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Kolumne „Der Schweizer Blick“

Schluss mit nett?

Wer hin und wieder mit dem Flugzeug unterwegs ist, kennt sie, diese seltsame Schwebezeit nach der Landung. Kaum darf man sich aus dem Sicherheitsgurt schälen, springt ein Großteil der Passagiere aus den Sitzen, holt frenetisch Taschen aus der Gepäckablage und steht danach untätig im Mittelgang. Minutenlang. Auch mal eine satte Viertelstunde. Weil es eben dauert, bis sich die Türen öffnen und man aussteigen kann.

Es ist ein sinnloser Akt, vergleichbar mit den Leuten, die unablässig den Knopf an der Lifttür drücken in der festen Überzeugung, dann werde die Kabine schneller auftauchen. Es gibt keinen Zeitgewinn. Aber es scheint vielen wichtig, startklar zu sein. Obschon man im Fall des Flugzeugs oft nach dem Aussteigen in einen Bus wechseln muss, der brav wartet, bis auch der Letzte eingestiegen ist. Biblisch ausgedrückt: Die Ersten werden die Letzten sein. Oder zumindest eben nicht die Ersten.

„Diese netten Schweizer!“

Vor wenigen Tagen habe ich in dieser Lage – ich blieb bis zum Schluss sitzen wie immer – eine Bemerkung aufgeschnappt, die viel darüber aussagt, wie man anderswo uns Schweizer sieht. Ein Herr aus Deutschland, der sich umgehend nach der Landung stehend in den Startlöchern befand, beobachtete staunend, wie Passagiere vor ihm andere Ausstiegswillige vorließen, die sich gerade erst erhoben. So wie man in einem Stau auf der Autobahn andere, die aus der Einfahrt kommen, einfädeln lässt.

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Es war ein Flug der Swiss. Und der Deutsche zischte empört in Richtung seines Begleiters. „Typisch! Diese netten Schweizer. Lassen einfach jeden vor!“ Ich lächelte den Mann freundlich an, während ich ihm aus dem Sitzen heraus bedeutete, dass er gern an mir vorbeiziehen konnte. Ich war ausnahmsweise gerade nicht auf einer Mission zur Weltrettung, ich hatte Zeit.

Nett und zuvorkommend als Beleidigungsformel: Das wirkt etwas seltsam. Aber vermutlich meinte der Mann etwas anderes. Wir Schweizer sind zu zurückhaltend, nehmen uns und unsere Bedürfnisse zu sehr zurück, lassen gern anderen den Vortritt. Mit der Konsequenz, dass er, der Deutsche, nun auch länger warten musste. Er hatte es offensichtlich wirklich eilig, der Erste zu sein, um dann im Flughafenbus auf den ganzen Rest warten zu müssen.

Fehlt der Killerinstinkt?

Die kurze Begegnung hatte symbolhaften Charakter. Denn auch in der Schweiz selbst wird seit Wochen darüber diskutiert, ob wir wirklich zu nett und diplomatisch sind. Ausgangspunkt war die Fußball-WM. In diese war die Schweiz mit einiger Hoffnung gestartet, und mit dem Ausscheiden aus dem Viertelfinale reichte es auch recht weit. Aber weiter, das glauben viele Eidgenossen selbst, werden wir es niemals schaffen. Weil wir zu nett sind. Weil uns im entscheidenden Moment der Killerinstinkt abgeht.

Die These wurde sogar von einer Fußball-Legende im Rahmen eines Werbespots einer Sportartikelkette aufgegriffen. Kult-Trainer José Mourinho vermittelte darin die Botschaft: „Done playing nice“ – Schluss damit, nett zu spielen. Der Portugiese erklärte, die Schweizer Fußball-Nationalmannschaft müsse ihre typischen Schweizer Eigenschaften wie Bescheidenheit und Diplomatie ablegen und sich stattdessen eine kompromisslose Siegermentalität zulegen. Fußballspiele werden im Kopf entschieden, und wer an den Sieg glaubt, der holt ihn sich auch.

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Mag sein. Aber Deutschland, dem diese Mentalität zugesprochen wird – der Herr aus dem Flugzeug steht sinnbildlich dafür –, scheitert seit Jahren früh bei großen Fußballturnieren. In der FIFA-Weltrangliste rangiert das Land aktuell noch auf Platz 12, die Schweiz zwei Ränge dahinter. Nur dass Deutschland zwei Plätze verloren und die Schweiz fünf gutgemacht hat. Wir sitzen dem großen Nachbarn im Nacken, er spürt unseren Atem. Die braven Lämmer verfolgen die gnadenlosen Löwen.

Macht aus dem Windschatten

Falls Deutschland davon lernen mag, hier die Lektion. Die Schweizer sind nicht grundsätzlich nett, zuvorkommend und zurückhaltend. Sie pflegen nur das Klischee, weil es ihnen oft zugute kommt. Im Ausland mag man die Leute mit dem roten Pass nicht zuletzt aufgrund dieser Einschätzung. Sie sind irgendwie „herzig“, wie man das bei uns nennt. Sie nehmen niemandem etwas weg, sie winken andere durch, selten entschlüpft ihnen ein lautes Wort.

Die Realität sieht anders aus. Im Windschatten der Freundlichkeit gelangen Schweizer immer wieder an die Macht. Gianni Infantino wurde einst zum Präsidenten der FIFA gekürt, weil man glaubte, er sei ein zahnloser Verwaltungsbeamter. Inzwischen hat er sich als Raubtier der Macht entpuppt. Ex-Bundesrat Alain Berset schaffte es an die Spitze des Europarats mit dem Image des Schweizers, der im Amt sicherlich unsichtbar bleiben würde. Und wer den Finanzplatz Schweiz inspiziert, auf dem mit größter Härte agiert wird, entdeckt wenige der Eigenschaften, die uns zugeschrieben werden. 

Die Idee, dass der unbändige und nach außen getragene Wille zum Sieg reicht, ist irrig. Im Idealfall kaschiert man ihn mit einem freundlichen Lächeln. Die kleine Schweiz profitiert ständig davon, als solche wahrgenommen zu werden. Bevor eine unglückliche rote Karte den Träumen ein Ende setzte, brachten die Schweizer Fußballer die Fußballmacht Argentinien an den Rand der Niederlage. Und es gab vermutlich unter Messi und Co. wie auch unter den Fans zu Hause kaum jemanden, der vorab damit gerechnet hatte. 

Weil die Schweizer eben nett sind. Und gern mal unterschätzt werden. Das Klischee verschafft uns einen Vorteil. Der gemütlich gähnende Löwe im Schatten eines Baumes wirkt weniger gefährlich als sein Artgenosse, der sabbernd auf den Hinterbeinen bereit steht. Er ist es nicht immer.

Ich habe meinen unbekannten deutschen Freund im Bus Richtung Flughafengebäude leider nicht mehr entdeckt. Dabei hätte ich gern den Triumph in seinem Gesicht gesehen. Er war immerhin vor mir im Bus. Um dort dann stehend weitere Minuten zu warten.

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