Warum die Kirche an der „Red Pill“ scheitert
Junge Männer befinden sich in der Krise. Orientierungslosigkeit, Bindungsangst, Pornografie und Sinnverlust sind die täglichen Begleiter jüngerer Generationen. Deshalb wenden sich Gen Z und Gen Alpha zunehmend dem Christentum zu – sichtbar an den steigenden Tauf- und Gottesdienstbesuchszahlen in mehreren deutschen und französischen Bistümern rund um Ostern. Auch in den USA oder Asien wächst der Katholizismus und die Sehnsucht nach Tradition.
Doch scheinbar können sich sogar die Vertreter der Kirche diesen Zuwachs nicht erklären, wie manche in Presseinterviews zugeben. Obwohl die Kirche schon in den sozialen Medien angekommen ist, versäumt sie, an die jungen Generationen heranzutreten und schafft stattdessen Content für ihresgleichen, der intern zirkuliert. Währenddessen durchstreifen Millionen junger Männer in ihrer Krisenbewältigung diverse Online-Bewegungen rund um „maskuline Selbstfindung“. Sie landen bei Fitness-Coaches, „Sigma-Mindset-Pages“ oder „Looksmaxxing“-Hardliner. Dabei ist fraglich, ob ihr Abdriften aus Rebellion entsteht oder doch aufgrund von Identitäts- und Stabilitätsverlust. Doch wo die Kirche in ihrer Aufgabe als Menschenfischer bereitstehen sollte, hat bereits die „Red Pill“-Community ihre Netze ausgeworfen.
Zu viele schlechte Antworten auf die Sinnfragen junger Männer
Seit Jahrzehnten gibt die moderne Gesellschaft erstaunlich schlechte Antworten auf die Sinnfragen junger Männer. Das „Bild des Mannes“ wird entweder pauschal verdächtigt oder auf Karikaturen reduziert und diskreditiert. Kein Wunder, dass junge Männer im stillen Kämmerchen dort suchen, wo von Disziplin, Selbstbeherrschung und einem starken Auftreten gesprochen wird, selbst wenn diese Antworten in Zynismus oder ideologischen Machtfantasien enden. Natürlich sind daran auch die großen Tech-Konzerne maßgeblich beteiligt, deren Algorithmen Nutzer zunehmend in politische Extreme treiben – sowohl nach links als auch nach rechts außen. Doch selbst wenn die Kirche dahingehend aufklärend tätig wäre, verschwinden damit nicht so einfach die Fragen der Menschen. Die „Red-Pill“-Welt erkennt ein echtes Problem der Gesellschaft, bietet dafür aber schlechte Lösungen mit problematischen Folgen.
Wenn das Zweite Vatikanische Konzil das Ziel setzt, die Kirche müsse das Evangelium unter den „Zeichen der Zeit“ betrachten, dann sollte das brandaktuelle Zeichen der Männlichkeitskrise nicht ignoriert werden. Eine reine selbstbestätigende „Schön, dass du da bist“-Mentalität und Freundlichkeitskultur innerhalb der Kirche behält den Blick weiterhin auf die eigene Unvollkommenheit und gibt keinen klaren Weg vor. Aber unter jungen Männern wächst die Sehnsucht nach Konfrontation mit der Wahrheit, Sinn, Disziplin und Brüderlichkeit.
Wenn vom Ambo nicht mehr über die Realität der Sünde oder die Orientierungslosigkeit des Menschen gesprochen wird, dann droht die Kirche zu einer bloßen „Eventlocation“ zu werden, die zwar an Feiertagen und Hochzeiten noch gut besucht wird, aber keine Antworten mehr auf die existenziellen Fragen des Menschen gibt.
Status und Dominanz heilen keine innere Leere, und Gott erkennt falsche Absichten
Die Lösung für die Krise der Maskulinität liegt deshalb in der „Purifikation“ der toxischen Maskulinität und einer Wiederentdeckung der männlichen Berufung im christlich-katholischen Sinn. Die Heilige Schrift sagt, dass Gott falsche Absichten erkennt und deshalb auch keine Lösungen erwartet werden können (Jak 4,3). Wer seine Identität nur aus Kontrolle und Erfolg zieht, bleibt letztlich genauso abhängig wie zuvor, wenn auch die Bauchmuskeln zum Sixpack trainiert sind und der Mann teuer gekleidet ist. Gott bleibt derjenige, der Identität stiftet, der Mensch kann es nicht erzwingen (Dtn 8,17-18).
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Status und Dominanz heilen keine innere Leere, und der katholische Mann herrscht nicht durch Einschüchterung oder Macht. Der amerikanische Theologe Dan Schneider sieht seine Rolle vielmehr biblisch begründet in der Führung als „Priester, König und Soldat“ des Hauses. Als „Priester“ trägt er Verantwortung für das geistliche Leben seiner Familie: durch die Heiligung des Sonntags und die treue Teilnahme an der heiligen Messe, durch die Sakramente sowie durch sein persönliches Vorbild im Gebet und in der eucharistischen Anbetung.
Dabei stellt sich die Frage: Wie soll ein Mann Vorbild sein, wenn er sein eigenes Vorbild – Christus und dessen Gebote – nicht ernst nimmt? In seiner Rolle als „König“ will er Ordnung, Stabilität und Schutz, ohne in Tyrannei oder Egoismus zu verfallen – diese münden in Selbstverherrlichung und wären somit zutiefst unchristlich. Als „Soldat“ erkennt er den geistlichen Kampf gegen Versuchungen und Selbstzerstörung. An erster Stelle steht das konkrete Handeln, nämlich Nachfolge in Christus und der Weg zur Heiligkeit, denn wer im Verborgenen „Dämonen füttert“, kann auch keine Heilige erziehen (1 Joh 2,4).
Ordnung und Stabilität in einer chaotischen Welt
Demnach zeigt sich die eigentliche Stärke des Mannes nicht in einem ausgeprägten Körperkult oder sozialem Status vor Frau und Kindern, sondern in Selbstbeherrschung, Disziplin und der Fähigkeit zur vollkommenen Hingabe. So eine Dynamik kann nur in einer starken Gemeinschaft unter Männern bestehen, nach dem Vorbild der Apostel und frühen Christen. Wie Papst Franziskus sagte: „Männer spielen eine Rolle im Familienleben besonders als Beschützer und Unterstützer ihrer Frauen und Kinder.“ (Amoris Laetitia, 55)
Der christliche Mann ist also weder der aggressive „Alpha-Macho“ noch der völlig konfliktscheue Fußabtreter seines Umfelds. Seine Autorität liegt genau darin: in der „Aufopferung“ und Hingabe für andere (Mt 20,27-28) – für die Gemeinschaft, die Familie und Christus. Gerade dadurch zeigt sich wahre Maskulinität, frei von Toxizität und übergriffigem Machtmissbrauch.
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Gerade deshalb ziehen eine zweitausend Jahre alte Tradition und klare geistliche Formen heutzutage junge Männer an. Selbst wenn katholische Praxis wie heilige Messe, die anderen Sakramente, eucharistische Anbetung, Rosenkranz und Fasten erst einmal fremd erscheinen, strahlt sie dennoch Ordnung und Stabilität in einer chaotischen Welt aus. Im Katholischen findet sich etwas mit Substanz und keine künstlich erzeugte Daueremotion der Selbstverwirklichung.
Die eigentliche Antwort auf die Krise der Maskulinität liegt deshalb nicht in toxischer Internet-Männlichkeit, aber auch nicht in beliebiger Wohlfühlspiritualität. Sie liegt in einer Männlichkeit, die durch das Evangelium Jesu Christi verwandelt wird: „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2 Kor 5,17).
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Kommentare
Als junger Mann kann ich dem Artikel nur zustimmen: Wir befinden uns in einer Krise, wenn die einzigen Antworten, die uns die Gesellschaft auf unsere Fragen gibt, „Red Pill“ à la Andrew Tate oder woker Cu*koldismus sind.
In der katholischen Tradition und in Jesus Christus hingegen findet meine Suche nach dem, was Männlichkeit ist, ihr Ziel.
Wenn sich die Kirche doch nur der Schätze bewusst wäre, die sie hütet …