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Kolumne „Geist gegen Zeitgeist“

Warum ist es bei den Linken immer so hässlich?

Als klar war, dass die Linke die Berliner Wahl gewonnen hatte, war mein erster Gedanke erstaunlich unpolitisch: Oh Gott, jetzt wird Berlin noch hässlicher!

Naheliegend wären andere, ernstere Befürchtungen gewesen: deren Antisemitismus zum Beispiel, der in Teilen der Partei als Antizionismus getarnt wird. Über ihre Nähe zu bestimmten islamistischen Milieus, über Verbindungen ins Clan-Umfeld oder die ewigen Enteignungsfantasien. Darüber wird gerade ausgiebig gestritten. Mich beschäftigt seit dem Wahlabend etwas viel Banaleres.

Warum ist es da, wo die radikale Linke sich breitmacht, eigentlich so oft so wahnsinnig hässlich? Ich frage das nicht als Außenstehende. Ich habe einen erheblichen Teil meines Lebens in solchen Kreisen verbracht.

Ich war neu in der Hamburger Schule ...

Als ich Anfang der neunziger Jahre nach Hamburg kam, war ich Anfang zwanzig. Ich kam aus Stuttgart, einer Stadt, die damals nicht unbedingt als Hort der Anarchie galt, aber ziemlich gepflegt war. Auch die Clubs, in denen ich nachts herumhing, waren es. Das „On-U“, das „Unbekannte Tier“ – avantgardistisch, exzentrisch, manchmal ziemlich wild, aber niemand schien daraus abzuleiten, dass ein interessanter Ort aussehen müsse wie eine Bahnhofstoilette.

Dann zog ich nach Hamburg.

Ich landete ziemlich schnell in einer Welt, die mich gleichzeitig faszinierte und einschüchterte: die angesagten Läden hießen: „Sorgenbrecher“, „Tempelhof“, später „Pudelclub“. Ich wurde Teil der sogenannten Hamburger Schule, Leute aus der Hausbesetzerszene, „Rote Flora“. Es war eine sehr linke, sehr intellektuelle Welt. Alle wussten sehr genau Bescheid über Macht, Herrschaft, Diskriminierung, Sexismus und Rassismus und hatten gleichzeitig eine erstaunliche Begabung dafür, einen zwanzigjährigen Neuankömmling spüren zu lassen, welche Gedanken nicht erlaubt waren.

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Straßenansicht der „Roten Flora“ im Hamburger Schanzenviertel: Jetzt habt ihr den Laden doch. Warum macht ihr ihn nicht schöner?

Ich bewunderte viele dieser Leute. Ich wollte dazugehören. Ich hörte ihre Musik, las ihre Bücher und gewöhnte mir schnell an, bestimmte Fragen lieber nicht zu stellen. Eine davon lautete: Warum sieht es bei euch eigentlich überall so scheiße aus? Das beschäftigte mich wirklich. Nicht als politische Theorie. Ich litt darunter.

Verdacht und Dekonstruktion

Die beschmierten Wände, der Dreck, die heruntergekommenen Räume, die runtergerockten Möbel, die stinkenden Toiletten. Die ewig besetzte „Rote Flora“ im Schanzenviertel war dafür nur das monumentalste Beispiel.

Und immer wieder schoss mir derselbe vollkommen naive Gedanke durch den Kopf: Jetzt habt ihr den Laden doch. Warum macht ihr ihn nicht schöner? Ich sagte es nicht. Damals gab es das Wort Cancel-Culture noch nicht, aber den Instinkt dafür gab es längst. Man wusste ziemlich genau, welche Gedanken einen verdächtig machten. Also kam ich auf eine andere Idee: Vielleicht lag es an mir? Vielleicht war ich zu empfindlich. Zu spießig oder zu katholisch. Vielleicht begriff ich die dekonstruierte Schönheit dieser Orte einfach nicht.

Dekonstruktion war ohnehin das große Ding. Wir lasen Derrida und Foucault. Judith Butlers „Das Unbehagen der Geschlechter“ wurde herumgereicht wie eine Offenbarung. Ich saß sogar in einer feministischen Butler-Lesegruppe und stieg irgendwann aus, weil ich den Verdacht nicht mehr loswurde, dass das, was ich nicht sofort verstand, vielleicht nicht deshalb unverständlich war, weil ich zu dumm dafür war. Ich übersetzte ihre komplizierten Sätze in die Inhalte, und die waren erstaunlich schlicht. Und nicht nur das, mir dämmerte: Das war gefährlicher Nonsens, eine wildgewordene Lüge.

Noch so ein verbotener Gedanke, aber das war bereits ein kleiner Akt der Befreiung.

In den Kirchen fühlte ich mich emporgehoben und geliebt

Bei der Hässlichkeit dauerte es länger.

Vielleicht, weil Schönheit für mich nie eine Nebensache war. Ich bin in Jugoslawien aufgewachsen, ich kannte den Sozialismus also nicht nur aus Seminaren. Die tristen Betonbauten am Rand meiner Heimatstadt Split deprimierten mich, mein Sehnsuchtsort war der Diokletianpalast in der Altstadt.

Blick auf die sozialistische Neustadt von Split, Kroatien: Ich kannte den Sozialismus nicht nur aus Seminaren
Der Diokletianspalast in der Altstadt von Split: Mein Sehnsuchtsort
Römisch-katholische Kathedrale des hl. Domnius im Diokletianpalast auf dem Peristylplatz, Split: Meine Vorstellung vom Schönen kam aus einer anderen Welt

Meine Vorstellung vom Schönen kam ohnehin aus einer anderen Welt. Die überwältigendsten Räume meiner Kindheit waren katholische Kirchen: Kathedralen, Mailand, Rom, der Petersdom. Dort bekam ich eine Ahnung davon, dass es etwas Größeres gibt als uns selbst. Ich war ein kleines Kind und fühlte mich in diesen gewaltigen Räumen trotzdem nicht klein, sondern emporgehoben und geliebt. Umschlungen von der zu Marmor gewordenen Liebe zu Gott.

Man kann das reaktionär finden. Mir ist das inzwischen ziemlich egal.

Der Dom zu Mailand: Die überwältigendsten Räume meiner Kindheit waren katholische Kirchen

Vor zwei Jahren kam die alte Frage wieder: Warum ist es bei Linken immer so hässlich? Ich war für einige Tage in Athen und wohnte in Exarchia, dem berühmten Viertel der Anarchisten, Hausbesetzer und radikalen Linken. Mein Hotel lag etwas erhöht, aus dem Fenster sah ich in der Ferne die Akropolis. Und unten sah es aus wie die Rote Flora, nur in der Größe eines Stadtviertels. Ich glaube, ich hatte vorher noch nie einen Ort gesehen, an dem wirklich fast jeder verfügbare Quadratmeter beschmiert war. Hauswände, Rollläden, Mauern, Türen, Stromkästen. Selbst die Felsen im Park am Hügel waren nicht sicher. Dazu Müllberge und dieser scharfe Geruch nach Urin. Und plötzlich war ich wieder zwanzig.

Athen-Exarchia: Es sah aus wie die Rote Flora, nur in der Größe eines Stadtviertels
Athen-Exarchia: Mit Antifa-Parolen beschmierte Fassade und dieser scharfe Geruch nach Urin

Was Lagerfeld noch sagen durfte

Nur dachte ich diesmal nicht mehr, dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich dachte: Ihr habt euch dieses Viertel doch längst angeeignet. Warum pisst ihr es voll? Seitdem lässt mich die Frage nicht mehr los. Vielleicht steckt hinter dieser Hässlichkeit mehr als schlechte Manieren. Vielleicht ist sie tatsächlich politisch.

Denn die Linke hat nicht nur Eigentum, Religion, Familie, Nation, Tradition und Hierarchie unter Verdacht gestellt. Irgendwann geriet auch die Schönheit selbst auf die Anklagebank. Schönheit hat nämlich ein Problem: Sie ist nicht egalitär. Karl Lagerfeld, der für solche Zumutungen wenig sprachliche Schonung brauchte, sagte 2006 bei „Maischberger“: „Schönheit ist total ungerecht verteilt.“ Manche Menschen sind schöner als andere, so wie manche klüger, begabter oder größer sind. Das Leben verteilt seine Gaben nicht nach einem Gleichstellungsplan.

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Heute würde man einen solchen Satz im Fernsehen vermutlich nicht mehr einfach so stehenlassen. Damals durfte Lagerfeld ihn noch sagen, und danach ging die Sendung weiter. Und genau das wurde irgendwann verdächtig. Denn wo ein Maßstab ist, gibt es ein Oben und ein Unten. Wo es einen Kanon gibt, gibt es etwas, das nicht hineingehört. Wo etwas großartig ist, muss anderes mittelmäßig sein dürfen. Das verträgt sich schlecht mit einer Ideologie, die hinter Unterschieden reflexhaft Machtverhältnisse sucht.

Nicht mehr: Ist es schön? Sondern: Wer spricht?

Walter Benjamin schrieb 1936 am Ende seines berühmten Kunstwerk-Aufsatzes, der Faschismus betreibe die Ästhetisierung der Politik, der Kommunismus antworte darauf mit der Politisierung der Kunst. Vielleicht war das einer der folgenreicheren Sätze des 20. Jahrhunderts.

Denn genau das ist passiert. Die Kunst wurde politisiert. Und damit änderte sich irgendwann auch die Frage, die man an sie stellte. Nicht mehr: Ist es schön? Ist es wahr? Berührt es mich? Ist da etwas, das größer ist als ich? Sondern: Wer spricht? Aus welcher Position? Wer wird repräsentiert? Wer ausgeschlossen? Welche Machtstruktur wird reproduziert? Die Antworten wurden zu einem geistigen Gefängnis, in dem Schönheit per se reaktionär ist.

Roger Scruton hat Jahrzehnte später beschrieben, was dann geschieht. Die Zerstörung des Schönen kann selbst kulturelles Kapital werden. Der Künstler muss nichts Schönes mehr hervorbringen. Es genügt, wenn er etwas entlarvt, dekonstruiert oder beschmutzt und die richtige Theorie dazu liefert. Das Problem ist nur: Auch Hässlichkeit nutzt sich ab. Und inzwischen ist sie selbst Kitsch: Hässlichkeitskitsch.

Verloren: das Erhabene

Ich kenne diesen Kitsch aus dem Theater zur Genüge. Der nackte Beton. Die Neonröhre. Das Baugerüst. Der Müll auf der Bühne. Menschen in schmuddeliger Unterwäsche. Irgendwo ein Mikrofonständer. Irgendjemand schmiert etwas an die Wand, und gerade deshalb gilt die Inszenierung als besonders avanciert.

Was einmal Tabubruch war, ist längst ein Anforderungsprofil. Man darf fast alles in der Kunst, nur eines ist fast unmöglich geworden: etwas unironisch schön zu finden. Schönheit muss gebrochen werden. Mit einem Augenzwinkern versehen. Als Kitsch gekennzeichnet. Sonst könnte am Ende jemand tatsächlich ergriffen sein.

Vor einigen Jahren machte ich einen Workshop bei Chris Kondek, wir machten uns auf die Suche, das Erhabene in der Kunst zu finden. Ich weiß nicht mehr, ob wir es gefunden haben. Ich weiß aber noch, dass mir bereits das Wort fast exotisch vorkam.

Das Erhabene.

Wann hatten wir das eigentlich verloren? Vielleicht ungefähr zu dem Zeitpunkt, als wir anfingen zu glauben, ein beschmiertes Garagentor sei per se interessanter als eine Kathedrale.

„Nonkonforme“ Rebellen mit uniformer Ästhetik

Und vielleicht erklärt das auch etwas, was ich früher für Selbsthass der Linken hielt.

Ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob es Selbsthass ist. Vielleicht ist es etwas Einfacheres: Schönheit erinnert den Menschen daran, dass nicht alles von ihm gemacht, ausgehandelt und umdefiniert werden kann. Dass es Maßstäbe außerhalb seines eigenen Willens geben könnte. Dass etwas bewundernswert sein kann, ohne zuvor politisch auf der richtigen Seite gestanden zu haben. Für einen radikalen Egalitarismus ist das schwer auszuhalten.

Also wird heruntergezogen, beschmiert, ironisiert, dekonstruiert. Und irgendwann hält man die Ruine für einen Beweis der eigenen geistigen Überlegenheit.

Das eigentlich Komische daran ist, dass ausgerechnet eine Bewegung, die seit Jahrzehnten behauptet, alles und jeden von internalisierten Normen befreien zu wollen, eine erstaunlich uniforme Ästhetik hervorgebracht hat. Man erkennt sie selbst und ihre Orte oft auf hundert Meter.

Ich jedenfalls erkenne sie. Ich musste sie mir schon mit zwanzig schöntrinken.

Diese eigentlich auch wunderbare Stadt Berlin

Heute spare ich mir den Alkohol.

Und wenn ich durch Berlin gehe und sehe, wie diese eigentlich auch wunderbare Stadt an manchen Stellen aussieht, denke ich nicht mehr, dass ich einfach die Dekonstruktion nicht verstanden habe.

Ich denke: Es ist hässlich.

Und seit dem Wahlabend fürchte ich, es könnte noch hässlicher werden.

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