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Kolumne „Der Schweizer Blick“

Mangelnde Selbstliebe

Die ganze Schweiz feierte am 1. August ihren Gründungstag, der erst seit 1994 als offizieller arbeitsfreier Feiertag gesetzlich verankert ist. Die ganze Schweiz? Nicht restlos. Der hiesige Ableger von Greenpeace war überhaupt nicht in Festlaune. „Kein Grund zum Feiern“ stand auf Transparenten, die in Videoclips in den sozialen Medien zu sehen waren. 

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Der Grund ist die aktuelle Hitzeperiode. Die hat den Umweltschützern die feierliche Stimmung am Nationalfeiertag genommen. Wenn sie überhaupt jemals vorhanden war. Der Verzicht auf ein ausgelassenes Fest funktionierte magischerweise wirklich, er stimmte die Wettergötter gnädig: Am Vorabend des 1. August gab es in weiten Regionen der Schweiz willkommene Gewitter und Regenfälle. 

Dafür erhob die sozialdemokratische Nationalrätin Anna Rosenwasser, sonst ebenfalls keine Freundin dessen, was ein linkes Kulturmagazin einst als „Schweiztümelei“ bezeichnet hat, überraschend ihre Stimme zum 1. August. Allerdings nicht, um ihre Heimat zu würdigen, sondern weil an diesem Datum in Neuseeland die Greyhound-Hunderennen verboten wurden. Während in den Dörfern die Festbänke aufgestellt und der Grill montiert wurde, jubelte die linke Politikerin über die Abschaffung einer Tradition am anderen Ende der Welt. 

Zwischen Patriotismus und Nationalismus

Greenpeace und Linke: Sie sind natürlich nicht repräsentativ für das Gefühl eines ganzen Landes. Aber man kommt nicht umhin, festzustellen, dass sich von Jahr zu Jahr mehr Leute schwer damit tun, den Nationalfeiertag stolz zu zelebrieren. Vielleicht nicht, weil es ihnen nicht zum Feiern zumute ist, sondern weil eine gute Laune am 1. August verdächtig wirkt. Man fällt weit weniger auf, wenn man „Kein Grund zum Feiern“ skandiert, als wenn man die Schweizer Fahne im Garten hisst. Auch in der Schweiz gilt der Grat zwischen Patriotismus und bösem Nationalismus mit fremdenfeindlichen Tendenzen als schmal.

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Das Ergebnis: Es gibt natürlich quer durchs Land offizielle 1. August-Feiern; dieses Jahr aufgrund eines Feuerwerkverbots verliefen sie stiller als sonst. Aber es unterscheidet sie recht wenig vom Jubiläumsfest des örtlichen Turnvereins, mal abgesehen von der obligaten Ansprache, in der die Werte des Landes beschworen werden und bei denen kaum jemand wirklich zuhört. Es wird gesungen, aber mit unterdrücktem Pathos, es wird angestoßen, aber eher auf unverdächtige freudige Ereignisse in der Nachbarschaft als auf das Land.

Erfundene Widersprüche

Damit ist die Schweiz natürlich nicht allein. In Deutschland gilt die eigene Flagge vielen als rechtsextremes Symbol, in Großbritannien deutet selbst so manche Behörde den „Union Jack“ als Provokation gegenüber Zugewanderten. Sich schwerzutun mit den eigenen Wurzeln ist inzwischen ein europäisches Phänomen. Umso mehr müsste sich die Schweiz, die sich als Insel in diesem Europa versteht, von solchen Entwicklungen abwenden. Aber der Sog des Zeitgeists ist zu stark.

Was Leute, die das Zelebrieren eines Nationalfeiertags unter den Generalverdacht sinistrer Absichten stellen, nicht verstehen: Der Stolz auf die eigene Geschichte steht nicht im Widerspruch zu einer kritischen Haltung gegenüber der Heimat. Die Freude über das, was einen umgibt, bricht nicht zwingend den Willen zur Verbesserung. Dem eigenen Land zu gedenken, schließt nicht aus, andere Nationen und Kulturen zu respektieren. Vielleicht sogar das Gegenteil. Wer nicht in der Lage ist, sich selbst zu lieben, schafft das auch nicht bei anderen.

Ein unfreiwilliges Symbol für die abnehmende Bereitschaft, die Schweiz zu feiern, ist die überdimensionale Fahne, die seit 2015 an der Nordwand des Säntis hing, einem Wahrzeichen des Landes. 80 auf 80 Meter groß, über 700 Kilo schwer und auch von Weitem unübersehbar war sie rund um den 1. August jahrelang ein Zeichen des gesunden Selbstbewusstseins. Sie litt allerdings auch immer wieder unter der Witterung, trug Risse davon und musste laufend instand gestellt werden. 

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Nun hat sie das Ende ihres Lebenszyklus erreicht. Man wolle die Tradition eigentlich gern fortsetzen, sagen die Verantwortlichen, die nun über eine „Nachfolgelösung“ nachdenken. Man darf gespannt sein, ob es wirklich dazu kommt. Denn das riesige Schweizerkreuz war ein erstaunlicher Anachronismus angesichts der medial verbreiteten Stimmung, wonach es unschicklich sei, die Heimat zu zelebrieren. 

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