischen Zirkeln wird es kaum noch problematisiert, wenn Frauen sich – rein egoistisch – an der Samenbank an den vermeintlich besten „Männergenen“ bedienen, um ein Kind zu zeugen und dieses von vornherein bewusst allein großzuziehen. Dabei sollte ein Kind ein biologisches und psychologisches Recht auf zwei Elternteile haben.

Sie beobachten auch eine abnehmende Liebesfähigkeit bei jungen Menschen. Ist das eine Folge davon, dass immer mehr Jugendliche in kaputten Familien aufwachsen?

Wenn Kinder nicht mehr erleben, wie sich zwei Eltern trotz aller Konflikte lieben, durch dick und dünn gehen und sich wieder versöhnen, schwindet die eigene Liebesfähigkeit. Liebesfähigkeit bedeutet immer, ein Risiko eingehen zu können. Das Risiko der Liebe ist verbunden mit Schmerz und Zurückweisung, ebenso mit Glück und Ekstase. Die Menschen heute agieren in Beziehungen aber viel eher von Vorsicht und Ängstlichkeit geleitet, und dadurch wird am Ende alles oberflächlicher. Liebesfähigkeit wird so zu einem hohen, aber auch selteneren Gut. Eine problematische Entwicklung.

Ein interessantes gesellschaftliches Phänomen ist in diesem Zusammenhang, dass sich immer mehr junge Frauen kleine Hunde anschaffen. Das Hündchen dient als unkompliziertes Objekt für Nähe und Liebe, das immer zugewandt und positiv ist und keine Probleme verursacht. Weitergedacht zeigt das aber auch, dass man sich die Verantwortung für einen Partner oder ein eigenes Kind gar nicht mehr vorstellen kann oder will, obwohl eine Liebesbeziehung oder die Weitergabe der eigenen Gene einen unschätzbaren Wert besitzt. In einer Gesellschaft jedoch, in der das Biologische geleugnet oder geringgeschätzt wird, wird dieser Zusammenhang verleugnet.

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Ein vieldiskutiertes Thema ist die Einsamkeitskrise der Männer, die „male loneliness epidemic“. Wie blicken Sie darauf?

Ich habe meine erste empirische Einsamkeitsforschung vor 45 Jahren gemacht. Damals wurde das Thema abgewehrt. Inzwischen hat sich ein Hype darum entwickelt. Das ändert allerdings nichts daran, dass wir tatsächlich ein Einsamkeitsproblem in der Gesellschaft hatten und haben. Das betrifft Frauen wie Männer, zeigt sich bei Männern aber in einer speziellen Frustration auf dem Datingmarkt. Viele haben nach ständigen Zurückweisungen die Partnersuche komplett aufgegeben. Gerade die Partnersuche auf Dating-Apps ist für viele Männer frustrierend, weil Frauen sich dort auf die oberen 15 bis 20 Prozent der Männer fokussieren, die sogenannten Alpha-Männer, während alle anderen ignoriert oder zurückgewiesen werden.

Geht es bei der Einsamkeitskrise um einen Mangel an Sex oder einen Mangel an Liebe?

Ich hatte einen Patienten, der beim Online-Dating ein normales Foto verwendete und nur Misserfolge hatte. Als er ein Foto mit nacktem, muskulösem Oberkörper einstellte, wurde er mit Anfragen überschwemmt, war jedoch kurz darauf wieder frustriert, weil es den Frauen dabei ausschließlich um unverbindlichen Sex ging. Das zeigt die Sinnkrise der Gegenwart: Rein sexuelle Beziehungen hinterlassen am Ende Leere. Das, was die meisten Männer auf Dauer suchen, ist eine Liebesbeziehung mit echter Tiefe. Vordergründig geht es in der Frühphase zwar um Sex als Form von Intimität, aber auf lange Sicht geht es um Nähe und Liebe, um echte Vertrautheit und das gemeinsame Überstehen von Krisen. In den meisten Fällen gehören auch die Zeugung und Erziehung von Kindern dazu.

Männer, die erfolgreich bei Frauen sind und mit vielen Partnerinnen Sex haben, können also trotzdem einsam sein?

Absolut. Diese Männer klagen oft über eine massive Sinnentleerung ihres Alltags und spüren irgendwann, dass selbst der Sex mit den tollsten Frauen an ihrer Einsamkeit nichts ändert. Sie spüren zwar im Moment der Annäherung und beim sexuellen Akt ein Rauscherlebnis, stürzen aber direkt hinterher nicht selten in eine sogenannte postkoitale Depression. Davon wird in der Praxis bisweilen berichtet, und es ist auch wissenschaftlich erforscht, dass nach dem unverbindlichen Sex ein tiefes Erleben von Leere, Sinnlosigkeit und ein Gefühl mangelnder Tiefe zurückbleiben kann. 

Neben der allgemein schwindenden Liebesfähigkeit: Woran scheitern Männer bei der Suche nach einer festen Partnerin noch?

Die Partnerschaftsbildung, im Englischen oft als Dating and Mating bezeichnet, ist eine hochkomplizierte Choreografie, die Männer beherrschen müssen, um erfolgreich zu sein. Das scheitert oft schon an vermeintlich banalen Dingen wie dem Augenkontakt, bei dem man genau die richtige Balance zwischen zu viel und zu wenig finden muss. Auch der Verbalkontakt beim ersten Date ist komplex: Man darf es nicht übertreiben mit dem Quasseln, sollte jedoch auch nicht stumm wie ein Fisch sein. Gleichzeitig gilt es, vorsichtige Annäherungsversuche – wie eine erste Berührung der Hand – zu wagen und die dabei entstehenden subtilen Signale der Interaktion richtig zu dechiffrieren. Für all das brauchen Männer Erfahrung, bei deren Vermittlung früher oft der eigene Vater helfen konnte. Viele Männer verzweifeln an den unzähligen Zurückweisungen in jungen Jahren, wenn sie keine klassischen Alpha-Männer sind. Sie müssen oft warten, bis sie in ihren Dreißigern oder Vierzigern sind und eine reife Persönlichkeit sowie Charisma entwickelt haben, um zwischengeschlechtlichen Erfolg zu haben. Das erfordert viel Frustrationstoleranz.

Welche Rolle spielt dabei die Misandrie?

Dadurch, dass in der Öffentlichkeit ein so negatives Männerbild gezeichnet wird, begegnen junge Frauen Männern immer häufiger mit einer Haltung, die von Ablehnung bis hin zu Angst oder Feindseligkeit reicht. Das macht die so wichtige Vertrauensbildung am Anfang einer Kennenlernphase natürlich noch viel schwerer, da Männer viel mehr Vertrauensbotschaften senden müssen als früher. Dennoch treffen diese Botschaften oft nicht auf Akzeptanz oder Sympathie. Aber trotz Misandrie dürfen Männer den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern müssen an sich arbeiten und sich optimieren. Es geht um ihren eigenen Selbstwert. Ihr Wert auf dem „Partnermarkt“ muss sekundär sein.

Welche Aufgaben hat der Mann in einer Beziehung, welche Aufgaben hat die Frau?

Das kann man nicht pauschal sagen. Wir sprechen in der Forschung von sogenannten Beziehungsskripten. Das ist eine ungeschriebene, implizite Sammlung von Regeln, die sich Paare selten bewusst machen, die sich aber meist spätestens nach einem halben Jahr Beziehung fest etabliert hat. Das betrifft die Klassiker, wer den Müll leert, kocht oder die Spülmaschine bedient. Entscheidend ist, dass beide Partner die Aufteilung als fair empfinden. Die oft gestellte Forderung etwa, dass Männer mehr im Haushalt tun sollten, ist grundsätzlich gerechtfertigt, muss aber mit dem jeweiligen Arbeitsengagement gegengerechnet werden. Hier geschehen oft auch unfaire Berechnungen. Wenn ein Mann sehr stark im Beruf engagiert ist und beispielsweise zwei Drittel oder drei Viertel des Familieneinkommens beisteuert, ist es nachvollziehbar, wenn er weniger Zeit und Energie in den Haushalt investiert. Paare müssen die Aufgabenteilung individuell aushandeln, was bisweilen zu schweren Konflikten führt, besonders wenn der Mann seine Bedürfnisse und Gefühle nicht adäquat artikulieren kann. Frauen sind hier durch ihre Sprachkompetenz bei Gefühlen meist im Vorteil.

› Lesen Sie auch: Sei ein Mann, pack es an!

Seit einigen Jahren wird viel über „Hypergamie“ diskutiert – also die weibliche Tendenz, einen Partner mit möglichst hohem Status und Einkommen zu wählen, während der Charakter des Mannes zweitrangig ist. Was ist da dran?

Das ist ein jahrtausendealtes Verhalten, das historisch in vielen Gesellschaften durchaus Sinn ergeben hat und bis heute zu beobachten ist. Es gibt beispielsweise Experimente auf Dating-Plattformen, bei denen derselbe Mann mit einem Foto vor einem Sport- oder Luxusauto ungleich mehr positive Anfragen von Frauen bekommt als mit einem Foto vor einem alten Kleinwagen. Mit anderen Worten: Selbstverständlich achten Frauen bei der Partnerwahl primär auf den Status des Mannes, und eine akademisch gebildete Frau aus der Mittelschicht würde sich kaum auf einen Sozialhilfeempfänger einlassen, ganz gleich, welche positiven Charaktereigenschaften er mitbringt.

Das ist für viele Männer eine bittere Erkenntnis.

Sehen Sie, ich glaube nicht, dass Hypergamie rein genetisch programmiert ist. Es gibt auch eine psychosoziale, kulturelle Komponente. Insofern können Frauen ihr Partnerwahlverhalten auch ändern. Sie müssen es mittelfristig vielleicht sogar, da sich die soziale Realität verändert hat. Immer mehr Frauen haben bereits heute und werden in den kommenden Jahrzehnten immer höhere Positionen in der Gesellschaft einnehmen und immer mehr Geld verdienen. Schon heute machen mehr Mädchen Abitur als Jungen und das zieht sich als Karrierevorteil dann durch das weitere Leben und wird durch begünstigende Quotenregelungen noch verstärkt. Da bleiben nicht mehr viele Männer mit höherem Status übrig. Insofern müssten Frauen ihr unbewusstes, erlerntes Beuteschema reflektieren und anpassen. Das ist eine hoffnungsvolle Botschaft für Männer, wenngleich sich schwer prognostizieren lässt, wie lange es bis zu einem solchen umfassenden Kulturwandel dauert. Andererseits erhöht ein solcher Kulturwandel den Druck auf äußere Merkmale der Männer, also physische Attraktivitäts- und Schönheitsmerkmale.

Wir haben über die Zeit vor und während der Beziehung gesprochen. Lassen Sie uns ebenso auf die Zeit nach der Beziehung blicken. Wie sollten Männer mit Trennungen umgehen?

Die Gefahr, dass Männer in der ersten Zeit nach einer Trennung völlig aus der Bahn geraten, ist groß. Viele reagieren auf die tiefe innere Erschütterung ihres Selbstwerts mit einem automatischen Rückzug und Isolation. Das Wichtigste ist, dass sie nicht vereinsamen, sich nicht zurückziehen und nicht in Alkohol, Drogen oder Verhaltenssüchte oder Depression und Suizidalität flüchten. Männer in der Nachtrennungsphase müssen unbedingt den Kontakt zu Freunden und Vertrauenspersonen halten oder wieder aufnehmen. Auch anonyme Hilfsangebote wie die professionell besetzte Telefonseelsorge oder Hotlines, die rund um die Uhr erreichbar sind, sowie Therapeuten sind extrem wichtig. Wir wissen, dass das Risiko für schwere Depressionen und Selbstmord bei Männern in dieser Phase drastisch ansteigt. Hier ist auch das Umfeld gefragt: Wenn Freunde mitkriegen, dass ein Mann verlassen wurde, sollten sie sich proaktiv um ihn kümmern und ihn ansprechen, um Fehlentwicklungen zu verhindern.

Zum Abschluss: Nehmen wir an, wir treffen uns in zehn Jahren wieder und sprechen ein zweites Mal über Männer und Männlichkeit. Was sollte sich in dieser Zeit verändert haben?

Zunächst glaube ich, dass die notwendigen Veränderungen weitaus länger dauern. Aber gehen wir von zehn Jahren aus. Ich hoffe, dass Männer dann ein gesünderes Selbstbewusstsein entwickelt haben. Dass sie gelernt haben, sich selbst und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Dass sie sensibler geworden sind, ohne in das Klischee des „Weicheies“ abgerutscht zu sein. Dass sie ihre Stärken und Schwächen kennen, Zugang zu ihren Gefühlen haben und ihr soziales Netzwerk aus Freunden aktiv nutzen. Dass sie ihren Lebensweg entlang der historischen Tugenden wie Weisheit, Mut, Klarheit und dem Streben nach Gerechtigkeit ausrichten.

Außerdem hoffe ich, dass mehr Männer den Mut haben, gesellschaftliche Fehlentwicklungen – auch im Hinblick auf die eigene Geschlechtsrolle –anzusprechen und etwas dagegen zu tun. Den Anfeindungen, die das mit sich bringt, zum Trotz. Dieser Mut ist übrigens etwas, was auch den Frauen und vor allem den tollen Frauen gefällt.

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