Der homerische Patient
Die Manie, die „The Odyssey“ von Christopher Nolan ausgelöst hat, besitzt auch ihre guten Seiten: Plötzlich nimmt das Interesse an der griechischen Mythologie wieder zu. Das ist zu begrüßen – und verwunderlich. Denn bis auf einige plotttechnisch unausweichliche Szenen spielen Mythologie und Religion im jüngsten Streifen des Kultregisseurs so gut wie keine Rolle.
An dieser Stelle soll daher nicht eine erneute Rezension – derer gibt es genug – folgen oder eine müßige Debatte um die „Werktreue“ von Nolans Erzählung, die aus einem listig-schalkhaften Helden einen gebrochenen Kriegsveteranen macht.
Interessanter ist der Umgang des Regisseurs mit metaphysischen Themen, namentlich Mythos, Glauben und Religion. Dabei kommt man nicht um das Urteil herum: „Die Odyssee“ dekonstruiert den Mythos, auf dem sie steht. Auch wenn man diese nihilistisch-materialistische Unterhöhlung auf den ersten Blick nicht sehen mag.
Die liberal-säkulare Prägung scheint durch
Dass diese Herangehensweise wenig überraschend ist, zeigen bereits Vorgängerprojekte Nolans. Nolans katholische Erziehung schimmert zwar immer wieder in seinen Filmen durch; solche biografischen Noten können aber nicht über seine liberal-säkulare Prägung hinwegtäuschen, die im Milieu der Filmindustrie die maßgebliche ist. Dass Nolan unter den vielen Homer-Übersetzungen ausgerechnet die der progressiv-feministischen Harvard-Professorin Emily Wilson bevorzugte, hinterlässt auch im Film gewisse Noten. Freilich hat Nolan beteuert, auch andere Übersetzungen genutzt zu haben.
Die Idee, dass Odysseus (im Film verkörpert vom Schauspieler Matt Damon) ein „kolonialer Invasor“ und ein Soldat mit „traumatisierender Vergangenheit“ sei, stammt aus dem Vorwort von Wilsons Übersetzung, und sie dürfte Nolan somit definitiv inspiriert haben. Man muss Nolan so viel Geist und Willen zurechnen, dass er dieses Trojanische Pferd mit vollem Bewusstsein eingelassen hat.
Der katholische Gedanke ist in Nolans Werk damit ein gebrochener: Die Seele steht zwar noch im Mittelpunkt, aber nur noch zugunsten der Psychologisierung. Sie ist der moderne Ersatz im liberalen Humanismus. Nolans eigene Psychologie und Philosophie scheint auch in „Interstellar“ durch. Bereits der „Plan B“ der Endurance-Mission ist aus der Perspektive christlicher Morallehre schwer zu schlucken: Sollte es nicht gelingen, mithilfe einer neuen Theorie Quantenphysik und Gravitation zu verbinden und so ein Raumschiff zur Rettung der Menschheit zu bauen, sollen tiefgefrorene befruchtete Eizellen zu einem neuen Planeten gebracht werden, um eine neue Menschheit heranzuzüchten.
Der Mensch als größtes aller Wesen?
Deutlich problematischer ist aber – nicht nur zeitreisetheoretisch – die Offenbarung, dass die Menschheit in der Zukunft zu mehrdimensionalen Wesen herangereift ist und sich selbst rettet. Die große Apokalypse, die von der Menschheit über sich selbst gebracht wurde, braucht demnach keine „äußere Lösung“, sondern schafft es in einer Vollendung prometheischen Geistes, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen.
Es existiert demnach nichts, was über den Menschen steht; in einer de facto transhumanistischen Wendung werden sie selbst gottgleich und so Herren über Zeit und Raum, die in der Vergangenheit ein Wurmloch öffnen, um die Endurance-Mission zu ermöglichen. Das könnte auch ein Plot sein, den sich Peter Thiel ausgedacht hat.
In der „Odyssee“ gibt es eine Parallele. Da Odysseus zentrale Eigenschaften abgesprochen (namentlich seine Hybris) und dafür durch neue (namentlich sein Schuldkomplex) ersetzt wurden, kommt der Film in eine ähnliche Lage: Denn wer soll Odysseus die schwere Schuld der Zerstörung Trojas verzeihen und vergeben?
Es gibt keine Trojaner, die dies tun könnten. Theologisch bleibt demnach nur eine transzendente Entität, die die Macht dazu hätte. Die alten Griechen kannten dieses Problem nicht: Für sie war der Fall Trojas zwar ein tiefgreifendes Ereignis, aber keines, das „Schuld“ bedeutete. Diese moralische Dimension ist christlich gedacht. Nur ein christlicher Gott bzw. der christliche Gottessohn könnte eine „so große Schuld“ wie Massenmord vergeben. Tatsächlich kommt der Bruch des Gastrechts als Gesetz einer Form der katholischen Erbsünde nahe – hier zeigt sich also definitiv ein Substrat in Nolans Interpretation.
Das Dilemma der Gottlosigkeit
Doch Nolans Film steckt im Dilemma. Denn die alten Götter und das Schicksal als eigentliche „Verantwortungsträger“ sind ebenso abwesend wie der Gottessohn. So bleibt die „Aussöhnung“ der Schuld letztlich Lippenbekenntnis und wird vom glücklichen Gefühl einer Kreuzfahrt mit der Königsgattin übertüncht. Vergebung in den Armen Penelopes? Nachdem Odysseus doch eben über 100 Freier getötet hat?
Letztere Schuld ist, nimmt man Nolans Darstellung ernst, viel größer: Denn die Plünderung Trojas geschah im Krieg; ein Konflikt, den die Trojaner mit dem Raub Helenas – Stichwort Bruch des Gastrechts – selbst über sich gebracht hatten. Die Abschlachtung der Freier war dagegen Odysseus’ freier Entschluss. Der postmoderne Antiheld der Gegenwart, losgelöst vom antiken Epos und christlicher Morallehre – verzeiht sich eben selbst.
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Die homerischen Helden der Ilias und Odyssee sind dagegen wie die Götter an das Schicksal gebunden. Sie können diesem nicht entfliehen. In der Götterkonferenz beklagt sich Zeus darüber, dass die Menschen den Göttern immer wieder die Schuld für ihre eigenen Verfehlungen geben. Dabei werden sie stets gewarnt. Meistens kommen sie durch einen Frevel um.
Schon im Proömium der Odyssee kündigt Homer an, dass Odysseus’ Gefährten sterben, weil sie die heiligen Rinder des Helios essen – etwas, wovor sie Odysseus explizit gewarnt hat. Es ist daher auch nicht seine Schuld, dass sie zugrunde gehen – wie etwa die englische Wilson-Übersetzung insinuiert –, sondern die Missachtung heiliger Gesetze.
Auch die Zerstörung Trojas ist in erster Linie nicht Odysseus’ Tat, sondern die Entscheidung einer höheren Ebene. Weil Hera ihren Willen bekommt (sie und Athene setzten sich am stärksten für den Untergang Trojas ein), darf Zeus im Gegenzug griechische Städte vernichten – etwa Mykene, die Königsstadt von Agamemnon.
Die Götter dürfen nicht helfen
Dass Odysseus trotz seiner Hybris den Göttern regelmäßig opfert, ist daher bei Homer ein schlagendes Argument der Göttin Athene (im Film gespielt von Zendaya Coleman): Sie erinnert den Göttervater an all die Opfer, die er ihm dargebracht hat. Das Opfer ist damit kein bloßes Ritual, sondern eine Vertragsgemeinschaft: Die Götter helfen als mächtige Verbündete, wenn man sich als fromm erweist. In der Abwesenheit des Meeresgottes Poseidon, der im Clinch mit dem König von Ithaka liegt, beschließt Zeus demnach die Rückkehr des Odysseus.
Poseidons Groll ist keine bloße Laune. Ihm liegt die Verkrüppelung seines Sohnes, des Zyklopen Polyphem, zugrunde. Odysseus hatte sich diesem als „Niemand“ vorgestellt und ihn anschließend geblendet. Als Odysseus davonsegelt, kann er aber seine Hybris nicht zügeln und schmettert ihm ein triumphierendes „Ich bin Odysseus, Sohn des Laertes!“ hinterher. Nur deswegen kann Polyphem seinen Vater anrufen und ihm den Namen des Täters nennen.
Dass Nolan das gesamte Wortspiel und die eigentlichen Gründe für die Irrfahrten auslässt, ist demnach nicht der Auslassung überflüssiger Szenen – die Polyphem-Verfluchung ist ein entscheidender plot point des Epos –, sondern einer bewussten Entscheidung geschuldet, dass die Götter keine Rolle spielen dürfen. Das „implizite Wirken“ Poseidons erinnert eher an den Seemannsgarn von Matrosen – Götter haben „Macht“ durch diesen Glauben, nicht etwa, weil sie tatsächlich existieren.
Die Götter aus dem Epos zu entfernen, ist jedoch – nicht nur in diesem Fall – ein zweischneidiges Schwert: Sie sind keine auf Wolken thronenden, abwesenden Beobachter. Zeus schickt Hermes zu Kalypso, damit sie endlich Odysseus gehen lässt. Athene dagegen nimmt gleich mehrfach direkten Einfluss auf die Handlung – beginnend damit, dass sie Telemach Mut einflößt, sodass er seine Verantwortung annimmt, die Freier zur Rede stellt, nach seinem Vater sucht und Ruhm und Ansehen sammelt. Athene begleitet ihn in Menschengestalt.
Auch Odysseus selbst steht sie immer wieder aktiv zur Seite: so auf den letzten Metern, als sie ihn in einen Bettler verwandelt, damit er unerkannt seinen Racheplan schmieden kann.
Odysseus ist aufgrund seiner Motive unangefochtener Hauptcharakter der Geschichte. Wenn aber Protagonisten sich dadurch auszeichnen, dass sie die Handlung vorantreiben, kann Athene in der Odyssee definitiv als eine der wichtigsten Protagonistinnen gelten: Sie bringt den Stein durch die Götterkonferenz ins Rollen, sie flößt ihren Schützlingen Mut ein, steht ihnen mit Rat zur Seite und schwächt die Gegner. Athene ist die Göttin der strategischen Kriegskunst, und als solche steht sie dem „vielgewandten“ Odysseus nahe.
Kein Platz für Metaphysik
In der anti-mythischen Welt von Nolan hat die Metaphysik jedoch wenig Platz. Odysseus leidet nicht darunter, gefrevelt zu haben und deswegen auf Irrfahrten verschlagen worden zu sein; er leidet unter den Kriegserfahrungen. Die Göttin Athene ist demnach nichts mehr als ein schlechtes Gewissen, aber nicht einmal im Sinne eines Gewissens wie beim sokratischen „Daimon“, der im Ohr sitzt und das Gefühl für „richtig“ und „falsch“ gibt; Athene ist vielmehr eine Vision, ein Bild einer toten Priesterin, das der Antiheld mit sich trägt.
Hier schließt sich der postmoderne Kreis: Denn auch bei Nolan findet jede Psychologisierung ihr Ende bei Freud. Athene wird zur reinen Psychotherapeutin; Religion ist eben nur eine schöne, mildernde Fantasie, um die Leiden der Welt zu ertragen: Odysseus-Komplex statt Ödipus-Komplex. Bei letzterem spielten große Pferde bekanntlich auch eine Rolle.
Die Götter leben zwar in Gesetzen und Geschichten; sie haben aber keinen Einfluss auf das Geschehen; sie sind bloße Legitimation für Regeln in einem Gemeinwesen, die man sonst nicht erklären und erhalten kann. Somit ist auch das vielbeschworene „Gastrecht des Zeus“ eine bloße Worthülse, wenn der Göttervater nie auftritt: Es ist ein totes Ritual, das Festhalten einer primitiven Stammesgemeinschaft, die weniger einem göttlichen Gesetz als einem archaischen Appellationszauber anhängt.
Zum Schluss landet Odysseus damit auf der materialistischen Couch. Echte Erlösung gibt es so wenig wie Schicksal – und die Götter sind im wahrsten Sinne nur „Bilder“, die sich Menschen von Liebe, Krieg und Tod machen. Ob „The Odyssey“ nun „woke“ oder ein subversiv rechter Geniestreich sein soll: Hier tönt der marxistische Dekonstruktivismus lauter denn je.
Nolan ist demnach eine Sirene, die zum Schiffbruch verführt. Die jahrzehntelange Bombardierung mit woken Inhalten scheint einige bereits aufatmen lassen, dass man nicht mehr mit Judith Butler, sondern nur noch mit der Frankfurter Schule behelligt wird.
Freilich kann man der Überzeugung sein, dass der Film kameratechnisch und vom Setting her ein Meisterwerk ist. Früher hielt das konservative Lager jedoch der Konsens zusammen, dass die Dekonstruktion der eigenen Kultur, die Entzauberung der Welt und die Tötung Gottes ohne Ersatz zutiefst den eigenen Überzeugungen widerspricht.
Insofern spielt „The Odyssey“ in einer gefallenen Welt, die ohne Götter und ohne Erlösung auskommt – ein Mix aus den düstersten Möglichkeiten beider Traditionen. Zumindest wäre das eine Erklärung dafür, warum das farbenfroh-quicklebendige Mittelmeer bei Nolan einen Graufilter benötigt.
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