Er wusste, warum Gott gestorben ist
Der Westen wird den Atheismus nicht los – und das seit Jahrhunderten. Sein Aufstieg ist eng mit dem Entstehen des Rationalismus ab der Frühen Neuzeit verbunden; die Frage nach Freiheit und Autonomie des Einzelnen geht dabei paradoxerweise auf das Christentum zurück, das wie keine andere Religion die Erlösung des Individuums ins Zentrum rückt. Nur im Christentum ist Gott Mensch geworden; nur im Christentum schart Gott Jünger um sich, gründet die Kirche und stirbt für die Menschen am Kreuz.
Der italienische Philosoph Augusto Del Noce (1910–1989) zeigt dabei, dass der Atheismus kein bloßer Mangel an Glauben ist; er ist auch kein „Beiwerk“ philosophischer Strömungen der Moderne, sondern in Wirklichkeit die treibende Kraft in der modernen Philosophiegeschichte. Einen besonderen Stellenwert hat dabei der Marxismus, der dem Atheismus im Westen zum eigentlichen Durchbruch verhalf.
Für Del Noce steht dabei – wie auch in der traditionellen Philosophiegeschichte – René Descartes am Anfang. Anders als viele seiner Kollegen sieht er aber Descartes nicht als „Hauptschuldigen“. Descartes’ eigentliches Anliegen war es, durch Vernunft den Glauben zu stärken. Durch die Entkoppelung der Vernunft vom göttlichen Sein legen die cartesianischen Nachfolger jedoch den Grundstein für den modernen Atheismus. Bereits Spinoza, der sich auf Descartes beruft, spricht zwar formell noch von Gott, setzt aber Gott mit der Welt gleich. Die Transzendenz Gottes schwindet zu einer Immanenz Gottes; Gott ist nun „in der Welt“.
Von Descartes zu Marx: Der Rationalismus als Ausgangspunkt
Diese pantheistische Vorstellung ist eine Vorstufe des Materialismus, der zuletzt Gott ganz zugunsten der Welt auflöst. Die materialistischen Aufklärer – unter ihnen Diderot – reduzieren die Welt auf Mechanik und Materie. Indem bei Hegel Gott als „Weltgeist“ integriert wird, ist dieser nicht mehr Herr und Schöpfer der Welt, sondern nur noch Produkt des historischen Prozesses. Marx macht mit seinem historischen Materialismus nur den letzten konsequenten Schritt.
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Del Noce sieht bereits Vorläufer. Am Ende jeder philosophischen Epoche der Moderne steht der Atheismus als Ergebnis. Marx und Nietzsche sind das letzte Stadium der klassischen deutschen Philosophie. Am Ende der Renaissancephilosophie stand bereits der Atheist Giordano Bruno; am Ende des Cartesianismus die Libertins, am Ende der Aufklärung der Marquis de Sade. Anders als seine Zeitgenossen sieht Del Noce in der modernen Philosophie aber keine Einbahnstraße. Der „atheistischen“ Traditionslinie des Rationalismus aus Descartes-Spinoza-Hegel-Marx-Nietzsche steht die „christliche“ Abfolge aus Descartes-Malebranche-Vico-Gioberti-Rosmini gegenüber. Sie setzt sich jedoch im Gegensatz zu den Atheisten nicht durch.
Unter dem Eindruck von Eric Voegelins „The New Science of Politics“ verfeinert Del Noce seine Atheismus-Theorie. Die Geistesgeschichte der Moderne wird – wie bei Voegelin – als eine Reaktivierung des gnostischen Denkens gesehen. Die alte Gnosis unterschied den bösen Schöpfergott (Demiurg), der eine schlechte Welt geschaffen hat, im Gegensatz zum guten, liebenden Gott des kommenden Gottesreiches. Der Sündenfall als Einbruch des Bösen spielt keine Rolle – im Gegenteil, die „Erkenntnis“ wird positiv ausgedeutet.
Die Rückkehr der Gnosis
Anders als Voegelin unterscheidet Del Noce jedoch die antike Gnosis von der modernen Gnosis. Die antike Gnosis schrieb das Böse noch dem Demiurgen zu beziehungsweise der bösen Welt, die er geschaffen hat. Die alte Gnosis kennt demnach eine göttliche Transzendenz. Die moderne Gnosis kennt diese Gottessphäre nicht mehr. Sie wird ersetzt durch eine radikale Immanenz. Die Gottwerdung des Menschen erfüllt sich durch die eigene Tat.
Zum Verhältnis zwischen der alten Gnosis und dem modernen Marxismus schreibt Del Noce:
„In den gnostischen Texten finden wir die Idee von zwei Welten, jede von ihnen mit ihrem eigenen Gott, und die Idee, dass der wahre Gott der Gott der ‘neuen’ Welt sei, eine Welt, die noch kommen soll und die das Gegenteil der gegenwärtigen Welt ist, in welcher der Mensch als ‘Fremder’ lebt (das, was Marxisten als ‘Entfremdung’ bezeichnen).“
Daraus folgt, dass auch die Rechte der gegenwärtigen Menschheit negiert werden können, wenn es der zukünftigen Menschheit dienlich ist. Gewalt ist kein letztes Mittel, um die Ordnung aufrechtzuerhalten und das Böse einzuhegen; Gewalt ist vielmehr nun selbst eine „schöpferische“ Kraft, um eine neue Welt herbeizuführen. Der Wert des einzelnen Menschen bemisst sich danach, wie viel er zur Erfüllung dieser neuen Welt beitragen kann, die nicht mehr „jenseits“ liegt, sondern „diesseits“.
Frappierend ist demnach die Überzeugung, dass auch der moderne Gnostiker an das „Böse“ glaubt. Da das „Böse“ jedoch nicht aus dem freien Willen des Menschen hervorgeht, sondern strukturell angelegt ist, wird die Abschaffung der Struktur zur Erlösung. Wer die „böse Struktur“ verteidigt, ist Diener des Bösen – seine Ausmerzung ist demnach legitim. Moral bemisst sich danach, inwiefern man zur Abschaffung der „Fessel“ beiträgt.
Das Böse sitze als „Struktur“ in der Welt – und müsse ausgemerzt werden
Das Konzept des „strukturell Bösen“ ist deshalb keine Eigenheit des Marxismus. Bereits Rousseaus Diktum, dass der Mensch von Natur aus frei sei, aber „überall in Fesseln“ liege, suggeriert ein ähnliches Bild. Mit Hegel wird der göttliche Heilsplan in die Geschichte selbst verlegt („Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“). Marx macht den entscheidenden Schritt, dass diese Weltgeschichte nicht mehr lediglich beschrieben wird, sondern dass sie verändert werden soll.
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Diese „revolutionäre“ Ansicht zeigt überdies, dass letztlich alle totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts vom Marxismus abhängig sind. Es ist eben nicht der ökonomische, sondern der atheistische Gedanke, der sie miteinander verbindet. Bereits Joseph de Maistre unterschied die tatsächlich konservativen und reaktionären Bewegungen, die sich gegen die Revolution richteten, von den „Gegenrevolutionen“, die lediglich eine „Revolution in die andere Richtung“ seien.
So ersetzt der Nationalsozialismus zwar jede kommunistische Kategorie durch ihr Gegenteil; in Wirklichkeit bleibt er vollständig in der materialistischen Perspektive des Marxismus stecken. Klasse wird durch Rasse ersetzt, der Bourgeois durch den Juden, die Zukunft durch die Vergangenheit, der neue Mensch durch den Arier. Der Todeskampf Gut gegen Böse zur Verwirklichung von Geschichtsvollendung und Selbsterlösung bleibt derselbe.
Böse sei, wer die Vergangenheit verteidigt – und dürfe ausgemerzt werden
Der Marxismus als moderne Form der Gnosis ist demnach selbst über versteckte Pfade tief in die moderne westliche Gesellschaft eingedrungen. Er hat die religiöse Frage durch die politische ersetzt. Die Vorstellung, dass die Abschaffung einer Ungerechtigkeit, einer Partei, einer Tradition, einer gesellschaftlichen Struktur oder einer gesetzlichen Regel die Befreiung des Menschen bringe, beruht auf dem Glauben, damit einer (weltlichen) Geschichtserfüllung oder der eigenen Selbsterlösung nahezukommen. Diejenigen, die diesen Fortschritt behindern, haben als „Unmenschen“ ihr Recht verloren.
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Der Konsens, dass Menschen per se erlösungsbedürftig sind und dass das Böse aus eigenem Willen zugelassen wird, büßt seine Gültigkeit angesichts der täglich geführten Revolution ein; der Fremde wird zum Feind ohne Menschenwürde. Das Abdriften in die Todfeindschaft ist dabei keine Frage mehr des politischen Lagers. Vernichtungs- und Ausmerzungsfantasien sind erlaubt, da die Bösen dem Glück der Menschheit entgegenstehen.
Diese mal unterschwellige, mal offene Apotheose der Gewalt zeigt, dass die Gnosis keine Häresie des Christentums ist: Sie ist grundlegend antichristlich. Ein Schisma kann demnach auch nicht bereinigt werden. Diese mögliche „Versöhnung“ zwischen der sozialen Idee des Marxismus-Atheismus und dem Christentum hat Del Noce daher immer als gefährlich betrachtet – auch im Zuge der Annäherungen zwischen Katholizismus und Sozialismus ab den 1960er Jahren in Italien und anderswo. Del Noce sah darin ein falsches Verständnis des Marxismus: Die Gnosis wurde als schismatische Bewegung missverstanden, die der Katholizismus „heimholen“ wollte.
Die marxistische Unterwanderung der Kirche
Der Kontakt zum Marxismus hat stattdessen katholische Intellektuelle und Kleriker verwirrt: Sie haben – bewusst oder unbewusst – das marxistische Geschichtsverständnis übernommen. Nicht mehr die göttliche Gnade, sondern die „Befreiung“ – etwa von ökonomischen und sozialen Problemen – steht im Vordergrund. Die Kirche ist nicht mehr Mittlerin zu Gott, sondern wird zum Erfüllungsgehilfen politischer Ambitionen und der „Weltveränderung“.
Das Böse wird nun in der Gestalt des politischen Gegners verortet, der bekämpft werden müsse, statt sich um das Seelenheil der Gläubigen zu sorgen. Die Kirche droht damit, selbst Teil der Säkularisierung zu werden.
Doch der Marxismus ist selbst Opfer der eigenen Revolution. Er geht an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde. Die messianische Hoffnung erfüllt sich nicht, und zugleich negiert der historische Materialismus seinen metaphysischen Gehalt. Während der Marxismus im Osten gescheitert ist, verwirklichte er sich im Westen, wo sich die entzauberte und radikal-atheistische Komponente im vollen Umfang entfaltete. Der Kapitalismus absorbierte das Prinzip, dass es keine übergeordneten ethischen, religiösen oder metaphysischen Wahrheiten mehr gibt. Es bleiben: Ökonomie, Technokratie und die völlige Ausrichtung auf diesseitige Geschichtsvollendung.
Endstation: Tyrannei der Toleranz – mit einer letzten Hoffnung
Am Ende steht demnach nicht das Arbeiterparadies, sondern die vollständige Säkularisierung in einer neo-bourgeoisen Gesellschaft. Sie lebt von einem absoluten Relativismus, darauf beharrend, dass es keine absoluten Werte gibt. Die neue Wohlstandsgesellschaft leitet eine Tyrannei der Toleranz ein und ist „konservativ“ in dem Sinne, dass sie durch Funktionäre darauf bedacht ist, die gegenwärtige Ordnung zu erhalten. Del Noce hat diesen „Selbstmord der Revolution“ schon 1978 diagnostiziert. Der Marxismus wird eben nicht vom wiedererstandenen Christentum besiegt, sondern geht in einem nihilistischen Konsumismus auf.
Zugleich sieht Del Noce in dieser bedrückenden Konstellation aber neues Licht. Denn mit dem auf die Spitze getriebenen Atheismus stellt sich für den Menschen die Frage nach Existenz und Sinn neu. Für Del Noce kann der Konsumismus die metaphysischen Bedürfnisse nicht stillen. Das Christentum kann in dieser Sinnsuche nur eine Rolle spielen, wenn es sich von seiner politischen Vereinnahmung befreit und die transzendente, nicht die politische Frage stellt. Dass die Moderne nicht zwangsläufig auf den Atheismus hinauslaufen musste, zeigt sich an der philosophischen Ahnenreihe Giobertis und Rosminis. Ob der abendländische Mensch noch einmal die Kraft findet, sich zur Renaissance des Christentums aufzuraffen, liegt dabei nicht im Reich geschichtsphilosophischer Determinismen, sondern in seiner eigenen Freiheit zur Entscheidung.
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